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Modest
Mussorgskij war ein Neuerer in der russischen Musik seiner Zeit,
befand die freien musikalische Formen als einzige angemessene
Widerspiegelung von Realität. Der Bassist und Komponist Charles
Mingus verfolgte den gleichen Ansatz im modernen Jazz. Kein Wunder,
dass sich der saarländische Posaunist und Komponist Christof Thewes
in seinem Bestreben, eine originäre und eigenwillige Form
musikalischer Aussage zu finden, beider Vorbilder annimmt. Eine
seiner aufregendsten Einspielungen ist die neue CD „Christof Thewes
Quintett plays the music of Charles Mingus“, auf der er bei aller
Freiheit der Bearbeitung mit strukturierten Free-Explosionen vor
allem in den Klangfärbungen und rhythmischem Drive die typischen
Mingus-Stimmungen sicher trifft.
Im Konzert mitreißender noch als auf der CD erarbeitet Thewes mit
dem Bassisten und Mandolinenspieler Martin Schmidt, Hartmut Oßwald
am Tenor- und Sopransaxophon sowie der Bassklarinette und dem
Schlagzeuger Daniel Prätzlich eine ganz eigenwillige Fassung von
Mussorgskijs „Bilder eine Ausstellung“, jenem Stück, das in seiner
klassischen Form durch die Orchestrierung von Maurice Ravel und in
der Rockfassung von Emerson, Lake and Palmer (ELP) berühmt wurde.
„Eine Spur von ELP ist auch bei mir zu finden“, gesteht Thewes
scherzhaft. „Doch nur ein kleines bisschen.“
Mit seinem Quartett „Undertone“ - schon vom
Namen her ein Understatement - belegte Thewes im Konzert bei der
Initiative BlueNite und den „Bildern einer Ausstellung“, dass er zu
Recht den diesjährigen „Jazzpreis der Stadt Worms“ zugesprochen
bekam. Oberbürgermeister Michael Kissel überreichte die mit 5000
Euro dotierte Auszeichnung in Anwesenheit des Stifters Florian
Gerster an Thewes, der sich erfreut zeigte, dass er und seine
Musiker für eine Jazzform geehrt würden, die - so Gerster - „abseits
der ausgetretenen Pfaden des Mainstream für Aufmerksamkeit sorgt und
durch ihre künstlerische Qualität besticht“.
Während
das Quartett - dieses Mal mit dem time-sicheren Schlagzeuger Dirk
Peter Kölsch an Stelle von Prätzlich - auf der kleinen Bühne in
Worms mit hymnischer Intensität und Choral-Affinität die Promenade
einleitet, sieht der Zuhörer und -schauer an der Wand nur die
Riesenkralle eines vogelähnlichen Wesen, das sich später als
barbusige Mensch-Tier-Schönheit entpuppt. So illustriert der
Saarbrücker Künstler Thomas Altpeter den Ausstellungszyklus ebenso
neu und skurril-humorvoll wie Thewes die Komposition. Mit
orchestraler Wucht kommen die Tutti der vier Musiker, die in
Kollektiven die Harmonien des Originals zerfasern, in
Unisono-Passagen Mussorgskij-Stimmungen schaffen, die rhythmischen
Grundlinien frei pulsieren lassen, um irgendwann wieder auf das
Thema zurückzukommen. Denn das ist das Faszinosum: Obwohl immer
wieder weitgehend frei improvisiert wird, ist die Vorlage deutlich
zu identifizieren.
Einen Großteil der Spannung zieht die Musik
aus den extremen Dynamiksprüngen. Eben noch zart und leise sowie mit
etwas ironisierend melodischer Schönheit im Trio von Bläsern und
Bass, setzt das Schlagzeug mit wuchtiger Härte ein und reißt alle zu
ekstatischem Crescendo hin. Thewes lässt die gestopfte Posaune
wabern und gluckern, Oßwald begleitet auf der Bassklarinette mit
ostinaten Kürzeln in tiefen Lagen. Dann wechselt die Posaune zu
hohen Flattertönen, die Bassklarinette zu überblasenen Stakkati.
Schlagzeuger Kölsch gibt kurzzeitig einen Marschrhythmus vor.
Skurril, ja fast valentinesk, wie der Titel „Ballett der
ungeschlüpften Hühner“, ist die musikalische Umsetzung. Kölsch
ersetzt die Sticks durch Essstäbchen, spielt auf einer
Kinderblechtrommel, Schmidt zupft die Mandoline in den höchsten
Lagen, Posaune und Bassklarinette greifen das Thema in sanftem und
getragenem, zweistimmigem Spiel auf. Beide Bläser bestechen später
mit einem endlos wirkenden Ton in Zirkularatmung, in den Bassist
Schmidt
mit
einem leicht verzerrten schnörkellosen Sololauf einfällt. In Duetten
lässt Thewes die Posaune rau „singen“, Oßwald die Luftsäulen im
Tenorsaxophon nahezu tonlos „atmen“. Kurz darauf schnattern
Tenorsaxophon und Posaune in einem ausgedehnten Ruf-Antwort-Spiel,
zeigt Oßwald wie oftmals in den Soli seine Verwurzelung in der
Bebop-Tradition. Zu einem wuchtigen Soundgemälde gestaltet das
Quartett abschließend „Das große Tor von Kiew“, grollend in der
Tiefe, mit einem humorvollen Zwischenspiel auf Mandoline und
Xylophon, getragenen Passagen der Bläser und einem explodierenden,
hochenergetischen Full-Band-Finale.
Humor, der die Kompositionen durchzieht,
zeigt Christof Thewes auch in den Zwischenmoderationen. Wen
wundert´s, dass er mit Beidem das Publikum von Beginn an für sich
einnimmt. |