
Der Senegal ist eines der touristisch am besten erschlossenen Länder Schwarzafrikas - und für das Gefälle
zwischen Erster und Dritter Welt besonders sensibilisiert.
Andreas Felber
begleitete den Wiener Saxophonisten Sigi Finkel und seine austro-senega-lesische
Band "African Heart" auf ihrer Tournee durch den Kontinent.
Moustapha Ndim zeichnet Afrika als
tränendes, schmerzerfülltes Gesicht. Eine Pistole, angesetzt
am "Ohr", dem Horn Somalias, bedroht den Kontinent aus dem Osten. Das bei
Kamerun aufgetragene Auge sieht von Westen her ein scharfes Messer auf
sich gerichtet. Und der Mund, auf der Höhe Angolas angesiedelt, bleibt
ob des ihn versperrenden Schlosses stumm. "Africa nowadays" überschreibt
Moustapha seine kleine Zeichnung, ehe er sie mir über den plastiktuchbewehrten
Restaurant-Tisch reicht. Er spricht von der immer noch starken wirtschaftlichen
Abhängigkeit seines Heimatlandes von der ehemaligen Kolonialmacht
Frankreich und der neuen Abhängigkeit von Weltbank und IWF. Und von
den Konflikten innerhalb der wie auch zwischen den afrikanischen Staaten,
die oft ebenfalls ein Erbe der Kolonialgeschichte sind. Der Schwarze Kontinent
müsse diese inneren Gräben überbrücken, um endlich
mit einer Stimme sprechen zu können, sagt er.
Wir befinden uns in St. Louis, der
150.000-Einwohner-Stadt unweit der mauretanischen Grenze, geschützt
auf einer Insel im Senegal-Fluss gelegen. 260 staubige, von trockener Savannenlandschaft
und urtümlichen Affenbrotbäumen gesäumte Straßenkilometer
nördlich von Dakar ließ die Geschichte eine Stadt, die ehemals
das "Venedig Afrikas" genannt wurde, unbarmherzig hinter sich: Der Putz
bröckelt von den heruntergekommenen ockerfarbenen Kolonialbauten mit
den charakteristischen Holzbalkonen. Bürgerpalais und Handelsfaktoreien
rotten vor sich hin, scheinbar den besseren Tagen, die sie schon gesehen
haben, nachtrauernd. Immerhin bemüht sich mittlerweile die UNESCO
um die Erhaltung der zum Weltkulturerbe erklärten historischen Altstadt,
hie und da sind zögerliche Ansätze von Revitalisierung erkennbar.
Auch der an Bedeutung gewinnende Tourismus - stimuliert durch die nahegelegenen
Nationalparks - wirkt diesbezüglich als Movens.
In diesen bescheidenen Aufschwung
fügt sich die Initiierung eines viertägigen Jazzfestivals durch
das ortsansässige Centre Culturel Fran¸cais, seit 1993 alljährlich
im Mai durchgeführt, ein. Dieses ist auch der an sich harmlose Anlass
zum Gespräch mit Moustapha, einem 26-jährigen Trommelbauer. Es
nahm, wie so oft in Afrika, auf der Straße seinen spontanen Anfang.
Ein Jazzfestival als Brückenschlag
zwischen Euroamerika und Afrika, das scheint Sinn zu machen. Auf den ersten
Blick. Moustapha ist anderer Meinung: "Das Festival bringt der lokalen
Szene wenig. Das Geld bleibt kaum im Ort. Und die Ticketpreise sind zu
hoch - die meisten Senegalesen können sie sich nicht leisten." Ein
Kommentar, der beim Lokalaugenschein auf der Place Faidherbe, wo die Hauptbühne
steht, Bestätigung findet. Mit wenigen Ausnahmen (Femi Kuti) wurden
ausschließlich amerikanische (Elvin Jones' "Jazz Machine") und europäische,
vornehmlich französische Gruppen geladen, die ihre Konzertaufträge
routiniert erfüllen, ohne Kontakt zu einheimischen Musikern zu suchen.
Es kommt noch schlimmer: Mitten in
Schwarzafrika dominieren auch im Auditorium Bleichgesichter die Kulisse:
Touristen, Diplomaten und Geschäftsleute aus Europa und den USA bleiben
unter sich, beinahe. Nur auf den hinteren der rund 1000 Sitzplätze
sind mehrheitlich Schwarze zu finden. Kein Wunder: Selbst die umgerechnet
60 ATS, die die Tickets der billigsten Kategorie kosten, sind bei einem
durchschnittlichen Monatslohn von etwa 800 ATS nur für Spitzenverdiener
bezahlbar. Vor dem Eingang drängen sich musikinteressierte Jugendliche
und bitten um Überlassung nicht mehr benötigter Eintrittskarten.
Mehr und mehr stellt sich das beklemmende Gefühl ein, in einem feudalen,
neokolonialen Kultur-Getto gelandet zu sein. Eine zweite, kleinere Off-Bühne,
zehn Gehminuten entfernt am schmutzigen Ufer des Senegal aufgebaut, auf
der - bei freiem Eintritt - auch Gruppen aus Dakar und St. Louis zu hören
sind, mildert zwar diesen Eindruck, hebt ihn aber nicht auf.
