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Seit
gut zehn Jahren singt Victoria Tolstoy in den Grenzgefilden von Pop,
Folklore und Jazz. So hat die goldblonde Schwedin auch keine Scheu,
ihr Konzert im Frankfurter mit „Strollin“ von Prince zu eröffnen,
bevor sie zu einer sanften Ballade „Woman of Santiago“ wechselt.
Oder sie wagt sich an ein kraftvoll schnelles Thema wie Van
Morissons „The Way Young Lovers“. Jacob Karlzon, der in diesen zwei
Stunden für eine mitreißende Jazzgrundierung sorgt, hat Pop- und
Folksongs, Jazzstandards sowie Eigenkompositionen der Sängerin auf
den Leib arrangiert: Mal balladesk, mal up-tempo, aber keine
Jazz-Stimmakrobatik, sondern gefällige Lieder, in denen Victoria
Tolstoy ihre vokalen Möglichkeiten auskostet: Sie haucht und
schnurrt, wechselt raffiniert vom tragenden Alt in ein naiv
gehauchtes oder verrucht brüchiges Kieksen, oder endet den Song mit
einem anhaltenden Jubel in den hohen Lagen. Immer aber dehnt sie die
Silben in leicht variierten Tonhöhen, mal mit, mal ohne Vibrato und
schmiert angedeutete Blue-Notes wie in „Absentee“. Im Frankfurter
Hof steht Victoria Tolstoy eineinhalb Jahre nach ihrem letzten
Besuch erneut in farbiges Licht getaucht auf der Bühne, tänzelt
während der instrumentalen Parts, schreit kontrolliert auf, wechselt
in geschickter Dramaturgie zwischen Aufbegehren und Demut.
Ihre in der Kraft begrenzten Sangeskünste werden unterstrichen und
ausgefüllt durch ein exzellentes Trio. Peter Danemo ist ein
zurückhaltender und dienlicher Schlagzeuger, der einmal am Abend im
Solo beweisen darf, das er über einem stupend durchlaufenden Beat
polyrhythmisch trommeln kann. Bassist Hans Andersson lässt sein
Instrument in der Begleitung straight marschieren, nimmt dann aber
in seinen Soli mit ausgedehnten melodischen Linien, die er
harmonisch reizvoll verziert, gefangen.
Victoria
Tolstoys große Stütze ist indessen Jacob Karlzon an Piano, Keyboards
und mit Laptop-Synthesizer. Vertrackte Rhythmen und
Gegenläufigkeiten hämmert er mit Akkord-Clustern in die Tasten,
spielte rasende Notenketten mit der rechten Hand zu ostinaten
Bassfiguren der linken. Ein andermal tupft er verträumte, zarte
Single-Notes an. Elektronisch erzeugt Krlzon schwebende Sounds von
nordischer Kühle, in die er Glöckchenklang auf den Keybords streut,
unterlegt einen sich stetig wiederholenden Grundrhythmus und tut
dann doch mit einer bombastischen Soundfläche ein bisschen zu viel
des Guten. Dies reißt er mit verspielten Romantizismen im späteren
„Green Little Butterfly“ wieder heraus und das Publikum ist völlig
hingerissen, als die Sängerin mit dem melodisch gefälligen „Love Is
Real“ das Konzert beschließen will. Mit stehenden Ovationen fordern
die Fans Zugaben, die ihnen der charmante Gast aus Skandinavien auch
gewährt. |