
"Caoma", die akustische Band mit Tomasz Stanko und Ed Schuller, ist bereits
Geschichte, auch Sigi Finkels bekannteste Formation, die "Powerstation",
erlebt seit der Veröffentlichung der letzten spektakulären CD ("Sweet
Sue" mit John Abercormbie) eine "Latenzphase", um Spielmöglichkeiten bangt
der seit 1982 in Wien beheimatete Saxophonist dennoch nicht. Die intensive
Tourneetätigkeit mit dem britischen Pianisten Tim Richards und ein neues
Bandprojekt sorgen dafür, daß seine Lunge in Form bleibt. Daß der geeichte
Fusionist und gestandene Akustikjazzer sich dabei in multiethnische Gefilde
vorwagen würde, kam wohl auch für ihn selbst unerwartet. Dennoch war der
entscheidende Anstoß ein recht prosaischer: "Trommelkonzerte faszinierten
mich immer schon in besonderer Weise, besonders durch der Energie, die
die Musik ausstrahlte. Was mir allerdings meist nach einer Weile Getrommel
und Gesang abging, war das melodische Element von Bläsern oder das harmonische
Element von Baß und Klavier oder Gitarre, diese vermittelnde Zwischen-Ebene
sozusagen. Daraus folgend war einfach irgendwann die Idee da, auch einmal
so etwas zu machen und diese Komponenten miteinzubeziehen."
Überrascht und reserviert reagierte anfangs auch Cheik M'Boup, als ihn
Finkel 1995 projektplänebedingt kontaktierte. Noch nie hatte der 38jährige
Griot aus Dakar zuvor mit anderen Musikern als seinesgleichen kooperiert.
Erste informelle Treffen und zwei akklamierte Testkonzerte in der Steiermark
Ende des Jahres schafften aber trotz vielem noch Unausgegorem prinzipiell
Klarheit: Die Band "African Heart" sollte ihre Chance bekommen. Cheik
M'Boup war Ende der 80er Jahre, nachdem er mit dem senegalesischen "Ballet
d'Afrique Noir" durch Europa getourt war, in Wien seßhaft geworden. Sukzessive
folgten ihm in den nächsten Jahren seine jüngeren Brüder Majeng, Ousmane
und Oumar nach, um musikalisch - etwa im gemeinsamen Percussion-Quartett
"Tam Tam d'Afrique" - wie auch privat in der österreichischen Kapitale
Wurzeln zu schlagen. Die Geschwister entstammen einer angesehenen, traditionsreichen
Griot-Familie, also jener Kaste von Berufssängern und -trommlern, deren
gesellschaftliche Aufgabe darin besteht, Zeremonien und Feste musikalisch
zu begleiten und Mythen und Geschichten zu tradieren. Wie weitverzweigt
der Clan ist, beweist die Tatsache, daß auch in Joe Zawinuls "Syndicate"
neuerdings zuweilen ein M'Boup, Percussionst Abdou (der auch schon an
CD-Einspielungen Michel Petruccianis beteiligt war), werkt, und ein anderer,
Abybatou, sich auf diversen Tonträgern Youssou N'Dours namentlich verewigt
findet, des wohl größten Griot-Sohnes Senegals, in dessen Band 1982/83
übrigens auch Cheik M'Boup beschäftigt war.
Wie mit diesen eingefleischten, alteingesessenen Berufstraditionalisten
auf einen Nenner zu kommen war? Finkel: "Das erste war, daß ich mich mit
Ousmane getroffen habe, und er mir verschiedene Trommelrhythmen vorgespielte,
die ich ausnotierte. Dann wurde in etwa die Gesangstonhöhe festgelegt.
Auf Basis dieser Vorgaben habe ich erst einmal etliche Tunes ausgearbeitet,
habe versucht, passende Bläser-Arrangements und Baßfiguren zu finden und
das formale Konzept entworfen. Und parallel zu diesen Koproduktionen sind
dann meine eigenen Stücke entstanden, freilich immer mit einer bestimmten
Rhythmus-Vorstellung im Hinterkopf, um Brüche im Programm zu vermeiden."
Auf der Bühne präsentiert sich das Endresultat folgendermaßen: Madieng
Fall legt an der "Dum-Dum", der großen, bauchigen Baßtrommel, das percussionistische
Fundament, die beiden jüngsten Brüder, Ousmane und Oumar, bearbeiten Djembes
und fallweise Sabars, und darüber intoniert Cheik alte und neue Griot-Lieder,
alternierend mit eingängigen, weitgespannten Themenlinien und kernigen
Soli von Saxophon und Posaune. Jungoberösterreicher Robert Bachner trat
mittlerweile die Nachfolge des Australiers Adrian Mears als Zweitaerophonist
an, Cheik M'Boup übernahm das klangfarblich reizvolle Didgeridoo. E-Bassist
Robert Riegler, 1997 zum regulären "Vienna Art Orchestra"-Mitglied aufgestiegen,
komplettiert das Septett.
Ihre Feuertaufe bestand die Formation in dieser Besetzung beim "Jazz Fest
Wien" 1997 (vgl. JP 10/1997, S. 32), wo einen Tag zuvor am gleichen Ort
ein anderes Kooperationsprojekt mit senegalesischen Percussionisten ungleich
größeren Kalibers, David Murrays mittlerweile preisgekrönte "Fo Deuk Revue",
das Auditorium enthusiamierte. "Anfangs hatte ich Bedenken, daß sich die
Projekte zu ähnlich sein könnten. Als ich aber dann die CD und das Konzert
beim 'Jazz Fest' hörte, wußte ich, daß Murray doch in eine ganz andere
Richtung geht." Senegal wäre nicht Senegal, gäbe es nicht auch zwischen
diesen Projekten personelle Verflechtungen. Oumar M'Boup war immerhin
an der CD-Einspielung der "Fo Deuk Revue" in Dakar beteiligt. Und Cheik
sammelte Mitte der 70er Jahre als Teenager im Ensemble des legendären,
hochbetagten Sabar-Meisters Doudou N'Diaye Rose, der in Murrays Band gefeaturt
wurde, frühe percussionistische Erfahrungen.
1998 nun scheint das Unternehmen "African Heart" so richtig anzulaufen:
Der Präsentation der ersten CD am 11. März in der Szene Wien folgt eine
mehrwöchige Tournee, der sich bis Juni zahlreiche weitere Konzerte in
Deutschland und Österreich anschließen. Und im Sommer sind erstmals auch
Performances in Senegal geplant. Der auf vielen Hochzeiten tanzende Sigi
Finkel, dessen Auftragskomposition "Satoon" am 12. Dezember im Wiener
Konzerthaus durch die "Österreichischen Kammersymphoniker" erfolgreich
uraufgeführt wurde und der für Herbst 1998 zudem Kooperationspläne mit
"Defunkt"-Mastermind Joseph Bowie wälzt, scheint auch mit diesem breitenwirksamsten
seiner bisherigen Projekte kräftig im Aufwind.
Andreas Felber