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Morawa-Vertrieb

Flamenco Meets Jazz

Manche kennen ihn schon seit André Hellers Show „Magneten“: Antonio Andrade, einer der profiliertesten und wagemutigsten der jüngeren Flamenco-Gitarristen Spaniens, arbeitet seit einiger Zeit auch mit Sigi Finkel zusammen. Ein CONCERTO-Gespräch zur neuen CD und Tournee.

Die beiden haben sich vor ein paar Jahren durch eine gemeinsame Bekannte kennen gelernt, und schon damals ist der musikalische Funke übergesprungen: der in einer spanischen Community in Deutschland aufgewachsene Antonio Andrade, der als Erwachsener zu seinen Flamenco-Wurzeln zurückgekehrt ist, und der ebenfalls aus Deutschland stammende und seit geraumer Zeit in Wien lebende Saxofonist und Flötist Sigi Finkel. Finkel ist ja beileibe kein Unbekannter mehr, hat er doch mit Genre übergreifenden Projekten wie African Heart oder Arabian Waltz in ganz Mitteleuropa Furore gemacht.
Als Sigi Finkel gerade in Spanien weilte, um das neue Tourprogramm vorzubereiten, fiel plötzlich der Holzbläser in Antonio Andrades Band aus, und Finkel musste in Blitzesschnelle die nicht ganz einfache Musik von einer CD herunterhören: „Sehr viele schnelle Läufe mit Stopps, und wenn du da allein übrig bleibst, ist das nicht so gut. Da bin ich ziemlich an meine Grenzen gestoßen, das muss ich ehrlich sagen.“ Die Tournee wurde erfolgreich absolviert, und fortan war klar, wer die Stelle an Saxofon und Flöte in Andrades Band haben würde.
Das neue Programm heißt „Vaya con Dios“ und wird wieder – wie schon das Vorgängerprogramm „Noches de amor“ – von einer 4-köpfigen Band und einem Tanzpaar bestritten. Dass es bei dieser „Achse Sevilla-Vienna“, wie es der Gitarrist nennt, nur bedingt um traditionellen Flamenco geht, wird im Gespräch mit Antonio Andrade und Sigi Finkel schnell klar.

CONCERTO: Sigi, wie siehst du die kommende Herbsttournee?

Sigi Finkel (SF): Einerseits freue ich mich sehr auf die Tour, weil das eine schöne, sehr große, Tour ist. Wir spielen wirklich in großen Häusern, in Sevilla, aber vor allem auch in Deutschland. Andererseits ist man da auch sehr lange unterwegs. Da braucht man schon eine Vorbereitungs- und Probenphase und muss physisch und mental gut vorbereitet sein.  

Antonio Andrade (AA):
Aber es hat den Vorteil für dich, dass du dein Spanisch üben kannst.  

Kann Sigi denn gut Spanisch? 
AA: Ja, ja, vor allem hat er es schnell erlernt. Als er vor zwei Jahren die erste Tour mit uns machte, hat er sich in einem Monat das musikalische Programm reingezogen, heruntergehört vom Video. Während der Tour hat er sich dann schon mit dem spanischen Techniker unterhalten können!

SF: Ich bin ja dann leider mit dem Spanisch nicht weiter gekommen, weil für mich Ungarisch so wichtig wurde, wegen meines Hauses in Ungarn. Und zwei Sprachen gleichzeitig konnte ich nicht lernen. Wenn du 4 oder 6 Wochen mit 8 Spaniern in einem Bus sitzt, dann schnappst du ja viel auf. Es ist dann schon ein wenig öd, wenn du nur ein paar Fetzen verstehst. Die lachen da und haben Spaß, natürlich kann man da übersetzen, aber wenn du unmittelbar in der Gesprächsfolge dabei bist – das ist einfach etwas anderes. Aber jetzt werde ich das sehr ernsthaft angehen.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?
SF: Das ging über eine gemeinsame Bekannte, meine ehemalige Lebensgefährtin Birgit. Sie hat auch für Antonio eine Zeit lang gearbeitet in Österreich. Antonio ist ja schon sehr lange in der Szene. Er ist übrigens der Ex-Mann von Maria Serrano… Jedes Mal, wenn Antonio in der Nähe gespielt hat, wurden wir eingeladen, auch, wenn ich in Stuttgart mit meinen Bands gespielt habe. Vor zweieinhalb Jahren hat er mich dann angerufen und gesagt, er möchte diese neue Show mit mehr jazzigen Einflüssen machen, aber nach wie vor auf der Basis des Flamenco. So hat unsere Zusammenarbeit begonnen.

