| titel | www.concerto.at | 1 / 2004 |
Arabian Waltz feat. Dunia White Caravan
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Der unermüdliche Sigi Finkel verchlägt es von westafrikanischer Musik zu orientalischen Klängen. Das afrikanische Herz schlägt zwar weiter und was gleich bleibt, sind rasante Grooves, doch basieren sie diesmal auf den exotischen Skalen der arabischen Musikkultur, kombininert mit komplexen Horn-Lines in einer ungewöhnlichen Besetzung (Sax, Tuba, Drums). Hinzu kommt eine mitreißende Performance arabischer Bauchtanzkultur, abwechselnd verpackt in spannend jazzige Sounds, gefühlvolle Balladen und raffinierte Rhythmen. Hombase-Records - ein von Christian Kolonovits neu gegründeter Label - wird das Ganze in Form einer CD/DVD-Paketes veröffentlichen.
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Im Haus von Christian Kolonovits trifft sich CONCERTO mit dem Hausherrn und Sigi Finkel zu Kaffee und Gespräch. Der Stiegenabgang zum Studio ist gespickt mit an der Wand hängenden Schallplatten-Preisen. Der Mann hat ja auch schon jede Menge erfolgreicher Produktionen hinter sich und ihn hier vorzustellen, würde den Rahmen sprengen – aber mit Produktionen abseits vom Mainstream wird ihn wohl kaum jemand in Verbindung bringen. Doch gibt es jetzt eine neues Gesicht an Christian Kolonovits zu entdecken: eine bisher heimliche Liebe zu World und Jazz soll sich in seinem neu gegründeten Label – Homebase-Records – entfalten können. „Es gibt so viel Musik, die interessant ist, und ich bin jetzt mittlerweile in der Situation und Lage, Musik abseits vom Mainstream, wenn schon nicht zu fördern, dann zumindest möglich zu machen. Es macht Spaß zuzusehen was entstehen kann und mich bei solchen Produktionen einzubringen, was bei einem kleinen Label viel besser funktioniert als bei den Major-Labels, wo ja schon fast Musikverbot herrscht“, so der Studioinhaber und Produzent. Dabei konnte man die Namen Kolonovits und Sigi Finkel schon bei der letzten „African Heart“-Produktion in Zusammenhang bringen, denn auch diese wurde im Kolonovits-Studio aufgenommen. Die Zusammenarbeit begann, als Christian Kolonovits im Rahmen einer Auftragsarbeit Instrumente aus fünf Kontinenten im Zusammenhang mit Symphonieorchester vorstellen sollte. Nachdem er unter anderem nach afrikanischer Musik Ausschau hielt, fiel seine Wahl auf Sigi Finkel’s African Heart. „Das war eine fantastische Geschichte – afrikanische Trommler mit Symphonieorchester, das hat es vorher noch nicht gegeben“, meint Christian Kolonovits. „Es erweitert einerseits meinen Horizont immens, mit Leuten wie Sigi Finkel zusammenzuarbeiten und zu diskutieren, andererseits werden auch die Möglichkeiten im Studio erweitert, es entstehen neue Situationen und es gibt nicht das übliche: Click on – Programming – Los geht’s. Hier geht es um wirkliche Musik, so wie ich sie seit jeher empfunden habe“. Augen- und Ohrenschmaus Homebase-Records wird mit der Arabian Waltz-Produktion ein österreichisches Novum auf den Markt bringen. Um dem akustischen und visuellen Anspruch Genüge zu tun, wird das Produkt nämlich in einer CD-DVD-Kombination erhältlich sein. Ein wesentlicher Bestandteil des Projektes ist nämlich die Performance von arabischer Bauchtanzkultur, wobei man den Star unter den Bauchtanzkünstlerinnen – Dunia – gewinnen konnte. Die in Ägypten geborene und im Libanon aufgewachsene Tänzerin gehört seit vielen Jahren zu der Weltspitze dieses schwierigen Genres. Seit Jahren verzaubert sie die Tanzwelt mit ausdrucksstarkem orientalischem Tanz, der aus alten ägyptischen Traditionen schöpft. Die sinnliche Darbietung Dunias verleiht jedem Arabian Waltz-Konzert einen dramaturgischen Höhepunkt. Für dieses Trio hat sie extra eine eigene Choreographie gestaltet, die in Zusammenarbeit mit der Band entstand. Waren es bei African Heart die Rhythmen, so sind es jetzt die exotischen Skalen, die es Sigi Finkel angetan haben. Der Saxophonist ist ja als musikalisches Chamäleon bekannt, und so ist der Weg von afrikanischer zu arabischer Musik für ihn kein Tanz auf dem Vulkan. Ursprünglich wurde er vom Tuba-Spieler