Erkan Ogur & Mikail Aslan mit dem Projekt „Das
innere Auge“
in Mainz, 26. Oktober 2011
Die Improvisationen auf den Konzertgitarren zum Beginn des
jeweiligen Sets muten wie Kompositionen aus der abendländischen
Klassik mit einem Touch Jazz an. Lediglich einige Harmonien
fügen Stimmungen orientalischer Skalen ein. Doch wenn
anschließend Erkan Ogur und Mikail Aslan zur Tempur und Saz ihre
Lieder anstimmen, dann verbinden sich der Kulturkreis des Türken
Ogur, der an der Universität Istanbul klassische Musik seiner
Heimat studierte und Aslans traditionelle Musik aus Anatolien
auf reizvolle Weise. Ogur singt mit seiner gepressten Kopfstimme
und den großen Intervallsprüngen ein Lied von der Sehnsucht aus
der Ferne nach der Mutter und der Geliebten, Der Kurde Aslan
kontrastriert ihn mit sonorer Begleitung. Getragen und
melancholisch stimmt Aslan in seiner Heimatsprache Zazaki ein
Liebeslied an, das von der Sprachlosigkeit erzählt, Gefühle der
Geliebten zu offenbaren. Zum Schuss des offiziellen Teils des
Konzertes lächelt Aslan verschmitzt, als er in „Elgajiye“ die
Liebesgeschichte von einem Jungen und seinem Dorf erzählt.
„Cesm-i Dil“, das „innere Auge“ nennen die beiden Musiker, die
beim Konzert im Frankfurter Hof von Cemil Qocgiri auf der
Langhalslaute Tembur begleitet werden, ihr Projekt, das die
verbindende Kraft der Musik über ethnische Grenzen sowie die
Gemeinschaft des Herzens offenbaren soll. Es sei dieses „innere
Auge“ der Gemeinschaft, das die Musiker auch dazu bewegte, einen
Teil des Konzerterlöses den Erdbebenopfern in der
türkisch-kurdischen Provinz um Van und Ercis zu spenden, sagt
Mikail Aslan.
Traditionell gibt es drei Arten kurdischer Musiker:
Geschichtenerzähler, Sänger und Barden. Aslan verbindet alle
drei in einer Person bei Stücken wie „Zerre mi“ oder „Ninnaye“.
Er spielt die Saz, eine Langhalslaute mit drei Saiten und dem
großen Korpus, die in der Stimmung gut zu den Liedern jener
Barden passt, die in Anatolien auch „Asik“ oder Liebende,
genannt werden. Ogur und Qocgiri zupfen und reißen die Tembur,
eine Langhalslaute mit kleinem Korpus, die je nach Spielart
metallisch und gleißend oder lyrisch sanft klingen kann.
Es sei ihm eine große Ehre und Freude mit Erkan Ogur spielen zu
dürfen, sagt Mikail Aslan zum Beginn des Konzertes, das neben
deutschen Freunden nahöstlicher Musik vor allem Kurden und
Türken gleichermaßen in den gut gefüllten Frankfurter Hof
lockte. Ogur ist ein Meister auf Tembur und Gitarre.
Faszinierend sind Klangfülle und Affekte, die er im Rahmen der
Makam-Tonleiter auf den wenigen Saiten zupft und schlägt. Sein
Spiel ist stets filigran und transparent. Wenn Ogul dann zur
Gitarre greift, während Aslan die Saz und Qocgiri die Tembur
zupft, dann wechseln Melodieführung und verzierende Begleitung
nahtlos.
Die türkischen Lieder scheinen dem Zuhörer kunstvoller als die
strophigen Gegenstücke der Kurden mit den zumeist einfachen
Melodien. Und dennoch scheint es musikalische Archetypen zu
geben, die in allen Kulturkreisen des nahen Ostens in Melodie-
und Harmoniebildung einfließen. So wecken manche Kompositionen
Assoziationen an die Musik des libanesischen Oud-Spieler Rabih
Abou-Khalil. Musik hält sich nicht an Grenzen.


Text und Photographie von Klaus Mümpfer
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