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Kontrastierend
steht das gleißende High-Note-Stakkato auf Randy Breckers Trompete
zu dem elegant swingenden Spiel des Trios um den Pianisten Niels Lan
Doky. In den Balladen wiederum schmiegt sich das warm und rund
klingende Solo auf dem Flügelhorn sensibel in den Gruppensound. Das
Konzert mit Randy Brecker und dem Niels Lan Doky Trio ist zweifellos
einer der musikalischen Höhepunkte des Drei-Tage-Festivals „Bingen
swingt 2007“. Ein weiteres Glanzlicht setzt der Tenorsaxophonist
Benny Golson im Jazztett des Münchner Trompeters Claus Reichstaller
auch wenn derinzwischen 82-jährige zunächst mit dem altbekannten
„Sweet Georgia Brown“ auf die Bühne stürmt.
Im weiteren Verlauf rechtfertigt Golson seinen Ruf als der große
Lyriker des Bebop. Sein sonores und fließendes, zuweilen auch
expressives Spiel steht vor allem im zweistimmigen Duo in reizvollem
Gegensatz zu den strahlenden, stählernen Linien des Trompeters in
den hohen Lagen. Faszinierend sind die rasenden Läufe des Pianisten
Kirk Lightssey mit den unerwarteten Sperrigkeiten, bestechend wie
später im Brecker-Konzert die gitarrenähnlichen Linien des Bassisten
Mads Vinding mit den wechselnden Tempi und überraschenden
harmonischen Verzierungen.
Das aufregendste Erlebnis des Festivals bereitet indessen den
Besuchern der Saxophonist Ekkehard Jost mit seinem Projekt „Cantos
de Libertad“, in dem er die Musik dses spanischen Bürgerkrieges in
zeitgenössischen Jazz mit frei pulsierenden Metren und
Mehrstimmigkeit der Bläser-Frontline transponiert ohne jedoch die
folkloristischen Ursprünge aus den Augen zu verlieren. Auch hier ein
aufwühlender Kontrast - dieses Mal zu der spanischen Gitarre von
Gerd Stein und dem Gesang von Marta de la Vega.
Aus
dem riesigen Angebot des Binger Festivals mit immerhin 30 Bands auf
den sieben Bühnen der Stadt kann der Besucher je nach Vorlieben nur
wenige herauspicken. Da beweisen die Big Band 81 aus dem
holländischen Venlo mit packenden Tutti hinter dem kraftvollen und
mitreißenden Gesang von William Wulmsen, Angelien Stroeken und Ank
Bindels sowie das Stitching Dutch Palladium Orchestra, das zeigt,
wie humorvoll Bigband-Arrangements sein können. Auf einer anderen
Bühne stellt die Sängerin Nicole Metzger mal sanft kokettierend, mal
gewagt phrasierend zu den flirrenden und zugleich filigranen Linien
des Gitarristen Wesley G. ihre neue CD vor. Zwei weitere talentierte
Sängerinnen kehren aus der Ferne in die Heimatstadt Bingen zurück:
Julia Oschewsky interpretiert Standards mit bestechender
Phrasierung, aber in neuer Fassung, Sarah Lipfert kommt mit ihrer
Ballroom Gruppe.
Swingend mit sanften und verspielten Balladen sowie mit straight
marschierenden schnellen Läufe besticht das Quartett mit dem
Gitarristen John Paiva, dem Pianisten Jan Eschke, dem Bassisten
Thomas Stabenow sowie dem Saxophonisten Bob Rüderl. Spontan findet
sich ein exzellentes Trio mit dem Saxoponisten Hans Rück , Heiner
Franz und Jürgen Schwab zusammen, in dem sich in komplexen
Parker-Kompositionen wie in Jobim-Bossas die beiden Gitarristen
souverän in Melodieführung und Rhythmus abwechseln, während Rück
sein Altsaxophon lyrisch singen lässt. Zwischen moderner Tradition
und freier Entfaltung bewegen sich die Improvisationen des
Saxophonisten Gerd Dudek, teilweise in Mehrstimmigkeit auf dem
Sopransaxophon sowie in Begleitung so exzellenter Musiker wie dem
Drummer Tony Levin, dem Bassisten Chris Laurence und dem Gitarristen
John Parricelli. Auf einer anderen Bühne faszinieren der Pianist
Otto Wolters mit perlenden Läufen, zarten Bass-Solo-Linien Gunnar
Plümers und einem melodischen, aber treibenden Schlagzeug von
Michael Küttner.
„Es
ist toll, dass Balladen so gut ankommen“, freut sich der Sänger
Peter Fessler, als das Publikum mehrere Zugaben erzwingt. Gefühlvoll
hat Fessler gerade das legendäre „My Foolish heart“ sowie swingende
Standards mit seiner über Oktaven reichenden Stimme interpretiert,
um dann im intimen Duo mit dem Pianisten Vladyslaw Sendecki mit „Not
like this“ den Auftaktabend des
Festivals zu beschließen. Zuvor stellte die NDR-Bigband unter der
Leitung von Dieter Glawischnig mit voller Wucht und krachender
Präzision ihre grandiosen Mitglieder in Soli vor.
