
Wie man diese Musik nennt ist eigentliche völlig egal. Stilistisch
ist sie jedenfalls nicht einzuordnen. Und das ist gut so. Da haben
drei Musiker aus unterschiedlichen Kulturkreisen ihre Vorlieben
zusammengetragen und unbekümmert durcheinandergewirbelt. Rap und
Raggae, Folk und eine Spur Klassik auf dem Kontrabass, Punk und
Funk, Noise und No-Jazz, Pop und Hip-Hop, Rock und Urban-Blues.
„avant garage jazz“ nennt das Trio „Johnny La Marama“ selbst seine
Kreation. Frech zitieren der finnische Gitarrist Kalle Kalima, der
amerikanische Bassist Chris Dahlgren und der deutsche Schlagzeuger
Eric Schaefer wie in „Billy Pilgrim“ aus Jazz-Standards und Songs.
„Ab jetzt ist alles Blues“, resümieren sie gegen Ende des Konzerts
ironisch.
Westernhelden wie der fiktive „Johnny La Marama“ sind die drei in
Berlin lebenden Musiker nicht – auch wenn ein Plakat dies
einflüstern möchte. Rebellen oder Revolutionäre im weit gefassten
zeitgenössischen Jazz dagegen zweifelsfrei. Beim Konzert der Mainzer
Initiative „UpArt“ stellten sie Stücke ihrer neuen CD „Bicycle
Revolution“ vor. „Free“ nennen sie zwei Kompositionen, ohne jedoch
den Free-Jazz zu bemühen. Sie tauchen vielmehr in harmonisch und
melodisch ungebundene Soundexperimente sowie frei pulsierende
Rhythmen ein. Mit „Andy Summers“ beginnt das Konzert mitreißend
groovend. In „Bicycle Revolution“ ist wie in vielen anderen Stücke
Kalle Kalima mit der die Gitarre mit hellen Akkordfolgen,
Glissandoläufen und Hardrockeinschüben tonangebend, während der
E-Bass pfeift und grollt, das Schlagzeug sich in einem Drumgewitter
entlädt und das Trio in einem Noise-Crescendo endet. Kalle Kalima
lässt die Saiten unter dem Induktionsabnehmer kratzen oder einem
kleinen Küchenquirl kreischen, Chris Dahlgren den Bass wummern und
knarzen oder streicht mit dem Bogen schräge Harmonien sowie
vereinzelt mit Romantizismen, während Eric Schaefer immer wieder
neben durchlaufenden Beats mit dem Synthesizer Geräusche und
Sprachfetzen zuspielt. Soundcollagen verbinden sich mit Rap- und
Sprechgesängen. Selbst zarte und leise Songs wie „Columbine and
Mingus“ werden durch harmonisch und rhythmisch freie Breaks
aufgebrochen. Allein „Krysztal Palace“ ist es vergönnt, bis zum
Schluss suchend und tastend in schwebenden Klängen zu verharren.
Hin und wieder scheint die innere Logik und Geschlossenheit der
Musik unter den zahlreichen originellen, aber sich verdrängenden
Gags zu leiden. Die drei Musiker verwenden vielfach ostinate
rhythmische und melodische Kürzel als dramaturgische
Gestaltungsmittel. Dies birgt dann aber die Gefahr von Längen wie in
„Lawrence“ einem schwächeren Stück in diesem spannungsreichen und
aufregenden Konzert, das von eruptiver, ja aggressiver, Kraft lebt
und in dem anarchistische Spielfreude und Dada-Humor Musik und Texte
beflügeln.