
Der Dadaist Tristan Tzara hatte in den Zwanziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts seine Zuhörer aufgefordert, ihre
Gehirnzellen völlig zu leeren und dann neu aufzufüllen. Die
Klanglandschaften des Vibraphonisten Stefan Traub und des
Gitarristen Axel Schultheiß erfordern mit ihrer
Exotik
neben offenen Ohren die gleiche Unvoreingenommenheit. „KlangWeite“
nennen die beiden Künstler ihre Soundexperimente, die sie im
überfüllten Museum der Gemeinde Gimbsheim bei Worms einem
interessiert lauschenden Publikum vorführten. Die Kompositionen
stammen bis auf eine Ausnahme von Traub und Schultheiß, beruhen
zumeist auf spontanen Interaktionen, sind nur zum kleineren Teil
grafisch notiert und werden während des Konzertes durch „Zuruf“ in
Gang gehalten.
„KlangWeite“ ist ein Bekenntnis zur kreativen Freiheit des
Künstlers, die Klangmöglichkeiten der Naturtöne von Vibraphon und
Konzertgitarre durch Elektronik auszuweiten und zu ergänzen – ohne
jedoch deren ursprünglichen Charakter aus dem Auge zu verlieren. Zum
Beleg interpretierte Axel Schultheiß seine Ballade „Novemberday“
ohne Elektronik in beseelten Läufen, wobei er mit der rechten Hand
Triller und Single-Note-Trauben unter die Akkordgriffe der Linken
legte. Stefan Traub widmet sein akustisches Solo der Songwriterin
Joni Mitchell, wenn er in „Clouds“ mit vier Schlegeln die Platten in
sanften und schwebenden Sounds zu klingen bringt.
Klangästhetik zieht sich wie ein roter Faden durch das Konzept des
Duos. Lyrismen finden sich auch in den experimentellen Parts mit
extremen elektronischen Verfremdungen, dem Säuseln, Zwitschern und
Pfeifen der Synthesizer sowie in den wabernden Flächen der
Keyboards. In seiner dem gleichnamigen Komponisten gewidmeten
Komposition „Zappa“ mit der atonalen Intro und den Loops lässt Traub
bei seinen Soundcollagen gar einen Tischtennisball über die
Plättchen des Vibraphons hüpfen. „Rhythmische Energie, sphärische
Klangflächen, perkussive Attacken und weiter Melodiebögen“ seien die
Merkmale ihresusikalischen Kosmos, sagen die Künstler.
Manches
Mal weckt die Elektronik Erinnerungen an Pink Floyd, ganz offen
bekennt sich Stefan Traub mit dem Stück „Tangerine“ zu seiner
früheren Liebe zu Tangerine Dream“. Mit der rechten Hand legt er
Keyboard-Schleifen unter die Vibraphoneinwürfe, bevor der zu einem
schnellen und attackierenden Lauf ansetzt, der wiederum später von
einem verfremdeten Gitarrensolo abgelöst wird. „Papierfabrik“ ist
ein Paradebeispiel für die Umsetzung virtueller Impressionen, die
Stefan Traub in einer alten Fabrik am Donnersberg mit der Kamera
festhielt, in Soundcollagen mit Maschinengeräuschen. Schultheiß
lässt die Saiten mit einem elektronischen Induktionsabnehmer
kreischen und quietschen, während Bildsequenzen über die Leinwand
huschen. Spannungen erzeugen die Musiker vor allem mit rhythmischen,
teils auch melodischen Ostinati vorwiegend auf der Gitarre.
Klangbilder, wie Stefan Traub sie im vergangenen Jahr an gleicher
Stelle, aber in anderer Besetzung mit Vibraphon, Sitar und Saxophon
für sein Programm „Soundscapes und Blue Shades“ kreiert hatte,
verbinden sich mit den Videoschnitten zu einem homogenen Ganzen. Es
besteht allerdings die Gefahr, dass das Publikum dem visuellen Teil
des Konzertes zu wenig Beachtung schenkt, weil es dem Hantieren
Traubs in im Cockpit zwischen Vibraphon und Synthesizer zu starke
Aufmerksamkeit widmet. Das bis zum sanft ausklingenden Schlussakkord
aufmerksame Publikum belohnt die beiden Künstler mit anhaltendem
Beifall.