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1. Einleitung
In dieser Arbeit werden drei
verschiedene Ansätze zur Interpretation der Beziehung zwischen Musik
und Gesellschaft aufgezeigt.
Kapitel 1 beschäftigt sich mit
der Definition zweier elementarer Begriffe, die zur Unterscheidung
verschiedener Ebenen der Beschäftigung mit Musik unter soziologischen
Aspekten von entscheidender Bedeutung sind. Ein Exkurs über die
Jazz-Soziologie und die Rolle der Jazzkritik soll die Ausführungen der
beiden folgenden Kapitel in den Kontext der allgemeinen Musiksoziologie
stellen.
Das 2. Kapitel ist der Versuch,
einen möglichen Weg der Jazzsoziologie aufzuzeigen, die sich historisch
orientiert und die Bedeutung außermusikalischer Ereignisse für die
Entwicklung verschiedener Jazzstile untersucht.
Im direkten Vergleich dazu wird in
Kapitel 3. der Ansatz von Ekkehard Jost zu einer
Sozialgeschichtsschreibung des Jazz dargestellt und kritisch gewürdigt.
1.1. 'Sinn' und 'Gehalt'
Jede Auseinandersetzung mit Musik
unter soziologischen Aspekten sieht sich mit dem Problem des Abstrakten
in ihr konfrontiert. Die Grundthese der Musiksoziologie muß also
lauten, daß außer dem rein akustisch-musikalischem Phänomen noch eine
Ebene existiert, die sich der soziologischen Analyse nicht entzieht.
Diese Ebene wird in der musiksoziologischen Literatur mit Begriffen wie:
Bedeutung, musikalischer Gehalt, eigentliche Aussage, etc. etikettiert.
In dem folgenden Abschnitt wird
exemplarisch eine Definition dargestellt, und es wird versucht, unter
Vermeidung der methodischen Schwächen dieses Ansatzes, zu einer
alternativen Definition zu gelangen.
1.1.1. Die Begriffe 'Sinn' und 'Gehalt' bei Eggebrecht
In seinem Buch 'Sinn und Gehalt in der Musik' stellt Eggebrecht ein
Begriffsinstrumentarium vor, mit dessen Hilfe er eine Unterscheidung
zwischen verschiedenen Ebenen der Musikbetrachtung treffen will.
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Untersuchung bzw. Bestimmung
der Aufgabe von Analyse.
Sein Grundgedanke ist der, daß
die musikalische Analyse sowohl rein technische Begebenheiten der Musik,
als auch deren Interpretation liefern könnte. Um den Sachverhalt, den
ich hier 'rein technische Begebenheiten' nenne, zu definieren, errichtet
Eggebrecht eine hierarchisch aufgebaute Begriffskette: Auf unterster
Ebene beginnend mit Elementen (Klänge, Akkorde), die er zu Komplexen
bündelt, welche zusammen mit Formteilen (Thema, Motiv, Takt), Momenten
(crescendo etc.) und Satzarten ( = Technik im engeren Sinne, z.B.
Orgelpunkt, Klangzentrum) die Substanzen bilden, die die Konstituenten
des musikalischen Gefüges darstellen.
"In den Konstituenten (..)
konkretisiert sich das musikalische (Ton- und Klang-) Material. (...)
Das Material und die Substanzen
einschließlich der Satzarten sind in der Regel vorstrukturiert bzw.
vorgegeben: sie sind (vorkompositorische, lehrbare) Normen" /1/
"Das musikalische Gefüge ist
die Konkretion (einschließlich der Funktionalisierung) von Material und
Substanzen (incl. der Satzarten) durch die musikalische
Technik."/2/
Ziel dieses nicht leicht zu
durchschauenden Begriffsystems ist es, die musikalische Analyse als
Frage nach dem Grad der Individuation eines musikalischen Gefüges im
Verhältnis zur Norm zu definieren.
Da Eggebrecht die Konstituenten
des Gefüges als Konkretion der Normen begreift, muß die Analyse
fragen, in welchem Maße sich ihr konkreter Gegenstand als Einzelfall
von dem 'Grundsätzlichen' unterscheidet.
Diese Definition von musikalischer
Analyse beinhaltet immer noch das Ideal, daß Analyse sowohl die
Beschreibung des Gefüges, als auch dessen Interpretation liefern kann.
An dieser Stelle führt Eggebrecht
nun die Begriffe 'Sinn' und 'Gehalt' ein. Zu erwarten wäre eine
Gleichsetzung von musikalischem Gefüge (wie oben definiert) mit 'Sinn'
und eine Gleichsetzung von Interpretation oder Deutung dieses Gefüges
mit 'Gehalt'. Aber dieser naheliegende Gedanke, mit den sich daraus
ergebenden Konsequenzen für die Ebenen der Musikbetrachtungen, verwirft
er aus folgendem Grund:
Wenn die Gesamtheit des
musikalischen Gefüges der 'Sinn' eines Musikwerkes sei, so könne
dieser nicht benannt bzw. benutzt werden, denn die Verbalisierung von
rein musikalischen Begebenheiten stellt immer schon einen Akt der
(impliziten) Interpretation dar.
"Musikalischer Sinn ist real
nur musikalisch darzustellen." /3/
"So gesehen gibt es
überhaupt keine Analyse, die nicht schon qua Beschreibungssprache
sowohl den 'rein musikalischen Sinn' deutet, als auch den Gehalt mit ins
Spiel bringt." /4/
So wird der Begriff 'Sinn', gerade
erst eingeführt, im gleichen Atemzug sinnentleert. Aber für Eggebrecht
scheint sich in dieser Argumentation kein Widerspruch dazu zu finden, im
Folgenden den Begriff 'Gehalt' so in der Relation zu 'Sinn' zu
definieren, als wäre dies nun doch eine brauchbare Kategorie der
Musikbeschreibung.
"Gehalt ist nicht nur alles,
was sich der Musik bei ihrer Entstehung an Intention, historischer
Situation, gesellschaftlicher Wirklichkeit einwohnt, sondern auch, was
sich in der Geschichte ihrer Rezeption entfaltet und auf ihr
ablegt." /5/
Musikalischer Gehalt, bzw. besser
der Gehalt in der Musik sei jenes, was sich aus der Interpretation des
gefundenen Sinns ergibt. D.h. die Deutung des Sinns bringt den Gehalt
ans Licht.
Welcher Art können nun Aussagen
über den Gehalt von Musik sein? Eggebrecht unterscheidet zwischen dem
vom Komponisten und dem sich aus den geschichtlichen Bedingungen der
Zeit intendierten Sinn. Während er unter dem ersteren Eigenschaften wie
Affekt, Stimmungen oder poetischer Idee versteht, beinhaltet die zweite
Möglichkeit sowohl gehaltliche Momente, die unter Begriffen wie
Romantik oder Barock subsumiert werden als auch soziologisch begründete
Aussagen wie z.B. über affirmative, gesellschaftskritische oder
utopische Funktion von Musik. /6/
Eggebrecht definiert 'Gehalt' also
als etwas, daß dem musikalischen Gefüge zwar in irgendeiner Art und
Weise innewohnt, aber mit dem Instrumentarium der
technisch-musikalischen Analyse nicht beschrieben werden kann. Und er
betont an anderer Stelle die unbedingte Abhängigkeit des 'Gehaltes' vom
'Sinn'. Diese Position ist mit der Behauptung, daß 'Sinn' nicht verbal
darzustellen sei, m.E. nicht ohne weiteres vereinbar. Er entgeht diesem
Widerspruch dadurch, daß er im Fortgang seiner Argumentation den 'Sinn'
als etwas durchaus Benennbares und konkret Faßbares behandelt:
"Die Analyse von Musik, ihres
Materials und ihrer Formgesetze bis in die Zellen ihrer Technik, kann
gegenüber jenem Gehalt gänzlich blind bleiben, so wie die
Konstatierung dieses Gehaltes ohne den konkret analytischen Nachweis
reine Behauptung bleibt." /7/
1.1.2. Versuch einer abweichenden
Definition der Begriffe 'Sinn' und 'Gehalt'
An diesem Beispiel wird deutlich,
wie Eggebrecht mit seinen selbstdefinierten Begriffen jonglieren muß.
Hat er einige Seiten zuvor noch postuliert, daß eine Benennung des
'Sinnes' ohne implizite Deutung des 'Gehalts' unmöglich sei, so gibt es
jetzt anscheinend doch einen Weg, Musik " bis in die Zellen ihrer
Technik" zu analysieren, ohne sich dem Gehalt zu nähern.
In dieser Zweideutigkeit des
Begriffs 'Sinn' liegt eine der Schwächen von Eggbrechts Theorie. M.E.
wird er bei dem Bemühen um Exaktheit durch genaue Definition zum Opfer
seiner eigenen Begriffe. Es würde reichen, es dabei zu belassen, die
technisch-musikalischen Eigenarten, die sich bis in ihre Elemente wie
Ton, Intervall und Akkord, analytisch beschreiben lassen als den 'Sinn'
eines Musikwerkes zu definieren. Das Problem, inwieweit es möglich ist,
solche Eigenschaften zu verbalisieren, ohne im gleichen Moment zu
interpretieren, ist nicht gravierend genug, um deshalb die gesamte
Definition wieder in Frage zu stellen. Sicherlich muß der Analytiker
sich immer bewußt sein, auf welcher Stufe der Beschreibung er sich
befindet. Aber um eine musiksoziologisch relevante Unterscheidung über
die Art von Aussagen vornehmen zu können, reicht diese Definition
völlig aus.
Ich will nun zeigen, wie sich die
Begriffe 'Sinn' und 'Gehalt' definieren lassen auf der Basis der
Gleichsetzung von Ergebnissen einer musikwissenschaftlichen Analyse mit
'Sinn' und der Gleichsetzung von "nicht musik technischer"
Interpretation mit der Kategorie 'Gehalt'.
Hierzu ist vorab eine
Unterscheidung zwischen Musikwissenschaft im engeren und
Musikwissenschaft im weiteren Sinn nötig. Unter Musikwissenschaft im
engeren Sinn verstehe ich all jene Sparten dieser Wissenschaft, die sich
in rein technischer Sicht mit Musik beschäftigen: Harmonie- und
Formenlehre; Kompositionstechnik (Satzlehre, Kontrapunkt, etc.);
Instrumentenkunde; Musikgeschichte; usw.
Zur Musikwissenschaft im weiteren
Sinn gehören auch die Bereiche, die sich mit Kategorien und Methoden
verschiedener Hilfswissenschaften der Musik nähern. Dies sind
insbesondere die Soziologie, Psychologie und Pädagogik.
'Sinn' seien Aussagen über Musik
(Stile, Werkgruppen, Einzelwerke etc.), die sich der formalen Sprache
der Musikwissenschaft im engeren Sinne bedienen. Diese formale Sprache
zeichnet sich durch ein Begriffssystem aus, das einzelne
akustisch-physikalische Vorgänge im Speziellen oder Gruppen solcher
Vorgänge im Verhältnis zu einander beschreibt.
Die Begriffe, derer sich dieses
System bedient, sind bis zu einem gewissen Grade festgelegt, und
bedürfen keiner wiederholten Beschreibung. Z.B. die Quinte braucht
nicht mehr als physikalische Relation zwischen zwei Schwingungen
definiert zu werden; die Regeln, die den 'strengen Kontrapunkt' in einer
bestimmten Epoche bilden, lassen sich in zeitgenössischen Lehrwerken
explizit nachlesen und ihr verbindlicher Charakter ist evident; etc.
'Gehalt' seien Aussagen über
Musik (Stile, Einzelwerke, etc.), die sich anderer Bezugssysteme als der
Musikwissenschaft im engeren Sinn bedienen. Diese anderen Bezugssysteme
können Hilfswissenschaften der Musikwissenschaft im weiteren Sinne sein
(Psychologie, Soziologie, etc.) oder aber auch Bereiche wie Mystik und
Religion umfassen.
'Sinn' und 'Gehalt' stellen in
dieser Definition nicht verschiedene Bestandteile des musikalischen
Gefüges dar, sondern zwei Ebenen der Auseinandersetzung mit Musik.
'Sinn' als Beschreibung; 'Gehalt' als Auslegung.
Der Unterschied zwischen dieser
Definition und dem Vorschlag Eggebrechts manifestiert sich in folgenden
Punkten:
-
'Sinn' ist die innere Struktur
des Werkes, so wie sie sich in Kategorien der Musikwissenschaft
beschreiben läßt, und ist nicht als eine innere Wahrheit der Musik zu
verstehen, die sich 'real nur musikalisch darstellen' ließe.
-
'Gehalt' ist nicht etwas, was
der Musik ursprünglich 'innewohnt' und sich im Laufe der Zeit 'auf ihr
ablegt', sondern die Summe der Aussagen, die über sie innerhalb eines
oder mehrerer Bezugssysteme getroffen werden können.
Es ergibt sich aus diesen Punkten,
daß mit meiner Definition von 'Sinn' und 'Gehalt' sich interpretierende
Aussagen immer an zwei Punkten zu legitimieren haben:
1. an der technischen Spezifikation
des interpretierten musikalischen Gefüges (Sinn), und
2. an den Kategorien der als
Bezugssystem gewählten Theorie.
Den Unterschied zwischen den zwei
Ebenen der Auseinandersetzung mit Musik möchte ich an einem Beispiel
verdeutlichen. In der Praxis ist es normalerweise sicher nicht sinnvoll,
eine Unterscheidung auf so detailliertem Niveau, wie hier dargestellt,
zu treffen. Aber auch bei der Zuordnung eines komplexeren Gedankenganges
zu einer der beiden Ebenen muß nach analogen Prinzipien vorgegangen
werden.
Beispiel:
(a)Die musikalische Analyse von
Schuberts Lied "Der Doppelgänger" zeigt (u.a.), daß in den
ersten 25 Takten die Terz der Tonika nur zwei mal als Durchgangsnote
erscheint.
(b)Die Begleitung in diesen ersten
25 Takten basiert auf offenen Quinten.
(c) Der Text dieser Takte
schildert Leere, Einsamkeit und Trauer.
(d)Offene Quinten sind die
musikalische Darstellung von Mangel, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.
(e)In Takt 27, Schlag 1-und-und
erscheint die Terz der Moll-Tonika und wird drei mal wiederholt.
(f)Der Text in Takt 27 ff. lautet:
"Da steht auch ein Mensch."
(g) Die Mittel- und Unterstimmen
in Takt 27 bilden analog zu den vorhergehenden Takten offene Quinten.
(h)Dadurch wird der 'Handlung' des
Textes vorweggegriffen: Das Auftauchen des Menschen als
Handlungsträger, dargestellt durch das Einführen der vorenthaltenen
Tonika-Terz, wird durch Beibehaltung der offenen Quinten in der
Begleitung in Frage gestellt.
(i)Der weitere Text gibt den
vermeintlichen Menschen als Doppelgänger, als 'Phantom' zu erkennen,
und bestätigt dadurch, was musikalisch bereits in Takt 27 angedeutet
wurde.
