Das
Konzert beginnt mit dem Säuseln des Windes über der Weite von
Tuva – einem ehemaligen Sowjetstaat am Rande der Mongolei. Ein
sanfter Hauch durchweht das Dunkel der Hinterbühne des Rüsselsheimer
Theaters, kaum zu vernehmen, aber deutlich zu spüren. Sainkho
Namtchylak summt das „Eintönige“ nasal, formt den
Rachen und fügt so dem anhaltenden Grundton die Obertonfolge
hinzu. Das „Mehrtönige“ entwickelt sich, ein zweistimmiger
Gesamtklang entsteht, gepresst, mit schrillen Schreien,
Glucksern und Jodlern. Aus dem tiefen Brummen des OM-Gesanges lösen
sich die Sounds wie akustische Störungen, die gebrochenen
Laute, die Krächzer. Vibratoreiche Melodielinien mit Trillern,
dann wieder wie Babystimmen. Sainkho Namtchylak, die Künstlerin
aus Tuva, scheint auf der Suche nach den menschlichen Urlauten
zu sein. Schamanen haben diese Gesangsform entwickelt, eine
magische Musiksprache. Wer solche Obertonmelodien beherrscht,
steht in Verbindung mit den Geistern, heißt es in Tuva.
„Höömij“ (Rachen) ist die Kunst des tuvinischen
Kehlkopfgesangs, den die so bescheiden wirkende Künstlerin
perfekt beherrscht.
Nein!
Es ist nicht die reine tuvinische Folkore – auch wenn
Namtchylaks Gesang ihr zum Schluss mit einem Lied näher kommt.
Diese akustische Kehlkopf- und Rachenakrobatik wird auch
bestimmt und geformt durch westliche Avantgarde und jazzige
Improvisationstechnik, durch Weltmusik und Klassik.
So
sitzt die Sängerin im Scheinwerferlicht der Bühne, die Händer
locker im Schoß. Brust und Bauch folgen dem Atem, der stoßweise
Sounds produziert. Namtchylak spielt perfekt mit der Dynamik und
den Intensitätswellen. Sie wechselt mühelos die Stimmlagen,
springt vom gepressten motorischen Klang zur engelsgleichen
klaren Kinderstimme. Es folgen Vokalisen in rasenden Stakkati.
Da geraten die Hände in Bewegung, wenn sie in percussiven
Passagen ostinate Rhythmusfiguren aneinander reiht. Sie
schnattert und schnauft, zerdehnt und zischelt. Die Worte, so
sie wirklich welche formt, sind unverständlich zerfasert. Aber
die Mimik verrät, dass sie Geschichten erzählt. 45 Minuten
lang ist die Stimme in Bewegung, räuspert sich nur hin und
wieder, um die Kräfte raubenden, mehrstimmigen Presstöne
erneut aufzunehmen.
Es
folgt ein leiser monologisierender Dialog, einem einseitig gehörten
Telefongespräch gleich, in dem die Pausen die Musik machen.
Eine kinderliedhafte Melodie erklingt, lässt die Einsamkeit in
der südsibirischen Landschaft zwischen Russland und der
Mongolei erahnen. Hier ist Sainkho Namtchylak 1957 in einem
Goldgräberstädtchen zur Welt gekommen, hierhin hat sie die
Musik trotz aller Einflüsse westlicher Avantgarde und Jazz im Rüsselsheimer
Konzert wieder geführt. |