Raoul Herget zu diesem Projekt eingeladen. Jener fühlte sich von Rabih Abou-Khalil inspiriert und ließ sich Noten von diesem schicken. Gemeinsam mit Richard Filz an der Perkussion begann das Trio Abou-Khalil-Stücke zu interpretieren, doch wurden die Grenzen hier bald zu eng. „Wir haben im Laufe der Zeit immer mehr Abstand davon genommen, Rabih Abou-Khalil nachzuspielen, obwohl man viel dabei lernen konnte. Ich hab mich viel mit den arabischen Skalen und ungeraden Rhythmen auseinandergesetzt, herumexperimentiert und fühlte mich bereit, eigene Stücke für dieses Trio zu schreiben, woraufhin ein ganz neues, eigenes Programm entstand“. In Finkel’s Kompositionen geht es nicht darum, arabische Musik nachzuspielen, sondern vielmehr um eine Reflexion. „Wir haben auch gar nicht die Instrumente dazu, dass wir in diesen arabischen Modes spielen könnten, weil diese Skalen ja auf Vierteltönen basieren. In der arabischen Welt gibt es sehr viele unterschiedliche Skalen und ich hab mir welche ausgesucht, die mit den unseren besser korrespondieren. Man hört diese arabische Musik, nimmt Dinge an, es vermischt sich mit dem Eigenen, und im kreativen Prozess ergibt sich dann ein ganz eigener Output. Es ist viel spannender aus dem Eigenen etwas Neues zu kreieren, wo man sich drin wieder finden kann und hinter dem man stehen kann, als etwas zu imitieren, das es eh schon gibt. Das brauch ich nicht.“ Dieser Output ist naturgemäß ein völlig anderer als beispielsweise bei African Heart, denn der Input kommt diesmal unter anderem von einer orientalischen Tänzerin. Als die Bauchtänzerin Dunia zu dem Projekt eingeladen wurde, bekam Arabian Waltz eine neue Dynamik, weil es nun wesentlich mehr darum ging, sich am Arabischen zu orientieren. Komplizierte Rhythmen, fixe Abläufe und Choreographie sind notwendige Bestandteile des Projektes. „Ich hab es hier – im Gegensatz zu African Heart – nicht mit Musikern zu tun, die aus der Region kommen, sondern mit einer Tänzerin, die oft ganz anders denkt als die Musiker und gewisse Voraussetzungen braucht, um tanzen zu können. Sie ist abhängig von einer Dramaturgie und ich hab mich deshalb mit ihr getroffen, um eine solche zu erarbeiten. Dunia hat mir auch einige Hörbeispiele nahe gelegt, von denen ich profitieren konnte. Ich hab mich dann noch mehr in diese Skalen und Rhythmen vertiefen müssen, um diese Welt besser zu verstehen.“ Näher an der Wurzel sieht sich Sigi Finkel zwar mit African Heart, weil er hier mit drei afrikanischen Musikern arbeitet, doch ist Arabian Waltz feat. Dunia offener und lässt innerhalb eines gewissen Rahmens mehr Platz, sich selbst einzubringen. Das Programm ist zweigeteilt: in einen reinen Trio-Auftritt und eine Performance mit Tänzerin, wobei vor allem ohne Tanz die Musik viel Individualität zulässt, aber auch mit Dunia lässt das Arrangement trotz Choreographie Freiräume offen. „Die Form ist zwar festgelegt, und es ist auch relativ viel ausgeschrieben, aber es gibt jede Menge Interaktion bei Saxophonsolo mit Tanz, oder Perkussion mit Tanz.“
Auf die Frage, wie Dunia zu dem Projekt gestoßen sei, erklärt Sigi Finkel: „Es war meine Idee, dem Projekt eine gewisse Authentizität zu verleihen. Es gab die Überlegung, entweder ein zusätzliches Instrument einzubringen – eine Oud oder eine Violine – oder wegzudenken vom Instrument und sozusagen über die Grenzen zu schauen. Es könnte ja eben auch eine Tänzerin sein, und das war dann der viel attraktivere Gedanke für uns. Ich hab mir die Interaktion und Spannung, die sich zwischen Bauchtanz und Spiel aufbauen kann, gut vorstellen können.“Christian Kolonovits, während des Gesprächs mit Sigi Finkel zumeist nur noch Kaffee trinkender Zuhörer, schwärmt von der Arabian Waltz-Performance: „Es war unglaublich. Ich hätte mir nie gedacht, dass Tanz die Musik auch wieder so positiv beeinflussen kann. Man merkt, dass diese zwei Medien aus Urzeiten miteinander verknüpft sind.