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Eine
Soundorgie bricht über die Zuhörer im Rüsselsheimer Jazzcafé „das
Rind“ herein. Mit rasenden und rockenden Schlagzeugexplosionen
treibt Benoît Martiny den Altsaxophonisten Jasper van Damme sowie
Daniele Martini am Tenorsaxophon in expressiven Stakkati vor sich
her, während Frank Gones die Gitarre in Glissandiläufen jaulen lässt
und Kém Sandor mit dem Bass das ostinate Fundament liefert. Die
Powerband des Luxemburger Drummers webt einen ungeheuer dichten und
komplexen Soundteppich, lässt bei „Running in Circels“ das Motiv in
Coltraneschen Saxophonriffs kreisen. Ein getragener Bläsersatz ufert
zum Marschrhythmus des Drummers aus, mit Tempo- und
Dymnamiksteigerungen wird die Spannung fast unerträglich,
Tenorsaxophon-Kaskaden setzen noch eins drauf, während der E-Bass
elektronisch verfremdet aufheult – bis endlich die Erlösung in einem
abrupten Ende kommt. Diese perfekte Mischung aus Jazz und Blues, aus
kreisendem Rock, wilden Rhythmen, grellem Beat und Elektronik kennt
aber auch besinnlichere Töne, wenn zu schwebenden Klängen der
Saxophone, auf dem Kontrabass eine ziselierte Melodielinie ertönt,
die Gitarre Akkordeinsprengsel beisteuert und der Schlagzeuger einen
stupenden Beat hämmert. Beherrschend ist jedoch das Powerspiel, das
sich immer wieder Bahn bricht. Martinys Band ist die Entdeckung von
„Jazz in Progress“.
„Tiny Tribe“ entführt beim zweiten Abend des Drei-Tage-Festivals mit
den sphärischen Sounds des Geigers Jeffrey Bruinsma, des Bassisten
Jens Loh, des Gitarristen Florian Zenker sowie dem percussiven
Groove des iranischen Percussionisten Afra Mussawisade das Publikum
in exotische Klangräume. Neben den Kompositionen ihrer aktuellen CD
„Milou“ mit den teilweise elektronisch von Hall und Loops
verfremdeten, ekstatischen Violin-Improvisationen sowie dem
arabischen Touch der elfsaitigen Cittern besticht vor allem das neue
„Black Sand“: Ein verspieltes Gitarren-Intro, das sich nach einer
rockenden Percussion mit gleißenden Gitarrenglissandi sowie einem
expressiv verzerrten Violin-Part zu einem dichten und
intensitätsreichen Klanggemälde entwickelt.
Comic-gleiche
Collagen, rhythmisierte Aklamatorik sowie extreme Dynamiksprünge vom
zart melodischen Spiel hingetupfter Single Notes in „Old Dutch
Cheese Pipe“ bis bis zu den psychedelischen Klängen explodierender
Glissando-Läufe auf der Gitarre, groovender Grounds auf dem Bass und
pulsierender Metren auf dem Schlagzeug in „Low Fat Love“ oder „No
Pipy, no smokey“ reicht das Klangspektrum der Gruppe „Johnny La
Marama“ mit dem finnischen Gitarristen Kalle Kalima, dem
amerikanischen Bassisten Chris Dahlgren und dem deutschen
Schlagzeuger Eric Schäfer. Diese bis ins Neutönerische reichende
Mixtur aus Ska, Jazz, Sphärenmusik und afrikanischen Rhythmen hat in
der Tat etwas von der Begegnung eines Jimy Hendrix mit Duke
Ellington im Dadaismus.
Hart überfällt der wuchtige bigband-gleiche Bläsersatz das Publikum.
Stählerne Trompete, quirliges Altsaxophon, sonores Tenorhorn und
eine erdige Posaune blasen kraftvoll die mehrstimmige und harmonisch
leicht „schräge“ Soundattacke. Das Schlagzeug pulsiert, der E-Bass
wummert in ostinaten Figuren und das Fender-Rhodes orgelt dazu. „Oma
Heinz“, die „saarländische Nationalmannschaft des Jazz“ – wie es der
Programmgestalter der Jazzfabrik, Stephan Dudek, formuliert, hält,
was ihr Ruf verspricht. „Oszillierend zwischen den Ausdrucksformen
des modernen Jazz und Rock sowie den verschrobenen Soundscapes des
New Yorker Musikerkollektivs M-Base“ pflegt das Septett um den
Posaunisten Philipp Schug und den Pianisten Oliver Maas den
zeitgemäßen Umgang mit Arrangement und Improvisation.