Diese Aussagen stellen
offensichtlich eine Vermischung von Beschreibung und Interpretation dar.
Mit den Kategorien 'Sinn' und 'Gehalt' ist es nun möglich, eine
Zuweisung zu treffen und dadurch zu entscheiden, nach welchen Kriterien
die Gültigkeit jeder Aussage zu beurteilen ist.
Satz (a) und (b) stellen eindeutig
Beschreibungen der inneren musikalischen Struktur dar. Die Begriffe Terz
und offene Quinte sind Kategorien der Musikwissenschaft im engeren Sinn
und können als genaue Beschreibung eines bestimmten musikalischen
Moments gelten. Die Gültigkeit der ersten beiden Aussagen muß sich an
ihrem konkreten Gegenstand messen lassen. D.h., wenn die Partitur
tatsächlich an den genannten Stellen offene Quinten und das Fehlen der
Tonika-Terz aufweist, dann sind die Aussagen gültig.
Satz (c) stellt eine
zusammenfassende Beschreibung eines Teilaspektes des musikalischen
Gefüges dar. Da die Gültigkeit dieser Zusammenfassung nicht mit den
Begriffen der Musikanalyse behauptet werden kann, gehört diese Aussage
zum 'Gehalt'. Wenn Satz (c) den originalen Text aus der Partitur
zitieren würde, wäre er eine reine Beschreibung innerhalb des
Bezugsystems der Musikwissenschaft, und somit dem 'Sinn' zuzuordnen.
Satz (d) ist eine Interpretation
dessen, was in Satz (b) festgestellt wurde. Seine Gültigkeit muß sich
im Rahmen der Allgemeingültigkeit der musikalischen Symbolsprache zu
Beginn des 19 Jh. erweisen. Da die Lehre der musikalischen Symbole m.E.
nicht zur Musikwissenschaft im engeren Sinn gezählt werden kann,
gehört für mich Satz (d) zum `Gehalt'. Mit einer anderen,
weitergehenden Definition von 'Musikwissenschaft im engeren Sinn'
könnte dieser Satz evtl. auch dem 'Sinn' zugeordnet werden.
Satz (e),(f) und (g) sind
zweifelsfrei Beschreibungen in Kategorien der Musikwissenschaft im
engeren Sinn.
Ebenso deutlich stellen die Sätze
(h) und (i) Interpretationen dar, die sich nicht mit den Mitteln der
musikalischen Analyse und den Kategorien der Musikwissenschaft im
engeren Sinn legitimieren lassen.
Die praktische Bedeutung einer
solchen Unterscheidung zwischen 'Sinn' und 'Gehalt' liegt in der
Möglichkeit, musiksoziologische Texte auf zwei Ebenen zu beurteilen.
Wenn die in einem solchen Text auftauchenden Argumentationen einer der
beiden Betrachtungsebenen zugeordnet werden, können diese auf ihre
Gültigkeit befragt werden. Eine Aussage, die den 'Sinn' betrifft, muß
mit den Methoden der Musikwissenschaft getestet werden. Bei einer
Aussage, die sich auf den 'Gehalt' bezieht, ist als erstes zu fragen,
welche Theorie dieser Aussage zugrunde liegt oder liegen könnte. Das
kann im Einzelfall eindeutig eine bestimmte Wissenschaftsdisziplin sein
(Hörpsychologie, Geschichte, Pädagogik, etc.) oder ein
Theoriegebäude, das nicht immer ohne Schwierigkeiten zu benennen sein
wird. Der zweite Schritt liegt in der Überprüfung der Plausibilität
dieses Arguments nach zwei Seiten:
1. plausibel in der Verbindung zum
'Sinn' des interpretierten Gegenstandes, und
2. in der Verbindung zu der im
ersten Schritt benannten Theorie.
Dieser modellhafte Weg wird sich
in der Praxis selten so explizit durchführen lassen, aber als
Anhaltspunkt und Methode halte ich ihn für ein geeignetes Mittel zur
Erstellung und Beurteilung musiksoziologischer Texte.
Vor allem werden Schwächen
erkennbar gemacht, die in der mangelnden Verbindung von Deutung und
Analyse begründet sind. Das Problem, das sich der Musiksoziologie
stellt, ist nicht das Analysieren des 'Sinns' und auch nicht das
Aufstellen theoretisch abgesicherter Thesen über die Musik. Die
Verbindung von beiden Aspekten ist der Punkt, an dem sich die
Schwierigkeiten ergeben. Nur wenn eine exakte Trennung zwischen
gefundenem 'Sinn' und postuliertem 'Gehalt' getroffen wird, ist es
möglich zu erkennen, wie ein bestimmter musiksoziologischer Ansatz
dieses Problem behandelt.
1.2. Der spezifische Fall der
Jazzinterpretation
Die Literaturliste der
Musiksoziologie umfaßt inzwischen eine unübersehbare Anzahl von
Titeln. Spätestens seit Adorno ist die Kultur im Allgemeinen, und die
Musik im Speziellen zu einem ernsthaften Tummelfeld der Soziologen,
Psychologen und anderen Geisteswissenschaftlern geworden.
Die Palette der
Veröffentlichungen reicht von
1. umfassenden
Gesamtdarstellungen
-Einleitung in die Musiksoziologie
(Adorno)
-Einführung in die
Musiksoziologie (Rummenhöller)
-Musik im Wandel der Gesellschaft
(Blaukopf)
über
2. Einzeldarstellungen
- bestimmter Epochen
- Die musikalische Vorklassik
(Rummenhöller)
- Der Bürger erhebt sich
(Schleuning)
- bestimmter Stile
- Der Mannheimer Stil (Eggebrecht)
- Der Jazz (Adorno)
- bestimmter Komponisten
- Gustav Mahler (Blaukopf)
- Versuch über Wagner (Adorno)
bis hin zu
3. einzelnen
Werken
- Machauts Motette Nr. 9
(Eggebrecht)
- 'Der Dichter spricht'
(Rummenhöller)
Hingegen ist die Anzahl der Texte,
die sich speziell mit dem Jazz oder gar einzelnen Jazzstücken
beschäftigen, verschwindend gering. Die Ursachen hierfür sind
verschiedener Natur:
- Die relativ junge Geschichte des
Jazz
- Die Tatsache, daß es innerhalb
des Jazz erst sehr wenige, klar abgrenzbare Stilrichtungen gibt.
- Die Subsumierung des Jazz unter
den verpönten U-Musik Sektor durch die etablierte Musikwissenschaft.
- Die Unsicherheit der
Musikwissenschaft im Umgang mit Improvisation als stilbildendem Element.
- Das Fehlen (fast) jeglicher
Notation im Jazz, die als Grundlage zur Analyse dienen könnte.
Der letztgenannte Punkt, und die
Tatsache, daß der Jazz eine gegenwärtige, d.h. noch nicht
abgeschlossenen Musikrichtung ist, stellen eine Gemeinsamkeit mit der
avantgardistischen E-Musik dar. Zwar ist diese i.d.R. auf irgend eine
Art und Weise notiert, aber diese Notationen sind, zumindest in den
letzten zwei oder drei Jahrzehnten, dergestalt, daß sie sich den
Analyseinstrumenten der Musikwissenschaft entziehen.
Es ist auch sicherlich kein
Zufall, daß es unzählige Versuche gab, die Avantgardemusik mit dem
neueren Jazz zu verbinden. Jedoch war diesen Versuchen, die unter der
Bezeichnung 'Third Stream' zusammengefaßt werden, kein allzu großer
Erfolg beschieden. Hauptgrund dafür dürfte die eben nur
oberflächliche Gemeinsamkeit zwischen Improvisation und Alleatorik
sein. Ein weiterer elementarer Unterschied dürfte das politische
Ambiente des Jazz sein: Es ist fast unmöglich, sich mit dem Phänomen
Jazz, besonders seiner moderneren Spielarten auseinanderzusetzen, ohne,
zumindest implizit, eine wertende Stellung zu ihm einzunehmen. Dieses
Ambiente liegt zwar m.E. hauptsächlich in dem Umfeld und in den
Existenzbedingungen des Jazz begründet, und nicht in seinem 'Sinn',
aber das Übergehen dieses Punktes, ist ein Grund für das Scheitern des
'Third Stream'. Ich werde auf die Bedeutung des politischen Ambiente des
Jazz in Kapitel 3 wesentlich näher eingehen.
1.2.1 Die Jazzkritik
Ein großer Teil der
Veröffentlichungen zum Thema Jazz entspringen der Jazzkritik. Bevor der
Jazz wenigstens ansatzweise ein Thema der Musikwissenschaft und
Musiksoziologie wurde, waren die Kritiker die einzigen, die sich
ernsthaft mit dieser Musik auseinandersetzten. Dies sind natürlich
i.d.R. keine wissenschaftlichen Aussagen, geschweige denn explizit
musiksoziologische Forschungen, doch sie stellen eine reiche Quelle
über Formen der Auseinandersetzung mit dem Jazz dar. Da der Jazz
während seiner ganzen Geschichte immer eine heftig umstrittene Musik
war, zeigt sich in den Äußerungen der Kritik sehr deutlich die
Ambivalenz zwischen zugeschriebenem politischen Gehalt und nachweisbarem
Sinn.
Aber nicht nur die vom Dogma der
wissenschaftlichen Exaktheit entlastete Kritik, sondern auch sehr viele
der ernsthaften musikwissenschaftlichen Texte neigen zu polemischen,
unbewiesenen und vorurteilsbesetzten Urteilen.
Das Dilemma der Wissenschaft ist
(zumindest eines ihrer Dilemmas), daß i.d.R. Aussagen um so genauer und
'objektiver' Ausfallen, je distanzierter sich die Forschung ihrem
Gegenstand gegenüber verhalten kann. Für die Kunst und die
Kunstwissenschaft heißt das, daß Aussagen über mittelalterliche
Altarbilder ungleich präziser und fundierter sein können, als Aussagen
über die Grafittikunst in der New Yorker U-Bahn. Deutlich zeigt sich
dieses Dilemma, wenn man die Publikationen zur Kunst des 14 Jh. mit
denen zur Kunst der Gegenwart vergleicht. Nicht allein der quantitative
Unterschied fällt ins Auge, sondern auch die Art der getroffenen
Aussagen divergiert beträchtlich.
Wissenschaft ist immer auch der
Einsatz von mehrheitlich anerkannten Paradigmen und Axiomen, über die
in einer bestimmten Epoche zumindest, nicht jedesmal von neuem
gestritten werden muß.
Wie soll sich nun aber ein Urteil
über Gegenwartskunst konstituieren, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen,
Wertmaßstäbe einer schon vergangenen Epoche zu benutzen? Zu jeder Zeit
stehen die Kritiker vor der Frage, ob die bisher gültigen Paradigmen
auch noch einem neu entstandenen Kunstwerk gerecht werden können.
Für die Musik lassen sich
Paradigmenwechsel innerhalb der Bewertung deutlich aufzeigen. Der
Strenge und formalen Bestimmtheit der früh- und hochbarocken Musik
folgte die Verspieltheit und formale Freiheit des galanten Stils. Diesem
Wechsel mußte die Kritik der Zeit dadurch Rechnung tragen, daß nicht
mehr die perfekte Nutzung der Kontrapunkttechnik und Stimmführung
allein genügte (obwohl dies natürlich niemals die alleinigen Kriterien
zur Beurteilung hochbarocker Musikwerke waren), sondern Originalität
und Anmut mußten als Qualitätsmerkmal mit herangezogen werden.
Später, mit dem Aufkommen der Romantik wurde die Klangfarbe zu einem
zentralen Begriff der Kritik. Um 1910 hätte dann spätestens das bis
dahin für alle Epochen gültige Paradigma der Klangschönheit
aufgegeben werden müssen, aber leider gibt es auch heute noch genügend
Kritiker, die diesen Paradigmenwechsel nie nachvollzogen haben.
Für die gegenwärtige, sogenannte
E-Musik sind m.E. noch überhaupt keine Maßstäbe zur Beurteilung
gefunden worden.
Was für die Kritiker der
Kunstmusik gilt, gilt natürlich in dem selben Maße auch für die
Jazz-Kritiker. Die Kritik an dieser genuin schwarzen Musik war
jahrzehntelang fest in weißer Hand. Erst mit LeRoi Jones meldete sich
Ende der 50er Jahre ein Schwarzer zu Wort. Besser müßte es hier
heißen, daß erst zu diesem Zeitpunkt die weiße Jazzkritik bereit war,
einem Schwarzen ein einigermaßen kompetentes Urteil zuzutrauen.
Die ersten Texte die sich mit dem
Jazz, bzw. dem Ragtime auseinandersetzten, versuchten diese Musik mit
den Methoden und Maßstäben der mitteleuropäischen Musik des 19ten
Jahrhunderts zu beurteilen. Zu welchen krassen Fehlurteilen dies führte
soll das folgende Zitat veranschaulichen:
"The musicians cannot be
compared with those of the present day; their technique is faulty, they
are often out of tune, and they fail to get together on the ensembles.
" /8/
An diesem Beispiel, daß gewiß
kein Einzelfall ist, läßt sich deutlich zeigen, wie mit inadäquaten
Maßstäben Urteile gefällt werden. Was hier mit 'falsch spielen'
umschrieben wird, ist offensichtlich das Bestreben der schwarzen Musiker
pentatonische Grundmuster ihrer afrikanischen Musiktradition zu
übernehmen. Für den afrikanischen Gesang hat die Tonhöhe eine
vollkommen andere Bedeutung, als für den europäischen. Da in vielen
westafrikanischen Sprachen grammatikalische Zusammenhänge von der
Tonhöhe der gesprochenen Silbe abhängig sind, kann eine gesungene
Melodie nicht unabhängig von diesen grammatikalischen Zusammenhängen
gebildet werden. Dies schlägt sich dann natürlich auch im rein
imstrumentalen Bereich nieder. Das heißt, daß die genaue Einhaltung
einer bestimmten Tonhöhe, wie sie in der europäischen Musik lange Zeit
als Maß aller Dinge galt, in der afrikanischen und afro-amerikanischen
Musik weder angestrebt noch möglich ist und war. Weiße Kritiker haben
für die spezielle Art der Intonation der ersten Jazzmusiker den Begriff
'dirty tone' geprägt. Diese 'dirty tones' stellen einen Kompromiß
zwischen schwarzer Tradition und weißen Elementen dar, der nur von
weißen als 'schmutzig' empfunden werden konnte.
Wenn Goffin weiter schreibt, daß
die Musiker nicht in der Lage seien exakt im Ensemble zu spielen, dann
liegt der Grund für diese (Fehl-)Einschätzung in der Unfähigkeit
westlich sozialisierter Ohren polyrhythmische und polymetrische
Schichtungen zu erkennen und zu verstehen. Sehr wahrscheinlich beklagt
Goffin hier die Tatsache, daß in dem ursprünglichen 'New Orleans Jazz'
die einzelnen Stimmen nicht auf einem betonten Taktteil einsetzten,
sondern kurz davor oder kurz danach.
