Stetiger Energiefluss prägt die Improvisationen des Trios
von Alexander von Schlippenbach. In den eruptiven und
schnellen Passagen sowieso. Aber auch in den hingetupften
Single-Notes des Pianisten, in Paul Lovens sparsamen
Schlägen der Sticks auf den Trommelrand sowie in den
gehauchten Akkorden und den Atemgeräuschen Evan Parkers auf
dem Tenorsaxophon verbirgt sich eine drängende Kraft, die
sich schließlich in rasenden Akkordschichtungen auf dem
Flügel, in schreienden Stakkati auf den Saxophonen und in
pulsierendem Spiel auf den Becken Bahn bricht. Das
Schlippenbach-Trio hält das Publikum beim Konzert der
Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ im Theater bis zum kollektiven
Finale in Bann.
Dichte, komplexe und vielschichtige Kollektive kennzeichnen
die Musik des Trios, das seit nunmehr fast 40 Jahren mehr
Standfestigkeit und kollektives Improvisationsverständnis
zeigt, als alle anderen Free-Jazz- Formationen. Auf seiner
„Winterreise“ spielt das Trio in Rüsselsheim auch Themen aus
der gleichnamigen CD und belegt, dass freies Spiel nicht
durch gemeinsame Erfahrungen der Mitwirkenden an
Spontaneität und Kreativität verlieren muss, wie der
Posaunist und Avantgardist Vinko Globokar einmal behauptet
hat. So hebt das Konzert mit rasenden Akkordvariationen auf
den Flügel an, die mit ihrer Ostinato-Wirkung Spannung
erzeugen. Lovens unterlegt sie mit einem drängenden Pulse,
reibt die Stöcke quietschend auf den Becken, während Parker
das Tenorsaxophon in Stakkati schnattern lässt. Der
Energiefluss der Drei wird immer dann unterbrochen, wenn
sich einer – in der Regel Evan Parker - aus dem Kollektiv
zurückzieht und einer Interaktion des verbleibenden Duos
Platz macht. Klanglich und dynamisch starke Veränderungen
sind die Konsequenz. Von Schlippenbach und Lovens stellen
sich auf Ruf-Antwort-Spiele ein, die vor allen der Pianist
durch Augenkontakt mit dem Schlagzeuger steuert und die er
durch Mitsummen vorbestimmt.
Im zweiten Set des Konzerts schlägt von Schlippenbach mit
einem weichen Klöppel die Saiten im Innern des Flügels an
und variiert die Töne mit dem Pedal, während Parker in
seinem Saxophon den Atem stehen lässt und die
Klappengeräusche des Instruments einfügt. Lovens schlägt
kleine Metallplättchen, bevor der Pianist zu zarten
Single-Notes auf dem Piano überleitet, aus denen sich
kraftvolle Akkorde sowie rollende Bassfiguren entwickeln.
Kurze lyrische Linien werden von kraftvoll angeschlagenen,
sperrigen Akkordschichtungen abgelöst, die von explosiven
Saxophonstakkati und Powerplay auf den Trommeln und Becken
begleitet werden.
Es hieße wohl einen falschen Maßstab anzusetzen, wenn der
Zuhörer in einem Konzert des Trios noch nie Gehörtes
erwartete. Dass Parker auf dem Sopransaxophon in endlos
kreisenden Läufen seine perfekte Zirkularatmung zelebriert,
desillusioniert keinen der Zuhörer, weil dies in einem
Kontext gemeinsamen Spiels steht. Es ist gerade das
uneingeschränkte Verständnis der Musiker im Zusammenspiel,
das so sehr fasziniert, weil es dennoch immer wieder neue
Interaktionen auf der Basis der gemeinsamen Erfahrungen
ermöglicht. Die Musiker atmen kollektiv und bauen gemeinsam
pulsierende Spannungsbögen, die sich oft in sanftem
Solospiel auflösen. Das gemeinsame Gestalten verhindert
dabei auch in den nicht spontanen Kollektiven jegliche
Routine oder Ritualisierung.
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Text und Photographie von Klaus Mümpfer