|
Sakrale
Klänge füllen den hohen Kirchenraum, bevor die Organistin zu
schnellen Melodieläufen wechselt und mit den Füßen für die
Bassgrundierung sorgt. Nach einem abrupten Dynamiksprung
erklingt das Instrument mit vollem Volumen und ein kleines Lächeln
umspielt die Lippen der Künstlerin, die mit geschlossenen Augen
flinkfingrig in die Tasten greift. Vor der riesigen Link-Orgel
der Wormser Lutherkirche mit ihren 50 Registern und nahezu 1700
Pfeifen wirkt die hoch gewachsene und dennoch zierliche Barbara
Dennerlein fast verloren. Doch schon nach der sakral klingenden
Intro fängt das Instrument mit einer Leichtigkeit zu grooven
und zu swingen an, die der Zuhörer diesem Ungetüm nie
zugetraut hätte. In lang gezogenen Intensitätswellen kostet
die Münchnerin die Klangfülle aus, die sich ihr bietet.
„Downtown New York“ assoziiert die Stimmungen einer
brodelnden Metropole, die Dennerlein mit schnellen Läufen,
harten Unterarm-Clustern und Bässen unterstreicht.
Eines der mitreißendsten Stücke dieses
Konzertes – wie auch der Orgel-CD „Spiritual Movement
No.1“ - ist ihre Komposition „Holy Blues“ mit ausladenden
Basslinien und aufrührerischen Glissandi. Kurze
Melodiefragmente werden von Harmonievariationen begleitet und
jeweils mit einem Cluster abgeschlossen. Das Stück beginnt
intensiv zu grooven. Auf den Pedalen der Kirchenorgel hat
Dennerlein eine Technik entwickelt, die der Bass-Simulation
ihrer Hammond-B3 entspricht und die ein rhythmisches Fundament
setzt, wie es sonst der Kontrabass kann. Die Organistin spielt
die Melodielinien über ostinaten Akkorden, dann mit er rechten
Hand Harmoniefortschreitungen über den Bassfiguren der linken.
Das klingt wie ein Aufschrei. Diese Orgel hat den Blues!
Der
Klang des Instruments in der leeren Kirche sei angenehm, hat
Barbara Dennerlein beim Probespiel am Tag vor dem Konzert
festgestellt. Im gefüllten Raum klangen die Bässe und die
tiefen Mittellagen wie in der Einleitung der
Rolling-Stones-Nummer „Satisfaction“ fast ein wenig zu weich
und zu wenig konturiert. Das änderte sich, wenn die Organistin
mit voller Power aufspielte und die Sounds das leicht hallige
hohe Schiff zu füllen schienen.
„Waltzing Pipes“ und „Spiritual
Movement“ belegen ebenso wie die Interpretationen von Neal
Heftis „Lil` Darling“ oder Fast Wallers “Ain´t
misbehavin“ – jene fröhlich-traurige Stride-Melodie - ,dass
die Jazz-Organistin längst ihren eigenen und unverwechselbaren
Stil gefunden hat. Sie swingt unnachahmlich, setzt stark auf
Grooves, liebt unterschiedliche Stimmungen sowie die Wechsel
zwischen Klangfarbenmalereien und Melodielinien – und sie
fasziniert mit unübertroffener drivender Fußarbeit. Sie baut
wie in „Satisfaction“ lange Spannungsbögen mit Volumina und
Intensitätssteigerungen auf, um sie dann abrupt aufzulösen. In
dieser tänzerischen Leichtfüßigkeit, diesen Wechseln von
Rhythmen, Metren, Dynamik, Intensität und Klangfarben klingen
selbst ehrwürdige Standards frisch und vital.
Zwischen den Stücken erweist sich die Münchnerin
als charmante Moderatorin, die die Kompositionen erläutert und
über ihre Kindheit plaudert. Das Publikum in der gut gefüllten
großen Kirche kann auf einer Leinwand das Spiel Barbara
Dennerleins auf der Orgelempore auch optisch verfolgen, zeigt
sich von den akustischen Genüssen begeistert und spendet ihr
rauschenden Beifall. |