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„Die
Welt ist doch noch nicht verloren, wenn Menschen auf solch leise und
fein gesponnene Musik so begeistert reagieren, sagt ein Zuhörer nach
dem Konzert des südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim. Doch
der inzwischen 74-Jährige macht es dem Publikum leicht, sich von der
sanften Musik gefangen nehmen zu lassen. Er bricht mit keinen
Hörgewohnheiten, verlockt vielmehr mit einer raffinierten Verbindung
scheinbar schlichter folkloristischer Liedhaftigkeit, hymnischer
Melodik und hypnotischer Kraft ostinater Linien. Abdullah Ibrahim
schöpft in seinen Akkordgriffen und Single-Note-Läufen ebenso aus
der Tradition amerikanischer Spirituals wie europäischer Romantik,
lockert dieses Spiel mit Monk`scher Sperrigkeit, mit Verzögerungen
und Taktverschleppungen auf und unterlegt es mit der Rhythmik des
Jazz – wobei ihn Bassist Belden Bullock und Schlagzeuger George Gray
sanft, sensibel und einfühlsam begleiten. So
beginnt auch das Konzert im Rüsselsheimer Theater auf Einladung des
Rheingau Musikfestivals und der örtlichen „Jazzfabrik“ mit
hingetupften Ketten aus Einzelnoten, sanfter Besenarbeit auf den
Becken sowie im rein akustischen Trio kaum hörbaren Akkordläufen auf
dem Kontrabass. Erst in den Soli kommt der Zuhörer in den Genuss der
vielfarbigen Harmonievariationen, mit denen Bullock sich an das
Pianospiel anschmiegt und es verziert. Mir Gray spielte Ibrahim seit
vielen Jahren zusammen, was die traumhaft sicheren Einsätze erklärt,
mit denen der Schlagzeuger nach einem meditativen Alleingang des
Pianisten plötzlich die Musik vehement zum Swingen bringt. Die
beiden Begleiter runden die dominanten Solimprovisationen Abdullah
Ibrahims ab, sie fordern ihn nicht, bieten keine Reibungsflächen,
die auch äußerlich spürbare Spannungen erzeugen könnten. Dass die
Musik des Trios dennoch nicht langweilt, dass der Pianist, der beim
Spiel die Zeit zu vergessen scheint, in einem Finale ohne Ende immer
wieder mit ein paar suchend hingetupften Noten zu neuen Themen
überleitet, bleibt ein Phänomen, das vor allem mit dem Charisma und
der Improvisationskunst Ibrahims zu erklären ist. Im
Verlauf des Konzertes selten eingestreute freiere Akkordschichtungen
auf dem Piano erinnern an die frühere Glut des Polit-Rebellen, der
mit seiner Musik den Widerstand in seiner Heimat stärkte und für die
Befreiung der Farbigen kämpfte. Inzwischen hat sich der 74-Jährige
zum Hohepriester der Versöhnung gewandelt, der seine Musik wie ein
Gottesdienst zelebriert. So pendelt er zwischen lyrischer Versenkung
und gezielt eingesetzten expressiven Parts. In Rüsselsheim verging
nahezu eine halbe Stunde bis der Pianist erstmalig wuchtige Akkorde
in die Tasten hämmerte, um später wieder zu verspielten Notenlinien
zurückzukehren. In der Ruhe Ibrahims lauert stets eine immanente Energie. In den Improvisationen scheint er ständig auf der Suche, tastend nach neuen Klangfarben. Nahtlos schreitet Ibrahim von einer Komposition zur nächsten, reiht so eine Improvisationskette auf, in der die vertrauten Kompositionen als ausführliche Zitate zu erkennen sind. Das Publikum ist fasziniert, feiert die Musiker stehend mit anhaltendem Applaus und fordert mit Erfolg eine Zugabe, mit der das Konzert dann fast drei Stunden dauert. Der Musiker fordert Geduld von den Fans und belohnt sie reichlich. |
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Text &
Photographie Klaus
Muempfer im Juli 2008 |