Frischer Wind aus Afrika

 
veröffentlicht in Concerto - Oktober 2002
Das österreichische Pendant zu Jasper van't Hofs Pili Pili bewegt sich nunmehr seit fünf Jahren auf Erfolgskurs. Sigi Finkel setzt jetzt mit seiner Band African Heart zu seinem neuesten Streich an und präsentiert uns sein aktuelles - bisher reifstes und abwechslungsreichstes - Album "Spirits of Ryhthm"

        Bis zur Fertigstellung der neuesten African Heart-CD war es ein harter und steiniger Weg. Denn nach Turbulenzen in der alten Besetzung kam es zum Bruch von African Heart und Sigi Finkel musste nach zwei erfolgreichen Alben, zahlreichen europaweiten Konzerten und drei Afrika-Tourneen ganz von vorne beginnen. Aber Sigi Finkel hat eine Vision und wer seine Vision verwirklichen will, findet auch Menschen mit denen man dies bewerkstelligen kann. So stieß sein Ohr auf drei westafrikanische Trommler aus Senegal und Burkina Faso. Lamzo Ba, Madou Kone und Mamadou Diabate kommen aus angesehenen Musikerfamilien und bestreiten seit jeher die wichtigen Zeremonien und Feiern ihrer Völker. Aus diesem Selbstverständnis heraus entwickelten sie ihre eigene traditionelle Sänger/Trommelgruppe Consa, welche nun den Kern von African Heart bildet.

        Neu in der Band sind auch Werner Wurm an der Posaune und Keyboards, bekannt vor allem durch den Hot Pants Road Club, und Martin Mondl, der sich bereits als Funk & Jazz-Bassist einen guten Namen machte.

        Mit ihrer aktuellen CD "Spirits of Rhythm" übertreffen sich African Heart selbst. Die Musik ist eine Mischung aus traditionellen, groovigen Trommelrhythmen, fetzigen jazzinspirierten Bläsersoli und mystischen afrikanischen Gesängen. Man geht hier wesentlich experimentierfreudiger und offener an die Sache heran als bei den beiden Vorgängeralben.

        Loops und Samples bekommen einen höheren Stellenwert und werden musikdienlich in die afrikanischen Trommelrhythmen eingewoben. Bei "Chilling Lady" werden afrikanischer und amerikanischer Rap gegenübergestellt. Defunkt-Mastermind Joseph Bowle übernimmt dabei den amerikanischen Part und steuert ein Posaunensolo bei. Weitere Gäste auf "Spirits of Rhythm" sind Soriba Kouyate an der Kora und Andrej Krajnak am Keyboard. Alles in allem ein fantastisches Album, welches keine Wünsche offen Iässt, aber soll doch Sigi Finkel selbst für sich sprechen.


Wie kam es zum Bruch deiner alten African Heart-Formation?

        Es hat im Lauf der Zeit Probleme, persönlicher und musikalischer Art, gegeben, die dann letztendlich nicht mehr zu überwinden waren. Das afrikanische soziologische Gefüge unterscheidet sich sehr von unserem europäischen sozialem Leben. Es gibt ein starkes Autoritätsgefälle in der afrikanischen Gesellschaft. Da gibt es entweder die Eltern, denen man den nötigen Respekt zollt, oder den "Grand Frère", den man ehren muss. Auch wenn man nicht verwandt ist, ist der Ältere immer der "Grand", der den Leithammel spielt. Probleme, die sich daraus ergeben können, haben in die Band reingespielt. Ich hab dann daraus meine Konsequenzen gezogen, mich in der Szene umgesehen und die neuen Musiker gefunden.

Wie findet man so schnell eine adäquate Neubesetzung?

        Mir sind diese Tam Tam d'Afrique-Musiker zu der Zeit, als ich anfing dieses Projekt zu initiieren, empfohlen worden. Als wir dann das erste Mal miteinander musizierten, hat es eine gewisse Eigendynamik angenommen, weil es hat bis zu einem bestimmten Punkt musikalisch sehr leicht und gut funktioniert, da sie in ihrer eigenen Familien- oder Kleintradition alle miteinander sehr gut zusammengespielt waren. Die Gruppe war sozusagen ein fertiges Paket, welches in sich sehr stark und stimmig war. Es hat zwar eine Weile gedauert bis die jetzige Besetzung zusammengestellt war, aber ich fühle mich mit der neuen Band sehr wohl, sowohl von der österreichischen als auch von der afrikanischen Seite. Ich hab das Gefühl es ist wirklich ein Team, das hier zusammenarbeitet - menschlich und musikalisch. Insgesamt habe ich jetzt musikalisch sicher eine stärkere Band.

Wie wirkt sich die Neubesetzung musikalisch aus?

        Die Palette ist bunter geworden. Es gibt einerseits Songstrukturen mit Strophen und singbaren Refrains, andererseits jazzorientierte Tracks. Es gibt Rap, Loops und Samples, wobei wir versuchen, die Electronics dezent in die afrikanischen Trommelgrooves zu integrieren. Weiters habe ich jetzt mit den beiden Musiker aus Burkina Faso ein Balaphon dazugewonnen, welches auf der neuen CD bei zwei Titeln zum Einsatz kommt.

Was hat eigentlich ursprünglich den Anstoß zu African Heart gegeben?

