Die Keimzelle
des United Jazz & Rock Ensemble war das
sogenannte Elfeinhalb Ensemble, eine lose
Gruppierung um den Pianisten Wolfgang Dauner, die
auf Anregung des Fernsehregisseurs Werner
Schretzmeier zustande kam und 1974-75 in einer
sonntäglichen Fernsehsendung des Süddeutschen
Rundfunks auftrat. Zum festen Kern der kleinen
Bigband gehörten schon bald Albert Mangelsdorff,
Jon Hiseman, Volker Kriegel und Ack van Rooyen.
Als dann noch Charlie Mariano, Barbara Thompson,
Ian Carr, Kenny Wheeler und Eberhard Weber
hinzukamen, schlug die Stunde des United Jazz
& Rock Ensembles. Kaum jemand hätte Mitte
der 70er Jahre zu prophezeien gewagt, daß diese
Ansammlung von ebenso hochkarätigen wie
grundverschiedenen Musikerpersönlichkeiten über
zwei Jahrzehnte hinweg zusammenspielen würde,
und zwar mit Spaß, Solidarität und wachsendem
Erfolg.Langjährige
Partnerschaften sind mittlerweile aus der
Jazzszene nahezu ver- schwunden. Sie taugen
offenbar immer weniger als Produktionsmodell für
einen schnellen Markt. Unter diesen Umständen
ist es schon ein kleines Wunder, daß das United
Jazz & Rock Ensemble nun über einundzwanzig
Jahre zusammenspielt. Noch viel bemerkenswerter
aber ist die Tatsache, daß dieses kleine
Orchester nach wie vor auf lebhafteste
Publikumsresonanz stößt. Und zwar mit einer
unnachahm- lichen Spezialmischung aus Jazz &
Rock jenseits aller Tagesmoden, jenseits der
üblichen fusion-Klischees und jenseits
der zurechtgestylten Nostalgie.
Viel ist gesagt und
geschrieben worden über die Qualitäten der
einzelnen United-Mitglieder. Die Dame und die
neun Herren gelten längst als living legends.
Sie zählen zur Spitzenklasse des europäischen
Jazz. Dennoch ist das United Jazz & Rock
Ensemble alles andere als eine normale
Allstar-Band. Zum musikalischen Profil von United
-und, nicht zu vergessen, zum Erfolg dieses
Ensembles - haben neben den musikalischen
Qualitäten seit den Gründertagen auch die
Eigenkompositionen der Bandmitglieder ganz
entschieden beigetragen. Selten hat es in einer
Bigband solch eine Zusammenballung von
improvisatorischem und kompositorischem Talent
gegeben.
Mit musikalischen
Qualitäten ist das Phänomen United allerdings
nicht hinreichend erklärt. Es kommt noch etwas
hinzu-: nennen wir es den human factor.
Das Publikum ist Zeuge eines
Langzeitexperimentes, das da lautet: zehn Musiker
von höchst unter- schiedlicher Herkunft, mit
höchst unterschiedlichen Neigungen und von
höchst unterschiedlichem Temperament versuchen
gemeinsam eine Musik zu machen, die als Ganzes
überzeugt und bei der sich keiner verleugnen
muß. Dieser seltsame Balanceakt ist nicht ohne
Reibung zu haben, nicht ohne Ungradheiten, auch
nicht ohne eine gewisse Großzügigkeit. Genau
hier liegt aber auch der Reiz der Sache.
Daß der
musikalische Funke beim United Jazz & Rock
Ensemble immer noch zündet, liegt nicht etwa
daran, daß sich alle Beteiligten musikalisch so
blendend verstehen. Ganz im Gegenteil: es liegt
eher daran, daß die Beteiligten so
grund-verschieden sind. Das macht die Sache so
schwierig und so spannend zugleich. Zwischen
Albert und Jon, zwischen Ack und Dave, zwischen
Wolfgang und Barbara, zwischen Kenny und Volker
gibt es -stilistisch gesehen- mehr Unterschiede
als Gemeinsamkeiten. Solche -stilistischen!-
Differenzen würden jeder normalen Band das
Genick brechen. Im Falle United sorgen sie für
die Reibungshitze, die das Experiment in Gang
hält.
Der Sympathiebonus,
den das United Jazz & Rock Ensemble beim
Publikum genießt, hat sicher auch etwas zu tun
mit der musikalischen Vergangenheit der einzelnen
Mitglieder, oder anders gesagt: mit der Summe der
musikalischen Biographien. (Und da kommt ja nun
wirklich allerhand zusammen). Aber der
Wert-schätzungskredit ist auch mit der Erwartung
verknüpft, daß diese Band bei jedem Konzert
unbedingt und hartnäckig versucht, den magischen
Moment des gemein-samen Abhebens zu erreichen. So
pathetisch das klingen mag, aber darum geht es ja
letztlich: um die Glücksmomente; um den
kollektiven Rausch des kreativen Über-muts; um
die Erfahrung, daß im Aushalten von Gegensätzen
die schönsten Spannungsbögen entstehen können;
um das Gefühl von Solidarität trotz
Andersartigkeit.
Schwer zu sagen, was
im Falle United das Binnenklima so angenehm
macht. Vielleicht ist es die vorsätzliche
Toleranzbereitschaft, vielleicht ist es der
gegenseitige Respekt, vielleicht ist es der
Umstand, daß alle Beteiligten ihr Ei schon
längst gelegt haben und sich gegenseitig nichts
mehr beweisen müssen, vielleicht sind es auch
die freundschaftlichen Verflechtungen jenseits
der Musik - wer weiß, vermutlich ist es von
allem etwas. In dieser merkwürdigen Kapelle
jedenfalls führt sich keiner auf, weit und breit
ist nichts zu spüren von den üblichen
Profilneurosen, von Konkurrenzgerangel oder
Machtkämpfchen. Ein seltener Glücksfall von
prima Klima.
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