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Die
Kombination von Tuba, Cello und Gesang weckt im ersten Moment
Assoziationen an avantgardistische Experimente und ist doch tief in
der europäischen Tradition verwurzelt. Das Trio Rouge, eine
französisch-italienische musikalische Liebesheirat, interpretiert
Volkslieder aus Italien auf eine zeitgemäße Weise mit jazzigen
Elementen, aber auch mit Einflüssen von der europäischen Klassik bis
zur Avantgarde. In Frankreich, der Heimat des Tubisten Michel Godard
und des Cellisten Vincent Courtois, haben die Jazzmusiker dafür den
Begriff „folklore imaginaire“ geprägt.
Natürlich darf in so einem Konzert die bedeutendste Hymne der
italienischen Resistenza, „Bella Ciao“ nicht fehlen, das Lucilla
Galeazzi mit metallischem Schmelz ihrer ausdrucksstarken Altstimme
härter und kämpferischer als von Gesanggruppen gewohnt,
interpretiert. Wie sehr Stimme, Tuba und Cello zu einem homogenen
Klangkörper verschmelzen können, zeigt sich beim Konzert der
Rüsselsheimer Jazzfabrik im intimen Ambiente des Opel-Forums in
„Voglio Una Casa“, einem Lied, in dem Cello und Tuba sich im Duo
treffen – mit melodiösen Linien, Flattertönen und Überblastechnik
sowie Stakkati-Läufen. Ganz in der europäischen Tradition verhaftet
ist die Cello-Intro in „Per Vita Bella“, einen Ausflug in die
neutönerische Avantgarde unternehmen Courtois und Godard zu dem
Sprechgesang Galeazzis in „C´era Una Volta“.
Mit einem eingegipsten Arm nach einem Sturz war die Sängerin bei
ihrem A-Cappela-Stück „Stornelli A Saltarello“, in dem sie in der
Regel mit Händeklatschen das Metrum vorgibt, verständlicherweise
gehandicapt – doch wozu hat man das Publikum der Jazzfabrik, das
diesen Part nicht nur gerne, sondern auch mit erstaunlichem Timing
übernimmt. Ganz in der Folk-Tradition steht „Una Serenata“ mit
sensibler Stimmführung, der stützenden Tuba mit ostinaten
Akkordfolgen und den weit schwingenden Linien auf dem Cello.
„La
Tarantella Translucida“ schließlich ist eines der Meisterstückchen
dieses außergewöhnlichen Trios. Godard kann beweisen, welche
Beweglichkeit die zu Unrecht als träge gescholtene Tuba entwickeln
kann. Völlig losgelöst von formalen Bindungen lässt er die Tuba
tanzen. Beschwingt, mit schnellen Läufen in melodisch reizvollen
Linien leitet er zu einem experimentell avantgardistischen
Cello-Solo über, in das schließlich Galeazzi mit gepresster
Stimmakrobatik einfällt. Solche Spannungsgfelder zwischen Tradition
und Avantgarde finden sich in zahlreichen Kompositionen wieder - so
auch in „Per Gorizia“, wenn die Tuba solistisch rhythmisch in den
tiefsten Lage grummelt, um dann mit Mehrstimmigkeit und
Überblastönen aufzusteigen, wenn Godard in der Tuba oder im Serpent
nur noch Atemgeräusche und die Luftsäulen klingen lässt, wenn
Courtois mit dem Bogen den Metallfuß des Cellos streicht, rasend
schnelle Wirbel in den höchsten Lage knapp über dem Steg streicht,
Pizzikato-Folgen auf den Saiten zupft und Galeazzi die Stimme rau
vibrieren oder sich in expressivem Aufschrei überschlagen lässt.
Andererseits gibt es wunderschöne melodische Passagen. Das Konzert
ist dank des kreativen Reichtums, der Sensibilität und der
Virtuosität des Trio Rouge, wie Kritiker treffend resümiert, „ein
emotionales Klangbad in den schönsten Eigenheiten der italienischen
Seele“. |