
Fotos und Text: Klaus Mümpfer
In Lahnstein blüht nach wie vor der Blues. Hier am Zusammenfluss
von Lahn und Rhein ist so manches Mauerblümchen zur prächtigen
Rose erblüht. In der Stadthalle haben regionale Blues-Musiker
gemeinsam mit Stars aus Übersee auf der Bühne gestanden, harte
Riffs und Glissandi aus den Gitarrensaiten gerissen, haben
Bassisten und Schlagzeuger den Big-City-Blues aus Chicago
stampfen lassen. In den drei zurückliegenden Jahrzehnten gab es
spektakuläre Neuentdeckungen und die Bestätigung, dass die
deutsche Blues-Szene sich keineswegs vor Amerikanern oder Briten
verstecken muss.
In diesem Jahr war das Lahnsteiner Blues-Festival eher
unspektakulär und bot dennoch mitreißende Musik. Verantwortlich
dafür war jedoch weniger die mit viel Vorschusslorbeeren
bedachte Amerikanerin Deborah Coleman, sondern der in Bayern
lebende Pianist und Sänger Christian Willisohn mit seiner Band
„Southern Spirit“ sowie die von dem Pfälzer Timo Gross
angeführten Lahnstein Blues All Stars. Mit einer lautstarken
Blues-Party beschloss der dänische Gitarrist und Sänger
Thorbjorn Risager den bis nach Mitternacht währenden Streifzug
durch Blues, Soul, Rhythm & Blues, Country und Rock.

Vollmer, Willisohn, Lek
Es mag für viele Fans überraschend gewesen sein, dass die
deutschen Künstler an diesem Abend musikalisch so stark
dominierten. Deborah Coleman, die in den Staaten 2001 als beste
weibliche Blues-Gitarristin ausgezeichnet worden war und neun
Nominierungen für Blues-Music-Awards sammeln konnte, spielte bei
ihrem Auftritt in Lahnstein routiniert, aber uninspiriert. Auf
der Bühne standen in früheren Jahren Shouterinnen mit weiter
tragenden Stimmen und persönlicherem Ausdruck. Colemans
Gitarrenspiel ging ebenso wie ihre Stimme in der unausgewogenen
Abmischung unter. So hangelte sich die Gitarristin mit relativ
wenigen Akkordgriffen und deren Variationen durch ihre Songs.
Die Möglichkeit spannender Duelle mit ihrem versierten
Rhythmusgitarristen Thierry Lopez ließ sie dabei ungenutzt.
Charisma strahlte dagegen der 40-jährige Däne Thorbjorn Risager
aus, der mit ausdrucksstark rauer Stimme und fulminanten Läufen
auf der Gitarre das Publikum um Mitternacht noch anzuheizen
vermochte. Mit seiner siebenköpfigen Band pendelte er zwischen
Swing, Blues, R&B sowie Rock´n Roll. Sein harter Blues-Rock
erweitert die Klangfarben durch den Saxofonisten Kasper Wagner
und den Trompeter Peter Kehl. Nach einem Boogie-Solo des
Pianisten Emil Balsgaard steigerte sich der Saxofonist in ein
lupenreines Rock´n´Roll-Gebläse, das bei den älteren Zuhörern
Erinnerungen an Bill Haley weckte. Der Auftritt des Dänen
tendierte dennoch eher in Richtung Houserocking-Show-Band als
zur emotionalen Blues-Interpretation.

Thorbjorn Risager
Wie groß die Unterschiede in diesem Genre sein können, belegen
die Boogie-Soli Balsgaards und Willisohns. An Intensität und
Emotionalität sowie persönlicher Ausprägung war Letzterer bei
diesem Festival nicht zu übertreffen. Faszinierend, wie er die
sperrigen Blues-Akkorde beidhändig in die Tasten hämmerte, wie
er mit der linken Hand die Bassfiguren unter die Melodiekürzel
mit Trillern der Rechten legte, während er mit intensiver
Hingabe den Blues shoutete. Kontrastreich zu seinem Pianospiel
fügte Boris van der Lek mit singendem Saxofon einen Schuss
Memphis-Soul bei. So sorgt der Blues für ein „Wow“-Erlebnis.
Eröffnet hatten den Abend die Lahnstein Blues-All-Stars mit
unterschiedlichen Solisten. Da war einmal der Banjo-Spieler Helt
Oncale, der mit Country-Touch den Blues aufmotzte, Johnny
Rieger, der mit kraftvoller Stimme und gleißendem Gitarrenspiel
den Sound der Timo Gross Band abrundete, die wiederum über dem
Klangteppich einer modifizierten Hammond-Orgel von Markus Lauer
agierte. Gross beeindruckte mit hohen Dynamiksprüngen und einem
ausgefeilten Talking-Blues in einer sensiblen und leisen
Passage. Aufmerksam lauschte das Publikum den Liedern des
Gittaristen und Sängers Stefan Stoppok, den Folk-Blues in
deutscher Sprache auf kleinkunstwürdigem Niveau pflegt und
vollendet.
Für seine über viele Jahre persönlich geprägte, originelle
Moderation erhielt der Schriftsteller, Musiker und Kabarettist
Thomas C. Breuer den Blues-Louis. Der rheinland-pfälzische
Kultur-Staatssekretär Walter Schumacher lobte bei der
Überreichung die Fähigkeit Breuers, mit Worten zu jonglieren und
zu parodieren. Der Geehrte bedankte sich auf seine Weise mit
Blues-Harp und Gesang sowie „dem schlechtesten Blues der Welt“.
Der Sänger und Pianist Achim Töpel wird ihn in Zukunft würdig
ersetzen. Eine Kostprobe gab Töpel an diesem Festival mit einer
teilweise gesungenen Moderation.