Senegalesische Powerstation

Sigi Finkel & African Heart - eine neue Band stellt sich vor

veröffentlicht in Jazzpodium 4/1998
"Caoma", die akustische Band mit Tomasz Stanko und Ed Schuller, ist bereits Geschichte, auch Sigi Finkels bekannteste Formation, die "Powerstation", erlebt seit der Veröffentlichung der letzten spektakulären CD ("Sweet Sue" mit John Abercormbie) eine "Latenzphase", um Spielmöglichkeiten bangt der seit 1982 in Wien beheimatete Saxophonist dennoch nicht. Die intensive Tourneetätigkeit mit dem britischen Pianisten Tim Richards und ein neues Bandprojekt sorgen dafür, daß seine Lunge in Form bleibt. Daß der geeichte Fusionist und gestandene Akustikjazzer sich dabei in multiethnische Gefilde vorwagen würde, kam wohl auch für ihn selbst unerwartet. Dennoch war der entscheidende Anstoß ein recht prosaischer: "Trommelkonzerte faszinierten mich immer schon in besonderer Weise, besonders durch der Energie, die die Musik ausstrahlte. Was mir allerdings meist nach einer Weile Getrommel und Gesang abging, war das melodische Element von Bläsern oder das harmonische Element von Baß und Klavier oder Gitarre, diese vermittelnde Zwischen-Ebene sozusagen. Daraus folgend war einfach irgendwann die Idee da, auch einmal so etwas zu machen und diese Komponenten miteinzubeziehen."

Überrascht und reserviert reagierte anfangs auch Cheik M'Boup, als ihn Finkel 1995 projektplänebedingt kontaktierte. Noch nie hatte der 38jährige Griot aus Dakar zuvor mit anderen Musikern als seinesgleichen kooperiert. Erste informelle Treffen und zwei akklamierte Testkonzerte in der Steiermark Ende des Jahres schafften aber trotz vielem noch Unausgegorem prinzipiell Klarheit: Die Band "African Heart" sollte ihre Chance bekommen. Cheik M'Boup war Ende der 80er Jahre, nachdem er mit dem senegalesischen "Ballet d'Afrique Noir" durch Europa getourt war, in Wien seßhaft geworden. Sukzessive folgten ihm in den nächsten Jahren seine jüngeren Brüder Majeng, Ousmane und Oumar nach, um musikalisch - etwa im gemeinsamen Percussion-Quartett "Tam Tam d'Afrique" - wie auch privat in der österreichischen Kapitale Wurzeln zu schlagen. Die Geschwister entstammen einer angesehenen, traditionsreichen Griot-Familie, also jener Kaste von Berufssängern und -trommlern, deren gesellschaftliche Aufgabe darin besteht, Zeremonien und Feste musikalisch zu begleiten und Mythen und Geschichten zu tradieren. Wie weitverzweigt der Clan ist, beweist die Tatsache, daß auch in Joe Zawinuls "Syndicate" neuerdings zuweilen ein M'Boup, Percussionst Abdou (der auch schon an CD-Einspielungen Michel Petruccianis beteiligt war), werkt, und ein anderer, Abybatou, sich auf diversen Tonträgern Youssou N'Dours namentlich verewigt findet, des wohl größten Griot-Sohnes Senegals, in dessen Band 1982/83 übrigens auch Cheik M'Boup beschäftigt war.

Wie mit diesen eingefleischten, alteingesessenen Berufstraditionalisten auf einen Nenner zu kommen war? Finkel: "Das erste war, daß ich mich mit Ousmane getroffen habe, und er mir verschiedene Trommelrhythmen vorgespielte, die ich ausnotierte. Dann wurde in etwa die Gesangstonhöhe festgelegt. Auf Basis dieser Vorgaben habe ich erst einmal etliche Tunes ausgearbeitet, habe versucht, passende Bläser-Arrangements und Baßfiguren zu finden und das formale Konzept entworfen. Und parallel zu diesen Koproduktionen sind dann meine eigenen Stücke entstanden, freilich immer mit einer bestimmten Rhythmus-Vorstellung im Hinterkopf, um Brüche im Programm zu vermeiden." Auf der Bühne präsentiert sich das Endresultat folgendermaßen: Madieng Fall legt an der "Dum-Dum", der großen, bauchigen Baßtrommel, das percussionistische Fundament, die beiden jüngsten Brüder, Ousmane und Oumar, bearbeiten Djembes und fallweise Sabars, und darüber intoniert Cheik alte und neue Griot-Lieder, alternierend mit eingängigen, weitgespannten Themenlinien und kernigen Soli von Saxophon und Posaune. Jungoberösterreicher Robert Bachner trat mittlerweile die Nachfolge des Australiers Adrian Mears als Zweitaerophonist an, Cheik M'Boup übernahm das klangfarblich reizvolle Didgeridoo. E-Bassist Robert Riegler, 1997 zum regulären "Vienna Art Orchestra"-Mitglied aufgestiegen, komplettiert das Septett.

Ihre Feuertaufe bestand die Formation in dieser Besetzung beim "Jazz Fest Wien" 1997 (vgl. JP 10/1997, S. 32), wo einen Tag zuvor am gleichen Ort ein anderes Kooperationsprojekt mit senegalesischen Percussionisten ungleich größeren Kalibers, David Murrays mittlerweile preisgekrönte "Fo Deuk Revue", das Auditorium enthusiamierte. "Anfangs hatte ich Bedenken, daß sich die Projekte zu ähnlich sein könnten. Als ich aber dann die CD und das Konzert beim 'Jazz Fest' hörte, wußte ich, daß Murray doch in eine ganz andere Richtung geht." Senegal wäre nicht Senegal, gäbe es nicht auch zwischen diesen Projekten personelle Verflechtungen. Oumar M'Boup war immerhin an der CD-Einspielung der "Fo Deuk Revue" in Dakar beteiligt. Und Cheik sammelte Mitte der 70er Jahre als Teenager im Ensemble des legendären, hochbetagten Sabar-Meisters Doudou N'Diaye Rose, der in Murrays Band gefeaturt wurde, frühe percussionistische Erfahrungen.

1998 nun scheint das Unternehmen "African Heart" so richtig anzulaufen: Der Präsentation der ersten CD am 11. März in der Szene Wien folgt eine mehrwöchige Tournee, der sich bis Juni zahlreiche weitere Konzerte in Deutschland und Österreich anschließen. Und im Sommer sind erstmals auch Performances in Senegal geplant. Der auf vielen Hochzeiten tanzende Sigi Finkel, dessen Auftragskomposition "Satoon" am 12. Dezember im Wiener Konzerthaus durch die "Österreichischen Kammersymphoniker" erfolgreich uraufgeführt wurde und der für Herbst 1998 zudem Kooperationspläne mit "Defunkt"-Mastermind Joseph Bowie wälzt, scheint auch mit diesem breitenwirksamsten seiner bisherigen Projekte kräftig im Aufwind.

Andreas Felber