Ich bin dann nach Spanien gekommen, da haben wir schon an „Vaya con Dios“ gearbeitet. Plötzlich kommt die Nachricht: Der Saxofonist für die aktuelle Tour (also „Noches de Amor“) fällt aus. Die begann aber schon in vier Wochen. Und Antonio meinte zu mir, das wäre ein super Einstieg. Und dann habe ich in diesen paar Wochen versucht, das Programm auf die Reihe zu kriegen. Sie gaben mir einfach eine CD. Als ich nach Noten fragte, meinten sie: Ja, der hat schon irgendetwas aufgeschrieben, aber wir wissen auch nicht so genau… Dann habe ich mir das alles runtergehört. Das war heftig.

AA: Ja, also „Hut ab“.  
SF:
Es war nicht sehr viel improvisiert – ungefähr 80% waren doch festgelegt. Sehr viele schnelle Läufe mit Stopps, und wenn du da allein übrig bleibst, ist das nicht so gut (beide lachen). Da bin ich ziemlich an meine Grenzen gestoßen, das muss ich ehrlich sagen.

AA: Auf Birgit sind wir damals gekommen, weil André Heller die „Magneten“-Show gemacht hat, bei der ich auch dabei war. Und daraus hat sich dann eine Freundschaft entwickelt, auch mit Sigi. Das ist die Achse Sevilla-Vienna.

Die Klangvorstellung einer Flamenco-Gruppe mit einem Saxofonisten/Flötisten neu?
Antonio Andrade (AA): Nein, das hat Paco de Lucia schon als erster gemacht. Von allen Instrumenten, mit denen da im Flamenco experimentiert wurde – Geige, Klarinette, Piano –, hat mir immer schon das Saxofon in Kombination mit Querflöte am besten gefallen. Ich wollte nach „Noches de Amor“ noch ein bisschen weiter gehen. Deswegen habe ich auch an Sigi gedacht, weil er schon z.B. durch „African Heart“ Berührung mit anderen Kulturen hatte. Wir wollten etwas Neues, ohne die Flamenco-Wurzeln zu verlieren.

Arbeitet ihr mit Arrangements schon bestehender Musik oder schreibt ihr neue Kompositionen?
Sigi Finkel (SF): Das ist alles neu komponiert. Man geht zum Teil von gewissen traditionellen Rhythmen aus – Soleá, Alegría, Buleria – und entwickelt dann selbst Melodien darüber. Genauso wie wenn du sagst: Wir nehmen jetzt diesen Latin Groove oder diesen Salsa-Rhythmus und machen unser Arrangement. Es entsteht auf der Basis dieser Wurzeln.

Wie bei einem Jazz-Standard oder einem Blues-Schema…
SF: Ja, so in der Art. Obwohl – es gibt jetzt auf der neuen CD zwei, drei Songs… da haben wir z.B. einen Tabla-Rhythmus verwendet, der über die traditionellen 12er-Rhythmen des Flamenco hinausgeht.

AA: Mir war es auch deshalb wichtig, Sigi Finkel in der Band zu haben, weil der Jazz ja der derzeit letzte große Einfluss im Flamenco ist. Wir haben den Einfluss der Juden, der Zigeuner, der Mauren und so weiter, aber jetzt ist es der Jazz und die Latin Music. Das beweist auch, dass der Flamenco weiterhin lebt und sich ständig entwickelt, da gibt es ständig neue Impulse und Tendenzen.

