|
|
Solo-Trompeter blasen im heißen Stakkato- Duell ebenso wie die
Posaunisten (auf NDR-Seite Nils Landgren), Schlagzeuger trommeln um
die Wette, Saxophonisten liefern sich kochende Zwiegespräche und
Gitarristen wetteifern in rasenden Saitenläufen. Später, als das
Concertgebouw Ochestra allein auf der Bühne steht, gesellt sich die
Sängerin Madeline Bell dazu und erweist mit ausdrucksstarker Stimme
in Songs wie „Unchain my hearts“ oder „Let the good times roll“ Ray
Charles ihren Tribut. Bingen-swingt-Chefin Ute Hangen hat mit Hilfe der Agentur Bernd Otto ein Programm zusammengestellt, das selbst internationalen Festivals zur Ehre gereichen würde. Dies belegen vor dem Big-Band-Battle schon die Auftritte von Jean-Luc Ponty und der einmalige Kontrabass-Summit mit Musikern des European Jazz-Ensembles. Ponty hat noch nichts von der Innovationskraft verloren, die er als Erneuerer der Jazz-Geige bewiesen hat. Seine Art, mit Bogen- und Spieltechnik den revolutionären Saxophonsound auf das Saiteninstrument zu transponieren, fasziniert. In Bingen tritt er mit scharfem Bogenstrich, rockend und ekstatisch vor einer percussiv geprägten Gruppe an.
Ekstase kennzeichnet die Spielweise des französischen Geigers Didier
Lockwood ebenso wie Sinnlichkeit. Er rundet das Saiten-Spektakel des
Festivals ab. Eben noch in schmelzende Geigenstriche versunken,
wechselt Lockwood überraschend in rasante Pizzikati und aufgeraute
Tempo-Läufe. „A miracle of you“ ist eine der bezeichnenden
Kompositionen, auch wenn im Gegensatz zu Ponty nicht die Grenzen des
Mainstream durchbrochen wird.
Erfrischend und unkonventionell, aber mit liebevollem Respekt
erweist das Duo Thomas Heberer (Trompete) und Dieter Manderscheid
(Bass) Louis „Satchmo“ Armstrong die Ehre. Heitere Ironie steckt in
den manchmal melodiösen, dann wieder schrägen und Harmonien
auflösenden Interpretationen. Weiter in den freien Jazz hinein
reichen die gewohnten, explodierenden Saxophonausbrüche von Peter
Brötzmann, der beim Festival in dem E-Bassisten Marino Pliakas einen
ebenbürtigen Partner gefunden hat. Vor dem Duo spielt Chris
Perschkes „Slide-O-Mania“ ihre raffinierten Arrangements mit
flächigen Klangfarben auf fünf Posaunen. Perschke nimmt bei dieser
Gelegenheit für seine Arbeit als Bandleader, Komponist und Solist
den mit 5000 Euro dotierten
Jazzpreis
des Jazzclubs Rheinhessen entgegen. Bei 40 Gruppen ist es schwierig, eine gerechte Auswahl zu treffen. Zu den hervorzuhebenden Acts zählt gewiss die hr-Big Band, die die beiden Saxophonisten Roman Schwaller (Schweiz) und und Jesper Thilo (Dänemark) präsentiert und sich auf ihre eigenwillige Weise sogar an Bee Gee-Songs wagt. Gleiches gilt für die beiden gleichnamigen Trompeter Martin Auer und Heinz-Dieter Sauerborn mit ausdrucksstarkem Neobop sowie für eine String-Only-Kombination mit dem Pianisten Max Greger jr, dem Bassisten Aladar Pege, dem Banjo-Spieler Bernd Otto und dem Geiger Martin Weiss. Wie präzise in der Satzarbeit und routiniert in den Soli eine junge Bigband spielen kann, beweist die Phoenix Foundation mit der sicher phrasierenden und gefühlvoll intonierenden Sängerin Elke Diepenbeck.
Die drei Bläser treffen in „Things ain´t what they used to be“ zielsicher die Ellington-Stimmung der Komposition und strafen den Titel Lügen: Hier ist die Musik so, wie sie sich präsentiert. Mit der Jay-Jay-Johnson-Komposition „This could be the start of something big“ eröffneten die Posaunisten Bert Boeren (Niederlande) und Niklas Carlsson (Schweden) das Festival. Ihre musikalische Prophezeiung erfüllt sich voll und ganz.
Martin Auer
Moelgard / Hamilton |
|
Text &
Photographie Klaus
Muempfer, Juni 2006 |