Beim Heimspiel beweist Losin Groove, die Bigband des Binger Stefan
George Gymnasiums, zu welchen Leistungen junge Musiker fähig sind,
wenn auch bei der Mammutbesetzung Patzer in der Satzarbeit und beim
Timing nicht ausbleiben können. Professionallem Anspruch genügen die
acht Schüler- und Jugend-Bigband, die gestern zur bundesweiten
Endausscheidung des Skoda-Jazzpreise angetreten sind. Die Big Band
des Gymnasiums Berenbostel machte schließlich das Rennen um den
Skoda Jazzpreis der Schulorchester. Bei den Jugend-Big-Bands setzten
sich „The Foobirds“ aus Kulmbach durch. Die Jugendlichen
beeindruckten die Jury offensichtlich mit einer Eigenkomposition
„Fight of the foobirds“ – ein Stück, das Ragtime-Läufe auf dem Piano
mit schrägen und freien Tutti des Orchesters auf souveräne Weise
verschmolz, das expressive, rockende Gitarrenglissandi einbettete
und in Dynamiksprüngen geradezu explodierte. Beide Bands werden mit
je einem Probenwochenende und einem Konzertauftritt mit Peter
Herbolzheimer, einem der beiden Schirmherren des inzwischen
bundesweiten Wettbewerbs belohnt. Über ein Coaching mit Till
Brönner, dem zweiten Schirmherrn, darf sich die United Bigband des
Arndt-Gymnasiums aus Berlin freuen.
Dizzy
Gillespies Geist scheint über dem Trompeter-Triumvirat Randy
Brecker, Till Brönner und Claus Reichstaller zu schweben. „A Night
in Tunesia“ mit seinen Assoziationen an arabische Skalen und der
Polyrhythmik wie auch das musikalisch verwandte „Manteca“ stehen auf
dem Plan Reichstallers, der die Leitung des „Trumpet-Summit“ für den
Abschluss des Festivals „Bingen swingt 2007“ übernommen hat. Bei der
Probe in der Abgeschlossenheit der Binger Musikschule sitzen auf der
einen Seite der Pianist Kirk Lightsey, der Bassist Mario Gonzi und
der Schlagzeuger Paulo Cardoso, ihnen gegenüber die Trompeter Till
Brönner, Randy Brecker und eben Claus Reichstaller. Brecker summt
die ersten Takte von „Arrival“, Reichstaller erläutert Ablauf und
Einsätze, Brönner hört konzentriert zu. „Let´s do first Cherokee
Sketches“, wirft Brecker ein und stimmt die Melodie an. Die drei
Trompeter fallen präzise in eine akzentuierte Intro, wechseln dann
zum mehrstimmigen Satz, bevor die Soli folgen.
Reichstaller hat zwar mit Brecker ein Clifford-Brown-Projekt
bestritten, doch in dieser Zusammensetzung haben die drei Stars
bislang noch nie gespielt. Ute Hangen, der Programmchefin des
Festivals „Bingen swingt“, hat mit dem „Trumpet-Summit“ ein in
Europa einzigartiges Konzertereignis präsentiert. „Ich weiß nicht,
was auf mich zukommt, aber ich freue mich“, versichert Till Brönner.
Reichstaller sagte spontan zu und begeisterte Brecker für die Idee
so sehr, dass dieser eigens für das Binger Konzert mit „Freefall“
eine Komposition mitbrachte, die aus einer früheren Arbeit für einen
Workshop in USA entstanden ist. „Lasst uns zunächst auf das
ursprüngliche Ding zurückgehen und das Ganze ein wenig höher
spielen“, mahnt er bei der Probe im Dachgeschoss der Schule. Das
Trio setzt daraufhin zu einem stechenden und aggressiven
Unisono-Part an, wechseln in grelle Mehrstimmigkeit und spielen
schließlich das ganze Stück einschließlich der Teile der
Rhythmusgruppe durch.
Was
in dieser intimen Runde auffällt, ist auch an späten Abend bei dem
Open-Air-Konzert vor fast 2500 Zuhörern festzustellen: Mit
geschlossenen Augen sind die Personalstile deutlich zu
unterscheiden. Claus Reichstaller wirkt selbst in Balladen auf dem
Flügelhorn stets schärfer und attackierender als seine beiden
Kollegen. Brecker kann warm wie Art Famer oder schmetternd in
gleißenden High Notes wie Freddie Hubbard improvisieren, doch seine
Läufe ähneln sich. Till Brönner ist der Kreativste in diesem Trio.
In der Ballade „You don´t know what love is“, wechselt er
exemplarisch vom sanften und runden Ton zur romantisierenden
Piano-Begleitung Kirk Lightseys zu zunehmend zupackenden und leicht
überblasenen Stakkati.
Den drei Blechbläsern steht an diesem Abend der Saxophonist Benny
Golson zur Seite, ein Lyriker des Bebop, der mit John Coltrane
musikalisch aufwuchs, dessen berühmtes „Body and Soul“ wiederum
Brecker gefühlvoll auf der Trompete interpretierte. Mit einem
humorvollen „Blues-March“ als Zugabe bedankt sich der Trumpet-Summit
bei einem begeisterten Publikum.
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