Diese
drei Musiker waren noch nie auf einen Stil festzulegen. Ein
Trompeter, ein Pianist und Akkordeonist sowie ein Bassist versuchen
eine verwegene Symbiose aus Tradition und Avantgarde. „Morph“
nannten Paolo Fresu, Antonello Salis und Furio di Castri
bezeichnenderweise ihre erste CD, denn wie beim Morphing verwandelt
sich die sardische Volksmusik in frei improvisierten Jazz. Er wolle
in der Musik nicht die ursprüngliche Seite Sardiniens zeigen,
sondern nachspüren, was heute noch relevant und aktuell ist, sagt
Fresu, der 1961 in Sardinien geboren wurde. Gleiches gilt für den
elf Jahre älteren Antonello Salis, der zwischen rasenden
Bebop-Läufen und freien Clustern auf dem Piano sowie schwelgender
Folklore auf dem Akkordeon pendelt. Straight spielt Furio di Castri
den Kontrabass, zupft fingerfertig wie ein Gitarrist in den Soli
aber lang gezogene Melodielinien mit zahlreichen harmonischen
Wendungen.
Die
Verbindung von Folkore und Jazz ist nur eine Facette des
kurzweiligen und humorgetränkten Spiels von P.A.F. beim Konzert der
Rüsselsheimer Jazzfabrik. In ausgefallenen und überraschenden
Kreationen sucht das Trio multimediale Verbindungen von Musik mit
Tanz und Theater. Fresu und Castri zerreißen rhythmisch
Zeitungspapier, während Salis Akkordberge auf den Tasten des Pianos
schichtet. Manches weckt Erinnerungen an Spike Jones und seine
Persiflagen auf die Klassik. Aus einem chaotisch klingenden
Crescento schält sich ein schneller Bebop-Lauf heraus,
Musette-Seligkeit schleicht sich in den Vordergrund, wird von
einigen warmen Flügelhorn-Sequenzen abgerundet, aber gleich wieder
durch elektronische Verfremdungen zerstört. Schließlich machen sich
die Drei über Jacques Offenbachs Ouvertüre zu „Hoffmanns
Erzählungen“ her, interpretieren Operetten-Romantik als
Vokalisten-Kampf gurgelnder Statthalter von Wein und Bier. „Not
Spain“ wirft Castri ein, als Fresu eine Phrase aus Rodrigues
„Concerto Of Aranjuez“ anstimmt. Selbst Beethoven bleibt nicht
verschont.
Angekündigt
hatte sich ein solcher Ausflug schon beim Opener des Konzertabends
„Knock Out“, als die drei Musiker mit Knalleffekten auf dem Korpus
des Kontrabasses, auf einem Metallkoffer oder mit dem umstürzenden
Klavierhocker zu einem perlenden Pianolauf, einem Stakkato auf dem
Flügelhorn und einem gradlinigen Basslauf überleiteten. Ursprünge
bei Miles Davis und Chet Baker lassen sich im Spiel Fresus auf dem
gestopften Flügelhorn und der Trompete nicht verleugnen.
„Stratotrumpet Blues“ ist der kennzeichnende Titel einer
Komposition, denn Fresu verfremdet den Ton seiner beiden
Instrumente, hält mit Zirkularatmung und Elektronik einen Ton endlos
lange in der Schwebe, während Castri auf dem Bass mit Stöckchen
rhythmische Ostinati unterlegt. In einem ausgedehnten Solo hämmert
Salis seine Akkordattacken mit den Handkanten in die Tasten, greift
in die Saiten, reißt sie metallisch an und zeigt eine Vorliebe für
das Spiel mit raschelnden Plastiktüten – im Piano ebenso wie vor dem
Akkordeon.
Mit einem schwelgendem Akkordeon-Spiel, melodischen Bass-Läufen und
einer strahlenden Trompete sowie einem sanft verklingendem,
getragenen und schwebendem Trio-Sound klingt das Konzert im
nüchternen Ambiente der alten Opel-Werkshalle rein akustisch aus.