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Joachim
Kühn schwelgt in rasenden Läufen mit bisweilen überfallartig
herausgeschleuderten Motiven des Themas. Dann dämpft er mit der
rechten Hand die Bass-Saiten im voluminös klingenden
Bechstein-Flügel ab und schlägt mit der linken ein paar Akkorde an.
Bass-Akkorde greift auch Abou Rabih-Khalil auf dem Oud, der
arabischen Knickhals-Laute. Hart reißt er die Saiten mit dem
Federkiel an. Dazu schlägt Jarrod Cagwin auf der Rahmentrommel ein
ostinates Rhythmusfundament.
Inzwischen ist Kühn bei sich wiederholenden Melodiefragmenten
gelandet, baut mit Abou-Khalil weite Spannungsbögen. „Shrewed Woman“
nennt der in München heimisch gewordene Libanese seine Komposition,
in der sich wie in allen Stücken dieses bemerkenswerten Konzertes
arabische Skalen und verzweigte Polyrhythmen mit europäischer
Romantik und metrumfrei pulsierenden freiem Jazz verbinden. Es ist
die Begegnung des Instruments einer Folklore, die keine Akkorde
kennt, mit einem akkordischen und temperierten Instrument der
westlichen Tradition.
Das Trio steigert nach Soli auf Flügel und Laute Intensität und Dynamik in den Improvisationen, um dann zum Thema zurückzukehren. Ganz anders ist „White widow“ angelegt: mit einer rasenden Intro, in der Kühn aus dem Vollem schöpft, Akkorde aufschichtet und Single-Note-Trauben greift, die er mit karategleichen Handkanten-Clustern abschließt. Abou-Khalil lässt die Finger über die Saiten schrammen, die glissandohaft jaulen. Wie ein Gewitter mit Donner treibt Cagwin auf seinen Trommeln die Mitmusiker vor sich her. In „Yakhbeire John“ pendelt Kühn nach einer getragenen Einleitung im Solo auf dem Altsaxophon mit expressiven Stakkati zwischen Hardbop und Free, lässt Abou-Khalil den Oud in schnellen Läufen förmlich explodieren. Der ständige Wechsel zwischen trügerisch sanften Passagen und abrupten harten Ausbrüchen kennzeichnet nahezu alle Stücke des Trios - ebenso wie die Mischung aus exotischen Stimmungen, europäischer Klassik und neuem Jazz. In dieser Gratwanderung aus Notation und Improvisation verliert keiner der Musik seine Identität und verschmilzt dennoch musikalisch mit seinen Partnern.
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Text &
Photographie Klaus
Muempfer, April 2006 |