Überfallartig
schleudert Joachim Kühn das Motiv hinaus. Ein paar ostinate
Akkordgriffe mit der Basshand, dazu perlende Melodiefragmente
mit der Rechten. Und immer wieder der spannungsbildende Wechsel
zwischen rhythmisch treibenden Passagen und dazwischen
geschobenen retardierenden Free-Blöcke. Die zweite Zugabe im
Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik reizt der Pianist mit
jener wuchtigen Energie aus, die in starkem Kontrast zu seiner
fließenden und von deutscher Romantik sowie französischem
Impressionismus inspirierten Melodik steht. „More Lines“,
seine erste Zugabe mit den Piano-Repetitionen und Variationen
sowie dem groovenden Schlagzeug von Wolfgang Reisinger und den
erdigen, harmonisch reizvollen Bass-Läufen, ist jene Art von
Musik, die wie afrikanische Hymnik in Trance versetzen kann.
Begonnen
hatte das Konzert mit einer lyrischen, verspielt wirkenden
Single-Note-Linie auf dem Piano, einer verzierenden
Bass-Begleitung von Jean-Paul Celea und einem percussiven Spiel
Wolfgang Reisingers auf den Becken. Die sanften romantischen
Piano-Läufe von „Salinas“ münden ein einen kraftvollen
Akkordgriff. Eine Folge von komplexen Harmonien auf dem Bass
wird von einem flexibel reagierenden Schlagzeug begleitet,
bevor das Trio in ein groovendes Kollektiv verfällt, das von
einem frei pulsierenden Drum-Solo und einigen Free-Cluster auf
dem Flügel abgelöst wird. In“Meetings“ kommt es zu einem
Zwiegespräch zwischen melodisch getrommelten Toms und einem
percussiv slappenden und geklopften Kontrabass. Und immer wieder
eingefügte swingende Piano-Passagen mit romantischen
Stimmungen.
Joachim
Kühn protzt nicht mit seiner phantastischen Technik, doch sie lässt
ihm auch in rasenden Läufen die Freiheit zu dynamisch
differenziertem Anschlag. Die rhythmische Begleitung der linken
Hand und die artistischen Arpeggien sowie kurzen Melodieläufe
mit Trillern der rechten fügen sich nahtlos zusammen. Und so
sitzt der Pianist tief gebeugt über den Tasten, wirft den Kopf
vor und zurück, geht ganz in seinem Spiel auf, das ein
vollkommen emotionales Sich-Verausgaben ist und das auch so den
Zuhörer mitreißt.
Zweimal
an diesem Abend greift Kühn zum Altsaxophon: Das erste Mal
beschwört er nach einem erdigen und melodischen Bass-Solo mit
sonoren und balladesken Melodien eine sakrale Stimmung, im
zweiten bläst und überbläst er in Sheets-Stakkati die
Hardbop-Tradition, lässt das Instrument in aufgerauten tiefen
Lagen schreien und in High-Notes quietschen. Dazu liefert
Reisinger das passende treibende Schlagzeug-Solo, während sich
Bassist Celea eher minimalistisch in Klangfarben zurückhält.
Den 60. Geburtstag hat Joachim Kühn in diesem Jahr gefeiert.
Doch noch immer versprüht er ungeheure Energie und Intensität.
Seine Mitmusiker gehen darauf ein, das Trio wächst zu einem
perfekt kommunizierenden Klangkörper zusammen. „Höhenrausch“
ist der bezeichnende Titel des vierten Stückes in diesem
bemerkenswerten Konzert. |