        Meine Ex-Frau hatte schon immer ein Faible für afrikanische Trommeln. Wir sind öfter zu Trommelkonzerten gegangen und es hat mir auch immer gut gefallen, aber nach einer dreiviertel Stunde wurde mir meistens ein bisschen fad. Eigentlich ist es toll, super Energie vorhanden und so .... aber wenn ich als Bläser dort hingehe, fehlt mir die Melodie und ich dachte mir, es wäre toll mein musikalisches Verständnis damit zu kombinieren. Die afrikanischen Trommeln genauso zu lassen, und Melodie, Soli und vielleicht ein paar Changes hinzuzufügen. Am Anfang war das natürlich ein ziemliches Plasma, aus dem sich dann mit der Zeit das herauskristallisiert hat, wie das aufgehen kann. Aber es war von Anfang an von allen beteiligten Musikern das Gefühl da, dass da was spannend ist. Die Trommler haben das als Erweiterung ihres traditionellen Repertoires gesehen, genauso wie ich und die anderen europäischen Jazzmusiker unser europäisches Musikverständnis erweitert sahen. Ich bin generell ein Freund von Venetzung und Globalisierung. Ich hab erst unlängst einen Artikel über arabische Musik mit Salsa-Groove gelesen. Es gibt ganz eigenartige Überschneidungen, die aber unheimlich spannend sein können. Jede Musikrichtung, auch der Jazz, erschöpft sich mit der Zeit und das Aufwärmen des Bebop, oder das Fortführen der Free-Jazz-Revolution ist ja eigentlich konservativ.

Wie stehst du zu Electronics?

        Electronics erweitern die musikalische Spielwiese. Manchmal ist es bei uns so, dass man gar nicht mehr hört, ob Programming im Spiel ist, oder ob live gespielt wird. Und das ist das Spannende: Dinge zu nehmen und miteinander zu kombinieren, ohne dass etwas zerstört wird. Im Frühjahr arbeitete ich für den ORF und machte sehr viel mit programmierter Musik. Live setzte ich das mit Laptop und KurzweiI-Sampler auf der Bühne um.

Du hast noch viele andere Projekte. Bist du ein Workaholik?

        In gewisser Weise ja. Mich interessieren viele Dinge und möchte abwechslungsreich arbeiten. Nichts zu tun erfüllt mich irgendwie mit Unruhe. Selbst wenn ich mir vornehme ein Buch zu lesen, muss ich dieses Vorhaben plazieren, sonst mach ich es gar nicht. Dinge, die ich mir vornehme zieh ich einfach durch und genauso ist es mit der Musik. Zur Zeit beschäftigt mich natürlich "African Heart", aber es gibt auch ein arabisches Trio und bereits ab Herbst wird es eine neuerliche Zusammenarbeit mit Joseph Bowle geben. Am 26. Oktober wird das Hauer Konservatorium Wiener Neustadt Musik der Defunkt-Bigband unter der Leitung von Byron Bowie aufführen. Martin Fuß, Franz Hackl, Joseph und ich werden da als Gastsolisten auftreten. Weiters gibt es ein Projekt mit dem russischen Bassisten Yuri Goloubev, dem deutschen Pianisten Christoph Spendel und dem israelischen Schlagzeuger Asaf Sirkis. Musikalisch wird die Gruppe zwischen mediterran-nahöstlichen, russischen und auch afrikanischen Einflüssen liegen, wobei das alles im Jazzkontext interpretiert werden wird. Derzeit proben wir virtuell per Mail. Ich sende Yuri meine Audiodateien und die dazugehörigen Noten. Es wird ein spannendes Projekt, wir spielen am 29. September im Porgy & Bess und erste Konzerttermine in Moskau wurden ebenfalls bereits fixiert. Und dann hat mich noch das tschechische Fernsehen angesprochen, das ein Portrait über Wien als Jazzstadt machen will und wo ich quasi als musikalischer Fremdenführer auftrete, indem ich selber spiele und die verschiedenen Clubs vorstelle.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Joseph Bowle?

        Ich spielte '96 oder '97 mit der Powerstation in Ingolstadt. Auch Joseph war mit Defunkt da und wir begegneten uns in der Sauna des Hotels. Wir kamen ins Gespräch und waren uns auf Anhieb sympathisch. Später kam mir die Idee etwas Neues zu machen, irgendwas mit Groove, Rap und Loops, und Joseph Bowle schwirrte mir ständig im Kopf herum. Ich hab ihn dann kontaktiert und Doop Troop war geboren. Joseph brachte dann noch einige Songs und Kelvyn Bell in die Band, und es hat sich auch ein sehr gutes persönliches Verhältnis eingestellt. Irgendwie haben wir eine gute Wellenlänge miteinander und ich finde er ist ein entspannter, unkomplizierter und angenehmer Mensch. Es freut mich besonders, dass Joseph bei "Spirits of Rhythm" mit von der Partie ist.

Was gibt es für Pläne mit dem neuesten African Heart-Projekt?

        Im Oktober spielen wir in Essen auf der Weltmusikmesse und im November beginnt die Präsentationstour in Deutschland. Dann spielen wir in den Bundesländern und Ende November haben wir dann ein Konzert in Wien. Im Dezember und Jänner werden wir diesmal nach Burkina Faso fliegen und dort ein paar Mal spielen. Die Afrikareisen sind sehr wichtig für mich, weil ich dabei sehr viel über afrikanisches Gedankengut lernen kann. Denn abgesehen von meinem inneren Drang Afrika zu besuchen, muss ich über den sozialen Background meiner afrikanischen Mitmusiker sehr viel wissen. Wenn zum Beispiel in Afrika die Familie musiziert und einer spielt nicht mit, dann ist das dort ein Riesenproblem, weil entweder spielen alle oder keiner...

SIGI SCHNEIDER