Diese Unfähigkeit des weißen
Publikums sollte später dazu führen, daß kommerziell erfolgreicher
Jazz fast gänzlich auf off-beat-Phrasierungen verzichten mußte.
Aber auch die neueren Autoren, die
sich mehr oder weniger am Rande mit dem Jazz beschäftigen, kommen zu
keinem sonderlich differenziertem Bild. Als Beleg dafür führe ich zwei
Textstellen an, die zwar mit höherem Anspruch als die Jazzkritik
antreten, aber in ihrem Niveau dieser wohl gerade ebenbürtig sind.
"Der Jazz. Die Musik der
amerikanischen Neger ist in der Tat der einzige - im Sinne eines
Kollektivstils - stilbildende Akt unserer Epoche; und wenn das so ist,
so deshalb, weil er eine neue Art von Folklore darstellt, die aus der
melodisch-harmonischen Substanz der den Negern auf den Plantagen
Mittelamerikas von den Missionaren gelehrten kirchlichen Gesänge
entstanden ist. (...) Dem ist noch der instrumentale Jazz hinzuzufügen.
Wie jede andere Folklore ist auch diese Musik durch eine stark
stilistische Einheitlichkeit und eine äußerste Kargheit der
Ausdrucksmittel gekennzeichnet: Sie verfügt über eine einzige -
und zwar binäre - rhythmische Kadenz und ein einziges,
allerdings bis zur äußersten Grenze der Möglichkeiten ausgenütztes
rhythmisches Differenzierungsmittel: die Synkope. (...) Bis ins
Orgiastische wahrt sie ihren religiösen Charakter, aber der im Hot und
Swing hervorgehobene sexuelle Charakter, der dem synkopierten binären
Rhythmus eigen ist, hat aus ihr die erträumte Musik einer westlichen
Gesellschaft gemacht, die außerhalb ihrer lukrativen Geschäftigkeit,
der Politik und der gesellschaftlichen Riten in ihrem Leben nur noch das
Vergnügen suchte." /9/
Hier zeigen sich auf knappstem
Raum die krudesten Fehler und Vorurteile der traditionellen
Musikwissenschaft gegenüber dem Jazz. Durch einen rhetorischen
Schlenker wird der Jazz historisch zu einer weißen, europäischen Musik
gestempelt. Der originär afrikanische Anteil an dieser Musik wird
schlichtweg übersehen, oder bewußt geleugnet. Innermusikalische
Phänomene wie 'off beat’, Polyrhythmik und Polymetrik werden pauschal
als Synkope mißinterpretiert, was zu fatalen Schlußfolgerungen über
die Kunst- und Geschichtsfähigkeit dieser Musik führt.
Aber auch die Texte, die von einer
offensichtlich wohlwollenden Position aus den Jazz beschreiben und
erklären wollen, verfallen zum Teil gewissen Schemata und Stereotypen,
die zu problematischen Urteilen führen können. So besteht der
Großteil der Jazzliteratur aus Biographien und Anekdoten. Sicherlich
kann die Kenntnis der Biographie eines Interpreten zum Verständnis
seiner Musik beitragen, aber die Aussagen über einen Stil oder ein
bestimmtes Stück kann und darf sich darin nicht erschöpfen. Als
Beispiel für diese weitverbreitete 'Methode' mag ein willkürlich
herausgegriffenes Zitat von J.E.Behrendt genügen. In 'Das große
Jazzbuch' unternimmt er den interessanten Ansatz die Geschichte
einzelner Instrumente im Jazz aufzuzeigen. Aber anstatt nun auf
Techniken des Instruments, innermusikalische Konsequenzen oder
Veränderungen des Klangideals und der Klangvorstellung einzugehen
verbleibt seine ganze Aussage doch im Rahmen der Aufzählung der
Protagonisten dieses Instruments:
"Die Entwicklung des
Tenorsaxophons verläuft umgekehrt wie die der Klarinette: Während die
Klarinettengeschichte mit einer Fülle glanzvoller Namen beginnt und von
dorther in einem - wenn auch welligen - Decrescendo zu verebben scheint,
ist die Geschichte des Tenorsaxophons ein einziges imposantes Crescendo.
Am Anfang steht ein einziger. Heute gibt es so viele Tenorsaxophonisten,
daß es selbst für den Fachmann schwer ist, die Fülle der Musiker und
die Subtilitäten, durch die sie sich unterscheiden, zu
überblicken."/10/
Sicherlich kann eine Geschichte
des Jazz über wichtige stellvertretende Musiker geschrieben werden,
aber sobald der Versuch unternommen wird Schlußfolgerungen, die über
biographisches und auch innermusikalisches hinausgehen, zu treffen, muß
eine tiefergehende Ebene der Auseinandersetzung angestrebt werden.
Zu einem radikalen Urteil über
Ursachen und Funktion solch methodischer Unreinheiten, wie ich sie eben
versuchte darzustellen, gelangen P. Carles und J.L.Comolli in ihrem Buch
'Free Jazz - Black Power':
"Die westliche Kritik hat die
Jazzgeschichte dem idealistischen Modell der westlichen Kunstgeschichte
nachgebildet: als eine autonome Disziplin, als simple Abfolge von
Ereignissen und Namen, die sich aus sich selbst erklärt und sich am
Rande, im Schatten der Geschichte abspielt."/11/
"Während vierzig Jahren hat
die westliche Kritik in Sachen Jazz souverän ihre Gesetze erlassen und
damit eine musikalische Produktion nach Kriterien und Maßstäben
beurteilt, auf die sie sich nicht reduzieren läßt: nach vorgefaßten
Meinungen, die sie nicht als solche durchschaute und deren Abhängigkeit
von der herrschenden Ideologie her Geschichte und Ästhetik des Jazz
formulierte und im übrigen herausklaubte, was sie gerade verstand,
prägte sie eine Reihe von Valuten und brachte sie in Umlauf: Namen,
Stile, Regeln, Legenden etc. Da deren Auswahl aber bereits ideologisch
programmiert war, wurden die Valuten akzeptiert und gehandelt. Über
den Jazz hinweg, der damit maßgeblich beeinflußt, wenn nicht
verschüttet wurde, einigten sich Kritiker und Publikum schließlich,
bestärkten und bestätigten sich gegenseitig: zwei Verbündete des
einen Systems" /12/
2. Kurzer Abriß der
Jazz-Geschichte
2.1. Vorbemerkungen
In diesem Kapitel möchte ich
einen Überblick über die Geschichte des Jazz geben. Dies soll erstens
den historischen Rahmen der Musikarten darstellen, auf die sich die
Aussagen des folgenden Kapitels beziehen, und zweitens eine mögliche
Auffassung von Bedingungen musikalischer Entwicklung darstellen.
Es kann nicht der Sinn dieser
Arbeit sein, die ausreichend dokumentierten Fakten und Daten der
Jazzgeschichte zu wiederholen. Deshalb werde ich mich auf einige
Schwerpunkte beschränken, deren Auswahl eng mit den theoretischen
Überlegungen zu einer Sozialgeschichtsschreibung des Jazz von E. Jost
zusammenhängen, die ich in Kapitel 3 ausführlich besprechen werde.
Diese Schwerpunkte resultieren aus eigenen Überlegungen, die sich aus
der Beschäftigung mit den musiksoziologischen Thesen Ekkehard Josts
ergaben.
Ich gehe von der Annahme aus, daß
zwei Elemente die Entwicklung von Musik und Musikstilen beeinflussen
können:
1. die innermusikalische Logik ,
und
2. außermusikalische Einflüsse.
Unter innermusikalischer Logik
verstehe ich all jene Entwicklungen in der Musik, die sich aus dem
Material und den Elementen der vorhergehenden Musik und Musikstile
rekonstruieren lassen. Entwicklungen also, die sich aus dem
Experimentieren mit dem Vorhandenen, der Neuordnung des Bestehenden, dem
Hinzufügen oder Weglassen bestimmter Elemente ergeben. Als vorgegebenes
Material gilt die Gesamtheit aller Techniken und Elemente, die zur Zeit
der Produktion eines Werkes dem Komponisten innerhalb eines
Kulturbezuges zur Verfügung stehen.
Als Beispiele für Entwicklungen,
die sich innermusikalisch begründen lassen, können z.B. gelten:
Wandlung einer Tanzform, wie z.B. der Bouree von der Funktion der Musik
zu einer stilisierten Form; die Entwicklung der Sexte von der Dissonanz
zur Konsonanz oder auch die Entwicklung von Parallelharmonik zur
Polyphonie.
Wichtig bei dieser Art von
Entwicklung ist, daß sie schon immer als Kern in dem vorhergehenden
Material vorhanden ist und einen Fortschritt im Sinne von Freisetzung
potentieller Möglichkeiten darstellt. Ebenso von Bedeutung ist die
Tatsache, daß eine innermusikalische begründbare Entwicklung in dem
Moment ihres Stattfindens schon wieder Teil des Materials wird, das sie
erst ermöglichte.
Wenn dies die einzige Art von
Entwicklung wäre, die in der Musikgeschichte sattfindet, dann würde
sicherlich nach einer absehbaren Zeit das Material zur Gänze erschöpft
sein. Die Bindung des solchermaßen Neuentwickelten an das ihm
Vorhergehende setzt Grenzen, die nur durch Fremdeinflüsse
überschritten werden können.
Eine solche Definition von
innermusikalischer Logik kann keine absoluten Trennungslinien ziehen.
Sie soll in der Hauptsache als Instrument dazu dienen, beobachtete
Entwicklungen in der Musik danach zu befragen, ob sie sich aus Material
und Technik ihrer Vorgänger erklären lassen, oder ob sie als Reaktion
auf nichtmusikalische Ereignisse zu deuten sind.
Das zweite Element, das die
musikalische Entwicklung bestimmen kann, sind die außermusikalischen
Einflüsse: Ereignisse, die nicht in der Musik verankert sind, aber
direkte Wirkung auf kompositorische Technik, Material und
Aufführungspraxis ausüben.
Unter musikalischen Entwicklungen,
die außermusikalisch beeinflußt sind, verstehe ich also jene, die sich
nicht aus Material und Technik ihrer Vorgänger erklären lassen, und
bei denen eine andere, nichtmusikalische Ebene, für eine plausible
Deutung herangezogen werden muß.
Diese Einflüsse können
verschiedener Natur sein:
-
technischer (Instrumentenbau,
Einführung der Schallplatte)
-
kulturhistorischer (Rolle und
Funktion von Komponisten, Musikern, Verlegern, Publikum in der
Gesellschaft)
-
kulturpolitischer (Verbot des
Walzertanzens Anfang des 19.Jhs in Süddeutschland; Dogma der
Katholischen Kirche nur im 'Palestrina-Satz' zu schreiben über mehrere
Jahrhunderte; Verbot des Jazz während der NS-Zeit)
-
sozialer (finanzielle und
ökonomische Lage der Musiker und des Publikums; Abhängigkeiten von
Sponsoren und Verlegern)
Diese Einflüsse zeichnen sich
dadurch aus, daß sie nichts mit der musikalischen Struktur zu tun
haben, aber diese auf zum Teil massive Art verändern können.
Hinzukommt, daß sie in der Regel nicht durch musikalische Entwicklungen
beeinflußt werden, auch wenn sie sie selbst hervorgerufen haben.
Diesem Unterscheidungsschema
zwischen innermusikalisch bestimmten und außermusikalisch bestimmten
Entwicklungen in der Musik liegt die Grundannahme zugrunde, daß
künstlerisches Schaffen, Kreativität immer etwas mit Veränderung,
Erweiterung, Innovation zu tun hat.
Ich unterstelle diesen
Zusammenhang zwischen Kunst und Wille zur Veränderung der
abendländischen Kultur, und verwende diesen Gedanken als Grundlage
meiner Argumentation, ohne ihn explizit nachzuweisen, da dies nicht
Gegenstand dieser Arbeit ist. Für andere Kulturen gilt dieses Postulat
nicht, bzw. nur in eingeschränktem Maße. So hat z.B. in der Geschichte
der Musik Westafrikas über Jahrhunderte hinweg keine nennenswerte
Entwicklung stattgefunden. /13/
Sinn einer Unterscheidung zwischen
innermusikalischer Logik und außermusikalischen Ereignissen als Ursache
musikalischer Entwicklung ist es, einen Ansatz für musiksoziologische
Untersuchungen aufzuzeigen. Musiksoziologie, verstanden als Suche nach
Vermittlungspunkten zwischen Musik und Gesellschaft, sollte, soweit sie
historisch orientiert ist, an jenen Punkten ansetzen, wo
gesellschaftliche Ereignisse musikalische Entwicklungen massiv und
offensichtlich determinieren. Von der Erklärung und Deutung dieser
Punkte können dann Schlüsse auf das generelle Verhältnis von Musik
und Gesellschaft gezogen werden, auch und gerade in den Bereichen, in
denen ein simples Ursache-Wirkungs-Verhältnis nicht mehr zu postulieren
ist.
Sicherlich wird sich kein einziges
Phänomen in der Musikgeschichte nennen lassen, das eine Entwicklung
darstellt, die nur innermusikalisch oder nur außermusikalisch zu
erklären wäre. Das Einordnen eines bestimmten Phänomens zu der einen
oder der anderen Seite macht nur Sinn im Zusammenhang mit einer
übergreifenden Argumentation und der Eingliederung in komplexere
Zusammenhänge.
2.2. Geschichte des Jazz
Im folgenden möchte ich die
Geschichte des Jazz von seinen Anfängen bis zum Free Jazz auf der
Grundlage der vorhergehenden Überlegungen aufzeigen. Es geht darum,
jene Punkte in der Entwicklung des Jazz aufzuzeigen, an denen m.E. die
Bedeutung gesellschaftlicher Ereignisse und Zustände für die
musikalische Entwicklung besonders deutlich wird.
2.2.1. Die Anfänge des Jazz
Am Anfang der Jazzgeschichte steht
ohne Zweifel ein außermusikalisches Ereignis: Das Verbrechen der
Sklaverei. Die Sklaverei und die damit verbundene Deportation großer
Teile eines Volkes ist Ursache und Grundlage dieser Musik. Durch die
Massentransporte von Bewohnern Westafrikas nach Süd- und Nordamerika
holten sich die weißen Herren nicht nur Arbeitskräfte, sondern, wie
sie schnell zu ihrem Mißfallen feststellen mußten, auch deren Kultur.
