Zwei
Aussagen mögen den Zuhörer dem Phänomen dieses Konzertes mit
Herbie Hancock und Bobby Hutcherson näherbingen: "Es geht nicht
um die Note, es geht um die Geschichte, die Du in dieser Note
erzählst", sagt der Vibraphonist Hutcherson. Und Hancock
versichert, dass "Formen nur ein Vehikel" in der musikalischen
Aussage sind. Warum also in konventionellen Strukturen
verharren?
Dass der Pianist und Keyboarder, Komponist und Bandleader beim Konzert im des Rheingauer Musik-Festivals auf Schloß Johannisberg zu den Wurzeln – in seinem Fall zum Hardbop zurückkehrt, steht dazu in keinem Widerspruch. Herbie Hancock ist ein Chamäleon in den Gefilden des Jazz – der schwarzen Tradition von Blues und Gospel ebenso verpflichtet wie der europäischen Klassik. Er lustwandelt in der Szene von Pop und Rock und Rap ebenso wie in der von Fusion und Weltmusik. Hancock streichelt auf der Suche nach neuen Klängen verliebt die Tasten des Grand Pianos, schwelgt aber ebenso hingegeben in elektronischen Soundteppichen.
In
Bobby Hutcherson hat der Pianist Hancock einen kongenialen
Partner gefunden. Der Mann, der das Vier-Schlegel-Spiel auf dem
Vibraphon konsequent einsetzte, dieses Mal aber mit zwei Klöppel
und rasenden Wirbeln in den höchsten Lagen akzentuierte, der
zwar gradlinig improvisiert, aber dennoch seine melodischen
Linien mit harmonischen Brüchen versieht, die die Musik an den
Rand der Tonalität führen, der auch ungerade Metren einbezieht –
er ergänzt das kraftvolle Tastenspiel Hancocks mit den
spannungsgeladenen Gegenläufigkeiten, den sperrigen
Akkordblöcken eines Thelonious Monk, den rasenden Läufen und den
hingehämmerten Clustern. Hancock demonstrierte an diesem Abend
ein Spiel mit Kontrasten. Langsam suchendes Single-Note-Spiel
wechselte mit wuchtigen Akkordschichtugnen, sanft swingende
Teile mit treibenden, rockigen Passagen
"Ich bin so gut wie die, die mich inspirieren", sagt Terri Lynn Carrington. Und so musste sie an diesem Abend gut sein. Ihre Technik ist ohne Makel, bewundernswert ihr Spiel in Time – ganz gleich, ob sie die Drums, Snares und Becken im freien Spiel pulsieren oder ob sie einen harten Beat durchlaufen lässt. Die 38-jährige Schlagzeugerin ist eine Generation jünger als Hancock und Hutcherson, besitzt aber Erfahrung und Feeling, die weit über ihr Alter hinausgehen. Carrington fasziniert, weil sie zuhören kann, sensibel auf ihre Mitmusiker eingeht. Dass das Schlagzeug-Solo in "Footprints" ein wenig zu lang geriet, mag der Zuhörer ihr verzeihen.
Bassist
Scott Colley ist swingender Mittelpunkt des Quartetts. Seine
meist straight gezupften Linien tragen viel zum Zusammenhalt
bei. In seinen Soli vermag er aber auch mit harmonischen
Wendungen zu überraschen.
Und so beginnt der Abend mit einer linearen Linie auf dem Piano, mal perlend, mal mit Monk´scher Skurrilität, mit starken Dynamiksprüngen und reizvollen Zwiegesprächen des Vibraphons mit dem Bass und mit den Drums. Ein paar Single-Note-Figuren werden von kräftigen Akkordschlägen abgelöst. Eine schnelle Hardbop-Passage geht nahtlos in ein verspieltes Adagio über. Hancock und seine Mitmusiker zerlegen eine Cole-Porter-Komposition ihre harmonischen Bestandteile, verfremden die Melodien, formen neue Klänge und setzen das Puzzle wieder zusammen – ohne Porter allzu nahe zu kommen. Nicht anders verfahren sie mit der Hutcherson-Komposition "November". Es wird trotz der mehr zwei Stunden Non-Stop ein kurzweiliger Abend im kühlen und regennassen Cuveehof des Schlosses hoch über dem Rhein. Und nach dem elektronischen "Future2Future"-Schock auch einer, der mit dem Chamäleon Herbie Hancock wieder versöhnt.