Respektvolle Koppelung

 
veröffentlicht in Der Standard- Album/15.1.2000
Der Senegal ist eines der touristisch am besten erschlossenen Länder Schwarzafrikas - und für das Gefälle zwischen Erster und Dritter Welt besonders sensibilisiert. Andreas Felber begleitete den Wiener Saxophonisten Sigi Finkel und seine austro-senega-lesische Band "African Heart" auf ihrer Tournee durch den Kontinent.

Moustapha Ndim zeichnet Afrika als tränendes, schmerzerfülltes Gesicht. Eine Pistole, angesetzt am "Ohr", dem Horn Somalias, bedroht den Kontinent aus dem Osten. Das bei Kamerun aufgetragene Auge sieht von Westen her ein scharfes Messer auf sich gerichtet. Und der Mund, auf der Höhe Angolas angesiedelt, bleibt ob des ihn versperrenden Schlosses stumm. "Africa nowadays" überschreibt Moustapha seine kleine Zeichnung, ehe er sie mir über den plastiktuchbewehrten Restaurant-Tisch reicht. Er spricht von der immer noch starken wirtschaftlichen Abhängigkeit seines Heimatlandes von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und der neuen Abhängigkeit von Weltbank und IWF. Und von den Konflikten innerhalb der wie auch zwischen den afrikanischen Staaten, die oft ebenfalls ein Erbe der Kolonialgeschichte sind. Der Schwarze Kontinent müsse diese inneren Gräben überbrücken, um endlich mit einer Stimme sprechen zu können, sagt er.

Wir befinden uns in St. Louis, der 150.000-Einwohner-Stadt unweit der mauretanischen Grenze, geschützt auf einer Insel im Senegal-Fluss gelegen. 260 staubige, von trockener Savannenlandschaft und urtümlichen Affenbrotbäumen gesäumte Straßenkilometer nördlich von Dakar ließ die Geschichte eine Stadt, die ehemals das "Venedig Afrikas" genannt wurde, unbarmherzig hinter sich: Der Putz bröckelt von den heruntergekommenen ockerfarbenen Kolonialbauten mit den charakteristischen Holzbalkonen. Bürgerpalais und Handelsfaktoreien rotten vor sich hin, scheinbar den besseren Tagen, die sie schon gesehen haben, nachtrauernd. Immerhin bemüht sich mittlerweile die UNESCO um die Erhaltung der zum Weltkulturerbe erklärten historischen Altstadt, hie und da sind zögerliche Ansätze von Revitalisierung erkennbar. Auch der an Bedeutung gewinnende Tourismus - stimuliert durch die nahegelegenen Nationalparks - wirkt diesbezüglich als Movens.

In diesen bescheidenen Aufschwung fügt sich die Initiierung eines viertägigen Jazzfestivals durch das ortsansässige Centre Culturel Fran¸cais, seit 1993 alljährlich im Mai durchgeführt, ein. Dieses ist auch der an sich harmlose Anlass zum Gespräch mit Moustapha, einem 26-jährigen Trommelbauer. Es nahm, wie so oft in Afrika, auf der Straße seinen spontanen Anfang.

Ein Jazzfestival als Brückenschlag zwischen Euroamerika und Afrika, das scheint Sinn zu machen. Auf den ersten Blick. Moustapha ist anderer Meinung: "Das Festival bringt der lokalen Szene wenig. Das Geld bleibt kaum im Ort. Und die Ticketpreise sind zu hoch - die meisten Senegalesen können sie sich nicht leisten." Ein Kommentar, der beim Lokalaugenschein auf der Place Faidherbe, wo die Hauptbühne steht, Bestätigung findet. Mit wenigen Ausnahmen (Femi Kuti) wurden ausschließlich amerikanische (Elvin Jones' "Jazz Machine") und europäische, vornehmlich französische Gruppen geladen, die ihre Konzertaufträge routiniert erfüllen, ohne Kontakt zu einheimischen Musikern zu suchen.

Es kommt noch schlimmer: Mitten in Schwarzafrika dominieren auch im Auditorium Bleichgesichter die Kulisse: Touristen, Diplomaten und Geschäftsleute aus Europa und den USA bleiben unter sich, beinahe. Nur auf den hinteren der rund 1000 Sitzplätze sind mehrheitlich Schwarze zu finden. Kein Wunder: Selbst die umgerechnet 60 ATS, die die Tickets der billigsten Kategorie kosten, sind bei einem durchschnittlichen Monatslohn von etwa 800 ATS nur für Spitzenverdiener bezahlbar. Vor dem Eingang drängen sich musikinteressierte Jugendliche und bitten um Überlassung nicht mehr benötigter Eintrittskarten. Mehr und mehr stellt sich das beklemmende Gefühl ein, in einem feudalen, neokolonialen Kultur-Getto gelandet zu sein. Eine zweite, kleinere Off-Bühne, zehn Gehminuten entfernt am schmutzigen Ufer des Senegal aufgebaut, auf der - bei freiem Eintritt - auch Gruppen aus Dakar und St. Louis zu hören sind, mildert zwar diesen Eindruck, hebt ihn aber nicht auf.

