
Diese Stimme ergreift und rührt an. Eine enorme emotionale Kraft
geht von ihr aus, wenn Brenda Boykin den Spiritual „Oh what a
friend, Jesus“ anstimmt – voluminös und tragend in der weiten Runde
der ausverkauften Nieder-Olmer Eckes-Halle, kraftvoll den Ton
unglaublich lange haltend und voller Inbrunst, so wie die farbige
Sängerin es in ihrer heimatlichen Baptisten-Gemeinde in Nord-Oakland
von Kind auf zelebriert hat. Der Star-Gast der Frankfurter
Barrelhouse Jazzband fasziniert aber auch, wenn sie lasziv das
balladeske „Mood Indigo“ aus der Feder von Duke Ellington ins
Mikrophon haucht oder auf „dem Grat von Rockn´Roll und Jazz“
wandelt, zu dem ostinat marschierenden Kontrabass von Cliff Soden
und den durchlaufenden Swing-Rhythmen des Schlagzeugers Michael
Ehret bei „Crazy little mama“ singt, scattet oder den Kansas City
Blues shoutet.
Wo wäre heute der frühe Jazz, wenn die Barrelhouse Jazzband mit
ihrem rührigen Leiter Reimer von Essen ihn nicht pflegen und
weiterentwickeln würde. Er verstaubte möglicherweise in Archiven,
statt mehrere hundert Fans aus gesamten Region in eine Festhalle im
Mainzer Umland zu locken. Neben der erfrischenden und kreativen
Präsentation des traditionellen Jazz unter dem Motto „Another night
in New Orleans“ sind Konzerte der Band immer auch pädagogisch
wertvoll. Der Klarinettist und Saxophonist von Essen erzählt
charmant von James P. Johnson, der „Old Fashioned Love“ komponierte
und von Josephine Baker, die in dem zughörigen Broadway-Musical im
legendären Bananenröckchen tanzte.
Die Barrelhouse leitet die
Komposition mit einem reizvollen mehrstimmigen Bläsersatz ein. Sie
ehrt Jelly Roll Morton, der von sich behauptet, der Erfinder des
Jazz zu sein, mit „The New Orleans Joys“ aus dem Jahr 1905, in der
Morton kreolische Rhythmen mit dem Blues und dem Jazz-Beat
verbindet.
Markenzeichen der Jazz-Galas ist seit vielen Jahren der Auftritt von
Gästen aus New Yorks Harlem oder New-Orleans. Dieses Mal sind es der
Saxophonist Roderick Palin, der Posaunist Rick Trolsen und der
Trompeter Charlie Fardella. Trolsen spielt seine Posaune kraftvoll
und sonor, dabei aber so diszipliniert, dass er auch ein Solo mit
perlenden Single-Note-Ketten des Gitarristen Roman Klöcker begleiten
kann, Paulin bläst sein Saxophon warm und soulig, animiert das
Publikum in einem Calypso zum Mitsingen. Fardella erweist sich als
ein routinierter High-Note-Spezialist und reißt das Publikum in
„Back home to Indiana“ mit einer Armstrong-adäquaten Vokal-Einlage
mit.
Bluesgerecht färbt die Pianistin und Sängerin Eden Brent aus dem
Mississippi-Delta als Solistin zum Beginn des zweiten Teiles in
diesem dreistündigen Konzert ihre Stimme verrucht bis ordinär,
hämmert den Blues und Boogie mit hartem Anschlag in die Tasten.
Jazz-Blues-Gospel, Pop und Boogie fließen in ihren temperamentvollen
Songs zusammen.
Dass zum Finale alle Künstler gemeinsam dem Jazz und dem einladenden Jazzclub Rheinhessen mit Tutti und Soli huldigen, hat ebenso Tradition, wie das Lob, das Moderator und Tournee-Leiter Dieter Nentwig dem rührigen Club spendet, der im kommenden Jahr 25-jähriges Bestehen feiert.