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Mit seiner schier grenzenlosen Technik
könne David Murray in den höchsten Lagen Töne spielen, von denen
niemand gedacht habe, dass sie überhaupt existieren, hatte sich
einst der Kritiker Martin Williams gewundert. Der amerikanische
Saxophonist springt in der Tat mit flexiblem Ton und expressiver
Kraft urplötzlich in überspitzte und überblasene High-Note-Register,
um dann wieder zu sonoren Melodielinien zurückzufinden. Gegen Ende
des zweistündigen musikalischen Non-Stop-Marathons steht der
53-Jährige auf der Backstage-Bühne des Rüsselsheimer Theaters und
lauscht verzückt dem leisen Echo seiner himmelsstürmenden Soli nach,
scheinbar abwesend und dennoch beweisen wollend, dass er noch nichts
von seiner emotionsgeladenen Virtuosität eingebüßt hat.
Das
Konzert beginnt mit „Waltz again“, einer Komposition, die Murray
seinem Vater gewidmet hat. „Die Musik muss wieder swingen“, hatte
der Tenorsaxophonist und Bassklarinettist nach einer wilden
Free-Jazz-Phase proklamiert. Swingende Passagen sind im „Black Saint
Quartet“ vor allem dem Begleit-Trio vorbehalten. Pianist Lafayette
Gilchrist, der mit einem dicken Hefter voller handgeschriebener
Notenblätter, dem „Murray PowerQuartet Book“ und Vermächtnis des
legendären Pianisten John Hicks auf die Bühne kommt, schwelgt in
langen perlenden Läufen, verziert die Soli des Bassisten Jaribu
Shahid mit sparsamen Single-Note-Trauben, kann aber auch wuchtige
Akkordblöcke schichten, wenn er die ekstatischen Tenorläufen Murrays
untermalt. Shahid begleitet eher unauffällig, nimmt in seinen
Alleingängen aber mit reizvollen harmonischen Wendungen und
Variationen gefangen und greift in „Banish“, der Titelmelodie der
gleichnamigen Filmdokumentation über die Vertreibung der Schwarzen
aus dem Süden Amerikas in den Jahren zwischen 1890 und 1930, zum
Bogen, um mit dem Kontrabass con arco über das Thema zu
improvisieren und zum flirrenden Bassklarinettensolo Murrays
überzuleiten.
In „Step down“, das der politisierende
Jazzmusiker in der Ansage satirisch Mugabe, dem Diktator aus
Simbabwe, widmet, wie später auch in einer kreolisch orientierten
Komposition, erweist sich Hamid Drake als ein
Hochgeschwindigkeits-Drummer, der über einem durchlaufenden Beat
trotz des unglaublichen Tempos auf einem melodisch gestimmten Set
äußerst differenziert trommelt.
Natürlich nutzt Murray seine explosiven Soli auf dem Tenorsaxophon,
um als Meister der Zirkularatmung, endlose und manchmal zu lange
Läufe zu zelebrieren. Auf der anderen Seite wechselt der Bandleader
– der immer wieder regulierend in das Quartettspiel eingreift – auf
der Bassklarinette zwischen knallenden Tonfolgen und sanften,
balladesken Linien von hymnischer Kraft. In manchen Phasen und
Phrasen erinnert der Saxophonist an die treibenden Stakkati wie auch
die Spiritualität John Coltranes, dem Murray schon in der
Vergangenheit viele Kompositionen gewidmet hat. In Rüsselsheim ehrte
er mit „Merry Steps“ die berühmte Coltrane-Einspielung „Giant
Steps“. Da windet er sich auf der Bühne, springt, wirft den Kopf in
den Nacken und verausgabt sich in rasenden Läufen. Auch wenn die
Mitspieler hin und wieder durch seine Unberechenbarkeit verunsichert
sind, kann das Konzert mit seiner wilden Leidenschaft mitreißen.

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