“ War Steptanz früher ein wesentliches Element im Jazz, ist Tanz im heutigen Jazz nur noch in seltenen Fällen ein aktiver Bestandteil. Tanz ist auch der Berührungspunkt von Arabian Waltz und African Heart. „Es gibt ja eine Verbindung in der afrikanischen Musik. Bewegung und Musik gehören untrennbar zusammen. Der Djembe-Solist spielt da gewisse rhythmische Abfolgen, worauf der Tänzer seine Bewegungen koordiniert. Der Trommler gibt das Signal für die nächste Schrittfolge, oder der Tänzer beendet das Ganze mittels Handzeichen. Die sind da sehr eng miteinander verwoben, und wir versuchen das auf die arabische Musik zu transferieren.“ Ein weiterer ungewöhnlicher Bestandteil des Arabian Waltz-Projektes ist die originelle Besetzung. Sigi Finkel spielt Saxophone und Flöten, Raoul Herget die Tuba, und Richard Filz trommelt an Schlagwerk und Perkussion. „Es war von Anfang an geplant im Trio zu spielen, und ich bin sehr froh, dass Richard Filz in dem Projekt mit dabei ist, weil gerade diese komplexeren Stücke, die ich für dieses Trio geschrieben habe, sehr viele schwierige Taktwechsel haben. Da gibt’s 6/16-, 11/16-, 7/8-, _-Takte in einem Stück. Das ist wirklich heavy, aber Richard und Raoul können das spielen, und da kann ich nur glücklich sein.“ Christian Kolonovits wirft ein, dass durch das Fehlen eines Harmonieinstruments die Perkussion und das Schlagwerk eine große Spielwiese bekommen, um sich auszubreiten und dabei auch zu einem Melodieinstrument zu mutieren. Die reiche Klangpalette der Drumset-ähnlichen Perkussionsburg von Richard Filz ist dafür wie geschaffen. Auch der Kontrast in Ton und Umfang von Tuba und Sopransaxophon gibt dem Gesamt-Sound einen eigenen Charakter. Unisono oder Kanon-ähnlich verschmelzen die beiden Blasinstrumente zu einer einzigartigen Einheit. Gemeinsam mit der Dichte des Schlagwerks entfaltet sich das Trio zu einem nicht trennbaren Konglomerat, wo es an nichts fehlt. Wer Sigi Finkel kennt, weiß um seine Vorliebe, Musik mit elektronischen Sounds zu würzen. „Elektronik ist diesmal kein Thema. Arabian Waltz ist ein rein akustisches Set, und ich find das auch gut so. Die Tuba bringt in diesem Zusammenhang eine gewisse Exotik, und die Perkussion ist derart reichhaltig, dass Elektronik eigentlich störend wäre. Es geht auch darum, dem Klischee einer Bauchtanz-Performance (ein im Hintergrund stehender Keyboarder, der zum programmierten Instrument ein bisschen orgelt) entgegenzuwirken. Bei uns wirken wirklich tolle Musiker mit Schub und Kraft und die spielen akustisch.“
Sigi Finkel und Christian Kolonovits während der Studioaufnahmen Nachdem Arabian Waltz feat. Dunia ein doppelgleisiges Unterfangen ist, besteht auch seit Beginn des Projektes die Idee, zu den geplanten Trio-Aufnahmen eine DVD hinzuzufügen. Somit dürfte Sigi Finkel mit seinem Projekt der erste in Österreich sein, der Aug und Ohr befriedigt. Am 12. Jänner fand sich ein kleiner Kreis im „Aux Gazelles“ in Wien, Rahlgasse, ein, um beim Video-Dreh als Publikum mitwirken zu dürfen und einen ersten Eindruck von der DVD gewinnen zu können. Spärliches Licht, stimmungsvolle Muster, die von marokkanischen Gitterlampen an die Wand geworfen werden, üppige Kerzenbeleuchtung und an der Wand drapierte Stoffe sorgen dafür, dass man sich in die orientalische Welt versetzt fühlt. Das Publikum sitzt dabei auf Polsterhockern rund um die Tanzfläche und lässt sich von der faszinierenden Darbietung mitreißen. Im Mittelpunkt steht natürlich der Bauchtanz, der von Dunia vor den groovenden Musikern im orientalischen Ambiente souverän dargeboten wird. Durch die Transformation der Musik in Bewegung und Ausdruck werden die Rhythmen und Klänge unmittelbar spürbarer, und die Intensität des Erlebens wird dadurch gesteigert. Da man die Musik nicht nur hören, sondern auch sehen kann, kann der Tanz als Vermittlung zwischen Musikern und dem Publikum gesehen werden, was sich auf den DVD-Seher unmittelbar überträgt. Sigi Finkel schlägt ein neues Kapitel in seinem musikalischen Lebensbuch auf. Es ist nur eines von vielen, aber es ist ein äußerst spannendes und intensives Erlebnis, und wir können nur noch hoffen, dass das die CD-DVD-Kombination Schule macht. Text und Interview: Sigi Schneider CD-Tipp:Arabian Waltz feat. Dunia "White Caravan", Homebase-Records DCD 240906,Vertrieb: Hombase Distribution |