
Fotos und Text: Klaus Mümpfer
An Bob Mintzer und seinen Arrangements kommt keine Bigband
vorbei. Wie druckvoll und mit sattem Sound ein Jazzorchester
klingen kann, das beweist der melodische Improvisator und Leader
mit der hr-Bigband, die ihrerseits technisch und künstlerisch im
Grunde eine Solistenband ist und in die Mintzer kurzerhand sich
und den Rest der kalifornischen Fusion-Formation „Yellowjackets“
integriert.
„Revelation“, eine Komposition, an der sich viele Bigbands
versuchen, gerät bei diesem Konzert der Jazzfabrik im
Rüsselsheimer Theater zu einem Lehrstück. Volles Powerplay der
Bläser mit einem strahlenden und gleißenden Trompetensatz vor
einer treibenden Rhythmusgruppe, reißt die Zuhörer zu stehenden
Ovationen hin, die Mintzer mit der um die Yellowjackets
verstärkte hr-Bigband mit der Beatles-Komposition „Run fror your
life“ belohnen – eine nicht neue Liebe, denn bereits 1994 legten
die Kalifornier ein Album mit diesem Titel vor. Da kommt es nach
einer pulsierenden Up-Tempo-Einleitung des Quartetts sowie einem
virtuosen Trompetensolo Axel Schlossers zu einem mitreißenden
Ruf-Antwort-Duell der Saxophonisten Bob Mintzer und Tony Lakatos,
in dem der Frankfurter erneut mit gefühlvollen und zugleich
expressiven Stakkati belegt, dass er zu den Besten auf diesem
Instrument zählt. Gitarrist Martin Scales ist ein weiteres
herausragendes Bigband-Mitglied, das Mintzer in seinen
Arrangements gerne klangprägend einsetzt.
„Art of the Bigband“ nannte Bob Mintzer 1990 eines seiner Alben.
Mit einem Klangkörper wie der hr-Bigband fällt es leicht, diesem
Anspruch gerecht zu werden. Mintzer, Bassist Jimmy Haslip,
Drummer Will Kennedy und vor allem Pianist Russel Ferrante, der
Ideengeber sowie Dreh- und Angelpunkt der „Yellowjackets“,
lassen sich nahtlos in das Orchester einfügen. Natürlich bieten
Ferrante die eigenen Kompositionen sowie die von Bob Mintzer
ausreichend Gelegenheit zu seinen feurigen Soli auf dem Flügel
sowie in „Why is it“ auch auf dem Keyboard. Auf dem Flügel
kostet der Pianist mit schnellen Läufen und Trillern sowie
wuchtigen Akkordreihen das Volumen des Instruments aus. Haslip
zaubert auf seinem sechssaitigen E-Bass gitarrengleiche
melodische Läufe, die dennoch nichts von ihrer trockenen
Erdigkeit aufgeben und Schlagzeuger Kennedy bietet die Zugabe
Gelegenheit zu einem polyrhythmischen Drum-Solo, während er in
der Bigband eher für treibenden Groove sorgt.

Grooves und Funk sowie Fullband-Power-Attacken und sinfonische
Klangflächen sind Elemente der Arrangements, die die Bigband in
der Ferrante-Komposition „Even Song“ oder in dem funky-Stück „Why
is it“ von Mintzer zusammenfügt. Orchestrale Klangfarbenspiele
erleben die Zuhörer außerdem in „Azure Moon“, treibende und
druckvolle Tutti vor allem vor und nach den expressiven Soli von
Mintzer und Haslip in „Downtown“.
„Geraldine“ bleibt es an diesem Abend vorbehalten, die „Yellowjackets“
als Quartett ohne Bigband vorzustellen. Die Dame präsentiert
sich musikalisch zunächst balladesk mit einem getragenen und
lyrischen Duo von Tenorsaxophon und Piano, cantablen Linien auf
dem Blasinstrument und Single-Note-Ketten auf den Tasten, zu
denen Kennedy die Becken streichelt. Der Bass grundiert. Tempo
und Intensität steigern sich zur Expression, bevor die „Yellowjackets“
das Thema im Finale sanft schwebend verklingen lassen.
Natürlich ist es vermessen, die IKS-Swing-Kids im Vorprogramm in
einem Atemzug mit der hr-Bigband zu nennen. In beiden Bands
zählen an diesem Abend jedoch die Saxophon-Duelle zu den
Highlights. Bei den Swing Kids sind es der ausdruckstarke Fabian
Dudek und die Bariton-Saxophonistin Kira Linn bei „Nostalgia in
Times Square“. In Standards wie „Stolen Moments“ oder „Vine
Street Rumble“ beweisen die jungen Musiker unter der Leitung von
Heiko Hubmann eine erstaunliche Reife und Präzision. Zu hören
sind auch gute solistische Leistungen an der Posaune und der
Trompete. Sicher und solide stützen ein ökonomisch gezupfter
Bass, ein Piano und vor allem das flexibel getrommelte
Schlagzeug.