Immerhin wird auch auf der Hauptbühne
gezeigt, wie es anders laufen könnte. "Wir Griots kennen die gesamte
Geschichte Westafrikas, die Könige, die Kriege", sagt Cheikh M'Boup.
"Wir sind die, die den Leuten die Nachrichten übermitteln - als Berichterstatter,
wie Journalisten, wobei diese Funktion aufgrund der neuen Medien heute
weniger wichtig ist als früher. " Die Griot-Clans, die oft Jahrhunderte
alten Familien der Berufsmusiker-Kaste, prägen nicht nur laut Cheikh
M'Boup, selbst Sprössling einer angesehenen senegalesischen Griot-Sippe,
noch immer den Alltag Westafrikas mit. Nicht zuletzt verweist Youssou N'Dour,
mit dem der gleichaltrige Cheikh, 40, in einem ärmlichen Dakarer Viertel
aufwuchs, gerne auf seine über die M'Boup-Familie bestehende Griot-Abstammung.
Cheikhs weitschichtig verwandter Cousin, neben Salif Keita Westafrikas
stolzester Afro-Pop-Export, dessen kehlige Stimme in St. Louis an jeder
Straßenecke aus Radioapparaten und Cassettenrecordern tönt,
besitzt auch in seiner Heimat Kult-Status - und ist eine extreme Ausnahmeerscheinung.
Auch der Umweg, den Cheikh M'Boup
nehmen musste, um auf der Hauptbühne des St.-Louis-Jazzfestivals zu
stehen, war ein bezeichnend weiter: Er führte über Europa, genauer:
Wien, wo er 1987 sesshaft geworden war. 1995 hatte hier Saxophonist Sigi
Finkel, erfolgreicher Einzelgänger der Wiener Jazzszene, seine Band
"African Heart" gegründet und dafür Cheikh sowie Madiegne, Oumar
und Ousmane M'Boup, die dem ältesten Bruder nach Österreich nachgefolgt
waren, engagiert. Vier afrikanische Trommler und drei westliche Jazzer:
Der "Clash of Cultures" in "African Heart" funktionierte auf Anhieb. Behutsame,
respektvolle Koppelung, nicht Vermischung der musikalischen Welten, stand
und steht im Vordergrund. Beide Seiten wahren ihre Identität und finden
dennoch zu gemeinsamer Stimme. Eine Band als Modellfall eines gleichberechtigten
interkulturellen Brückenschlags - und, wie die starke Resonanz beweist,
ein Projekt mit Vorzeigecharakter auch und gerade im Rahmen des St.-Louis-Jazzfestivals.
Nachdem Joe Zawinul im März 1999 als Goodwill-Botschafter bei Konzerten
in Dakar und Ziguinchor, wo er jeweils mit einheimischen Perkussionisten
musizierte, auf viel Begeisterung gestoßen war, bewies man im österreichischen
Außenministerium mit der finanziellen Unterstützung der "African
Heart"-Tournee im Entwicklungszusammenarbeit-Kooperationsland Senegal erneut
Fingerspitzengefühl.
Österreich ist freilich auch
in anderer Weise präsent. Der Name Marcus Omofumas ging im Senegal
ebenso wie in ganz Afrika durch die Medien. Dergestalt sensibilisiert,
schockierte die Bandmitglieder auf dem Flug nach Dakar ein dramatischer
Zwischenfall, wie Cheikh M'Boup dem Publikum auf Wolof berichtet: Ein Mann
habe versucht, ins Cockpit einzudringen - die Lage sei unter Kontrolle,
schreckte eine Stunde nach dem Start vom Pariser Flughafen eine Durchsage
aus der schläfrigen Abendstimmung. Man müsse in Bordeaux zwischenlanden.
Am Boden warteten blinklichternde Einsatzfahrzeuge, stundenlang jedoch
blieben die Passagiere ohne weitere Informationen. Bis zur plötzlichen
Meldung, der Mann, ein Senegalese, sei tot, er habe, da unter Drogeneinfluss
stehend, die Beruhigungsspritze nicht verkraftet. Aufruhr unter den afrikanischen
Mitreisenden, von denen sich einige zuvor als Vermittler angeboten hatten,
war die Folge. Auch Tage später blieben Motiv und nähere Umstände
des Vorfalls unklar: Zeitungsberichten zufolge konnte die Obduktion die
angebliche Drogeneinnahme des Passagiers nicht bestätigen.
In St. Louis widmet Cheikh M'Boup
das Lied "Del Wax N'Didiaye" seinem unglücklichen Landsmann. Das Publikum,
insbesondere das auf den hinteren Stuhlreihen, das diesen Gassenhauer auswendig
kennt, lauscht gebannt. Und irgendwie wird man erneut das Gefühl nicht
los, Afrika sei ein möglicherweise nicht mehr lange schlafender Riese.