" Überhaupt sahen die
angelsächsischen Puritaner in Musik und Tanz bloß Höllenwerk, das der
Arbeit, dem Ernst und den guten Sitten nur schaden konnte. Und
schließlich hatte das Mißtrauen der Herren gegenüber den
afrikanischen Musikern und Gesängen auch noch handfeste Gründe: die
Sklaven benutzten sie, um über ihre Köpfe hinweg Nachrichten
auszutauschen. " /14/
Bis ins 19 Jh. hinein wurde die
Existenz der schwarzen Sklaven von der weißen Bevölkerung nur unter
ökonomischen Gesichtspunkten betrachtet und wahrgenommen. Die Sklaven
untereinander mußten sich den unmenschlichen Bedingungen in der Neuen
Welt beugen. Ihre Kultur und ihre Traditionen waren die Faktoren, die
ihnen ein Überleben in der Sklaverei ermöglichten. Ohne die Stütze
der Religion, der Überlieferungen und der Musik wären die Schwarzen
wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, die Entwurzelung, Ausbeutung
und Unterdrückung zu ertragen.
"Sklaven galten als
Privateigentum ihrer Herren, nicht aber als menschliche Wesen. Sklaven
durften nicht heiraten, und die Frauen und Mädchen waren Freiwild für
die weißen Herren. Sklaven durften keinen Hund halten, keine Waffen
besitzen, kein Pferd mieten, keine öffentliche Vergnügungen besuchen,
nicht die Landstraße entlang reiten, nichts kaufen oder verkaufen. Sie
durften nicht schreiben oder lesen lernen, nicht ohne Aufsicht in
Gruppen von mehr als sieben reisen und natürlich nicht ihrem Herrn
entfliehen." /15/
Ein solches erzwungenes
Aufeinandertreffen zweier grundsätzlich verschiedener Kulturen muß zu
Konflikten führen, die in verschiedensten Akkulturationsprozessen ihren
Ausdruck finden. Solche Akkulturationsprozesse waren in den ersten
Jahrhunderten der Sklaverei in Amerika die Adaption und Uminterpretation
der christlichen Religion und die Entwicklungen innerhalb der
afroamerikanischen Musik.
Die christliche Religion, die den
Sklaven aufgezwungen wurde, konnte von diesen ohne Schwierigkeiten
angenommen werden, da es in den westafrikanischen Traditionen verankert
lag, daß ein besiegter Stamm die Götter des Siegers annahm. Der
entscheidende Punkt bei der Übernahme des christlichen Glaubens durch
die Schwarzen ist jedoch der, daß sie die Inhalte und Glaubenssätze
des Christentums auf entscheidende Weise uminterpretierten. Schon hier
machten sich deutliche Unterschiede zwischen den Bedingungen in Süd-
und Nordamerika bemerkbar. In Südamerika überwogen die Katholiken bei
weitem, und der Heiligenkult dieser Religion ließ sich ohne weiteres
mit dem traditionellen Polytheismus Westafrikas vereinbaren. Zumal diese
Adaption von der Katholischen Kirche zwar nicht begrüßt, aber doch
geduldet wurde.
Dagegen war die Einstellung der
Protestanten, und besonders der Puritaner, die die Mehrheit in
Nordamerika stellten, gegenüber polytheistischen Tendenzen und Anbetung
lokaler Götter ungleich radikaler. Hier wurde den schwarzen Sklaven
jegliche Übernahme von Relikten aus ihren traditionellen Religionen
untersagt. Trotzdem fanden sie Möglichkeiten innerhalb des gegebenen
Rahmens, eigene Inhalte in die Religion zu legen.
"Die alten Götter aber kamen
den Afrikanern im neuen Kontinent abhanden: einmal, weil sie in Afrika
gewissen Gegebenheiten (klimatischer, geographischer Natur etc.)
zugeordnet waren, die sich in Amerika nicht wieder fanden, und dann,
weil die weißen Herren (vorab die angelsächsischen Protestanten) den
Niggern bald untersagten, ihre 'Orgien', 'schwarze Messen' und sonstige
rituellen 'Teufeleien' abzuhalten. Spuren solcher Kulte finden sich wohl
noch in den Zeremonien der Voodoo (hauptsächlich auf den von Spaniern
und Franzosen kolonisierten Antillen) und der Macumba (in
Lateinamerika)." /16/
In kultureller und speziell
musikalischer Sicht liegen die Unterschiede zwischen Nord- und
Südamerika ebenso auf der Hand. Während die katholischen Herren in
Südamerika die musikalischen Äußerungen der Sklaven tolerierten,
wurde in Nordamerika sehr früh die Musik der Schwarzen mit
Restriktionen belegt.
Für die Geschichte des Jazz ist
die Entwicklung der südamerikanischen Folklore ohne nennenswerte
Bedeutung, da eine Berührung zwischen ihr und dem Jazz erst Ende der
50er Jahre dieses Jahrhunderts im 'Bossa-Nova'-Stil stattfand, und ohne
weitere Folgen für den Jazz wieder aufgegeben wurde. /17/
Dieses interessante und wenig
beachtete Phänomen der Jazzgeschichte darf nun nicht zu dem Argument
verleiten, daß der nordamerikanische Jazz nichts mit der afrikanischen
Folklore zu tun hat, da sonst die musikalische Entwicklung in
Südamerika ähnlich hätte verlaufen müssen. Vielmehr zeigt die
unterschiedliche Entwicklung in beiden Teilen des Kontinents, daß der
Jazz Resultat einer bestimmten Form der Unterdrückung des afrikanischen
Erbes darstellt.
Da die Rolle der Musik in der
westafrikanischen Kultur sehr bedeutend war, stellte die puritaniscche
Einstellung der weißen Sklavenhalter in Nordamerika eine große
Schwierigkeit im Akkulturarionsprozeß der Schwarzen dar. Einzig in den
Land-Kirchen durften die Schwarzen als Chorsänger sich musikalisch
betätigen. Auch die worksongs, die während der harten Arbeit auf den
Baumwollplantagen gesungen wurden, waren meist geduldet, zumindest
solange hinter den, in für Weiße unverständlichem Dialekt gesungenen
Texten keine aufrührerischen Inhalte vermutet wurden. Eine dritte Form
von Musik wurde den Sklaven zugestanden, die einfach nicht zu verbieten
war: Das solitäre Singen ohne Publikum, in dessen Texten Probleme,
Hoffnungen, Freuden und Ärger ausgedrückt wurden.
Diese drei Stilarten stellten bis
zum Ende des 19 Jh. die afro-amerikanische Musikkultur dar:
-
Der Gospel und der Spiritual,
die sich bald aus den Kirchenliedern entwickelte. Der Spiritual war ein
reiner Kirchengesang mit religiösem Text, der aber immer eine Bedeutung
besaß, die dem weißen Hörer i.d.R. entging. Der Gospel benutzte
dieselben musikalischen Materialien und Techniken wie der Spiritual,
seine Texte waren jedoch wesentlich säkularisierter.
-
Der worksong, zu dem auch die
shouts und hollers gezählt werden, stellte eine funktionale Musik dar,
die mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und dem Rückgang der
Baumwollindustrie ein rasches Ende fand. Die worksongs standen in der
Tradition der westafrikanischen Gemeinschaftsgesänge, die immer eine
spezifische Gruppenfunktion hatten, und niemals für ein
nicht-partizipierendes Publikum bestimmt waren. So überlebten die
meisten musikalischen Traditionen aus Afrika. Der worksong stellte den
typischen Wechselgesang zwischen Vorsänger und Chor dar, bediente sich
traditioneller Binnenrhythmik, und einer von pentatonischen Sequenzen
bestimmten Melodieführung.
-
Der Blues, der sich aus den
individuellen Gesängen der Schwarzen entwickelte, stellt den
gravierendsten Bruch mit den westafrikanischen Musiktraditionen dar, da
in der afrikanischen Kultur fast keine funktionslose, also nicht von und
für die Gruppe gespielte, Musik vorkommt. Aber dennoch überlebte das
wichtige Element des Wechselgesangs in dem Formschema des Blues.
Diese drei Stilformen, Gospel,
Worksong und Blues, sind sicherlich Ausdruck einer Akkulturation und
nicht musikalischer Entwicklungen, die sich aus dem gegebenen Material
einer Musikkultur begründen lassen. Sie stellen eine erzwungene
Kulturform dar, wobei bemerkenswert ist, daß sich die Folgen dieses
Zwanges deutlich in der Form der Musik zeigen, aber das innere Gefüge
der Musik relativ unbeschadet von dieser Umformung geblieben ist. D.h.
die Akkulturation der westafrikanischen Musik ging in dieser Phase (bis
etwa Ende des 19 Jh.) nicht soweit, als das die Melodik, Harmonik oder
Rhythmik sonderlich verändert worden wäre.
2.2.2. New Orleans
Erst mit dem, zumindest formalen
Ende, der Sklaverei wurden in den Südstaaten der USA Bedingungen
geschaffen, die zu einem wesentlich tiefergreifenden Anpassungsprozeß
der beiden aufeinandert reffenden Musikkulturen führten.
Besonders innerhalb von Louisiana,
das durch seine Geschichte und sein extremes Klima, das viele Weiße von
dort vertrieb, ausgezeichnet war, hatte sich im Laufe der Zeit ein
rigoroses Klassendenken innerhalb der schwarzen Bevölkerung entwickelt.
Viele freigelassene Sklaven und Landarbeiter zogen in die Städte, vor
allem nach New Orleans, und gründeten kleine Handwerksbetriebe oder
Geschäfte. Sie bildeten bald eine Mittelstandsschicht mit relativem
Wohlstand. Die Angehörigen dieser Schicht legten großen Wert auf ihren
sozialen Status und die Bezeichnung 'Kreole', als Unterscheidung zu den
'gewöhnlichen' Schwarzen oder gar Sklaven. Die kulturellen Aktivitäten
dieser Kreolen waren von dem intensiven Bestreben bestimmt, das
Verhalten der Weißen zu imitieren. Um das zu erreichen wurde jegliche
Form von Tradition, die auch nur im Entferntesten etwas mit ihrer
afrikanischen Herkunft zu tun hatte als barbarisch und primitiv
abgelehnt und verleugnet.
"Eine wesentlich stärkere,
teilweise bis ins Absurde feiner Helligkeitsunterschiede der Hautfarbe
gehende Differenzierung kennzeichnete die Gruppe der freien Farbigen,
die in New Orleans in den Jahren von 1810 bis 1860 von 5700 auf 11000
angewachsen war. An der untersten Sprosse der sozialen Leiter standen
hier die Schwarzen, insbesondere jene vom Lande, die in New Orleans,
ungebildet und vom städtischen Leben irritiert, vor allem Hilfsarbeiten
(...) wahrnahmen, und dabei vielfach in Konkurrenz zu den irischen
Neueinwanderern gerieten. Den freien Schwarzen gegenüber und deutlich
zu ihnen abgegrenzt, standen die farbigen Nachfahren aus den
Verbindungen zwischen weißen - d.h. in der Regel französischen -
Männern und schwarzen Frauen. (.. Diese ..) Kreolen bildeten (...) eine
'anomale Klasse': zu stolz, um sich mit den Sklaven zu identifizieren
und durch die weißen als Neger stigmatisiert, besaßen sie den Status
von Quasi-Bürgern." /18/
Dieses Klassendenken und die
dadurch bedingte Leugnung jeglicher afrikanischer Elemente fand ein
abruptes Ende mit dem amerikanischen Bürgerkrieg und der Abschaffung
der Sklaverei. Viele der ehemaligen Sklaven zogen in die Städte und es
bildete sich rasch ein urbanes Proletariat, gegen das sich die
kreolische Minderheit nicht mehr abheben konnte.
Die Weißen, die bis dahin den
Kreolen mit einer gewissen Achtung gegenüberstanden und durchaus in
Konzerte rein schwarzer Symphonieorchester gingen, pauschalierten ihre
rassistischen Vorurteile und differenzierten schon bald nicht mehr nach
unterschiedlichen Graden von 'Schwärze', wie es besonders Anfang und
Mitte des 19. Jh. üblich war.
"Den entscheidenden
Einschnitt in der Geschichte der kreolischen Bevölkerung des
amerikanischen Südens brachte der Bürgerkrieg und die anschließende
Aufhebung der Sklaverei. Barg die Emanzipationsproklamation für die
ehemaligen Sklaven zumindest den Schein einer Hoffnung auf bessere
Zukunft, eine Hoffnung, die sich für die meisten sehr bald als
trügerisch erwies, so beinhaltete sie für die farbigen Kreolen den
jähen Verlust all ihrer Privilegien, die sie gegenüber den schwarzen
Sklaven zuvor genossen hatten. (...) Und schwarz war jeder, der auch nur
einen Tropfen afrikanisches Blut in sich hatte. Kein Wunder, daß sich
die einstigen gens de coleur libres durch diese Emanzipation, die keine
war, am härtesten betroffen fühlten." /19/
Da unter den Kreolen die Musik
eine wichtige Rolle spielte, und sehr viele von ihnen eine klassische,
europäische Musikerziehung genossen hatten, sahen sich nun plötzlich
viele Berufsmusiker um ihren Broterwerb gebracht. Da sie keine andere
Chance hatten Geld zu verdienen, verdingten sie sich vor allem in den
Vergnügungsvierteln als Unterhaltungsmusiker. Doch hier sahen sie sich
der starken Konkurrenz ehemaliger Landarbeiter ausgesetzt, die zwar
keine musikalische Ausbildung besaßen, aber durch ihre enorme
Musikalität ohne weiteres in der Lage waren, weiße Unterhaltungs- und
Tanzmusik wenigsten so zu imitieren, daß sie mit Engagements in den
Tanzsälen rechnen konnten.
An dieser Stelle ist der wohl
entscheidendste Anpassungsprozeß zwischen traditionell afrikanischen
und typisch euro-amerikanischen Musikelementen zu beobachten. Hatte die
Landbevölkerung bis zum Bürgerkrieg ihre Musik relativ unbeeinflußt
von europäischer Hör- und Spielgewohnheit beibehalten, so mußten
jetzt grundlegende Adaptionen vorgenommen werden, um verkäufliche Arten
von Musik zu produzieren.
2.2.2.1. Der Ragtime
Auf der einen Seite standen die
gebildeten, musikalisch geschulten Kreolen, deren Musik, sofern sie
nicht akademische Konzertmusiker waren, in der Hauptsache durch den
Ragtime repräsentiert wurde. Der Ragtime kann nicht als Verschmelzung
von euroamerikanischer und afroamerikanischer Musik bezeichnet werden.
Vielmehr stellt er eine Form rein europäisch inspirierter
Unterhaltungsmusik dar. Das einzige formbestimmende Element, das ihm
lange die Zuordnung zum Jazz einbrachte, ist der Rhythmus. Zwei Sachen
machen den elementaren Ragtime-Rhythmus aus: 1. die Synkope und 2. der
permanente pulsierende 'beat'. Die abendländische Musik kennt und
benutzt diese beiden Techniken auch, aber in der Stringenz und der
formbestimmenden Bedeutung wie für den Ragtime, stellten sie etwas
neues dar. Versuche diese rhythmischen Besonderheiten auf afrikanische
Traditionen zurückzuführen, halte ich für verfehlt. Es ist vielmehr
eine Betonung der genuinen Funktion dieser Musik, der Tanzbarkeit.
