„Lost Chords“
nennt die Pianistin und Komponistin Carla Bley ihre Tournee,
„Lost Chords“ ist der Titel ihres suitenartig aufgebauten Stückes
zum regulären Schluss des Konzertes in der Rüsselsheimer
Jazzfabrik. „Lost Chords“ kennzeichnet aber auch das ökonomische
Spiel der Künstlerin auf dem Flügel.
Es sind die Pausen, die gleichberechtigt neben den Akkordeinwürfen stehen. Pausen, die den Fluss des Spiels aber nicht unterbrechen, sondern Akzente setzen. Pausen, die die Eigenwilligkeit der Pianistin in den vertrackten und sperrigen Läufen charakterisieren. Thelonious Monk hat damit Schule gemacht. Aber nur der Bassist Charles Mingus hat auf seiner einzigen Piano-Solo-Platte aus dem Jahr 1963 mit dem treffenden Titel „Spontaneous Compositions and Improvisations“ diese Spielweise noch extremer umgesetzt.
Intim ist die Stimmung an diesem
Abend in der nüchternen Atmosphäre der Backstage des Rüsselsheimer
Theaters. Zart und einschmeichelnd Bläst Andy Sheppard das
Tenorsaxophon, nur ein weniger nervöser und expressiver das
Sopran. Er ist es, der die Ecken des Piano-Spiels ein bisschen
glättet und abrundet. Im Hintergrund krümmt sich wie immer
Steve Swallow, der mit dem Bass
in einen phänomenalem Timing
den gesamten Abend für durchlaufende Beats sorgt und nur in
zwei Stücken ästhetisch reizvolle sowie fragile Melodielinien
am oberen Ende des Instrumentenhalses zupft. Dann gleicht er
eher einem Gitarristen als einem erdigen Rhythmusgeber.
Schlagzeuger Billy Drummond kann wie in diesem zweiten der
drei Sätze von „Lost Chords“ hart und treibend die Trommeln
schlagen, aber auch die Felle im ersten Satz mit den Besen zart
streicheln. Er swingt einfühlsam und reagiert flexibel auf die
komplexen Vorarbeiten der Pianistin und des Saxophonisten,
unterstreicht die parodistischen Anspielungen Bleys etwa mit
einem getrommelten Marschrhythmus – oder unterstützt die präzise
rhythmische Arbeit des Bassisten.
Carla Bley liebt Irritationen. Schon die Titel verraten den hintergründigen Humor, der in ihren Kompositionen steckt. „Tropical Depression“ etwa, das an diesem Abend wohlklingend eher süchtig als depressiv macht, oder „Valse Sinistre“, ein schräger Walzer mit Blue-Notes und einem verqueren Drei-Viertel-Takt.
Wie beiläufig verbindet Carla Bley in ihren Stücke Einfachheit und Komplexität. Gewagte Harmoniesprünge bettet sie in scheinbar simple Songstrukturen. Ein Paradebeispiel ist im Rüsselsheimer Konzert das dreisätzige „Three Blind Mice“, das wie üblich mit ein paar sparsamen Akkordblöcken eingeleitet wird, bevor es in ein swingendes Kollektiv übergeht. Später wird das Sopransaxophon in einen schnellen und ungewohnt expressiven Bebop-Lauf verfallen mit viel Vibrato und Trillern. Das Stück endet schließlich mit einem melodiösen Altsaxophon-Solo und einem suchenden und tastenden Akkordspiel auf dem Flügel.
90 Minuten waren ungeheuer
entspannend, zärtlich und ironisch zugleich, konzentriert und
sparsam vor allem, wenn Carly Bley, die rechte Hand auf dem Knie
ruhen lässt, mit der linken hin und wieder den Fluss des
Saxophons mit einem Akkordgriff konterkariert. Unter der
kammermusikalischen Decke groovt es erfeulich, swingt die Musik
des Quartetts in reizvollem Kontrast zur schrägen Harmonik. Die
Zuhörer im gut besuchten Saal hätten gerne mehr gehört.
Albert Mangelsdorff, der allgegenwärtige, inzwischen 75 Jahre alt gewordene Repräsentant des deutschen Jazz, wurde an diesem Abend für sein Lebenswerk geehrt. Reinhard Kager, Leiter der SWR-Jazzredaktion überreichte dem Frankfurter Posaunisten eine Kassette, in der auf 16 CDs alle bemerkenswerten Aufnahmen gebrannt sind, die der Sender in seinem Archiv auffinden konnte. Damit werde ihm die Zeit der Rekonvaleszenz nicht langweilig, kommentierte Albert Mangelsdorff das Geschenk.