Immerhin wird auch auf der Hauptbühne gezeigt, wie es anders laufen könnte. "Wir Griots kennen die gesamte Geschichte Westafrikas, die Könige, die Kriege", sagt Cheikh M'Boup. "Wir sind die, die den Leuten die Nachrichten übermitteln - als Berichterstatter, wie Journalisten, wobei diese Funktion aufgrund der neuen Medien heute weniger wichtig ist als früher. " Die Griot-Clans, die oft Jahrhunderte alten Familien der Berufsmusiker-Kaste, prägen nicht nur laut Cheikh M'Boup, selbst Sprössling einer angesehenen senegalesischen Griot-Sippe, noch immer den Alltag Westafrikas mit. Nicht zuletzt verweist Youssou N'Dour, mit dem der gleichaltrige Cheikh, 40, in einem ärmlichen Dakarer Viertel aufwuchs, gerne auf seine über die M'Boup-Familie bestehende Griot-Abstammung. Cheikhs weitschichtig verwandter Cousin, neben Salif Keita Westafrikas stolzester Afro-Pop-Export, dessen kehlige Stimme in St. Louis an jeder Straßenecke aus Radioapparaten und Cassettenrecordern tönt, besitzt auch in seiner Heimat Kult-Status - und ist eine extreme Ausnahmeerscheinung.

Auch der Umweg, den Cheikh M'Boup nehmen musste, um auf der Hauptbühne des St.-Louis-Jazzfestivals zu stehen, war ein bezeichnend weiter: Er führte über Europa, genauer: Wien, wo er 1987 sesshaft geworden war. 1995 hatte hier Saxophonist Sigi Finkel, erfolgreicher Einzelgänger der Wiener Jazzszene, seine Band "African Heart" gegründet und dafür Cheikh sowie Madiegne, Oumar und Ousmane M'Boup, die dem ältesten Bruder nach Österreich nachgefolgt waren, engagiert. Vier afrikanische Trommler und drei westliche Jazzer: Der "Clash of Cultures" in "African Heart" funktionierte auf Anhieb. Behutsame, respektvolle Koppelung, nicht Vermischung der musikalischen Welten, stand und steht im Vordergrund. Beide Seiten wahren ihre Identität und finden dennoch zu gemeinsamer Stimme. Eine Band als Modellfall eines gleichberechtigten interkulturellen Brückenschlags - und, wie die starke Resonanz beweist, ein Projekt mit Vorzeigecharakter auch und gerade im Rahmen des St.-Louis-Jazzfestivals. Nachdem Joe Zawinul im März 1999 als Goodwill-Botschafter bei Konzerten in Dakar und Ziguinchor, wo er jeweils mit einheimischen Perkussionisten musizierte, auf viel Begeisterung gestoßen war, bewies man im österreichischen Außenministerium mit der finanziellen Unterstützung der "African Heart"-Tournee im Entwicklungszusammenarbeit-Kooperationsland Senegal erneut Fingerspitzengefühl.

Österreich ist freilich auch in anderer Weise präsent. Der Name Marcus Omofumas ging im Senegal ebenso wie in ganz Afrika durch die Medien. Dergestalt sensibilisiert, schockierte die Bandmitglieder auf dem Flug nach Dakar ein dramatischer Zwischenfall, wie Cheikh M'Boup dem Publikum auf Wolof berichtet: Ein Mann habe versucht, ins Cockpit einzudringen - die Lage sei unter Kontrolle, schreckte eine Stunde nach dem Start vom Pariser Flughafen eine Durchsage aus der schläfrigen Abendstimmung. Man müsse in Bordeaux zwischenlanden. Am Boden warteten blinklichternde Einsatzfahrzeuge, stundenlang jedoch blieben die Passagiere ohne weitere Informationen. Bis zur plötzlichen Meldung, der Mann, ein Senegalese, sei tot, er habe, da unter Drogeneinfluss stehend, die Beruhigungsspritze nicht verkraftet. Aufruhr unter den afrikanischen Mitreisenden, von denen sich einige zuvor als Vermittler angeboten hatten, war die Folge. Auch Tage später blieben Motiv und nähere Umstände des Vorfalls unklar: Zeitungsberichten zufolge konnte die Obduktion die angebliche Drogeneinnahme des Passagiers nicht bestätigen.

In St. Louis widmet Cheikh M'Boup das Lied "Del Wax N'Didiaye" seinem unglücklichen Landsmann. Das Publikum, insbesondere das auf den hinteren Stuhlreihen, das diesen Gassenhauer auswendig kennt, lauscht gebannt. Und irgendwie wird man erneut das Gefühl nicht los, Afrika sei ein möglicherweise nicht mehr lange schlafender Riese.