
Mit Ida Cox, einer der Legenden des klassischen Blues, ist sich
die Sängerin Gaye Adegbalola einig: „Wild women don´t have the
Blues“. Und so wirbelt die „Shouterin“ in der Barrelhouse Jazz
Gala 2010 über die Bühne der Nieder-Olmer Ludwig-Eckes-Halle und
singt sich den Blues aus der Seele. „Eine ältere Dame in
Baumwolle“ bezeichnet sie sich einmal während der Show, doch
diese Alterseinstufung nimmt das begeisterte Publikum der
66-jährigen, temperamentvollen Künstlerin nicht ab. Auf sie
passt schon eher der Memphis-Minnie-Song „Nothing in rambling“
über das Herumtreiben in Gassen und Kneipen. Gaye Adegbalola
verfügt über eine kraftvolle ausdrucksstarke sowie leicht raue
Stimme, deren Wirkung sie mit einer gut inszenierten
Bühnenpräsenz verstärkt. Ihre Repertoire reicht vom archaischen
Blues eines John Lee Hooker, dessen Song sie auf der Gitarre
interpretiert bis zu Big Mama Thorntons „You ain´t nothing but a
hound dog“, ein Song den Elvis Presley weltbekannt gemacht hat.
In Nieder-Olm wird die Sängerin von ihrem langjährigen Begleiter
Roddy Barnes, einem talentierten Blues- und Boogie-Pianisten,
unterstützt. Er setzt den Klavierkontrapunkt zu der mächtigen
Stimme, die Wehmut und Resination mit Stolz und Trotz verknüpft.
Als Adegbalola im Finale mit allen Musikern des Abends zur
Blues-Harp, der Mundharmonika, greift, wünscht man sich, davon
mehr gehört zu haben.

Drei exzellente Bläser hat die Frankfurter Barrelhouse Jazzband
für die Tournee aus Amerika eingeladen: den Altsaxophonisten
Jesse Jones jr., ein Künstler, der aus dem beseelten
Memphis-Soul schöpft und ihn mit funky sowie rockenden Riffs und
Rhythmen würzt. Parodistisch setzte er in „On the sunny side of
the street“ Armstrong-Rauigkeit gegen Kleinkinder-Piepsen und
rechtfertig seinen Ruf als „Father of Scat Hop“. Matt Perrine
bläst sein riesiges Sousaphon mit einer geschmeidigen
Leichtigkeit, flüssig und groovy sowie der harmonischen
Kreativität, die aus sowohl seinen Erfahrungen im modernen
Jazztrio mit dem Kollegen Jon Sass und der Schweizer
Sängerin-Performerin Erika Stucky, aber auch dem New-Orleans
Shuffle entspringt. Dritter im Bunde ist der Trompeter Floyd
Barney, ein Spezialist für High-Note-Lagen, die er mit
strahlendem und gleißendem Ton bewältigt.
Den Klassiker „Body and Soul“ haben Musiker wie Louis Armstrong,
John Coltrane oder Coleman Hawkins auf jeweils ihre Weise ganz
unterschiedlich interpretiert. Perrine, Jones und Barney haben
nun mit der getragenen Sousaphon-Einleitung, dem soulträchtigen
Saxophon und der warm klingenden Trompete, aber auch dem
filigranen Gitarrensolo und den sensiblen Piano-Läufen der
Barrelhouse-Musiker Roman Klöcker und Christoph Sänger ihre
eigenständige Version zur Song-Historie beigetragen.
Duke Ellingtons „Perdido“ darf in diesem gut
dreieinhalbstündigen Konzert nicht fehlen, das die Barrelhouse
ja vor allem dem Duke des Jazz gewidmet hat. Die Frankfurter
Band gewinnt mit ihrem neuen Pianisten Sänger, der sich, obwohl
im moderneren Jazz zuhause, dank seiner Stilsicherheit
vorzüglich in die zeitgenössisch inspirierte
New-Orleans-Spielweise der Frankfurter einfügt. Er „führt“ die
Musiker mit sparsamen Akkordeinwürfen und brilliert in den Soli
mit perlenden Melodielinien. Die Barrelhouse Jazzband trifft die
Ellingtonia-Moods stilsicher - ob nun in „Drop me off in Harlem“
oder in einem längeren Ellington Medley mit mehrstimmigen
Bläsersätzen. Frank Selten mit diversen Saxophonen, Horst
Schwarz mit Posaune und Trompete, Reimer von Essen mit
Altsaxophon und Klarinette blasen ihre Instrumente gleichermaßen
virtuos in sonoren Balladen wie in expressiven
Up-Tempo-Passagen, Bassist Cliff Soden lässt den Bass „straight
marschieren“ und Schlagzeuger Michael Ehret trommelt flexibel
angepasst. Die Fans in der ausverkauften Eckes-Halle feiern die
Künstler mit stehenden Ovationen und frenetischem Beifall.