Gilt Flamenco in Spanien wieder als hip, oder ist er eher etwas für Traditionalisten?
AA: Da gibt es eine große Bandbreite: Traditionalisten, Avantgardisten, Gemäßigte… Im Moment kann das in Spanien gut koexistieren. Es gibt eben nicht nur einen Flamenco. Wir werden jetzt in Sevilla auftreten, also in der Hochburg des Flamenco, und wir werden unsere neue Show vorstellen, die sicher sehr experimentell ist… 

SF: …Ich würde sie gar nicht als experimentell bezeichnen. Wir nehmen neue Elemente dazu, denn für einen, der traditionellen Flamenco hören will, gehört kein Bläser in die Band. Gesang – ja, eventuell noch Gitarre.

AA: Ich würde sagen, wir machen einfach unseren speziellen Flamenco. Aber 3 Wochen vorher spiele ich bei einem Festival in Malaga, und da begleite ich einen Sänger, der traditioneller nicht sein kann. Da spiele ich eben total traditionell, wie unsere Vorfahren. Natürlich haben wir die Technik ein bisschen verfeinert… Und ich liebe das auch! Ich mache das nicht, um mich an den Sänger anzubiedern, sondern ich gehe zurück zu meinen Wurzeln, ich denke an meinen Vater, an meinen Großvater, an Andalusien… und das ist ein wunderschönes Erlebnis.

Gibt es auch Festivals, wo man die verschiedenen Tendenzen nebeneinander hören kann?
AA: Also, bei den großen Sommerfestivals steht der Gesang im Vordergrund – das ist ja auch der Ursprung des Flamenco. In meinem Heimatdorf z.B. wird versucht, den Flamenco so traditionell wie möglich zu erhalten. Wenn du dann nach Malaga gehst, z. B. nach Alhaurín de la Torre, die machen da ein Festival, das moderne Tendenzen aufgreift. Da kommt es schon mal vor, dass ein Sänger ein Cajón verwendet oder dass er in seinen Texten etwas erwähnt, das im traditionellen Flamenco nicht vorkommt. Dann gibt es wieder in Sevilla die „Bienal de Flamenco“, wo du alles Mögliche hören und sehen kannst, nebeneinander.  

Warum heißt das neue Programm „Vaya con Dios“?
AA: Es ist ein Gruß, den vor allem die älteren Leute verwenden. Wenn man zu jemandem sagt: Geh mit Gott, dann wünscht man ihm ja etwas Positives. Für mich steht „Gott“ für „Liebe“. Für mich ist die Liebe der Schlüssel zum Paradies, nämlich zum Paradies auf Erden.
 

Antonio, in deiner Band spielt die Perkussion eine wichtige Rolle. Warum?
AA: Der Rhythmus ist für mich eine sehr wichtige Sache, er treibt mich an. Aber die Einbeziehung von Perkussionisten in meiner Band ist auch eine Art Trotzreaktion gegen ganz sture Puristen. Es gibt immer noch Menschen, für die ist ein Cajón im Flamenco etwas Unmögliches, für die gibt es nur Gitarre und Stimme. Seit Paco de Lucia hat sich eine ganz spezielle Art des Cajón-Spiels entwickelt. Unser Sänger, „Yiyi“ Orozco, spielt mit der rechten Hand Cajón, mit der linken Djembé, und macht die ganzen Breaks mit – phänomenal. Und unser zweiter Perkussionist Jorge Palomo hat sich irgendwann hingesetzt und begonnen Flamenco-Schlagzeug zu üben. Also, das ist meine Hommage an diese Jungs, an diese Kultur, die sich entwickelt hat und die leider heutzutage noch zu wenig Anerkennung findet. Es ist einfach ein Phänomen – wenn ein kubanischer Perkussionist einen Flamenco-Perkussionisten sieht, dann sagt er: Hut ab! Denn in Kuba gibt es ja diese Tradition, aber im Flamenco erst seit wenigen Jahren.