" (..) die Einbindung des
durchlaufenden beat in den 2/4 Takt und die Umbildung und Stilisierung
des off-beat zu einer nachschlagenden melodischen Achtelsynkopierung
(..) " /20/
Bei aller Objektivität halte ich
den Ausdruck Stilisierung an dieser Stelle für nicht angebracht, da es
sich de facto um eine Verflachung handelt: ein Eingehen auf die
Hörgewohnheiten des kreolischen und weißen Publikums.
Der Ragtime, als solistische Musik
für das Klavier geschrieben, erlebte seine Blütezeit um die
Jahrhundertwende. Er war sowohl als Tanz- und Unterhaltungsmusik, als
auch als Salonmusik und als Unterrichtswerk in Klavierstunden, vor allem
bei den Weißen beliebt. Der Ragtime ist eine durchkomponierte Gattung,
die exakt notiert ist, und keinen Raum für Improvisationen vorsieht.
Für die nach dem Bürgerkrieg
freigelassenen Schwarzen, die sich in den Städten des Südens sammelten
und dort ein urbanes Proletariat bildeten, stellte die Musik eine der
wenigen möglichen Arten des Gelderwerbs dar. Zum ersten Mal während
ihrer nordamerikanischen Geschichte hatten die ehemaligen Sklaven die
Möglichkeit und genügend Mittel, sich euro-amerikanische Instrumente
zu besorgen. Dies waren meist gebrauchte Instrumente aus
Armeebeständen, vor allem Trompeten, Posaunen, Trommeln, Pauken und
verschiedene Arten von Hörnern.
2.2.2.2 Der 'New Orleans Stil'
Der Ragtime in seiner akademischen
(Klavier)-Form blieb ihnen vorerst noch verschlossen, da sie in der
Regel weder Noten lesen konnten, noch über genügende technische
Fertigkeiten auf dem Klavier verfügten. Da der Ragtime aber die
populärste Unterhaltungsmusik darstellte, und somit mit ihm am ehesten
Engagements in den Tanzsälen zu bekommen waren, fingen die schwarzen
Musiker an, ihn auf ihren Instrumenten nachzuspielen. Die aus dieser
Adaption entstehende Musik verdient m.E. zum ersten Mal den Namen
'Jazz'.
Durch den grundlegend anderen
musikalischen Hintergrund, den die Kreolen einerseits, und die
ehemaligen Sklaven andererseits mitbrachten, entstand bei der
Interpretation des Ragtimes eine vollkommen andere Musik. Der Ragtime
war für die kreolischen Musiker eine strenge Form, die keine Varianten
zuließ, und der nach Möglichkeit immer gleich klingen sollte,
unabhängig davon welcher Pianist ihn aufführte.
Die autodidaktisch erworbenen
Musikkenntnisse und die überlieferte Musiktradition, die das
Musikverständniss der Schwarzen bestimmten, führten zu einer
grundsätzlich anderen Form der Interpretation. Da die Melodien der
originalen Ragtimes ihnen nur nach dem Gehör vertraut waren, wurden
diese schon beim einfachen Nachspielen verändert und variiert. Die
rhythmische Dominanz der Synkope wurde durch die, den ehemaligen
Landarbeitern wesentlich vertrautere, off-beat Phrasierung ersetzt. Die
homophone Struktur der Ragtime-Melodien wurde mit Elementen des
'Wechselgesangs' verknüpft und durch diffizile Nebenstimmen ergänzt.
Dieser 'erste Jazz' stellte also
ein komplexes Gefüge aus Elementen der afrikanischen, ländlichen
afro-amerikanischen, europäischen, euroamerikanischen und kreolischen
Musik dar. Dieser Stil, der zu Beginn noch den Namen Ragtime mit der
akademischen Klaviermusik gemein hatte, wurde später mit 'New Orleans
Stil' bezeichnet. Er zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:
-
keine Notation, Spiel nach
Gehör und Gedächtnis
-
rhythmische Varianten, die sich
afrikanischer Polyrhythmik und Polymetrik bedienen,
-
Interaktion und 'Wechselgesang'
zwischen Führungsstimmen und Ensemble
-
die Melodie beinhaltet Elemente
der Pentatonik (blue notes)
-
das melodische Material, weißen
Schlagern und kreolischen Ragtimes entnommen, wird immer in
unwiederholbaren, halbimprovisierten Varianten gespielt
-
die Intonation und Spielweise
der Instrumente ist im klassisch-europäischen Sinn falsch bzw.
ungewöhnlich
-
die Improvisation ist das
formbestimmende Element
Der frühe Jazz, wie er sich hier
darstellt, ist also ein Konglomerat verschiedenster Einflüsse, der
durch äußere Gegebenheiten zustande kam. Diese Äußeren Einflüsse
sind in erster Linie politische Veränderungen (Ende des Bürgerkrieges,
Abschaffung der Sklaverei) und damit verbunden ökonomische Zwänge
(Musik als Möglichkeit des Gelderwerbes, vorausgesetzt, es wird
populäre Musik gespielt).
Die Entstehung des kreolischen
Ragtimes läßt sich ziemlich deutlich aus den Elementen der
euro-amerikanischen Tanz-, Unterhaltungs- und Militärmusik ableiten.
Vor allem die Tradition der französischen Einwanderer lebt in der
Melodik und Harmonik des Ragtimes weiter. Die Besonderheiten des
Rhythmus im Ragtime lassen sich einerseits aus den Märschen der
Militärkapellen, und anderseits aus den lebhaften Tanzformen der
südeuropäischen Einwohner erklären. Selbst wenn man davon ausgeht,
daß der Rhythmus im Ragtime etwas genuin Neues darstellt, bleibt doch
die Tatsache, daß der Ragtime eine 'logische' Entwicklung in der
gegebenen Musiktradition darstellt. Eine Form des musikalischen
Fortschritts also, die sich eher aus musikwissenschaftlicher als aus
musiksoziologischer Sichtweise heraus erklärt.
Die Transformation, die dieser
Ragtime jedoch bei der Entstehung des 'New Orleans Stils' erfuhr, kann,
wenn überhaupt, nur sehr mühsam mit einer innermusikalischen Logik
erklärt werden. Vielmehr muß in den Bedingungen, die zur Entstehung
dieser Art von Musik geführt haben, die zeitlich verschobene,
musikalische Reaktion auf einen gewaltsamen Zusammenprall zweier
Kulturen gesehen werden, die in dieser Heftigkeit wohl einmalig in der
Musikgeschichte sein dürfte.
Die zeitliche Verschiebung
zwischen dem Beginn der Völkerverschleppung von Afrika nach Nordamerika
(Ende 17 Jh.) und der Entstehung des Jazz (Anfang 20 Jh.) erklärt sich
aus der Isolation der Schwarzen, die erst mit der Aufhebung der
Sklaverei beendet wurde. Hinzukommt, daß der Aufeinanderprall der
euroamerikanischen und der afrikanischen Kultur eben nicht das
Zusammentreffen zweier gleich starker Traditionen darstellte, sondern
die 'weiße Kultur' besaß die Machtmittel, die afrikanischen Elemente
zu isolieren und zu unterdrücken.
An dieser Stelle drängt sich die
Frage auf, inwieweit man Aussagen über die Ursachen der Entstehung
einer bestimmten Stilart auf innermusikalische Elemente beziehen kann.
D.h., ist es möglich, über die Tatsache hinaus, daß der Jazz seine
Entstehung der Abschaffung der Sklaverei verdankt, zu behaupten, daß
z.B. die Bedeutung der Improvisation eine direkte Folge dieser
außermusikalischen Bedingungen darstellt ? Die Antwort auf diese Frage
kann nur am speziellen Einzelfall, aber nicht generell getroffen werden.
Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen:
1. die 'blue notes'
Die Verwendung der 'blue notes' im
frühen Jazz stellt ein Element dar, das sich grundlegend aus der
Musiktradition Westafrikas erklärt. Die relative Unbestimmtheit der
Terz und der Septim (= blue note) ist eine Folge der pentatonischen
Melodiebildung, die weder die Bedeutung der Septim als Leitton, noch die
der Terz als Bezugspunkt der Dur-Moll-Tonalität kennt. Es scheint mir
also nicht möglich, das Auftauchen der blue notes als Folge
außermusikalischer Ereignisse zu interpretieren, sondern es ist dies
eine logische, innermusikalische Entwicklung.
2. die Improvisation
Die bedeutende Rolle der
Improvisation des Jazz stellt eine Vermischung von inner- und
außermusikalischer Ursache dar. Einerseits läßt sich das
Improvisieren aus der afrikanischen Tradition erläutern, auch wenn hier
die Rolle und Art des Improvisierens kaum mit der im 'Jazz' zu
vergleichen ist. Andererseits stellt das Improvisieren eine Folge der
Unkenntnis des Notenlesens und der Ausschließung der Schwarzen von der
Musikerziehung dar. Aus rein ökonomischen Gründen war es wohl nur den
allerwenigsten Schwarzen in New Orleans möglich, in irgendeiner Form
Musik- oder Instrumentalunterricht zu erhalten. So wurde aus der Not
eine Tugend gemacht, und das Improvisieren entwickelte sich zum
elementaren, stilbestimmenden Element des Jazz.
Die Tatsache, daß der 'New
Orleans Stil' das Produkt hauptsächlich außermusikalischer
Determinanten darstellt, führt zu der Überlegung, welche
innermusikalische Dynamik in diesem Stil begründet liegt. Da ein Stil
nicht etwas Statisches, Abgeschlossenes ist, können bestimmte, dem
musikalischen Material immanente Entwicklungen erwartet werden. Im
folgenden werde ich versuchen, einige Punkte aufzuzeigen, wie, aus
musik-logischer Sicht, die Entwicklung des 'New Orleans Stils' zu
erwarten gewesen wäre.
-
Das harmonische Gerüst des
'New Orleans'-Jazz ging i.d.R. nicht über die drei Grundstufen der
europäisch-funktionalen Harmonik hinaus: Tonika, Subdominante und
Dominante mit den jeweiligen Paralelltonarten. Eine Ausweitung dieses
harmonischen Gerüstes wäre sicherlich zu erwarten gewesen. Dadurch,
daß sowohl die Führungs-, als auch die Begleitstimmen weder
vorgeplant, noch notiert waren, ergaben sich während des Spielens und
des Improvisierens immer neue Klänge und Klangschichtungen, die i.d.R.
nicht mit den Grundakkorden dieser Harmonien übereinstimmten. Durch die
ständige Interaktion und das Aufeinanderhören der Musiker hätten sich
mit ziemlicher Sicherheit neue Akkordprogressionen ergeben, die wiederum
das harmonische Gerüst für nachfolgende Musikstücke hätten liefern
können.
-
Die fortschreitende
Instrumentbeherrschung der schwarzen Musiker ließ erwarten, daß sie
ihre Klangvorstellungen in wesentlich differenzierterer Art
verwirklichen werden. Die Verwendung minimaler Schwankungen auf einer
relativen Tonhöhe als Bedeutungsträger, wie sie im frühen 'New
Orleans'-Jazz in Ansätzen vorhanden war (dirty tones), hätte sich
dadurch verstärken können, und dies hätte die Ablösung der
Melodiebildung von den meist banalen Themen der weißen Schlager oder
der kreolischen Rags beschleunigen können. Generell wäre mit der
Zunahme der Perfektion auf dem Instrument eine Tendenz zu komplexeren
Musikstücken zu erwarten gewesen.
-
Der Rhythmus, der traditionell
eine tragende Rolle bei der Realisation dieser Musik spielte, ließ
Entwicklungen erwarten, die die Polyrhythmik verstärkt in den
Vordergrund gestellt hätte. Die Polyrhythmik stellt einerseits die
Fortsetzung genuin afrikanischer Tradition, und andererseits die
logischste Form der Vermeidung von Monotonie in stark rhythmischer Musik
dar.
2.2.3. 'Chicago' und Swing
Die faktische Musikgeschichte
steht diesen, in dem Material des 'New Orleans'-Jazz begründeten,
Erwartungen jedoch diametral entgegen.
Es sind im wesentlichen drei
Gründe dafür zu nennen, daß die Entwicklung des Jazz in eine andere
Richtung ging als in die, die sich aus dem musikalischen Material
erwarten ließ:
-
politische und ökonomische
Veränderungen in den USA
-
Verhalten der weißen Musiker
und Verkaufsstrategien der Plattenindustrie
-
Hörfähigkeiten und
Gewohnheiten des (weißen) Publikums
Das bedeutendste Arbeitsfeld für
die schwarzen Jazzmusiker zu Beginn unseres Jahrhunderts waren die
Tanzsäle und Bars in den Vergnügungsvierteln der Städte der
Südstaaten. Mit Beginn des ersten Weltkrieges gewannen in den USA die
Moralisten an Bedeutung, und unter ihrem Einfluß wurden die Bordelle in
den Häfen geschlossen, um die Matrosen nicht zu gefährden. Mit dieser
Maßnahme ging die Bedeutung der gesamten Vergnügungsviertel zurück,
und die meisten der Musiker mußten sich nach neuen Arbeitsplätzen
umsehen. Da das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle in den USA durch die
Kriegsindustrie sich rapide zu Gunsten des Nordens verschob, zogen die
meisten Arbeitslosen an den Flüssen entlang in den Norden. Für die
Musiker bestanden wenig Chancen, weiter in diesem Beruf arbeiten zu
können, und so zogen auch sie nach Norden, um als Industriearbeiter ihr
Geld zu verdienen.
Besonders viele Schwarze aus der
Gegend um New Orleans fanden sich in Chicago wieder zusammen, das mit
seinem hohen Anteil an der Metallindustrie ausreichend Arbeitsplätze
bot. Sie wohnten i.d.R. in Vororten, die entweder neugeschaffene
Wellblechkolonien waren oder verfallene Gegenden, in denen bald kein
Weißer mehr wohnte. In diesen schwarzen Ghettos entstand bald ein neues
kulturelles Leben, das seinen Ausdruck in improvisierten Tanzhallen und
größeren Parties fand, auf denen die Musik eine bedeutende Rolle
spielte. Hier konnten die Musiker aus den Hafenstädten des Südens
wieder ihre Musik spielen, und einige Gruppen brachten es zu
bescheidenem Ruhm, der ihnen auch Engagements in den ärmeren, weißen
Vierteln der Stadt einbrachte. Es war dies wohl die erste Gelegenheit,
bei der das weiße Publikum des Nordens relativ regelmäßig Gelegenheit
hatte, schwarze Musik, Jazz, zu hören.
