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Dies
ist ein Festival der Kontraste: auf der einen Seite der klassische
Blues aus New Orleans mit Erinnerungen an Louis Armstrong und
Einbeziehung von Ragtime und Boogie durch „Herbert Christ and his
Bluesicians“ sowie die andere Bluesformen aus dem Mississippi-Delta
mit Zydeco, Country, Gospel durch die Lahnstein Blues All Stars. Den
anderen Pol bilden Richie Arndt & The Bluenatics mit ihrem dem jung
verstorbenen Iren Rory Gallagher gewidmeten Programm „Rorymania“ .
Sie spielen den elektrifizierten Big-City-Blues aus dem Norden, laut
kreischend und jaulend, stampfend und rockend, aggressiv und
elektrisch. Und beides integrierend, vom ersteren ein wenig, vom
zweiten umso mehr, steht auf der Bühne ein Weißer mit der Blues-Harp
und in zwei kleinen Solostücken mit der Gitarre, Charlie Musselwhite
– Stargast des 27. Lahnsteiner Blues-Festivals 2007.
Der 63-Jährige war Mitte der 60er Jahre mit seiner Southside Band
und dem Album „Stand Back“ erfolgreich als Weißer in das
Blues-Revival eingestiegen und belegte in Lahnstein, dass sich die
Mundharmonika bravourös neben der zweiten Solostimme des Blues, der
Gitarre, behauptet. Denn der Chris „Kid“ Anderson, ein junger
Gitarren-Hero an seiner Seite, kann als die eigentliche Entdeckung
dieses mehr als fünfstündigen Musikmarathons gelten. Er hält mit
rasenden Glissado-Linien, hart angerissenen Saiten in
Akkord-Stakkati sowie flirrenden Sounds das Publikum in Atem, spielt
selbst in Hochgeschwindigkeitsläufen filigran und differenziert.
Charlie Musselwhite ist sich die Jahre seit seinem ersten Auftritt
beim Lahnsteiner Blues-Festival im Jahr 1984 treu geblieben. Seine
Mixtur aus Wild Country und Chicago-Blues sowie sein Gesang kommen
in den langsameren, trocken groovenden Blues-Stücken mehr noch zu
Geltung als in den schnellen Kompositionen, seine Texte nehmen wie
im „Black Water Blues“ kritisch auch die Politik aufs Korn. Mit
durchlaufendem Metrum unter einem polyrhythmischen Geflecht prägt in
einem ausgedehnten Schlagzeug-Solo June Core das Finale des
Bandauftrittes vor den akustischen Solo-Preziosen Musselwhites auf
der Gitarre. „Ein richtiger Blues muss gefühlsgeladen sein“ sagt der
Bluesmusiker. Und das ist seine Musik in reichem Maße.
Über
die mitternächtliche Stunde hinweg halten Richie Arndt mit den
Gast-Gitarristen Alex Conti, Gregor Hilden und Henrik Freischlader
das Publikum mit lautem und attackierendem Großstadt-Blues auf den
Beinen. Arndt frischt mit authentischer Stimme die alten
Gallagher-Hits auf, und liefert sich duellierende Zwiegespräche mit
Gregor Hilden, der die „vergoldeten“ Blues-Harmonien weicher und mit
viel Vibrato greift, sowie mit Henrik Freischlader, der aggressiver
schneller sowie härter groovend die Akkordfolgen aus den Saiten
reißt. Bleibt noch Alex Conti mit seinem „Blues der härteren
Gangart“, einer der schnellsten Greifkünstler dieses Landes. Und
doch muss festgestellt werden, dass Lautstärke allein den Blues
nicht besser macht – auch wenn die Tontechnik es glücklicherweise
vermag, das Ganze nicht in einem Klangbrei versinken zu lassen.
Es
ist ein geschickter Schachzug der Projektgruppe, dass die Lahnstein
Blues All Stars mit dem Zydeco-Musiker Yannick Monot an Gitarre,
Mundharmonika und Akkordeon, dem Gitarristen Biber Herrmann, der mit
Bottleneck-Läufen auf der Dobro brilliert, dem im Swing- wie im
Sinti-Jazz gleichermaßen beheimateten Gitarristen Lulo Reinhardt und
dem Folk-Blues-Spezialisten und Fingerpicking-Meister Werner
Lämmerthirt das Publikum einstimmten. Ein Gospel und ein
Blues-Walzer illustrieren die Bandbreite dieser Truppe, zu der sich
mit kraftvoller und tragender Stimmen die junge Nina Thomson
gesellt.
Mit rollenden Boogie-Figuren des Pianisten Olaf Polziehn, dem
strahlendem Trompetenklang von Christ, sonor-singenden
Tenorsaxophon-Läufen von Siggi Gerhard sowie dem rhythmusgebenden
Bass-Saxophon von Achim Hamacher (in der Funktion des Sousaphon bei
den Blues-Bands von New Orleans) weckten die Bluesicians
Erinnerungen an die frühen Zeiten des Blues – ohne museal zu wirken.
Der „St. James Infirmary Blues“ erwacht mit einem beseelten
Saxophon-Solo und perlenden Piano-Single-Note-Läufen zu neuem Leben.
Biber
Herrmann war es dann, der mit den Bluesicians einen eigens von
Christian Pfarr für die Verleihung des „Blues-Louis“ an den Grafiker
Günther Kieser komponierten und getexteten „Blues für Günther
Kieser“ interpretiert. Mit Kieser sei die Plakatkunst zum Kult
geworden, betont der Leiter des Internationalen Jazz- und
Blues-Archivs sowie Initiator der Lippmann + Rau Stiftung in
Eisenach, Reinhard Lorenz. Die Plakate Kiesers für die Tourneen des
American Folk-Blues-Festivals und die Deutschen Jazzfestivals in
Frankfurt haben in der Gebrauchsgrafik Geschichte geschrieben. „Sein
Werk hat damals die Euphorie für den Jazz begleitet und ins Bild
umgesetzt“, erläutert Lorenz in seiner Laudatio.
Die Projektgruppe, der auch Fritz Rau angehört, hat so das Festival
nach dem Ausstieg des Südwestrundfunks nun zum zweiten Mal
ausrichtet und konnte mit diesem Programm an die früheren Erfolge
des traditionsreichen Festivals anknüpfen. |