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Es
ist ein Konzert-Abend reizvoller und lehrreicher Gegensätze: Auf der
einen Seite die sorgsame und liebevolle Aufbereitung des Blues von
New Orleans bis zur South-Side von Chicago durch die „Hot Potatoes“
um Reimer von Essen – stets auf den Spuren des Klarinettisten Johnny
Dodds und seines jüngeren Bruders Baby Dodds, der Washboard und
Schlagzeug spielte. Auf der anderen Seite der „Wüstenblues“ des
Tuareg-Musikers Amar Sundy, der nordafrikanische Sangesfolklore und
Harmoniebildung mit dem hart rockenden Big-City-Blues von Chicago
verknüpft. Mit beiden Bands sowie einem kurzen Soloprogramm des
Kabarettisten Thomas C. Breuer beschließt der SWR in Mainz sein
diesjähriges Programm „Kultur im Foyer“.
Den Weg des Pariser Targi- und Blues-Musikers Sundy verrät der Titel
einer seiner CDs: „Hoggar – Chicago – Paris“. Er singt in der
Sprache seines Geburtslandes und in Französisch, doch die heiß
vibrierenden Glissando-Läufe auf seiner Gitarre verraten den
direkten Kontakt zu den amerikanischen Blues-Legenden wie Albert
King, mit dem Sundy unter anderem gespielt hat. Der Gitarrist reißt
kraftvoll die lautstarken und gleißenden Melodielinien aus den
Saiten, Schlagzeuger Yoann Schmidt lässt die Rhythmen rockend
stampfen, Bassist Antoine Vierny legt eine groovende Basis und
Francois Favre an den Keyboards sowie der Klangteppiche webenden
Hammond B3 wechselt zwischen perlenden Läufen und
Akkord-Schichtungen in der Begleitung sowie in den mitreißenden
Soli. „Men `na“ ist ein Titel, zu dem Sundy die Zuhörer zum
Mitsingen auffordert, „Say he“ ein anderer. So führt der Tuareg aus
Algerien die Mainzer Fans beim Summertime-Blues des Südwestrundfunks
tief in die Savanne und über das aufrührerische Chicago zurück nach
Paris. Von hier aus trägt er seinen inzwischen gereiften Mix aus
rockigem Blues und Wüstensounds erstmals nach Mainz und damit nach
Deutschland.
In
ein Chicago längst vergangener Zeiten sowie noch weiter zurück nach
New Orleans versetzt die Gruppe „Hot Potatoes“ um den Klarinettisten
und Saxophonisten Reimer von Essen die Zuhörer. Es ist die Zeit, in
der Johnny Dood´s Washboard Band mit Johnny an der Klarinette und
Baby an Schlagzeug und Waschbrett spielte. Im Juli 1928 wurden in
Chicago Aufnahmen wie der „Blue Washboard Stomp“ und der „Blue
Fiddle Blues“ aufgenommen. Die Nähe zum archaischen und ländlichen
Blues ist in der Musik noch gegenwärtig, ebenso wie in der Besetzung
mit Gitarre, Waschbrett, Klarinette und Kornett. „Easy come, easy
go“ mit den vielen harmonischen Raffinessen, „Would you be my
Sugar-Pa“ mit der eindeutigen Zuordnung zum Vaudeville-Geschehen
oder das berühmte „Oriental Man“ aus Johnny Dodds Feder - Reimer von
Essen erläutert auf seine charmante Weise Herkunft und Spielweise
der so einfach wirkenden Kompositionen.
Herbert Christ mit der Trompete und von Essen an der Klarinette
umspielen einander in Melodieführung und harmonischen Verzierungen,
die Klarinette steigt von den sonoren Mittellagen kraftvoll in die
Höhen, das Kornett von Christ sowie später die Trompete von Horst
Schwarz glänzen in den High-Notes, Simon Holliday lässt das Piano in
Rags hüpfen und schiebt auch mal eine kurze Double-Time-Passage ein.
Auf dem Waschbrett pflegt Schwarz das sparsame klopfende Spiel aus
New Orleans, während Dieter Nentwig auf dem gleichen Instrument eher
swing-orientiert aus dem Vollen schöpfte. Ganz den Wurzeln des Blues
verpflichtet zeigt sich die Band schließlich in den Stücken mit dem
Gitarristen und Sänger Bernhard Dill.
Es ist gleichsam ein Gang durchs Blues-Museum, in dem die „Hot
Potatoes“ Kleinodien entdeckt, erfrischend und zugleich authentisch
aufbereitet und mit Liebe präsentiert haben. Amar Sundys Wüstenblues
hingegen verspricht das pralle und vitale Leben – druckvoll und
gegenwärtig. |