
Die acht jungen Männer haben sich im Hof der Diabates versammelt. Mit über den Schultern gehängten Spitzhacken brechen sie zusammen mit den Musikern zum nahe gelegenen Feld auf. Sie stellen sich in einer Reihe auf, die fünf Musiker bringen sich vor ihnen in Position und dann beginnt ein Schauspiel, das uns als "Cultivation de champ" angekündigt wurde: Wie ein Schaufelbagger arbeiten sich die jungen Burschen über das Feld hin, während die Musiker in immer neuen rhythmischen Wellen die Arbeiter anfeuern und mit ihrer Energie quasi über das Feld ziehen. Das Ganze wirkt auf mich wie ein einziger Organismus, eine unglaubliche und faszinierende Synthese von Arbeit und Musik. Musik, die für mich gleichermassen archaisch wie absolut zeitgemäß wirkt. |
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Diese Musik hat eine Tiefe, in der sich Jahrhunderte spiegeln, hört sich durch die spezielle Stimmung des Sambla-Balaphons mit kleiner und grosser Terz jazzig an und erinnert mich aufgrund ihres repetitiven Charakters irgendwie auch an Minimal-Music. |
Wir sind in Torosso, einem kleinen Dorf im Westen Burkina Fasos (das in den Atlanten der älteren Generation noch Obervolta hiess) in Westafrika. Vor einigen Tagen waren Mamadou und ich noch in der Hauptstadt Ouagadougou, um im Duo beim grössten afrikanischen Filmfestival FESPACO zu spielen. Der musikalische Programmdirektor kommt, während wir uns backstage noch einspielen, zu uns herüber, ist von unserer Duo-Musik tief bewegt, und sagt uns, dass er eigentlich gar nicht auf diese lauten und poppigen Bands steht, die vor und nach uns spielen, aber nun ja: das sei halt mal der derzeitige Geschmack. Unsere Performance wird aber trotzdem begeistert aufgenommen.
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Die Hektik in der Kapitale mit ihren unzähligen Mopeds und den Strassenverkäufern, die von Papiertaschentüchern bis Autoradios alles in ihrem Sortiment mit sich herumtragen, haben wir nach zwei Tagen hinter uns gelassen, um die Familie meines Duopartners Mamadou Diabate im Dorf zu besuchen. Hier sind seine Wurzeln, hier ist er aufgewachsen, hier hat er das Balaphonspielen von seinem Vater erlernt, und hier stellen sie auch ihre Balaphone her. Bei unserer Ankunft gibt es To (eine Art Polenta aus Hirse) mit einer Sosse, man isst mit den Fingern aus einem Topf, und nach einigem Üben schaffe ich es auch, die Sosse mit dem To in den Mund zu bekommen, ohne mich vorher gröber zu bekleckern.
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Auch nach der oben beschriebenen Feldarbeit bringen die Frauen den Männern To aufs Feld; man isst im Schatten der Mangobäume. Dazu gibt es selbstgebrautes Chapalo-Bier, das nach einigen Schalen die sowieso schon gute Stimmung weiter hebt. Zur Musik von Balaphon und Trommeln tanzen die jungen Feldarbeiter und vollführen dabei wahrlich abenteuerliche Luftsprünge. Dass auch einige junge Mädchen gekommen sind, bleibt nicht ohne Wirkung auf den Eifer der Burschen.
Nachdem wir zum Hof der Diabates zurückgekehrt sind, spiele ich mit Mamadou noch einige traditionelle Songs, die er mir schon in Europa gezeigt hat. Die Leute sind völlig verblüfft, dass ich das kenne und spielen kann - vermutlich ist es für sie genauso unglaublich, dass ich das kann, wie wenn ein Burkinabé zu uns käme und "Im Frühtau zu Berge..." ganz selbstverständlich mitsingen würde. Da auch der benachbarte Regenmacher herübergekommen ist, spielen wir das Regenmacher-Lied. Anscheinend hat Mamadou unseren Besuch angekündigt und den Regenmacher um eine Probe seines Könnens gebeten. Es entsteht ein kleines Palaver, denn am Abend soll noch ein Fest stattfinden, und dann wäre es dann doch eher unpassend, wenn es tatsächlich regnen würde und das Fest buchstäblich ins Wasser fiele...
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Während im Hof weitergespielt wird, machen wir uns auf, um im Busch nach einem Baum zu suchen, aus dem die Holzplatten des Balaphons hergestellt werden. Wir finden einen und einer der Diabate-Brüder arbeitet aus einem Ast mit der Axt eine Balaphonplatte heraus. Tatsächlich hat dieses Holz einen Klang, der schon manifest wird, auch wenn es auch nur ein Brettchen ist und man mit dem Finger draufklopft. Bei der Rückkehr zum Dorf zieht sich der Himmel immer weiter zu, dunkle Wolken kommen auf und es fängt an zu blitzen. Nach 10 Minuten regnet es! Ja was jetzt ?!?! Sollte der Regenmacher ...?!?!
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Wir kommen ziemlich durchnässt zum Hof zurück, wo die Vorbereitungen zum Fest schon im Gange sind: Die Frauen kochen weiter To mit Sosse, die Burschen haben sich inzwischen umgezogen und schauen richtig herausgeputzt aus, und die Musiker spielen ein Stück ums andere. Immer wieder jedoch fängt es zu regnen an, teilweise so stark, dass alle in die Hütten flüchten.
Der Feststimmung tut das jedoch keinen Abbruch: Man tanzt und lässt sich das Chapalo schmecken.
