
„It´s not open to discussion anymore“, heißt es in der Anfangszeile
des Elvis Costello-Songs „Baby plays around“. Es ist auch kein
Zweifel angesagt, dass der Pianist Brad Mehldau als Künstler auf dem
Flügel vom ersten Ton an zu fesseln vermag. Ob er nun mit hymnischer
Kraft in ostinaten Melodiefragmenten weite Spannungsbögen aufbaut,
die sich in swingenden Läufen auflösen, ob er nach einigen wuchtigen
Akkordgriffen scheinbar tastend mit Singel-Notes nach Überleitungen
zu neuen Ideen für das Thema sucht, ob er nahtlos die europäische
Klassik mit dem sperrigen Jazz des Querdenkers Thelonious Monk oder
den romantischen Ausflügen Keith Jarretts verbindet, Mehldau bleibt
trotz vielfältiger Assoziationen einzigartig in der Kreativität und
unvergleichlich in Hingabe und Intensität.
Brad Mehldau windet sich vor dem Flügel, reckt sich nach hinten. Die
Hände schweben über den Tasten, als helfe dies bei der Suche nach
neuen Themenvariationen. Dann fließen die Harmonien verträumt und
lyrisch aus dem Bösendorfer. Wuchtige Akkordschichtungen in den
Bassregionen kontrastieren mit kurzen, perlenden Melodielinien und
Trillern in den Höhen. Grenadier streicht den Bass in einer
grundierenden Harmonie und Ballard lässt die Besen sanft über den
Becken kreisen. Vielleicht hätten die begeisterten Zuhörer beim
Jazzfabrik-Konzert des Bad-Mehldau-Trios im Rüsselsheimer Theater
nach diesem emotional mitreißenden, und technisch virtuosen Solo
über Costellos „Baby plays around“ mit einer von Jarrett´scher
Suggestion strotzenden Anziehungskraft im Ohr nach Hause gehen
sollen, denn nach einer solchen Demonstration musste jede noch so
gute Zugabe abfallen.
Zuvor
jedoch hatte der erst 1970 geborene Tastenkünstler den Bogen von
Monks „We see“ und Clifford Browns „Brownie speaks“ bis Twiggy
geschlagen, in einigen eigenen Kompositionen ohne Titel zwischen
Brahms und Bill Evans Brücken geschlagen, mit faszinierender
Anschlagskultur und feinen dynamischen Abstufungen brilliert. Das
Faszinosum von Brehldaus Musik besteht wohl darin, dass kein Ton
überflüssig ist oder gar banal wirkt, dass sie bei aller Ästhetik
und Beseeltheit nie den Grat zum Kitsch überschreitet.
Brad Mehldau ist kein Revolutionär. In seinen Kompositionen und
Bearbeitungen von Standards und Popsongs sucht er keine
stilistischen Erneuerungen. Er bewegt sich im swingenden
„Hauptstrom“, aus dem er hin und wieder ausbricht, dann aber mit
fast ironischer Gelassenheit und selbstbewusster
Geschmackssicherheit.
In dem Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Jeff Ballard
hat der Pianist zwei Musiker an seine Seite, die ihm die einerseits
die Bälle zuspielen und die ihm andererseits stets sensible
Begleiter sind. Wenn Grenadier in langen Linien, mit vielen
harmonischen Wendungen und Verzierungen das Thema umschreibt, dann
begnügt sich Mehldau mit kurzen Akkordeinwürfen, um später selbst
mit swingenden Läufen zurückzukommen, während der Bassist sein
Instrument „straight“ marschieren lässt. Ballard seinerseits erhält
an diesem Abend zweimal die Gelegenheit, in langen Soli zu beweisen,
dass er neben dem präzisen Timing in durchlaufenden Beats auch
polyrhyhthmische Strukturen flechten, dass er selbst im kraftvollen
Powerspiel stets flexibel und federnd bleiben kann. Bei so viel
solistischer Virtuosität konnte das traumhafte Zusammenspiel des
Trios nicht überraschen.