
Fotos und Text: Klaus Mümpfer
Wer Jack DeJohnette zuhört, kann kaum glauben, welche Klangvielfalt der Schlagzeuger aus seinem melodiös abgestimmten Dumset mit Trommeln, Snares und Becken zaubert. Wir erinnern uns: Virtuos hält dieses klar und präzise spielende Energiebündel mit kraftvollen Schlägen den Beat stets präsent, löst ihn zugleich mit scharf akzentuierter und abgestufter Dynamik in einzelne Rhythmusfiguren auf. Fast zweieinhalb Stunden hält die neue, erst vor einem Jahr gegründete „Jack DeJohnette New Group“ das Publikum beim Konzert der Jazzfabrik auf der Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters in Atem. Dichte und komplexe, Free-Bob-Kollektive stehen neben swingenden Passagen und lyrischen Soli. Zu hören sind transparente Ausflüge mit einem DeJohnette-typischen sorgfältig abgestimmten, melodischen und differenzierten Solo sowie ein fast kinderliedhaft schlichtes Thema auf der Melodica neben einem meist äußerst expressivem Powerspiel, unter dem einmal leider der Pianist George Colligan bei einem mitreißenden Solo auf dem Flügel zu leiden hat. Dass der Drummer während des gesamten Konzertes an seiner Bass-Trommel stimmt, sei nebenbei erwähnt.

Mit morsenden Stakkati und cantablen Linien prägt der
Altsaxophonist Rudresh Mahanthappa über weite Teile den Sound
der „New Group“. Seine Klangfarben mit einem Touch fernöstlicher
Exotik paaren sich mit getragenen Linien auf der
Doppelhalsgitarre von David Fiuczynski, der lyrisch mit reichem
Vibrato zupft. An anderen Stellen reißt er schräge Glissandi aus
den Saiten und kann dann seine Vorliebe für Punk-Jazz nicht ganz
verleugnen.
Die Kompositionen lassen Musikern viel Raum für Soli und wilde
Full Band-Passagen mit anhaltenden Crescendi, die Spannung
einbüßen, weil sie sich nicht mit zwingender Konsequenz aus den
Kollektiven zu entwickeln scheinen. Hin und wieder mangelt es an
Logik und Strukturen. „One for Eric“, „Soulful Ballad“ und
„6025“ füllen das erste Set, in dem gegen Ende Colligan auf den
Keyboards Blockakkorde zum Bergen türmt, in expressiven Läufen
schwelgt, ostinate Melodiefragmente in die Tasten hämmert und
viel zu den Assoziationen an den Rock-Jazz der Siebziger Jahre
beiträgt. Da bietet das Konzert ein Deja-Vu-Erlebnis, bei dem
der Zuhörer aber eine Innovation im dialektischen Doppelsinn des
Aufhebens vermisst: Des Bewahrens der Tradition und des
Aufhebens auf eine neue Stufe.
Diese Kritik schmälert nicht die Einzelleistungen der Solisten.
Neben dem Saxophonisten Mahanthappa, der wie in „Ahmad, the
terrible“ selbst extrem schnelle Läufen immer wieder mit
heiserer Mehrstimmigkeit aufbricht und dasselbe Stück mit einer
langsamen, lyrischen und singenden Linie einleitet, ist es der
stets unauffällig, aber solide stützende Bassist Jerome Harris.
Bei einem seiner seltenen Soli in der Jamal gewidmeten
Komposition kann er seine harmonische Wandlungsfähigkeit bei
verzierten Melodielinien ausspielen, die er zudem mit Grummeln
und Gesang begleitet. Hier zeigt sich der Drummer als sensibler
Begleiter.
Pianist Colligan greift einmal zur Pocket-Trompete und bläst in
„Blue“ seine Solo-Passage klar und schön wie Chuck Mangione. Das
begeisterte Publikum wird von Jack DeJohnette mit dem „Tango
African“ als Zugabe belohnt. Ein Tango, der seine rhythmische
Brisanz aus dem vielschichtigen und virtuosen Spiel des Leaders
zieht, der im Sound mit einer reizvollen Unisono-Passage von
Saxophon, Keyboard und Gitarren überrascht.