
"Kakilambe" ist die Zeremonie der Geisteraustreibung.
Im Text geht es zuerst um das Treffen selbst. Die Leute, die hingehen, fragen
Ihre Eltern um Erlaubnis, damit bei diesem Ritual, beim Tanz, nichts passieren
kann. Dann kommt das Gebet, mit dem der Geist ausgetrieben wird. Wenn z.
B. die Ernte schlecht war, wenn der Regen ausgeblieben ist, wenn die Fischer
schlechte Bedingungen vorfinden. Man denkt, es gibt einen bösen Geist, der
das verursacht und ein Opfer will. Was geopfert wird? Ein Tier, ein Blutopfer
auf jeden Fall. Blut ist die Hauptsache!"
Noch vor nicht allzulanger Zeit wäre Sigi Finkel vor derartigen Erzählungen
seines nunmehrigen Partners Cheikh M'Boup wohl wie der Ochs vorm Berg gestanden.
Daß er sich dereinst mit animistischen Riten gar musikalisch beschäftigen
würde, diese Vorstellung hatte damals wohl nicht einmal im Traum Existenzchancen.
Und dennoch: 1998 ist die Unmöglichkeit Realität. Und die Realität die des
bislang publikumswirksamsten Projekts in der Karriere des Saxophonisten.
Mit musikalischem Interkulturalismus brachte man den Schlitzohrigkeit suggerierenden
Namen des gebürtigen Bayern, der seit 1982 in Wien lebt, bislang nicht unbedingt
in Verbindung. Schon eher als Betreiber der zündende Fusion-Energien produzierenden
"Powerstation", die der heute 38jährige 1986 gründete, und mit der er drei
Alben, zuletzt das superbe Spezialprojekt "Sweet Sue" mit John Abercrombie,
Enrico Rava, Ed Schuller und Wolfgang Reisinger, vorlegte. Auch in Sachen
akustischem Post-Bop hätte die Nennung seines Namens nicht mehr überrascht,
leitete er doch 1991-97 das Quartett "Caoma" mit Tomasz Stanko (bzw. Herb
Robertson), Schuller und Bill Elgart. Immerhin hieß die mit dem britischen
Pianisten Tim Richards eingespielte Duo-CD "Dervish Dances". Dennoch: Ein
Jazz-Afrika-Projekt war ein nicht vorhersehbarer Hakenschlag.
"Wir Griots kennen die gesamte Geschichte Westfrikas, die Könige, die Kriege.
Wir sind die, die den Leuten die Nachrichten übermitteln - als Berichterstatter,
wie Journalisten. Heute ist diese Funktion aufgrund der neuen Medien weniger
wichtig als früher. Die Griots sind auch so etwas wie eine moralische Gesellschaftsinstanz.
Und sie gestalten Feste, etwa Hochzeit, Beschneidung, Begräbnis, und Zeremonien
wie 'Kakilambe'. Instrumente wie Balafon, Kora, N'Goni, Xalam oder Djembe
sind für die Griots reserviert - im Prinzip noch heute. Ich selbst habe
Musiker-Freunde, die keine Griots sind, und die die Instrumente vor ihren
Eltern nicht in die Hand nehmen dürfen."
Auch Cheikh M'Boup, Sprössling einer angesehenen senegalesischen Griot-Familie
und nach einer Europa-Tournee mit dem "Ballet d'Afrique Noir" 1987 in Wien
seßhaft geworden, war überrascht und zögerte, als er hörte, daß ein Jazzsaxophonist
ihn zu kontaktieren suchte. In den 70er Jahren hatte der ebenfalls 38jährige
in Dakar zwar in der Band des legendären Sabar-Meisters Doudou N'Diaye Rose,
der als erster die westafrikanische "Königstrommel" auch im Pop- und Jazz-Kontext
eingesetzt hatte, 1982/83 zudem bei Youssou N'Dour gespielt; seither galt
jedoch der traditionellen Griot-Musik sein Augenmerk - wie auch seinen drei
jüngeren Brüdern Ousmane, Oumar und Majeng, die ihm sukzessive nach Österreich
nachgefolgt waren, und mit denen er das Percussion-Quartett "Tam Tam d'Afrique"
gegründet hatte. Und doch wagte man das Experiment: Zwei Testkonzerte Ende
1995 verliefen so vielversprechend, daß man beschloß, das Projekt zum Leben
zu erwecken.