Die Begegnung mit der Musik der
ehemaligen Sklaven hatte bis zum Ende des 19. Jh. für die Bevölkerung
des Nordens der USA fast ausschließlich in Form von Minstrel-Shows /21/
und bösartigen Parodien weißer Künstler auf tanzende und singende
'Halbwilde' bestanden. Der Jazz, der jetzt mit der Flut von schwarzen
Arbeitskräften aus dem Süden in den Norden kam, stellte einen
radikalen Bruch mit den Hörgewohnheiten des weißen Publikums dar. Die
rhythmische Komplexität, die der schwarzen Musik eigen war, konnte von
den meisten, an euro-amerikanische Monorhythmik gewohnte Weißen nicht
verstanden und nachvollzogen werden. Auch die Fremdartigkeit der
Intonation, das Fehlen sich unverändert wiederholender Melodiefloskeln,
und die enorme Vitalität der Kollektivimprovisationen stellten das
Publikum, das versuchte, den Jazz als Tanzmusik zu benutzen, vor
Probleme. Die Engagements, die nichtsdestotrotz an die Schwarzen Musiker
vergeben wurden, resultierten in der Hauptsache aus einer Mischung von
Neugierde und der Lust am Exotischen.
2.2.3.1. Der 'Chicago-Stil'
Allein eine kleine Gruppe von
Jugendlichen, meist Studenten der Colleges, sahen in dieser Musik eine
Form von Protestmöglichkeit für sich. Sie begannen das Stammpublikum
dieser Vorstadtkonzerte zu bilden und fingen sehr bald an, diese Art des
Musizierens zu imitieren. Diese Gruppen wurden sehr bald 'chicagoans'
genannt.
"Die Chicagoans, geboren um
1906, entstammten zum überwiegenden Teil anglo-amerikanischen
Mittelklassefamilien vom Chicagoer West End. (...) (Sie) waren
vermutlich die ersten typischen Jazzfans im heutigen Sinne. Ihre
musikalische Sozialisation vom enthusiastischen Schallplattenhörer
über den autodidaktischen, an Vorbildern lernenden Amateur bis hin zum
professionellen Musiker war gleichsam stilbildend für Generationen
weißer Jazzmusiker in Amerika und anderswo. Die Chicagoans waren
zweifellos auch die ersten Musiker, die ihre Hinwendung zum Jazz als
Protest gegen ihre bürgerliche Umwelt verstanden. (...) In ihrem Leben
für Kicks, für Spaß und Nervenkitzel, waren die Chicagoans Nachfahren
der europäischen Boheme des 19. Jahrhunderts und Vorfahren der
amerikanischen Hipster der 50er Jahre." /22/
Diese Gruppe von Studenten besaß
in der Regel eine klassische Ausbildung auf ihren Instrumenten und die
freie Form des Spielens, wie sie sie bei den Schwarzen hörten, stellte
sie vor entsprechende Probleme. Es gab keine Schwierigkeiten, die Themen
der Stücke, die sowieso von weißen Schlagern entlehnt waren, in fast
identischer Besetzung nachzuspielen. Aber sowohl das Problem des
Rhythmus, sowie die Fertigkeit der Improvisation stellten
unüberwindliche Schwierigkeiten dar. Die Verschachtelungen der Metren,
wie sie von den New-Orleans-Musikern mit traumhafter Sicherheit
praktiziert wurden, ließ sich nicht imitieren. Um trotzdem eine
Annäherung an die permanente Spannung zu erreichen, die diese
Polymetrik erzeugt ('swing' oder 'drive'), wichen die weißen Musiker
auf den exzessiven Gebrauch der Synkope und eine generelle
Beschleunigung des Metrums aus. Dies erklärt die unruhige Hektik, die
sich aus fast allen Aufnahmen dieser, später 'Chicago-Stil' genannten,
Musik heraushören läßt. Die Improvisationen wurden entweder Ton für
Ton von den wenigen Plattenaufnahmen schwarzer Musiker herausgehört und
auswendig nachgespielt, oder aber es wurden primitivste Läufe über die
Harmoniefolge gespielt, die zumindest am Anfang dieses Stiles mehr mit
Etüden europäischer Instrumentallehrer als mit Jazzimprovisation zu
tun hatten.
Diese Form des weißen
'Chicago-Jazz' erfreute sich bald in den Reihen der Jugendlichen großer
Beliebtheit, und immer mehr Gruppen bildeten sich, um diese Musik auch
öffentlich zu spielen. Da diese Jugendlichen in der Hauptsache der
weißen Mittel- und Oberschicht entstammten, stellten sie für die sich
rapide entwickelnde Schallplattenindustrie eine attraktive Absatzgruppe
dar.
Aber die lokale Begrenzung auf
Chicago fand schnell ein Ende, denn die konkurrierenden weißen und
schwarzen Bands hatten nicht genügend Auftrittsmöglichkeiten.
Geschickte Manager und Agenten organisierten lange Tourneen quer durch
die Vereinigten Staaten. Auch die schnelle Verbreitung, die der Tonfilm
fand, und die dadurch entstehende Nachfrage nach Studiomusikern, führte
dazu, daß die Protagonisten des 'Chicago-Stiles' weitaus häufiger in
anderen Städten als in Chicago selber anzutreffen waren.
2.2.3.2 Der Swing
Die Konkurrenz der verschiedenen
Bands führte dazu, daß der Geschmack des Publikums zum entscheidenden
Motor der stilistischen Entwicklung wurde. Bzw., die Zahlungswilligkeit
der Zuhörer wurde zur Ursache einer musikalisch-stilistischen
Verflachung. Es ist nicht überraschend festzustellen, daß der 'weiße
Stil' wesentlich populärer war als der 'schwarze', und somit die
lukrativeren Auftrittsangebote in der Regel an die weißen Bands
vergeben wurden. Da für die schwarzen Musiker ihre Kunst zumeist auch
die wichtigste Einnahmequelle darstellte, reagierten sie auf diese
Situation mit einer zunehmenden Anpassung. Im Laufe weniger Jahre gingen
dadurch all jene musikalischen Elemente verloren, die den
ursprünglichen, schwarzen 'Chicago-Jazz' charakterisierten.
Wir haben es hier also mit einem
Phänomen in der Musikgeschichte zu tun, das sich dadurch auszeichnet,
daß eine neue musikalische Idee, durch Adaption innerhalb kürzester
Zeit von fast allen Neuerungen, die ihr innewohnten, 'bereinigt' wird,
um dann in einer Form, die sich kaum mehr von ihren Vorgängern
unterscheidet, enorme kommerzielle Triumphe zu feiern. Und das,
angesichts der Tatsache, daß zumindest die jungen, weißen Musiker
diesen Stil als eine Möglichkeit des Protestes verstanden hatten.
Aber im Zuge dieser kommerziellen
Vermarktung gingen nicht nur innermusikalische Eigenarten verloren,
sondern auch jegliches sozialkritische Potential, daß von den jungen
weißen Musikern in den Jazz hineingelegt worden war. Diese hatten den
neuen Stil von den schwarzen Musikern übernommen, weil sie darin einen
Weg des Protests gegen das Establishment ihrer eigenen Kultur und Klasse
sahen. Bemerkenswert ist vor allem, daß diese Gegenbewegung nicht nur
von der Kulturindustrie aufgefangen und in unpolitisch-kommerzielle
Bahnen gelenkt wurde, wie dies 50-60 Jahre später der Rockmusik
widerfahren sollte, sondern daß das musikalische Gefüge selbst sich
auf die Charakteristiken genau jenes Stiles wieder reduzierte, von der
es sich ursprünglich unterschied. Die Tanz- und Unterhaltungsmusik der
weißen Mittelschicht zu Beginn der 20er Jahre zeichnete sich vor allem
durch penetrante Monorhythmik, einfachste Melodieführung, schematische
Akkordprogressionen und klassisch orientierte Instrumentation aus.
Der Jazz unterschied sich in all
diesen Punkten ganz wesentlich von dieser populären Musik. Doch die
weißen Musiker, die das Neue so begeistert aufgenommen hatten,
reduzierten diesen Jazz, wahrscheinlich gegen ihre Intention, nach und
nach wieder auf die Standards der Tanzmusik. Die Ursachen hierfür sind
sowohl auf der musikalischen, als auch auf der ökonomischen Seite zu
finden.
Musikalisch gesehen stellte es
eine fast nicht lösbare Aufgabe für Musiker, die bisher nur vom Blatt
gespielt hatten, dar, nun plötzlich aus dem Kopf eigenständige Ideen
instrumental umzusetzen. Auch der Verzicht auf jegliche
Streichinstrumente, der dem frühen Jazz eigen war, konnte von den
meisten weißen Spielern nicht ohne weiteres umgesetzt werden. Für die
europäische Kunst- und auch Unterhaltungsmusik stellten die Streicher
die wichtigste Stütze der Klangfarbe dar. Im Zuge der musikalischen
Verflachung und Kommerzialisierung brachten die weißen Musiker mehr und
mehr Elemente ihrer eigenen Musikauffassung in den Jazz hinein und
egalisierten dadurch die ursprünglichen Unterschiede zwischen weißer
Tanzmusik und schwarzem Jazz.
Betrachtet man die ökonomische
Seite dieser Entwicklung, dann muß an erster Stelle die
Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre genannt werden. Die Rolle des
Publikums an der musikalischen Entwicklung steht in einem umgekehrten
Verhältnis zu seiner ökonomischen Lage. Das mag paradox klingen,
läßt sich aber relativ leicht begründen. In Zeiten allgemeinen
Wohlstands, wie sie zu Beginn der 20er Jahre im Norden der USA gegeben
waren, herrscht eine große Nachfrage nach Vergnügen und Unterhaltung.
Viele verschiedene Gruppen haben Gelegenheit Engagements zu bekommen,
und dementsprechend breit ist auch das Spektrum der dargebotenen
Musikstile. Kommt es zu einer Krise und damit verbunden zu meist
drastischen Verschlechterungen der finanziellen Lage des Publikums,
gehen die Ausgaben für kulturelle Veranstaltungen überproportional
zurück. Das hat zur Folge, daß nur ganz wenige Künstler
Auftrittsmöglichkeiten bekommen, und es für diese wenigen von
existentieller Bedeutung wird, den Geschmack des Publikums zu
befriedigen. Das heißt aber auch, daß die Toleranz des Publikums
gegenüber Neuerungen abnimmt, wenn der Besuch eines Konzertes zum Luxus
wird.
Mit dieser These läßt sich die
musikalische Verflachung und Banalisierung des Jazz Ende der 20er Jahre
aus soziologischer Sicht begründen. Aber diese Erklärung allein kann
nicht ausreichen, da die Bedeutung der oben dargelegten
innermusikalischen Ursachen nicht von der Hand gewiesen werden kann.
D.h., es steht zu vermuten, daß die Folgen der Weltwirtschaftskrise
einen beschleunigenden, aber nicht ursächlich verantwortlichen Faktor
der musikalischen Entwicklung darstellen.
Es sollten zwei Ebenen
unterschieden werden, auf denen die innermusikalische Logik zu dieser
Entwicklung beigetragen hat. Die Hauptrichtung meines Arguments zur
Verflachung des Jazz zielt auf die (Un)-Fähigkeiten der weißen
Musiker. Dieses dürfte einer der Streitfälle sein, auf die ich in
Kapitel 1.1.2. hingewiesen habe. Es läßt sich mit gutem Recht sowohl
die These vertreten, daß individuelle Fähigkeiten innerhalb eines
außermusikalischen Bezugsrahmens gesehen werden müssen, als auch deren
Gegenteil. Wenn man jedoch meinem Argument folgt, dann muß trotzdem
noch eine deutliche Trennung zwischen dem reinen Sinn des Stiles gemacht
werden, also seiner inneren Struktur, und den Auswirkungen , die diese
Struktur auf die Möglichkeiten der individuellen Musiker hat. Ohne
diese Unterscheidung kann die Auseinandersetzung über die Verknüpfung
von Musik und Gesellschaft an diesem konkreten Punkt ihrem Gegenstand
nicht gerecht werden. Die These müßte dann nämlich lauten: Wenn die
Musiker nur eine andere musikalische Sozialisation genossen hätten,
dann hätte sich der Jazz nicht in diese Richtung entwickelt.
Eine Argumentation, die versucht,
den gesellschaftlichen Gehalt von Musik in den Determinanten ihrer
Entwicklungsgeschichte festzumachen, kann dieser These jedoch nicht
folgen. Vielmehr geht es darum zu betonen, daß das musikalische
Potential, das dem Jazz innewohnt, aufgrund sowohl außermusikalischer
Ursachen (Weltwirtschaftskrise), als auch innermusikalisch bedingter
Umstände (eben die Unfähigkeiten der meisten weißen Musiker dieses
Potential zu nutzen) in sein Gegenteil verkehrt wurde.
Es existiert also Anfang der 30er
Jahre in den USA ein Jazz-Stil, der einerseits noch immer die Eigenarten
des 'New Orleans Jazz' als Kern in sich trägt, aber andererseits mehr
und mehr mit Elementen der weißen, euro-amerikanischen Tanzmusik
durchsetzt wird. Es kommt aus ökonomischen Gründen jedoch nicht zu der
Spaltung der Musiker, die eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Aus den
oben beschriebenen Gründen konnte es sich kein Musiker leisten, sich
nur auf die schwarzen Elemente dieser Musik zu berufen, und sich nicht
der Vorliebe des (weißen) Publikums für seichte, diatonische Melodien
und Monorhythmik zu beugen.
Die Entwicklung des Jazz führte
direkt zur kommerziellen Unterhaltungsmusik mit immer größer werdenden
Orchestern, immer einfallsloseren Harmoniefolgen und Melodien, immer
europäischer werdender Instrumentation und immer mehr schwarzen
Musikern, die sich den Jazzverschnitt der Weißen zu eigen machten. Der
'Swing' bzw. der 'Symphonic Jazz' trat seinen Siegeszug um die Welt an.
2.2.4. Der Bebop
Besonders einem Medium, dem
Rundfunk, hatte diese Musikrichtung ihren grandiosen Erfolg zu
verdanken. Während die Schallplattenindustrie als Folge der allgemeinen
Rezession in eine tiefgreifende Krise rutschte, erlebte der Rundfunk,
der praktisch umsonst genossen werden konnte, einen wahren Boom. Und in
den Programmen des Rundfunks war die Musik des Swing wesentlich
opportuner als etwaige schwerverständliche Kompositionen und
Improvisationen avancierter Musiker. Die Nähe zum 'commercial', zur
Kunst als Mittel der Absatzförderung, wurde dem Swing jedoch keineswegs
aufgezwungen, sondern liegt in seiner musikalischen Struktur begründet.
Meinem vorgeschlagenen
methodologischen Weg zufolge müßte die musikalische Faktur des Swing
als neues Ausgangsmaterial für die sich historisch anschließenden
Musikstile betrachtet werden. Doch ich sehe zwei Gründe, die dafür
sprechen, an dieser Stelle davon abzuweichen.
Erstens die innermusikalische
Ebene:
Die bestimmenden Elemente des
Swing, die ich oben beschrieben habe, lassen sich m.E. nur als
Rückschritt im Sinne einer innermusikalisch logischen Entwicklung
interpretieren. Gemäß meiner Definition von musikalischer Entwicklung,
wie ich sie am Anfang dieses Kapitels gegeben habe, kann aber das
Material, das sich nur aus der Reduktion des Schonvorhandenen ergibt,
nicht als neues Ausgangsmaterial für folgende Stile betrachtet werden.
