Der
Mann am Piano hat so manches mit Keith Jarrett gemeinsam. Wie er
sich windet und krümmt und in den Flügel hinein zu kriechen scheint,
wie er den Tönen und Akkorden nachspürt, suchend mit ihnen kämpft
und ihnen nachzulauschen scheint. Und doch ist der Schwede Esbjörn
Svensson ganz anders als Jarrett: So beginnt auch das Konzert von
e.s.t., dem Esbjörn Sensson Trio, in Rüsselsheim bei Thelonious
Monks „I Mean You“ mit einer Solo-Intro aus Romantizismen, leitet
mit Harmonie-Verfremdungen in ein klassisches Jazz-Trio über, bevor
unmerklich Bassist Dan Berglund die Melodieführung übernimmt, zu der
Svensson lediglich Akkordeinwürfe beisteuert. Dann steigern sich das
Kollektiv in groovenden Ostinati von lang anhaltender Intensität, in
dem der gestrichene Bass mit Elektronik flächige Sounds webt und das
Piano mit Synthesizer Glissandi-Läufe baut – um sich wieder sich in
Entspannung aufzulösen, die akustische Tonketten aus dem Piano
perlen lässt.
An diesem Abend vor der für September angesagten Tournee spielt
e.s.t. altbekannte Kompositionen wie „Dolores in the shoeland“ oder
die Ballade „Sipping on the solidground“ auch Themen aus der
angekündigten neuen CD wie „Bravery of Beggars“ und „The Beggars
blanket“. In dem gemeinsam vom Rheingau Musik Festival und der
Jazzfabrik arrangierten Konzert pendeln schnelle Kollektiv-Stücke
zwischen Swing und Free. Schlagzeuger Magnus Öström schiebt ein
differenzierendes, flexibles Drum-Solo mit rasenden Trommelwirbeln
und sanften Gong-Schlägen ein und Bassist Berglund zupft einen
harmonisch reizvollen Lauf, bevor das Trio wieder in ein
energetisches Kollektiv mündet.
Natürlich
ist das Piano von Esbjörn Svensson in vielen Stücken dominierend.
Die Harmoniebildung weist auf die klassischen europäischen Wurzeln,
die Improvisation auf die ausschweifende Phantasie Keith Jarretts
und die Rhythmik auf Drum and Bass hin. Sein Solo-Spiel bleibt auch
in komplexen Akkordschichtungen transparent, er setzt mit
kraftvollen Akkordgriffen in den Bässen Akzente, lässt kleine Motive
ständig kreisen und baut mit Ostinati lange Spannungsbögen auf, um
dann explosionsartig, mit einem abrupten Wechsel zu relaxen und die
Richtung zu ändern. Daneben gibt es aber auch Stücke, in denen das
Kollektiv als neugieriger und kreativer Soundtüftler den homogenen
Gruppenklang pflegt oder in denen sich die Mitglieder in der
Melodieführung abwechseln. So hören die begeisterten Zuhörer im
Rüsselsheimer Theater neben akustischen, klassischen Klängen
elektronische, neutönerische Soundcollagen. Fast eine Stunde hat
Markus Öström benötigt, um Trommeln und Becken mit Tonabnehmern zu
versehen, die Pedale und Klangerzeuger zu verkabeln. Doch dann kann
er das Drum-Set rasseln und rauschen, wie Donner grollen und wie
Wind heulen lassen. Der Bass klingt con arco wie Sirenengesang. Das
Piano kann in Gitarrenglissandi jaulen, im blechernen Saitenspiel
verfremdet angeschlagen werden oder reine Sinustöne erzeugen.
Esbjörn Svensson kennt keine stilistische Grenzen. Rock und Pop,
Jazz und Klassik fließen ineinander, Elektronik-Sounds wechseln sich
zwar abrupt, aber ohne kompositorischen Bruch mit Akustik-Klängen
ab. E.s.t. treibt die Musik vollen Energie voran und füllt zugleich
die Breite und Tiefe des Klangraumes aus. Im Aufbau erinnert so
manches an die Stilistiken der elektronischen Musik und doch
gefährdet all dies nicht das Fundament des Jazz. Das Konzert in
Rüsselsheim macht vielmehr deutlich, dass hier nicht mehr wie in der
Anfangszeit eine Pop-Gruppe Jazz spielt, sondern ein reines
Jazz-Trio die weit gefassten Grenzen des zeitgenössischen Jazz
auskostet. Das Publikum spendet stehend frenetisch Beifall, erzwingt
mehrere Zugaben, so dass Esbjörn Svensson, Dan Berglund und Magnus
Öström schließlich erst nach fast zwei Stunden die Bühne verlassen
können. |