Wie der musikalische "Clash of civilizations" zwischen afrikanischem Traditionsbewußtsein
und westlicher jazziger Modernität im Falle des so entstandenen Septetts
"African Heart" funktioniert? Vorerst einmal sehr schlicht: Majeng M'Boup
legt an der "Dum-Dum", der großen, bauchigen Baßtrommel, das rhythmische
Fundament, Ousmane und Oumar bearbeiten Djembes und Sabars, und darüber
legt Sigi Finkel seine kantablen, weitgespannten und unzweideutig jazzigen
Themenlinien, die ihrerseits mit kernigen Soli von Saxophon und Posaune
und Cheikhs alten Griot-Gesängen alternieren. Der in Berlin lebende Amerikaner
Dan Gottshall trat mittlerweile die Nachfolge des Australiers Adrian Mears
als Zweitaerophonist an. Robert Riegler, seit 1997 "Vienna Art Orchestra"-Mitglied,
komplettiert mit groovigen Bass-Lines das Septett. Diese Philosophie der
Schlichtheit, des gleichförmigen Fließens des perkussionistischen Pulses
unter einfachen Bläser-Arrangements, ist Konzept: Nicht Fusion, sondern
vorsichtige Kopplung, Übereinanderschichtung der voneinander weitgehend
unbeeinflußten musikalischen Ebenen wird angestrebt. Der wechselseitige
Respekt steht im Vordergrund. Und verhilft damit der Band zu einem nicht
unwesentlichen Unterscheidungsmerkmal in bezug auf die zahllosen anderen
Afro-Jazz-Projekt-Gespanne. Finkel: "Unsere Band besitzt ein unverwechselbares
Profil, weil wir mit einem fixen, in sich autonomen Trommler-Ensemble arbeiten.
Alle anderen Bands, sei das jetzt 'Pili-Pili' oder auch 'Fo Deuk Revue'
von David Murray [an deren CD-Einspielung in Dakar war auch Oumar M'Boup
beteiligt; Anm.], haben einen - westlichen - Schlagzeuger, nach dem sich
die Trommler richten müssen. Die Afrikaner spielen dann nur mit, können
aber kaum ihre eigenen Rhythmen einbringen. Daher ist, denke ich, unsere
Musik ein bißchen anders gewichtet und 'authentischer' afrikanisch - was
den Trommelpart betrifft." Und: "Ich möchte die Musik bewußt nicht zu komplex
oder in sich verschachtelt werden lassen, etwa mit Breaks über 7/4- und
dann zwei 5/8-Takten, weil ich das Gefühl habe, daß das diesen natürlich
rollenden Rhythmus stört, diese wesensmäßig 'afrikanischen' repetitiven
Muster, die eine tranceähnliche Grundstimmung schaffen. Ich möchte insoferne
auch die Trommler nicht in eine Ecke reindrängen, die ihnen nicht entspricht.
Gerade wenn wir live spielen, hat die Musik unheimliche Intensität - wie
das von den Leuten bestätigt wird. Sie würde verlieren, wenn sie zu komplex
wäre."
Daß andererseits die zumeist auf Wolof gesungenen Griot-Lieder, das in ganz
Westafrika bekannte
"Kakilambe" oder auch
"Del Wax N'Diaye",
in dem die Frauen aufgefordert werden, ihre Männer nicht mehr beim Namen,
sondern "Onkel" zu nennen und ihnen so Respekt zu zollen, auf europäischen
Konzertbühnen - ihrer ursprünglichen Funktion enthoben - zum sinnentleerten
touristischen Schau- und Hörstück degradiert werden, glaubt Cheikh M'Boup
nicht: "Wenn ich auf der Bühne bin, ist für mich alles wie ein Traum oder
Film - als wäre ich in Afrika. Außerdem glaube ich, daß sensible, musikbegeisterte
Leute immer verstehen, was passiert. Es ist eine universale Sprache. Deshalb
zerbreche ich mir nicht den Kopf darüber, ob ich
'Kakilambe' etwa
auf englisch singen soll oder nicht."
Im Oktober ist "African Heart" wieder on the road zugegen. Einen Monat später
begibt sich Sigi Finkel freilich erneut auf Achse: "The Doop-Troop" heißt
das gemeinsam mit "Defunkt"-Mastermind Joseph Bowie lancierte Quintett,
mit dem man sich, unterstützt von Kelvyn Bell, Robert Riegler und Gene Lake
auf funkig-rappige Pfade begeben will - auf Initiative Finkels, der so seine
weiterhin vorhandenen Fusion-Gelüste befriedigen will. Der Jazzrocker kehrt
also zu seinem - erneuerten - Leisten zurück. So es diesen gibt: Am Ende
sei verraten, daß Sigi Finkel auch Auftragskompositionen für das "Kleine
Orchester Wien" und zuletzt - im Dezember 1997 im Wiener Konzerthaus erfolgreich
uraufgeführt - die "Österreichischen Kammersymphoniker" zu Buche stehen
hat. 1993 wirkte er mit "Caoma" außerdem an der Aufführung von Bernd Alois
Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter" zur Eröffnung des Festivals
"Wien Modern" mit. Hakenschläge als Etappen einer generalen Rundumschau.
Vor Sigi Finkel scheint in Zukunft keine Konzertbühne gefeit.
von Andreas Felber