Das geht also in die Zeit zurück, als Spanien ein Schmelztiegel aus maurischen, jüdischen und Zigeunereinflüssen war?

AA: Ja, der Flamenco ist ja eine Mixtur. Die interessanteste Zeit in Spanien war eindeutig jene, in der Vertreter dieser Kulturen friedlich Seite an Seite gelebt haben. Da gab es einen ständigen Austausch. Deswegen ist Flamenco ja auch so interessant und überraschend. Je mehr du dich damit beschäftigst, desto mehr kommst du drauf, was da alles abgeht. Es ist schon musikalisch anders als alles andere, obwohl es eine europäische Musik ist.

C: Arbeitet ihr mit Arrangements schon bestehender Musik oder sind das neue Kompositionen?

AA: Nein, nein, das ist alles neu komponiert.

SF: Man geht zum Teil von gewissen traditionellen Rhythmen aus – Soleá, Alegría, Buleria – und entwickelt dann selbst Melodien darüber. Genauso wie wenn du sagst: Wir nehmen jetzt diesen Latin Groove oder diesen Salsa-Rhythmus und machen unser Arrangement. Es entsteht auf der Basis dieser Wurzeln.

Wie bei einem Jazz-Standard oder einem Blues-Schema…

SF: Ja, so in der Art. Obwohl – es gibt jetzt auf der neuen CD zwei, drei Songs… da haben wir z.B. einen Tabla-Rhythmus verwendet, der über die traditionellen 12er-Rhythmen des Flamenco hinausgeht.

AA: Mir war es auch deshalb wichtig, Sigi Finkel in der Band zu haben, weil der Jazz ja der derzeit letzte große Einfluss im Flamenco ist. Wir haben den Einfluss der Juden, der Zigeuner, der Mauren und so weiter, aber jetzt ist es der Jazz und die Latin Music – obwohl das schon früher von den spanischen Emigranten wieder zurück nach Spanien kam. Das beweist auch, dass der Flamenco weiterhin lebt und sich ständig entwickelt, da gibt es ständig neue Impulse und Tendenzen.

Siehst du in der Rezeption eurer Musik einen Unterschied zwischen Spanien und dem Rest von Europa? Und gilt Flamenco in Spanien wieder als hip, oder ist es eher etwas für Traditionalisten?

AA: Da gibt es eine große Bandbreite: Traditionalisten, Avantgardisten, Gemäßigte… Im Moment kann das in Spanien gut koexistieren. Es gibt eben nicht nur einen Flamenco. Wir werden jetzt in Sevilla auftreten, also in der Hochburg des Flamenco, und wir werden unsere neue Show vorstellen, die sicher sehr experimentell ist…

SF: …Ich würde es gar nicht als experimentell bezeichnen. Wir nehmen neue Elemente dazu, denn für einen, der traditionellen Flamenco hören will, gehört kein Bläser in die Band. Gesang – ja, eventuell noch Gitarre.

AA: Ich würde sagen, wir machen einfach unseren speziellen Flamenco. Aber 3 Wochen vorher spiele ich bei einem Festival in Malaga, und da begleite ich einen Sänger, der traditioneller nicht sein kann. Da spiele ich eben total traditionell, wie unsere Vorfahren. Natürlich haben wir die Technik ein bisschen verfeinert… Und ich liebe das auch! Ich mache das nicht, um mich an den Sänger anzubiedern, sondern ich gehe zurück zu meinen Wurzeln, ich denke an meinen Vater, an meinen Großvater, an Andalusien… und das ist ein wunderschönes Erlebnis.

 

Artikel und Interview: Martin Schuster
Fotos: Fidel Menesse

CD-Tipp:
Antonio Andrade & Fiesta Flamenca „Vaya con Dios“ (ATS Records)

Web-Tipp:
www.sigifinkel.com
www.antonioandrade.com

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