
Sein Gedicht „bfirr, bfirr“ umfasst gerade mal zwölf solcher Buchstaben-Absurditäten, das Poem „brulba dor daula dalla“ immerhin vier Strophen. Hugo Ball war neben Tristan Tzara und dem Bildhauer Hans Arp einer der Gründer des Dadaismus – damals im Jahr 1916 im Züricher Club Voltaire. In der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“ ist jetzt der Dadaismus dem modernen Bigband-Jazz begegnet. „Atonaler Swing“, Instrumentengeschnatter und Stakkatoläufe, elektronisch verfremdete Vokalisen, eruptive Gitarrenläufe offenbaren Seelenverwandtschaften beider in der Revolte gegen überkommene Kunsttraditionen. Die Bigband des Hessischen Rundfunks unter der Leitung von Nicolai Thärichen, der Sänger Michael Schiefel und der Kabarettist Michael Quast , erneuerten zeitgemäß, was damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon einmal von kurzer Dauer etwa in der Person des Komponisten Erwin Schulhoff vollzogen worden war.
„Jazz meets Dada“ ist ein hoch gesteckter Anspruch, der dem ersten
Eindruck nach nicht konsequent umgesetzt wird. Eine kabarettistisch
aufbereitete Geschichte der Musik von der Steinzeit bis in die
Zukunft, eine Reihe der Bigband-Arrangements und Soli faszinieren in
der künstlerischen Vollendung, haben aber wenig mit Dadaismus zu
tun. Wer jedoch rückblickend das Programm als zielstrebig auf dem
Weg zur offensichtlich unausweichlichen Begegnung von Jazz und
Dadaismus sieht, kann die Kritik am Konzept erheblich einschränken.
Hugo Ball ist der Poet, dem die Bigband, Schiefel und Quast fast
ausschließlich huldigen. „Seepferdchen“ interpretiert das
hr-Vokalensemble im skurrilen Sprechgesang zu „Geräuschen aus der
Natur“ auf dem Instrumentarium der Band. Quast zitiert wohl
unbewusst den verstorbenen Jazz-Autor Joachim Ernst Berendt aus
dessen mystischer Phase mit den Aussagen „Die Welt ist Klang“ und
der „Kosmos ist Swing“. Mit der Albert Mangelsdorff-Komposition
„Meise vorm Fenster“ verbeugt sich die Bigband vor ihrem legendären
Kollegen. Christian Jaksjö wird dem Posaunen-Titanen mit einem
warmen und runden Solo gerecht.
Assoziationen zu Dada wecken der Trompeter Axel Schlosser und der Altsaxophonist Oliver Leicht in einem schnellen Ruf-Antwort-Spiel mit attackierenden Stakkati. Kontrastierend setzt Tony Lakatos bei Hugo Balls Poem „Totenklage“ lang geschwungene Melodiebögen in einem singenden Sound. Bei einer musikalischen Doppelrolle in „Duet for one“ beweist der Sänger Michel Schiefel komödiantisches Talent, doch als wahrer Kehlkopf-Akrobat besticht der Sänger mit skurrilen Vokalisen, Verfremdungen mittels Hall und elektronischen Schleifen vor allem in „Keep it yourself“. Der Sänger belegt die Aussage Michael Quasts, dass die menschliche Stimme das dadaistischste aller Instrumente sei.
Es sind begleitende kleine Einlagen, die das Programm um
genregerechte Absurditäten bereichern, wenn etwa Pianist Dieter
Reiter den Flügel mit einem Tuch poliert und ein zweiter Musiker
einen Staubsauger anwirft, während die Bigband „Chattanooga Choo
Choo“ in leicht persiflierendem Arrangement spielt oder Sänger
Schiefel Spielkarten legt. „Schließlich“, so Quast, „wird die Musik
oft genug bei Hausarbeiten als Nebengeräusch konsumiert“.
Quasts „Kartoffel-Rap“ kann durchaus in der Nähe des Dadaismus
eingeordnet werden, das Bigband-Arrangement und der Gesang der
Frankfurter Volkshymne „Fraa Rauscher“ ist dagegen wohl mehr bei den
Comedians angesiedelt. Das begeisterte Publikum feiert die Künstler
nach dem unterhaltsamen Programm, dem mitreißenden Bigband-Jazz und
den glänzenden Soli frenetisch.