Vielmehr muß hier der Stil, den ich als 'New Orleans Jazz'
charakterisierte, jetzt zum zweiten Mal als Ursprung einer neuen Musik
betrachtet werden. Grundlage dieser vielleicht etwas willkürlich
erscheinenden Maßnahme ist die Überlegung, welche Potentiale sich aus
musikalischer Sicht in dem Idiom des Swing finden lassen. Die Antwort
kann meines Wissens nur lauten, daß sich in den Ausdrucksmitteln des
Swing keine Elemente benennen lassen, die eine Entwicklung in irgendeine
Richtung zuließen. Dagegen sind in der Struktur des 'New Orleans Jazz'
noch sehr viele Eigenarten und Charakteristika verborgen, die der Swing
bewußt nicht übernahm und übernehmen konnte. Genau diese Elemente
aber sind es, die stilbestimmend für die avancierte Musik der 40er und
50er Jahre wurden.
Zweitens die außermusikalische
Ebene:
Wie ich im Vorhergehenden versucht
habe zu zeigen, war die Entwicklung vom 'New Orleans Jazz' zum Swing in
der Hauptsache auf nicht-musikalische Ereignisse zurückzuführen. In
diesem Zusammenhang möchte ich auch die Möglichkeiten der weißen
Musiker, sich in diesem musikalischen Idiom zu äußern, als eine
außermusikalische Determinante benutzen. Es drängt sich also die
Überlegung auf, ob nicht eine musikalische Entwicklung, die in der
Hauptsache durch gesellschaftliche Bedingungen forciert wurde, eine
Berichtigung bzw. Umkehrung erfahren würde, wenn sich genau jene
gesellschaftlichen Bedingungen ändern würden, die für sie
entscheidend waren. Dieses Argument kann natürlich nicht so weit
getrieben werden, daß man behauptet, daß mit der Änderung der
sozialpolitischen Umstände die Tatsache der Vorrangstellung des Swing
quasi wieder ausgelöscht würde, aber in modifizierter Form kann von
einem Neuanfang gesprochen werden. D.h., als Ausgangsmaterial für die
dem Swing folgenden Stile möchte ich hauptsächlich die musikalische
Faktur des 'New Orleans Jazz' unter Berücksichtigung der zweifelhaften
Beiträge des Swing, sehen.
Der Swing erlebte seinen größten
Aufschwung in Zeiten der wirtschaftlichen Rezession. Die ökonomische
Lage sowohl der Musiker, als auch des Publikums war ursächlich an dem
Erfolg dieser musikwissenschaftlich bedeutungslosen Musik beteiligt. Mit
dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann in den USA ein enormer
wirtschaftlicher Aufschwung. Die Einkommen der Arbeiter schnellten in
die Höhe, die Arbeitslosigkeit sank praktisch auf Null. Auch für die
Musiker verbesserte sich die Situation augenscheinlich. Die Nachfrage
nach den großen Unterhaltungsorchestern der Swing-Ära konnte kaum noch
durch das Angebot gedeckt werden. Aber entscheidend für die
musikalische Entwicklung jenseits des Swing wurde die Tatsache, daß
auch die schwarzen Arbeiter in den Ghettos einen bescheidenen Anteil an
dem allgemeinen Aufschwung bekamen. Das bedeutete auch, daß das
potentielle Publikum, das in der Lage und Willens war sich mit
anspruchsvollerer Musik als dem Swing auseinanderzusetzen, wieder über
genügend Mittel verfügte, Auftritte und Konzerte zu besuchen.
Mit dem wirtschaftlichen
Aufschwung durch die Rüstungsindustrie, und dem dadurch verursachten
neuen Wohlstand wurden Bedingungen geschaffen, durch die eine Ebene der
Kultur sich wiederbeleben konnte, die durch die riesigen Orchester des
'Symphonic Jazz' fast ganz zurückgedrängt worden war: die Auftritte
kleiner Ensembles in Lokalen und Bars. Die Musiker, die in diesen
kleinen Ensembles spielten, rekrutierten sich hauptsächlich aus
Mitgliedern der großen, schwarzen Swingorchester. Die Art von Musik,
die in diesem Rahmen gespielt wurde, unterschied sich gravierend von den
Standards und Idiomen der Tanzmusik, die in den Orchestern benutzt
wurden. Dieser Jazz, der sehr bald den Namen 'BeBop' erhielt zeichnete
sich durch folgende Eigenschaften aus:
-
differenzierte, vielschichtige
Rhythmen, die die Tradition der Polyrhythmik und Polymetrik
wiederaufnahmen.
-
komplexe Harmonien, die Akkorde
benutzten, die im klassischen Sinne Dissonanzen einbezogen, ihren
Ursprung aber in Progressionen und Erweiterungen hatten, die auf
afrikanische Pentatonik und Intonation verwiesen.
-
Melodieführung, die nichts mehr
mit den 'sweet melodies' des Swing zu tun hatten, sich ganz im Gegenteil
in ständiger Reibung mit dem Harmonieschema bewegten.
-
stilbestimmende Bedeutung der
Improvisation, die Vorrang vor Thema und zum Teil auch vor den
Harmoniefolgen besaß.
-
vitale Tempi, die diesen Stil nur
noch sehr bedingt als Tanzmusik brauchbar machten.
-
Klangebenen, die in ihrer
Komplexität und Härte enorme Anforderungen an das musikalische
Auffassungsvermögen der Zuhörer stellten.
Der Ursprung des Namen 'BeBop' ist
einer programmatischen Eigenschaft dieses Stils zu verdanken. In dieser
Art von Musik lag die Bedeutung in rein musikalischen Eigenschaften. Im
Gegensatz zum Swing hatten das eigentlich Thema eines Stückes, und der
Text, soweit es sich um gesungene Lieder oder Balladen handelte,
keinerlei sinntragende Bedeutung für den Verlauf und die innere
Struktur des Stückes. Zwar wurde, zumindest am Anfang dieser
Stilrichtung, auch noch ein Text gesungen, aber mit der weiteren
Verselbständigung der musikalischen Eigendynamik und Eigenbedeutung
verlor der Text seine Funktion und wurde durch bedeutungsleere Silben,
den sogenannten 'Scat-Gesang' ersetzt. Eine typische Silbe dieses
Scatgesangs gab dem ganzen Stil seinen Namen: 'BeBop'.
Sowohl die Musiker als auch das
Publikum dieser neuen Richtung des Jazz waren fast ausschließlich
Schwarze; zumindest in der Frühphase dieser Entwicklung, also Anfang
bis Mitte der 40er Jahre dieses Jahrhunderts. Auffälligstes Merkmal der
schwarzen Musiker, die sich an der Entwicklung dieses Stiles
beteiligten, waren sowohl die Virtuosität auf dem Instrument, die eine
unabdingbare Voraussetzung zur Improvisation über derart diffizile
Akkordprogressionen in den rasanten Tempi darstellte, als auch ein
neuentstandenes musikalisches Selbstbewußtsein.
Wir kommen jetzt wieder zu der
Frage, wo die bestimmenden Einflüsse zu suchen sind, die zu der
Entwicklung dieses Stiles geführt haben. Ich will wieder die
Unterscheidung zwischen innermusikalischen und außermusikalischen
Determinanten untersuchen, um daran anschließend die dialektische
Beziehung der beiden aufzuzeigen.
1. Die innermusikalischen
Bedingungen.
Wie aus der oben gegebenen
Charakterisierung des 'BeBop' zu sehen ist, werden in diesem Stil m.E.
zu einem großen Teil genau jene Erwartungen eingelöst, die ich an die
innere musikalische Struktur des 'New Orleans Jazz' geknüpft habe. Die
rhythmischen Anlagen und Potentiale, die sich in der afroamerikanischen
Tradition vererbt haben, werden konsequent genutzt und modifiziert. Es
ist dies eines der erstaunlichsten Phänomene, das mit dem Aufkommen des
'BeBop' verbunden ist. Die Polyrhythmik, eine Form der Gliederung von
Musik, die keinerlei Verwurzelung in der euro-amerikanischen Musikkultur
besitzt, konnte sich über Jahrzehnte halten, obwohl sie von der
Majorität des Publikums weder erfaßt noch verstanden wurde. D.h., eine
musikalische Eigenschaft, die in den 20er und 30er Jahren des 20sten
Jahrhunderts quasi nicht mehr praktiziert wurde, erlebt eine
Renaissance, die die Bedeutung dieses Elements für afro-amerikanisches
und natürlich afrikanisches Musikverständnis unterstreicht.
Im Gegensatz zu diesem Element,
das den Swing sozusagen überlebt hat, muß die Instrumentbeherrschung
der Musiker den Erfahrungen im strengen Ensemblespiel der Tanzorchester,
das keinerlei Spielraum für individuelle Eigenarten ließ,
zugeschrieben werden. Auch die Fähigkeiten des Notenlesens und
'Vom-Blatt-Spielen', über das die meisten BeBop-Musiker verfügten,
resultierten aus dieser Quelle. Es ist eine strittige Frage, ob die
schwierigen Themen vieler BeBopstücke ohne diese Fähigkeiten der
Musiker vorstellbar wären. Ich glaube, daß nur ganz wenige in der Lage
gewesen wären, solche Themen und Harmoniefolgen ohne Hilfe einer wie
auch immer gearteten Notation interpretieren zu können.
2.2.5. Der 'Modern Jazz'
In der Jazzliteratur herrscht
einige Unklarheit über die exakte Benennung der verschiedenen Stile
nach 1940. Einige Autoren benutzen die Bezeichnung 'Modern Jazz' als
Sammelbegriff für BeBop, Hard Bop und Cool-Jazz (vgl. Asriel), andere
hingegen benutzen die Bezeichnung 'Modern Jazz' nur für eine ganz
bestimmte Richtung innerhalb des Cool Jazz (Jost), und wieder andere
wehren sich gegen jegliche sogeartete Etikettierung (Comolli). Ich will
den Begriff 'Modern Jazz' auf all jene Stilrichtungen anwenden, die
historisch nach dem BeBop und vor dem Free Jazz neu entstanden sind,
aber deren Ursprung auf die Eigenarten des BeBop zurückzuführen sind.
Der Ausdruck 'modern' ist in diesem Zusammenhang ähnlich zu verstehen,
wie das 'neu' in der Sammelbezeichnung 'Neue Musik' für die Werke der
Zweiten Wiener Schule und ihrer Nachfolger. D.h., das Etikett 'Modern
Jazz' will nicht besagen, daß es keinen anderen modernen Jazz zu dieser
Zeit gegeben hat, sondern gilt nur als Zuordnungsbegriff für bestimmte
Stile.
Es sind in der Hauptsache zwei
Stile des 'Modern Jazz', die in dem Zusammenhang dieser Arbeit von
Bedeutung sind. An diesen beiden Stilen, die historisch nebeneinander
standen und sich entwickelten, kann die Bedeutung von inner- und
außermusikalischen Beeinflussungen recht deutlich gemacht werden. Auf
der einen Seite möchte ich mich mit dem Hard Bop näher beschäftigen,
und ihn dem 'Cool Jazz' gegenüberstellen.
2.2.5.1. Der Hard Bop
Der Hard Bop steht in direkter
Verbindung mit den musikalischen Eigenschaften des BeBop und ist ein
Musterbeispiel für innermusikalisch Entwicklung. Die oben aufgezeigten
Merkmale des BeBop werden in diesem Stil weiterentwickelt und bis an die
Grenzen des Möglichen geführt. Die Entwicklung des BeBop aus den
Elementen des 'New Orleans Jazz' habe ich versucht als eine
innermusikalisch logische Form des musikalischen Fortschritts
nachzuweisen. Ebenso stellt der Schritt vom BeBop zum Hard Bop eine
Weiterführung dar, die sich auf der rein musikalischen Ebene erklären
läßt.
Die herausragensten Eigenschaften
des Hard Bop waren:
-
Die vitale und komplexe Rhythmik
des BeBop wurde noch weiter verkompliziert und auf eine Stufe gebracht,
die diese Musik der Funktion als Tanzmusik vollends entzog. Die Technik
des Schlagzeugspielens wurde perfektioniert, und die Rolle des
Schlagzeuges als reines Rhythmusinstrument zugunsten eines an der
Melodieführung und Klanggestaltung partizipierenden Elements
aufgegeben. Der durchgehende beat, elementare Voraussetzung für die
Tanzbarkeit von Musik, war zwar in der Regel noch gegeben, aber in
ersten Ansätzen wurden Passagen eingeführt, die das Grundmetrum
entweder nur noch ahnen ließen, oder aber ganz aufgaben.
-
Das harmonische Gerüst wurde
durch extreme Folgen mehrfach alterierter Akkorde bis an die Grenzen der
Tonalität ausgeweitet. In den Notationen vieler Stücke finden sich
Akkordbezeichnungen, die als Grundlage der Improvisation dienten, die
sich nicht mehr sinnvoll innerhalb der Funktionsharmonik interpretieren
lassen. Es entstand eine Form von harmonischer Beziehung, die auf einer
Ebene jenseits der traditionellen Harmonielehre, und auch jenseits der
Hörgewohnheiten, eine neue Art von tonaler Beziehung und Kadenzen
ermöglichte.
-
Die Melodieführung erlebte den
radikalsten Wandel. Bedingt durch das sehr schnelle Tempo der meisten
Stücke und die relative Unbestimmtheit des Grundmetrums ging die
Entwicklung von der auch im BeBop noch vorherrschenden Intervall-Melodik
zu einer von Skalen bestimmten Linie über. Durch die häufigen
Harmoniewechsel verlor die improvisierte Melodie mehr und mehr die
zwingende Beziehung zu der vorgegebenen tonalen Grundlage. Auch wenn der
entscheidende Schritt zur modalen Spielweise erst später, in der
Anfangsphase des Free Jazz, vollzogen wurde, bewegten sich die
Stimmführungen des Hard Bop schon an der Grenze der Tonalität.
Dieser Stil war in noch größerem
Maße als der BeBop eine von schwarzen Musikern beherrschte Richtung.
Auch das Publikum des Hard Bop rekrutierte sich fast ausschließlich aus
der schwarzen Bevölkerung der USA. Diese Tatsache verdeutlicht auch
eine der Bedingungen, die zu der Entstehung des Hard Bop beigetragen
hat.
Der Bebop, wurde nachdem er sich
einigermaßen etabliert hatte, auch von weißen Musikern aufgenommen und
adaptiert. Die musikalische Umsetzung der weißen Musiker unterschied
sich in entscheidenden Merkmalen von der der Schwarzen. So entwickelte
sich aus dem Stil des BeBop die 'weiße' Form des Cool Jazz. Auf die
Merkmale dieses Stiles möchte ich im nächsten Abschnitt genauer
eingehen. Die Entwicklung des Hard Bop war nun sowohl die logische
Fortschreibung des BeBop, aber zugleich eine Gegenreaktion auf die
zunehmende Popularität des Cool Jazz.