Skurril wie ihre Musik sind auch die Titel der Kompositionen, die
fast ausschließlich aus der Feder Schugs stammen. „Primitiv
gestrickt“ ist reines Understatement, denn das Stücke ist vielfach
verzweigt, verschachtelt und komplex mit seinen folkloristischen
Klangfarben und dem tänzerischen Beat. Tenorsaxophonist Sven Decker
greift zur Bassklarinette und lässt die Melodielinie vom
Kontrabassisten Benjamin Garcoa Alonso harmonisch verzieren, um
später solistisch zwischen emotionaler Überblastechnik und fast
vibrationslosen aufsteigenden Läufen zu pendeln. Maas steuert auf
dem E-Piano Akkordreihen bei, während Schug im Kontrast dazu ein
klar strukturiertes Posaunensolo bläst.
„Oma Heinz“ lässt sich stilistisch nicht festlegen, geht zugleich
einem beliebig wirkenden Mischmasch aus dem Weg. Der Zuhörer wird
mit zarten Bass-Soli mit feinen harmonischen Wendungen und
ekstatischen Bebop-Ausflügen der Altsaxophonistin Katrin Scherer
ebenso konfrontiert wie mit Trompeten-Linien von John Denis Recker,
die an den frühen Miles Davis erinnern. Stets treibend ist
Schlagzeuger Daniel vor allem in Free-Passagen, die jedoch immer
wieder vom Full-Band-Arrangement aufs Thema zurückgeführt werden.
Nicht
ganz so „schräg“, aber dennoch keinesfalls weniger kreativ,
begeistert der Nauheimer Posaunist Chris mit seiner „Groove
Factory“. Im Duo mit dem Trompeter und Jazzpreisträger Thomas
Siffling (von den Söhnen Mannheims) besticht Perschke in
ausgetüftelten Klangfarbenspielen der beiden Blasinstrumente. Ob
unisono oder mehrstimmig, einander umspielend oder in
Ruf-Antwort-Konzeption, Perschke findet selbst für Standards wie den
Jazz-Hit „Take Five“ eine neue, aber adäquate Ausdrucksform. Die
funky und groovy Stücke werden durch den erdigen E-Bass von Hanns
Höhn, den mit wuchtigen Orgelsounds brillierenden Pianisten Ulf
Kleiner am Fender-Rhodes und den flexibel reagierenden Schlagzeuger
Simon Zimbardo abgerundet. Eine sphärische Intro mit hall-reichen
perlenden Pianoläufen in „Highland Ride“ wird durch ein erdiges und
zugleich melodisches Bass-Solo abgelöst. In „Peace Fugue“
kontrastieren der weiche Klang des Flügelhorns von Thomas Siffling
und der wuchtige Sound der Posaune Perschkes, der wiederum in sich
versunken und lächelnd dem diffizilen Trompetensolo Siffling in
Coltranes „Impressions“ folgt. Die fein abgestimmte Mischung aus
Jazz, Funk und Hip Hop ist eine vorzüglicher Einstieg in ein
Festival, das den Bogen von der Region bis nach Amerika spannt.
Ekstatischer
und emotionaler Free-Jazz, der aber die Tradition nicht verleugnet,
ist das Kennzeichen der „Power-Sound“ des amerikanischen
Saxophonisten Ken Vandermark. Stärker als beim zurückliegenden
Konzert von „Jazz in Progress 2005“ bestimmen beim diesjährigen
Abschlussabend die expressiven Klangexkursionen auf der elektronisch
verfremdeten Gitarre den Sound des Quartetts mit. Jeff Parker spielt
das Instrument mit allen denkbaren Effekten von Loops und Schleifen,
Echo und Verzerrung, mit knalligen Akkordfolgen und schreienden
Glissandi, während Bassist Nate McBride dieses Mal mehr in den
Hintergrund tritt. Schlagzeuger John Herndon treibt das Quartett vor
sich her - samt Vandermark mit seinen typischen rasenden Sheets, den
expressiven Stakkati, der heiseren Überblastechnik und sonoren
Zwischenspielen.
Programmgestalter Stephan A. Dudek hat „Jazz in Progress“ als
Plattform für junge und unkonventionelle Projekte, wie auch als
Spiegel für aktuelle Strömungen in den grenzüberschreitenden
Bereichen des Jazz zu Artverwandtem etabliert. Damit hat das
Drei-Tage-Festival einen künstlerisch hervorragenden Ruf in
Deutschland errungen, der der Stadt Rüsselsheim und ihrer
„Jazz-Fabrik“ einen Ausnahmestatus in der zeitgenössischen Szene
beschert.
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