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Das
Original aus dem Walt-Disney-Film gilt als ein fast wienerischer
Schmachtfetzen. Der Geiger Didier Lockwood, Pianist Daniel
Kramer und Bassist Kilian Forster leugnen die balladeske
Beseeltheit von „Some Day My Prince Will Come“ keineswegs,
überschreiten aber nie den Grat zur Sentimentalität.
Eine vibratoreiche Intro auf der Geige, hingeworfene Akkorde auf
dem Piano und gezupfte Bassfiguren leiten zu einem
Up-Tempo-Mittelteil über, der mit rasenden Pianoläufen und
Arperggio-Strichen auf der Geige sowie mit Romantizismen auf dem
Flügel gefüllt wird.
Der französische Jazz-Geiger Lockwood zeigt sich in dem Konzert
des Rheingauer Musikfestivals auf Schloss Johannisberg als ein
Künstler, der einerseits in der Tradition des legendären
Stéphane Grapelli verwurzelt ist und von jüngeren Geigern wie
dem verstorbenen Zbigniew Seifert beeinflusst wurde,
andererseits sich im Jazzrock zu Hause fühlt und aus all diesem
einen eigenen Personalstil entwickelt hat – mit sauberem und
elegantem Ton sowie schwungvoller Phrasierung.
Diese Einflüsse und das klassische Studium erklären das sensible
Aufeinandereingehen mit den russischen Pianisten Daniel Kramer,
dessen Spiel und Kompositionen die europäische Romantik umfassen
und zugleich in der russischen Folklore schwelgen. „Folksong“
ist der Titel eines Up-Tempo-Stückes an diesem Morgen im
Rheingau, in das Rhythmen und Stimmungen russischer und
gälischer Tänze einfließen und das das Publikum zu
Beifallstürmen hinreißt.
Ein
kurzes Bass-Solo über Gershwins „Summertime“ reichert Kilian
Forster, der in der Begleitung mit erdiger Grundierung
marschiert, mit Obertönen an; Kramer kostet in seinem Solo
„Strange Blues“ die Klangfülle des Flügels aus, scheint
zwischendurch in einen Geschwindigkeitsrausch zu verfallen.
Lockwood greift die Violectra-Geige, nutzt die Elektronik zu
Percussionseffekten, Meeres- und Windesrauschen.
Er lässt die Musik rocken, greift Zitate aus der Klassik auf und
malt seine „Pictures of Lockwood“ mit Schleifen, Hall und Echos.
Intensitätswellen und große Dynamiksprünge kennzeichnen das
Spiel des nur für dieses Konzert mit Forster aufgestockten Duos.
Dann entwickeln sich aus eher impressionistischen Soli im
Zusammenklang wahre Soundgewitter. Schließlich kehrt das Trio
mit „St. Thomas“ von Sonny Rollins zum Bop zurück –
glücklicherweise ohne den Eindruck zu hinterlassen, dass das
Programm nach dem Motto „Für jeden etwas“ zusammengestrickt sei.
In der Zugabe “Blues Of Didier“ begeistern die Drei das Publikum
mit humorvollen Zwie- und Tri-Gesprächen auf ihren Instrumenten,
mit Verfremdungen auf der Geige, die sich mal beim Bass und mal
beim Piano unisono einschmeichelt.
Nach dem Konzert reicht Didier einem kleinen Jungen zum
Probespiel seine elektrische Geige - das jungenhafte Lachen auf
dem Gesicht, das so typisch für ihn ist und das den Humor in
seinem Spiel erklärt. |