Der Hauptpunkt des
'Konkurrenzkampfes' zwischen Cool Jazz und Hard Bop lag in der Betonung
der Vitalität durch die schwarzen Musiker. Diese Vitalität, die die
Schwarzen als ihr ureigenstes afro-amerikanisches Erbe betrachteten,
führte auch zu einer regressiven Abart des Hard Bop: dem Soul-Jazz. So
zeigt sich in dem musikalischen Phänomen Hard Bop, daß sowohl
progressive als auch regressive Elemente ihm immanent sind, wie dies bei
dem 'Chicago Jazz' auch der Fall war. (vgl. auch Asriel, S. 195). Der
Soul, der sich einiger weniger Aspekte des avancierten Hard Bop
bediente, diese mit Elementen der 'alten' afro-amerikanischen Musik wie
Gospel und Blues vermischte, erreichte innerhalb kürzester Zeit eine
große Verbreitung und Popularität in der schwarzen Bevölkerung. Die
wenigen Elemente, die er von dem Hard Bop übernahm waren: die agile
Rhythmik, die allerdings von den extremen Formen der Polyrhythmik
'befreit' wurde, und die selbstbewußte Einstellung der schwarzen Hard
Bop Musiker. D.h., all jene Elemente, die den Hard Bop musikalisch
auszeichneten, wurden zugunsten einer bewußt einfachen Struktur
weggelassen, und allein die ideologischen Aspekte und Implikationen
dieser Musik wurden übernommen. (Zu dem neuentstandenen
Selbstbewußtsein der schwarzen Bevölkerung vgl. Kapitel 3)
Es bleibt also festzuhalten, daß
der Hard Bop eine Stilrichtung darstellt, die in der Hauptsache auf
innermusikalische Entwicklungen zurückzuführen ist. Diese
Entwicklungen erfuhren jedoch eine, vielleicht entscheidende,
Verstärkung durch die bewußte Negation einer Musikauffassung, wie sie
durch konkurrierende (weiße) Musiker zur gleichen Zeit kommerziell
erfolgreich vertreten wurden. Die Herausbildung des Soul aus der
Grundströmung des Hard Bop läßt sich mit den Erwartungen eines
Publikums erklären, das einerseits eine Musik forderte, die dem
neuentstandenen schwarzen Selbstbewußtsein entsprach, aber andererseits
nicht bereit war, seine Hörgewohnheiten dem neuen Idiom anzupassen. In
diesem Sinn stellt der Soul einen Versuch dar, kommerzielle Musik mit
avanciertem 'Gehalt' zu produzieren. Wie erfolglos dieser Versuch blieb,
zeigt die weitere Entwicklung, die durch zunehmende Verflachung und
Banalisierung über der Rhythm & Blues zum Rock 'n' Roll führte,
dem jeglicher Hauch von Proklamation neuen, schwarzen Selbstbewußtseins
fehlt.
Hierzu ist noch zu erwähnen, daß
diese Art der Charakterisierung des Hard Bop und auch des Soul
keineswegs eine Allgemein akzeptierte ist. Vielmehr sehen die
verschiedenen Autoren diese Stile unter zum Teil gänzlich anderen
Gesichtspunkten. Dazu zwei Beispiele:
Jost schreibt über den Hard Bop:
"Es war ein ostentativ
schwarzes Idiom, das Bezug nahm auf die roots afro-amerikanischer Musik,
und das in seiner emotionalen Geradlinigkeit und Vitalität nicht nur
gegen den verhaltenen Charme des Westcoast Jazz Front machte, sondern
sich - in seiner neuen/alten Einfachheit - letztlich auch querstellte zu
der nervösen Komplexität des Bebop." /23/
Ich weiß nicht, welche Stilart
des Jazz Jost an dieser Stelle im Sinn haben könnte, die sich in
'neuer/alter Einfachheit' aus dem BeBop entwickelte und gleichzeitig als
Quelle des Soul diente.
Carles und Comolli schreiben über
den Rhythm & Blues:
"Das Neue am Erfolg des
Rhythm and Blues aber liegt darin, daß er, ohne nur im geringsten auf
die Merkmale des authentischen Blues zu verzichten (es sei denn in der
Wahl der Instrumente, die jedoch die für den Blues charakteristische
Tradition der Vokalisierung und des Schreis aufnehmen), einen
beträchtlichen Teil des weißen Publikums erreicht." /24/
Dieser Argumentation kann ich
nicht folgen, da hier offensichtlich kommerzieller Erfolg mit
politischer Wirkung sowie Verflachung des musikalischen Idioms mit
Rückgriff auf authentische Motive verwechselt wird. Ich unterstelle den
beiden Autoren an dieser Stelle eine positive Diskriminierung, die davon
ausgeht, daß Schwarze keine rein kommerziellen Musikstile produzieren
würden.
2.2.5.2. Der Cool Jazz
"Die Reaktion weißer Musiker
auf den Bop war uneinheitlich und führte zu ganz verschiedenartigen
Ergebnissen. Auf der einen Seite kam es zu einer bop-beeinflußten
Musik, in der, mit mehr oder minder großem Erfolg, bestimmte Merkmale
des Bebop in einen überwiegend vom Swingstil bestimmten Kontext
integriert wurden; zum anderen brachte die Auseinandersetzung weißer
Musiker mit dem schwarzen Bop etwas qualitativ Neues hervor, den Cool
Jazz." /25/
Der Cool Jazz stellt aus mehreren
Gründen eine Besonderheit innerhalb der Jazzgeschichte dar:
-
Zum ersten Mal in der
Jazzgeschichte gibt es mit dem Cool Jazz eine Richtung, die primär von
weißen Musikern initiiert und beeinflußt wurde.
-
Kein vorhergehender Jazzstil war
in einem solchen Maße intellektualisiert und um eine Fusion mit
europäischer Musik bemüht wie der Cool Jazz.
-
Das Publikum des Cool Jazz
bestand in der überwiegenden Mehrheit aus weißen Intellektuellen und
Angehörigen der oberen Mittelschicht. Diese Sozialstruktur des
Publikums ist wohl einmalig in der Jazzgeschichte.
Der Cool Jazz wurde geboren aus
einer bewußten Abkehr von stilbestimmenden Elementen des BeBop. Der
elementarste Unterschied, der sich auch programmatisch in dem Etikett
'cool' widerspiegelt, ist die Lossagung der Musik von Emotionalität und
Vitalität. Sowohl dem 'New Orleans Jazz' als auch dem BeBop waren die
Spontaneität und Agilität als stil- und formbildende Elemente zu
eigen, die die Wirkung und auch die ästhetische Qualität
mitbestimmten. Verwurzelt in einem funktionalen Zusammenhang von
Rhythmus, Bewegung und Expressivität, postuliert der BeBop die
Vitalität als ästhetische Prämisse. Der Cool Jazz, mit dem Ideal
einer vernunftbetonten, emotionslosen Wirkung, steht diesem elementaren
Anspruch des BeBop diametral entgegen.
Ich möchte zwei Gründe
anführen, die für die Entstehung, bzw. bewußte Schaffung dieses
Stils, verantwortlich sind:
-
Das Bemühen sowohl weißer als
auch schwarzer Musiker, den Jazz als eine der europäischen E-Musik
ebenbürtige Kunstform zu etablieren.
-
Die Bestrebung vieler weißer
Musiker, sich von der Emotionalität und der damit verbundenen Aura des
'Subkulturellen' des BeBop zu distanzieren.
Beide Argumente sind sicherlich
nicht spezifisch weiß oder schwarz, sondern gelten in gleichem Maße
für beide Gruppen von Musikern. Der Unterschied liegt darin, daß es
durch die latente Rassendiskriminierung, die auch in den 50er Jahren
noch lange nicht abgebaut war, nur den weißen Musikern möglich war,
den Jazz in irgendeiner Form 'salonfähig' zu machen. Schon während der
Swing-Ära hatte es einige Konzerte von sogenannten 'Jazz'-Gruppen in
etablierten Häusern des bürgerlichen Kulturbetriebes gegeben. Aber
erstens handelte es sich bei dieser Musik eben nicht um Jazz in dem
Sinne, wie ich den Begriff hier benutze, und zweitens wurde diese Musik
mehr oder weniger als exotische Beigabe zu 'ernsthafter Kunst'
betrachtet.
Erst die Auftritte und Aufnahmen
eines Dave Brubeck verschafften dem neu-kreierten Stil 'Cool Jazz' den
Durchbruch als Kunstform.
"Jazz, das war plötzlich
wieder etwas, womit man sich als Angehöriger der weißen Mittelklasse
identifizieren konnte, ohne sich gleich als Außenseiter fühlen zu
müssen. Jazz, das waren Fugen und Inventionen, also Kultur, gespielt
von gebildeten jungen Männern, die bei Dr. La Violette oder Darius
Milhaud studiert hatten, die aber swingten, und die die gleichen
Bürstenhaarschnitte trugen wie man selbst, die also nicht nur
kultiviert, sondern auch noch modern waren." /26/
Die Musik, die von den weißen
Musikern aus dem BeBop entwickelt wurde, zeichnet sich durch folgende
Punkte aus:
-
Durchkomponierte Themen, die
polyphone Strukturen über impressionistische Akkordprogressionen
bevorzugen.
-
Strenge, festgelegte Form der
Stücke, die sich oft an alte europäische Formen wie Suite, Fuge oder
Rondo anlehnen.
-
Zentrale Bedeutung der
Soloimprovisation, angelehnt an improvisiertes Komponieren des Barock.
-
Sehr verhaltene,
swing-beeinflußte Rhythmen, die von Polymetrik und häufigen
(komponierten) Taktwechseln bestimmt sind.
Diese Merkmale stellen nicht nur
eine Beschreibung des tatsächlich ausgeführten Stils dar, sondern sie
sind ein explizites Programm der Musiker. Waren die ersten Protagonisten
dieser Musikrichtung ausschließlich Weiße, so fanden sich sehr schnell
auch schwarze Musiker, die sich diese ästhetischen Prämissen zu eigen
machten. Hierbei sind zwei Gruppen zu unterscheiden: einmal diejenigen,
die in der Perfektion und Intellektualisierung der Musik die weißen
Musiker noch übertrafen ( Moder Jazz Quartet ), und zum anderen
diejenigen, die neue jazzverwandte Elemente einführten (Miles Davis).
Die erste Gruppe, allen voran das
Modern Jazz Quartett, bestand aus schwarzen Musikern der Mittelschicht,
die alle eine europäische Musikausbildung genossen hatten. Für sie
stellte diese Form der Kunstmusik eine Möglichkeit dar, ihre
instrumentale Virtuosität und geniale Musikalität auf eine Weise zu
präsentieren, die ihnen Ansehen und Anerkennung eines großen, zumeist
weißen, Publikums sicherte.
Die zweite Gruppe, die Musiker um
Miles Davis Mitte der 50er Jahre, sahen in dieser Musikrichtung eine
Möglichkeit, aus den eingefahrenen Bahnen des BeBop auszubrechen, und
Neues im Jazz zu erproben.
Für die Hauptprotagonisten dieses
Stils, die weißen Musiker, die sich von ihren Versuchen, den BeBop zu
imitieren abwandten, war der 'Cool Jazz' ein Betätigungsfeld, auf dem
sie, zumindest in der Anfangsphase, nicht nur die musikalische
Überlegenheit der Schwarzen gehemmt wurden, und auf dem sie dem
intellektuellen Anspruch der Avantgarde gerecht werden konnten.
Der Publikumserfolg in den USA
hielt sich Anfang der 50er Jahre sehr in Grenzen, jedoch feierten die
'coolen' Musiker in Europa große Triumphe. Der Grund dafür ist in der
regressiven Politik der MacCarthy-Ära, und der damit verbundenen
Verfolgung kommunistischer, subversiver und anarchistischer Elemente zu
suchen. In dieser Zeit (bis 1953) war alles, was nach intellektueller
Betätigung aussah, suspekt, und wahrscheinlich ist damit die
Zurückhaltung des Publikums gegenüber dem 'Cool Jazz' zu erklären.
Innermusikalisch ist die
Entwicklung des 'Cool Jazz' aus den Elementen des BeBop nicht zu
erklären. So läßt sich der Übergang von komplexer Harmonik mit
vielfach alterierten Akkorden zur typisch impressionistischen
Harmonieauswahl nicht sinnvoll interpretieren. Auch die Reduktion von
Polyrhythmik auf 'swingende' Polymetrik muß im Zusammenhang mit
außermusikalischen Bedingungen gesehen werden. Selten in der
Jazzgeschichte dürfte ein explizites Programm so stringent in Musik
umgesetzt worden sein, wie dies im 'Cool Jazz' der Fall war.
Die Benennung der konkreten
außermusikalischen Bedingungen oder Ereignisse, die zur Entwicklung des
'Cool Jazz' beigetragen haben, wirft einige Schwierigkeiten auf.
Politische Situation oder sozialpolitische Veränderungen scheiden als
mögliche Parameter aus, da die Bedingungen zur Zeit der MacCarthy-Ära
sicher nicht die Herausbildung eines Stils förderten, der die
'Vernunft' und das 'Intellektuelle' solchermaßen in den Vordergrund
stellt. Aber auch als Gegenreaktion auf jene restriktive politische
Situation läßt sich der 'Cool Jazz' nicht interpretieren, da sich in
seiner musikalischen Haltung eher ein Rückzug auf ästhetische Werte
als eine kämpferisch-oppositionelle Haltung manifestiert.
Das Publikum, mit seinen Wünschen
und seiner großen ökonomischen Macht, scheint mir auch nicht als
bestimmender Faktor möglich. Die anspruchsvolle musikalische Textur,
die ähnlich intensive Auseinandersetzung mit der Musik fordert wie z.B.
Klavierstücke von Bach, war für den größten Teil des Publikums zu
schwierig, als daß sie sich auf Dauer hätte durchsetzen können.
Einen Beleg für diese These
stellt der große Erfolg des 'West-Coast-Jazz' dar, der sich Mitte der
50er Jahre bildete. Er vereinigte Elemente aus dem BeBop, dem Cool Jazz
und dem Swing zu einer unbedeutenden, sehr eingängigen Musikform, die
ihren Erfolg sowohl bei der schwarzen, als auch bei der weißen
Bevölkerung hatte. Der 'West-Coast-Jazz' stellt eine mit Elementen des
'Modern Jazz' aufgeputschte Form des Swing dar, und sein kommerzieller
Erfolg machte ihn zu der beliebtesten Musikart für Werbespots.
Es bleiben zwei Möglichkeiten
übrig, die außermusikalischen Bedingungen des 'Cool Jazz' zu benennen.
Beide sind m.E. von gleicher Wichtigkeit:
1.Die permanente Konkurrenz
zwischen schwarzen und weißen Jazzmusikern.
2.Die Tatsache, daß der
bürgerliche Kulturbetrieb allen Jazzmusikern die Anerkennung als
ernstzunehmende Künstler versagte.
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