SCHWEISSTREIBEND: Doop Troop

Sigi Finkels neuestes Projekt

veröffentlicht in Concerto 1/2000
Die Band, die aus der Hitze kam: vor zwei Jahren traf Saxophonist Sigi Finkel am Rand des Ingolstädter Jazzfestivals zufällig Defunkt-Mastermind Joseph Bowie - in der Sauna. Die beiden beschlossen kurzerhand, gleich beim Thema "Schweiß" zu bleiben. Das Ergebnis heißt Doop Troop, die erste CD "Don't Teil Me".

Schweißtreibend ist die Musik von Doop Troop allemal: ein hochprozentiger Aufguß aus Funk, Jazz, Rap, Ethno und Rock, der gnadenlos in die Beine fährt und gleichzeitig - was die Komplexität der Kompositionen sowie die Qualität der Soli anbelangt - anspruchsvolle Ohren zufriedenstellt. Die aktuelle Silberscheibe "Don't Tell Me", welche noch vorweihnachten hierzulande vorgestellt wurde, ist durchaus dazu angetan, internationales Aufsehen zu erregen. Das Schönste an der Geschichte: hier werken drei Amerikaner und zwei Österreicher (ein "waschechter" und ein "Adoptivösterreicher"), als gäbe es diese Band seit Jahren.

Mit Columbia hat eine der ganz großen Plattenfirmen bei Doop Troop zugegriffen. Eine Tatsache, die sowohl Sigi Finkel als auch Joseph Bowie zu der internationalen Beachtung verhelfen könnte, die sie schon lange verdienen, haben sie sich doch mit diversen hochinteressanten musikalischen Projekten -zumindest in Insiderkreisen - längst profiliert.

Sigi Finkel ist spätestens seit seinen Afro-Jazz-Aktivitäten, die ihn durch ganz Europa, nach Israel, Senegal und bis zu den Kapverdischen Inseln führten, kein Unbekannter mehr. Davor trat der in Bayern geborene, seit 1982 in Wien lebende Saxophonist und Komponist mit seinen Formationen Powerstation und Caoma in Erscheinung, in denen er u.a. mit Wolfgang Puschnig, Enrico Rava, Tomasz Stanko, Wolfgang Reisinger, Mike Richmond und John Abercrombie arbeitete. Sein seit 1997 bestehendes Duo mit dem britischen Pianisten Tim Richards (CDs: Dervish Dances & Shibop) war erst am 29. Jänner im Wiener RadioKulturhaus zu hören. Bei Doop Troop glänzt Finkel nicht nur, wie gewohnt, mit hochenergetischen Tenor- und Sopransaxsoli, sondern steuert auch Loops und Keyboardflächen in angenehmen Retro-Sounds bei, etwa auf seinen Kompositionen "Ride 'em Slow" und "Cephyr".

Joseph Bowie, jüngerer Bruder des kürzlich verstorbenen Trompeters Lester Bowie, begann mit 11 Posaune zu spielen und war mit 15 Mitglied der Black Artist Group, St. Louis, der auch die späteren "World-Saxophonisten" Julius Hemphill, Hamiet Bluiett und Oliver Lake angehörten. Später arbeitete er u.a. mit Cecil Taylor und Anthony Braxton zusammen und formierte 1978 seine legendäre Band Defunkt, die mit kurzen Unterbrechungen bis heute besteht und der er - eine Parallele zu Doop Troop - als Posaunist wie als Vokalist seinen Stempel aufdrückt.

Der dritte Leader im Lineup von Doop Troop ist Gitarrist Kelvyn Bell, der sich im Spannungsfeld von Jazz, Rock und Funk am wohlsten fühlt. Sein Gitarrenstil schließt alle Spielarten der modernen E-Gitarre mit ein-von Jimi Hendrix bis Sonny Sharrock. Bekannt wurde er durch Kooperationen mit Arthur Blythe, Defunkt und dem M-Base-Kollektiv (etwa als Gründungsmitglied von Steve Colemans Five Elements). Die Bedeutung seiner eigenen Band Kelvynator hat er einmal so umrissen: "Arthur Blythe was my Jazz teacher, Defunkt was the preacher, and Kelvynator is my own church."

Last, not least, ist da noch eine Rhythmusgruppe der Extraklasse, bestehend aus dem Bassisten Robert "Bachhendl" Riegler (derzeit mit dem Vienna Art Orchestra, Martin Siewert oder als Leader mit Bass Doublings tätig) und dem New Yorker Schlagzeug-Senkrechtstarter Tobias Ralph, eine Entdeckung Joseph Bewies.

Eine interessante Allstar-Besetzung also, die sich vor allem das Ziel gesetzt hat, druckvolle Musik zu machen, die live ebenso zur Geltung kommt wie auf der exzellent produzierten CD, mit sparsamer Elektronik und kräftigen, tanzbaren Grooves, über denen sich Stimme, Posaune, Gitarre und Saxophon gemeinsam oder solistisch bewegen. Schweißtreibend eben.

Martin Schuster