
Fotos und Text: Klaus Mümpfer
Der Pianist ist ein Chamäleon. Seine Technik kennt offensichtlich
ebenso wenig Grenzen wie seine Musikalität. Klassik, Romantik,
Folklore, Free-Jazz, abenteuerliche Experimente im Feld der
Avantgarde und sanfte Lyrismen im Third Stream – all diese
Seiten seines Kennens und Könnens lässt der Pianist in ein
Bekenntnis zur brasilianischen Musik einfließen. Einige
tastende, gleichsam suchende Akkordgriffe leiten in das Thema
von „Qualquer coisa“ des Sänger-Komponisten Caetano Velose ein.
Ein Stück, in dem Nabatov wenig später flinkfingrige Triller und
Notentrauben spielt, mit der Handfläche Cluster anschlägt oder
zum Schluss auf dem Korpus des Flügels rhythmische Figuren
klopft. Ein anderes Mal lässt Nabatov auf diese Weise die Saiten
mit Flügel klingen, ohne dass er die Tasten anschlägt.
Faszinierend ist sein präzises „time“, obwohl seine beiden Hände manchmal zwei völlig verschiedene Rhythmen gleichzeitig zu greifen scheinen. Manchmal untermalt der Pianist sein percussives Spiel mit den Füßen oder beschließt die eigene Komposition „Itapoa“ in der Zugabe mit einen kleinen Step-Tanz, den er wiederum mit sparsamen Akkordeinwürfen krönt. Ein bekanntes Stück von Antonio Carlos Jobim kombiniert er mit Klassik und eruptiv freiem Jazz. In seinem „Itapoa“ verbindet Nabatov gleich mehrere Genres der brasilianischen Folklore-Vielfalt.
Es ist wohl „Nene“ von Ernesto Nazareth, der eine Vielzahl von
brasilianische Tangos, Polkas, Walzer und Choros schrieb, in das
Nabatov Marschrhythmen und europäische Salonmusik als melodische
Erkennungspunkte zwischen den eruptiven Improvisationen
hervorhebt. Zwischen verspielte Melodielinien schiebt er einen
kurzen wilden Free-Lauf, kommt nach ungebundenen Ausflügen immer
wieder aufs Thema zurück. Spannungsbögen baut der Pianist
vielfach mit Ostinati. Extreme Dynamiksprünge, ständiger Wechsel
von Lyrismen zu percussivem Power-Spiel kennzeichnen seine
Interpretationen brasilianischer Musik fern jeglicher
Samba-Seligkeit. Der Künstler kontrastiert Melodievariationen in
den mittleren mit ostinaten Single-Note-Trauben in schrillen
Diskantlagen. Dieser dialektische Kampf sei wohl Ausfluss seiner
russischen Herkunft, sagt Nabatov, der mit leiser Stimme seine
Stücke und deren Herkunft ansagt. Er erzählt von Salvador de
Bahia, der Stadt mit der eigenständigen Trommelkunst, von den
Hügeln und Tälern Rios sowie den sozialen Unterschieden, von dem
Protest der Studenten und Musiker gegen die einstige
Militärdiktatur und von Chico Barque, dessen Kompositionen zu
Hymnen der Freiheitsbewegung wurden. Das Publikum dieses ersten
Konzertes der neuen Konzertreihe „Begegnungen“ in der
Verbandsgemeinde Nieder-Olm feierte Simon Nabatov frenetisch.