Sigi Finkel & African Heart

Intensität der Schlichtheit - Jazzthetik

veröffentlicht in Jazzthetik 10/98
"Kakilambe" ist die Zeremonie der Geisteraustreibung. Im Text geht es zuerst um das Treffen selbst. Die Leute, die hingehen, fragen Ihre Eltern um Erlaubnis, damit bei diesem Ritual, beim Tanz, nichts passieren kann. Dann kommt das Gebet, mit dem der Geist ausgetrieben wird. Wenn z. B. die Ernte schlecht war, wenn der Regen ausgeblieben ist, wenn die Fischer schlechte Bedingungen vorfinden. Man denkt, es gibt einen bösen Geist, der das verursacht und ein Opfer will. Was geopfert wird? Ein Tier, ein Blutopfer auf jeden Fall. Blut ist die Hauptsache!"

Noch vor nicht allzulanger Zeit wäre Sigi Finkel vor derartigen Erzählungen seines nunmehrigen Partners Cheikh M'Boup wohl wie der Ochs vorm Berg gestanden. Daß er sich dereinst mit animistischen Riten gar musikalisch beschäftigen würde, diese Vorstellung hatte damals wohl nicht einmal im Traum Existenzchancen. Und dennoch: 1998 ist die Unmöglichkeit Realität. Und die Realität die des bislang publikumswirksamsten Projekts in der Karriere des Saxophonisten.

Mit musikalischem Interkulturalismus brachte man den Schlitzohrigkeit suggerierenden Namen des gebürtigen Bayern, der seit 1982 in Wien lebt, bislang nicht unbedingt in Verbindung. Schon eher als Betreiber der zündende Fusion-Energien produzierenden "Powerstation", die der heute 38jährige 1986 gründete, und mit der er drei Alben, zuletzt das superbe Spezialprojekt "Sweet Sue" mit John Abercrombie, Enrico Rava, Ed Schuller und Wolfgang Reisinger, vorlegte. Auch in Sachen akustischem Post-Bop hätte die Nennung seines Namens nicht mehr überrascht, leitete er doch 1991-97 das Quartett "Caoma" mit Tomasz Stanko (bzw. Herb Robertson), Schuller und Bill Elgart. Immerhin hieß die mit dem britischen Pianisten Tim Richards eingespielte Duo-CD "Dervish Dances". Dennoch: Ein Jazz-Afrika-Projekt war ein nicht vorhersehbarer Hakenschlag.

"Wir Griots kennen die gesamte Geschichte Westfrikas, die Könige, die Kriege. Wir sind die, die den Leuten die Nachrichten übermitteln - als Berichterstatter, wie Journalisten. Heute ist diese Funktion aufgrund der neuen Medien weniger wichtig als früher. Die Griots sind auch so etwas wie eine moralische Gesellschaftsinstanz. Und sie gestalten Feste, etwa Hochzeit, Beschneidung, Begräbnis, und Zeremonien wie 'Kakilambe'. Instrumente wie Balafon, Kora, N'Goni, Xalam oder Djembe sind für die Griots reserviert - im Prinzip noch heute. Ich selbst habe Musiker-Freunde, die keine Griots sind, und die die Instrumente vor ihren Eltern nicht in die Hand nehmen dürfen."

Auch Cheikh M'Boup, Sprössling einer angesehenen senegalesischen Griot-Familie und nach einer Europa-Tournee mit dem "Ballet d'Afrique Noir" 1987 in Wien seßhaft geworden, war überrascht und zögerte, als er hörte, daß ein Jazzsaxophonist ihn zu kontaktieren suchte. In den 70er Jahren hatte der ebenfalls 38jährige in Dakar zwar in der Band des legendären Sabar-Meisters Doudou N'Diaye Rose, der als erster die westafrikanische "Königstrommel" auch im Pop- und Jazz-Kontext eingesetzt hatte, 1982/83 zudem bei Youssou N'Dour gespielt; seither galt jedoch der traditionellen Griot-Musik sein Augenmerk - wie auch seinen drei jüngeren Brüdern Ousmane, Oumar und Majeng, die ihm sukzessive nach Österreich nachgefolgt waren, und mit denen er das Percussion-Quartett "Tam Tam d'Afrique" gegründet hatte. Und doch wagte man das Experiment: Zwei Testkonzerte Ende 1995 verliefen so vielversprechend, daß man beschloß, das Projekt zum Leben zu erwecken.