Am Abend kommen immer mehr Leute, es werden kleine Leckereien, Früchte und Schnaps angeboten. Irgendwann an diesem Abend ist für mich dann Schluss, doch die Musiker spielen mit unermüdlicher Energie immer weiter. Mitten in der Nacht stehe ich auf um nachzusehen: Es ist 4 Uhr früh, die Musiker spielen immer noch und ein paar unentwegte sind noch wach! Am Morgen um 7 Uhr, als wir aufstehen, spielen sie immer noch ....
Beim Frühstück hören wir, dass in der Nacht jemand aus dem Dorf gestorben ist. Die Musiker, allesamt Mitglieder der Diabate-Familie, machen sich auf, um dort zur Beerdigung zu spielen. So ist das ganze Leben, die Freude und der Schmerz, von der Musik dieses Instruments umrahmt. Bevor wir aufbrechen, wollen wir aber dem Regenmacher noch einen kurzen Besuch abstatten, um ihn zu fragen, wie denn das mit dem Regen gestern war (es hat während unseres Aufenthaltes weder vorher noch nachher geregnet und auch die Niederschlagsmengen, die unser Burkina-Buch für März ausweist, sind verschwindend gering). Wir treffen ihn vor seiner Hütte, er erklärt uns freundlich, dass Mamadou ja unseren Besuch angekündigt hätte und er durch den Regen auch den Druck der Hitze durchbrechen wollte - immerhin hatte es während unseres Aufenthaltes immer um die 35°. Tja, was denn nun ....?!?! Sollte er tatsächlich ...?!?!
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Wir brechen auf, um eine weitere Balaphontradition kennenzulernen. Es geht ins Dorf Peni, wo wir einen ehemaligen Lehrer Mamadous namens Daouda Diabate treffen, er stammt wie auch Mamadou aus der Musikerdynastie der Diabates. Er ist Tusia, und das Tusia-Balaphon, das er spielt, hat eine mollgetöntere Stimmung als das Sambla-Balaphon. Es wirkt melancholisch auf mich; die Leute, die sich alsbald um die Musiker sammeln, sind jedoch in einer fröhlichen Sonnenschein-Stimmung, die für mich wegen des mollgetönten Klangs des Instruments anfangs ein wenig befremdend wirkt. Es wird wieder getanzt und man hat seinen Spass. |
Auch das Tusia- wird wie das Sambla-Balaphon zu dritt gespielt: Zwei Musiker, die sich gegenübersitzen, spielen Bass- und Mittelregisterstimmen, die sich komplementär ergänzen, während der Solist im oberen Register "spricht": Er formt mit seiner Spielweise die Sprachmelodie nach, so dass ein geschultes Gehör im wahrsten Sinne des Wortes verstehen kann, was er sagt. Ich habe es mehrmals beobachtet, dass jemand aus dem Publikum sich vor den Balaphonisten aufgebaut hat, anfing, mit dem Solisten zu sprechen - und der Solist ohne ein Wort zu sagen mit seinem Instrument antwortete. Auf diese Weise entspannen sich bisweilen mehrminütige "Gespräche", bei denen sich die beiden offensichtlich gut unterhielten. Die Umstehenden folgten der Unterhaltung mit Interesse und bisweilen brachen alle ob des "Gesagten" in Lachen aus - Scherze, die uns aufgrund unseres Unverständnisses dieser Sprache nicht nachvollziehbar waren ....
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Einige Tage später spielen wir in Bobo-Dioulasso, der zweitgrössten Stadt Burkinas im Centre Culturel Français ein Duo-Konzert. Unsere Musik wird, wie schon bei unserer Tour in Deutschland und Österreich im Januar 2005, mit grossem Interesse und Beifall aufgenommen. Gegen Ende des Konzertes kommen noch einige Mitglieder aus Mamadous Familie auf die Bühne und wir spielen drei traditionelle Songs. Ich bin immer wieder verblüfft von der Dichte der Rhythmik und der Interaktion. Das Zusammenspiel der Familie wirkt auf mich wie ein Motor aus verschiedenen Zahnrädern, die alle einem komplexen System folgend ineinandergreifen. Ich füge teils eine weitere Ebene hinzu, teils stelle ich ihrer Motorik lange Melodiebögen gegenüber. Als wir nach dem Konzert ins angrenzende Restaurant gehen, brandet spontan Beifall auf.
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Der Zeitpunkt unserer Abreise rückt näher. Mit (im wahrsten Sinne des Wortes) Schaudern denke ich an den Temperatursturz, der uns nach unserer Rückkehr in Europa erwarten wird. Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt Ouagadougou machen wir noch bei "heiligen Krokodilen" halt. Es erwartet uns ein Tümpel, an dem, angelockt von den Rufen einiger jungen Burschen, wirklich Krokodile in teils beachtlicher Grösse aus dem Wasser kriechen. Wir nähern uns bis auf einige Meter, Zäune oder andere Sicherheitsvorkehrungen erachtet man offensichtlich als unnötig. Als ich nach zwei Fischern frage, die in einiger Entfernung durch das trübe Wasser waten, werde ich darüber belehrt, dass wir es hier mit heiligen Krokodilen zu tun haben, die den Menschen nichts tun. Na dann .....
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Eine Frage aber beschäftigt mich immer noch, als ich schon im Flugzeug sitze und die Sahara unter uns vorüberzieht: Hat der Regenmacher denn tatsächlich...?!?!
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