|
„Urbs“
– so viel wie „Stadt“ ist der Titel der neuen CD des Norwegers Karl
Seglem, „Reik“, der altnorwegische Begriff für „im Fluss sein“,
seine vorhergehende. Beides kennzeichnet auch die Musik des
Konzertes, zu dem Seglem mit seinem Quartett ins Jazz-Café „das
Rind“ gekommen ist.
In der intimen Atmosphäre des „Rind“ wirkt das Spiel auf den
Geißbock-Hörner, der „Goat-Horns“ dank ihres Obertonreichtums im
Zusammenklang mit Hakon Hogemos Hardanger-Fiddle, dem norwegischen
Traditionsinstrument, stark emotional – ein Paradoxon, das der
„nordischen Kühle“ innewohnt. In den Hörner hauchend, schnalzend und
zischend steht Seglem auf der Bühne, lässt die Naturklänge atmen,
bevor er zum Tenorsaxophon greift und in weit geschwungenen
Melodiebögen das Instrument zum Singen bringt. Klare und
transparente Linien, die vom gestrichenen Kontrabass gestützt und
durch ostinate kurze Akkordfiguren auf der Violine unterstrichen
werden. Auf „Salmen“ folgt „Marbla“, sonore Saxophon-Läufe ziehen
ohrwurmgleich ins Gehör, während Gitarrist Olav Torget auf der
Maultrommel gemeinsam mit dem sanft agierenden Percussionisten Helge
Norbakken den Rhythmus vorgibt und Gjermund Silset den Kontrabass
straight marschieren lässt. Die Musik ist tänzerisch beschwingt im
Fluss wie bei dem sanften Walzer „Nye Sva“, zu dem Torget auf der
Konting erdig trockene Akkordfolgen aus den Saiten zupft und im
Zusammenklang mit der Fiddle Assoziationen zur gälischen Folklore
weckt, die in den Klangfarben und Rhythmen vieles mit der
norwegischen Volksmusik gemeinsam hat.
Für den städtischen Part stehen neue Kompositionen wie „Rorsletre“
mit komplexen Klangbildern, die geprägt sind durch jaulende
Glissando-Läufe auf der elektrischen Gitarre und den groovenden
E-Bass, abrupte Wechsel zwischen energetischem und zartlyrischem
Spiel sowie einem überraschend sanften Finale. Jazziger als die
früheren Kompositionen ist auch „Rudlande“ ein Rundtanz mit einem
bebop-orientierten Saxophon- sowie einem coolen Gitarren-Solo über
einem elektronischen Soundteppich. Norbakken schließlich
streicht
und klopft auf seinem exotischen Instrumentarium von indischen
Trommeln über Autofelgen mit Steeldrum-Effekten bis zu kleinen
Glöckchen und Becken ein langes Solo mit extremen Dynamikspüngen.
Bei Karl Seglem verbinden sich auf faszinierende Weise die
akustische Tradition mit Innovation, die natürliche Klangvielfalt
mit den Soundverfremdungen der Elektronik. Vielfach unterreichen
Hall-Effekte die hymnisch aufgewerteten schlichten Melodien, Gesang
wird über Synthesizer eingespielt, der E-Bass donnert über
Magnetabnehmer. Seglem gelingt es, zeitgenössische Elektronik
nahtlos in seinen folkbetonten Jazz zu integrieren. Die archaisch
anmutenden Klangformen auf Saxophon und Hörner kontrastieren
reizvoll aufregend zu den künstlichen Soundteppichen. So hat der
Norweger eine eigene Sprache entwickelt, die erdiger und
bodenständiger wirkt als etwa die Musik von Jan Garbarek. Mystisch
und meditativ, aber auch kraftvoll und energetisch – ein Wikinger
der Moderne? |