Wie der musikalische "Clash of civilizations" zwischen afrikanischem Traditionsbewußtsein und westlicher jazziger Modernität im Falle des so entstandenen Septetts "African Heart" funktioniert? Vorerst einmal sehr schlicht: Majeng M'Boup legt an der "Dum-Dum", der großen, bauchigen Baßtrommel, das rhythmische Fundament, Ousmane und Oumar bearbeiten Djembes und Sabars, und darüber legt Sigi Finkel seine kantablen, weitgespannten und unzweideutig jazzigen Themenlinien, die ihrerseits mit kernigen Soli von Saxophon und Posaune und Cheikhs alten Griot-Gesängen alternieren. Der in Berlin lebende Amerikaner Dan Gottshall trat mittlerweile die Nachfolge des Australiers Adrian Mears als Zweitaerophonist an. Robert Riegler, seit 1997 "Vienna Art Orchestra"-Mitglied, komplettiert mit groovigen Bass-Lines das Septett. Diese Philosophie der Schlichtheit, des gleichförmigen Fließens des perkussionistischen Pulses unter einfachen Bläser-Arrangements, ist Konzept: Nicht Fusion, sondern vorsichtige Kopplung, Übereinanderschichtung der voneinander weitgehend unbeeinflußten musikalischen Ebenen wird angestrebt. Der wechselseitige Respekt steht im Vordergrund. Und verhilft damit der Band zu einem nicht unwesentlichen Unterscheidungsmerkmal in bezug auf die zahllosen anderen Afro-Jazz-Projekt-Gespanne. Finkel: "Unsere Band besitzt ein unverwechselbares Profil, weil wir mit einem fixen, in sich autonomen Trommler-Ensemble arbeiten. Alle anderen Bands, sei das jetzt 'Pili-Pili' oder auch 'Fo Deuk Revue' von David Murray [an deren CD-Einspielung in Dakar war auch Oumar M'Boup beteiligt; Anm.], haben einen - westlichen - Schlagzeuger, nach dem sich die Trommler richten müssen. Die Afrikaner spielen dann nur mit, können aber kaum ihre eigenen Rhythmen einbringen. Daher ist, denke ich, unsere Musik ein bißchen anders gewichtet und 'authentischer' afrikanisch - was den Trommelpart betrifft." Und: "Ich möchte die Musik bewußt nicht zu komplex oder in sich verschachtelt werden lassen, etwa mit Breaks über 7/4- und dann zwei 5/8-Takten, weil ich das Gefühl habe, daß das diesen natürlich rollenden Rhythmus stört, diese wesensmäßig 'afrikanischen' repetitiven Muster, die eine tranceähnliche Grundstimmung schaffen. Ich möchte insoferne auch die Trommler nicht in eine Ecke reindrängen, die ihnen nicht entspricht. Gerade wenn wir live spielen, hat die Musik unheimliche Intensität - wie das von den Leuten bestätigt wird. Sie würde verlieren, wenn sie zu komplex wäre."

Daß andererseits die zumeist auf Wolof gesungenen Griot-Lieder, das in ganz Westafrika bekannte "Kakilambe" oder auch "Del Wax N'Diaye", in dem die Frauen aufgefordert werden, ihre Männer nicht mehr beim Namen, sondern "Onkel" zu nennen und ihnen so Respekt zu zollen, auf europäischen Konzertbühnen - ihrer ursprünglichen Funktion enthoben - zum sinnentleerten touristischen Schau- und Hörstück degradiert werden, glaubt Cheikh M'Boup nicht: "Wenn ich auf der Bühne bin, ist für mich alles wie ein Traum oder Film - als wäre ich in Afrika. Außerdem glaube ich, daß sensible, musikbegeisterte Leute immer verstehen, was passiert. Es ist eine universale Sprache. Deshalb zerbreche ich mir nicht den Kopf darüber, ob ich 'Kakilambe' etwa auf englisch singen soll oder nicht."

Im Oktober ist "African Heart" wieder on the road zugegen. Einen Monat später begibt sich Sigi Finkel freilich erneut auf Achse: "The Doop-Troop" heißt das gemeinsam mit "Defunkt"-Mastermind Joseph Bowie lancierte Quintett, mit dem man sich, unterstützt von Kelvyn Bell, Robert Riegler und Gene Lake auf funkig-rappige Pfade begeben will - auf Initiative Finkels, der so seine weiterhin vorhandenen Fusion-Gelüste befriedigen will. Der Jazzrocker kehrt also zu seinem - erneuerten - Leisten zurück. So es diesen gibt: Am Ende sei verraten, daß Sigi Finkel auch Auftragskompositionen für das "Kleine Orchester Wien" und zuletzt - im Dezember 1997 im Wiener Konzerthaus erfolgreich uraufgeführt - die "Österreichischen Kammersymphoniker" zu Buche stehen hat. 1993 wirkte er mit "Caoma" außerdem an der Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns "Requiem für einen jungen Dichter" zur Eröffnung des Festivals "Wien Modern" mit. Hakenschläge als Etappen einer generalen Rundumschau. Vor Sigi Finkel scheint in Zukunft keine Konzertbühne gefeit.

von Andreas Felber