Soundclip: Double Blind (28.800/Mono)


United Jazz + Rock Ensemble

Die Neunte von United

IAN CARR Trompete - WOLFGANG DAUNER Piano -JON HISEMAN - Schlagzeug DAVE KING Bass - VOLKER KRIEGEL Gitarre - CHRISTOF LAUER Saxophon ALBERT MANGELSDORFF Posaune - ACK VAN ROOYEN Trompete BARBARA THOMPSON Saxophon - KENNY WHEELER Trompete


Mood Records, 6472


Die Keimzelle des United Jazz & Rock Ensemble war das sogenannte Elfeinhalb Ensemble, eine lose Gruppierung um den Pianisten Wolfgang Dauner, die auf Anregung des Fernsehregisseurs Werner Schretzmeier zustande kam und 1974-75 in einer sonntäglichen Fernsehsendung des Süddeutschen Rundfunks auftrat. Zum festen Kern der kleinen Bigband gehörten schon bald Albert Mangelsdorff, Jon Hiseman, Volker Kriegel und Ack van Rooyen. Als dann noch Charlie Mariano, Barbara Thompson, Ian Carr, Kenny Wheeler und Eberhard Weber hinzukamen, schlug die Stunde des United Jazz & Rock Ensembles. Kaum jemand hätte Mitte der 70er Jahre zu prophezeien gewagt, daß diese Ansammlung von ebenso hochkarätigen wie grundverschiedenen Musikerpersönlichkeiten über zwei Jahrzehnte hinweg zusammenspielen würde, und zwar mit Spaß, Solidarität und wachsendem Erfolg.

Langjährige Partnerschaften sind mittlerweile aus der Jazzszene nahezu ver- schwunden. Sie taugen offenbar immer weniger als Produktionsmodell für einen schnellen Markt. Unter diesen Umständen ist es schon ein kleines Wunder, daß das United Jazz & Rock Ensemble nun über einundzwanzig Jahre zusammenspielt. Noch viel bemerkenswerter aber ist die Tatsache, daß dieses kleine Orchester nach wie vor auf lebhafteste Publikumsresonanz stößt. Und zwar mit einer unnachahm- lichen Spezialmischung aus Jazz & Rock jenseits aller Tagesmoden, jenseits der üblichen fusion-Klischees und jenseits der zurechtgestylten Nostalgie.

Viel ist gesagt und geschrieben worden über die Qualitäten der einzelnen United-Mitglieder. Die Dame und die neun Herren gelten längst als living legends. Sie zählen zur Spitzenklasse des europäischen Jazz. Dennoch ist das United Jazz & Rock Ensemble alles andere als eine normale Allstar-Band. Zum musikalischen Profil von United -und, nicht zu vergessen, zum Erfolg dieses Ensembles - haben neben den musikalischen Qualitäten seit den Gründertagen auch die Eigenkompositionen der Bandmitglieder ganz entschieden beigetragen. Selten hat es in einer Bigband solch eine Zusammenballung von improvisatorischem und kompositorischem Talent gegeben.

Mit musikalischen Qualitäten ist das Phänomen United allerdings nicht hinreichend erklärt. Es kommt noch etwas hinzu-: nennen wir es den human factor. Das Publikum ist Zeuge eines Langzeitexperimentes, das da lautet: zehn Musiker von höchst unter- schiedlicher Herkunft, mit höchst unterschiedlichen Neigungen und von höchst unterschiedlichem Temperament versuchen gemeinsam eine Musik zu machen, die als Ganzes überzeugt und bei der sich keiner verleugnen muß. Dieser seltsame Balanceakt ist nicht ohne Reibung zu haben, nicht ohne Ungradheiten, auch nicht ohne eine gewisse Großzügigkeit. Genau hier liegt aber auch der Reiz der Sache.

Daß der musikalische Funke beim United Jazz & Rock Ensemble immer noch zündet, liegt nicht etwa daran, daß sich alle Beteiligten musikalisch so blendend verstehen. Ganz im Gegenteil: es liegt eher daran, daß die Beteiligten so grund-verschieden sind. Das macht die Sache so schwierig und so spannend zugleich. Zwischen Albert und Jon, zwischen Ack und Dave, zwischen Wolfgang und Barbara, zwischen Kenny und Volker gibt es -stilistisch gesehen- mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Solche -stilistischen!- Differenzen würden jeder normalen Band das Genick brechen. Im Falle United sorgen sie für die Reibungshitze, die das Experiment in Gang hält.

Der Sympathiebonus, den das United Jazz & Rock Ensemble beim Publikum genießt, hat sicher auch etwas zu tun mit der musikalischen Vergangenheit der einzelnen Mitglieder, oder anders gesagt: mit der Summe der musikalischen Biographien. (Und da kommt ja nun wirklich allerhand zusammen). Aber der Wert-schätzungskredit ist auch mit der Erwartung verknüpft, daß diese Band bei jedem Konzert unbedingt und hartnäckig versucht, den magischen Moment des gemein-samen Abhebens zu erreichen. So pathetisch das klingen mag, aber darum geht es ja letztlich: um die Glücksmomente; um den kollektiven Rausch des kreativen Über-muts; um die Erfahrung, daß im Aushalten von Gegensätzen die schönsten Spannungsbögen entstehen können; um das Gefühl von Solidarität trotz Andersartigkeit.

Schwer zu sagen, was im Falle United das Binnenklima so angenehm macht. Vielleicht ist es die vorsätzliche Toleranzbereitschaft, vielleicht ist es der gegenseitige Respekt, vielleicht ist es der Umstand, daß alle Beteiligten ihr Ei schon längst gelegt haben und sich gegenseitig nichts mehr beweisen müssen, vielleicht sind es auch die freundschaftlichen Verflechtungen jenseits der Musik - wer weiß, vermutlich ist es von allem etwas. In dieser merkwürdigen Kapelle jedenfalls führt sich keiner auf, weit und breit ist nichts zu spüren von den üblichen Profilneurosen, von Konkurrenzgerangel oder Machtkämpfchen. Ein seltener Glücksfall von prima Klima.