Sigi Finkel - Meisterstücke am Saxophon


veröffentlicht in Concerto 4/1996
Immer öfter taucht in den Musikmagazinen der Name Sigi Finkel auf. Das hat einen bestimmten Grund: Seine musikalische Vielschichtigkeit und sein großes musikalisches Können, aber auch die Wandlungsfähigkeit in der Vielzahl seiner Projekte zeigen das solide Handwerk des geborenen Günzburgers. der seit 1982 In Wien lebt.

Seit der Produktion der ersten Platte der "Sigi Finkel Powerstation: Nil", mit Paul Urbanek am Klavier, dem Kalifornier Glen Fisher am Bass, Gerald Endstrasser an den Drums und drei Features des phantastischen Wolfgang Puschnig am Altsaxophon und an der Baßklarinette, ist viel Zeit vergangen - und Sigi Finkel hat in der Zwischenzeit noch weiter in Richtung internationaler Karriere gearbeitet. 1989 nahm er am berühmten Jazzfestival in Montreux und den Jazztagen in Leverkusen teil. Schon im Jahr darauf nahm Finkel seine zweite Platte "Voyeur, Voyeur" mit seiner "Powerstation" und dem italienischen Trompeter Enrico Rava auf. Rava, der in der Fachwelt als "stilistisch eigenständig, mit einer Verbindung von Melos und Feuer" beschrieben wird, verwendet verschiedenste Stilelemente, die von Avantgarde bis hin zu seinen heimatlich anmutenden Melodien reichen. Die offene Haltung gegenüber neuen Bereichen der Musik und den vielen verschiedenen Stilfacetten ist ein wesentlicher Bestandteil von Sigi Finkels Interpretation.

Von Projekt zu Projekt

1991 stand Sigi Finkel mit seiner neuen Band "Caoma" im Plattenstudio. Mit ihm spielten der wunderbare polnische Trompeter Tomasz Stanko, der als die europäische Antwort auf die amerikanische Free Jazz-Szene und Fortführer des Erbes von Coltrane und Ornette Coleman gilt, der Bassist Ed Schuller, der Sohn des großartigen amerikanischen Komponisten und Musiktheoretikers Gunther Schuller, und der amerikanische Schlagzeuger Bill Elgart. Diese Formation tourte erfolgreich durch vier Länder, nahm an großen Festivals in Deutschland und Österreich teil und war zu Gast bei mehreren Rundfunksendungen und einem Femseh-Special. Das "Jazzpodium" lobte in einer Rezension die CD in den höchsten Tönen: "...mehr als exzellent besetzt ...eine faszinierende CD Produktion. Sämtliche Titel des Leaders Finkel werden mit großer musikalischer Bravour dargestellt." Das musikalische Repertoire spiegelt die Vielschichtigkeit der Musikerpersönlichkeit Sigi Finkel wider: Hardbop-Elemente, Free Jazz ä la Coleman, swingende Passagen und balladeske Momente - alles hat Sigi Finkel in dieser Formation verpackt.

Parallel zu "Caoma" arbeitet Finkel seit 1986 an seinem Projekt "Powerstation" weiter. Das musikalische Gesamtkonzept beschreibt er so: "Meine Absicht ist es, den Zuhörer teils durch akustischen, teils durch elektrischen Sound, vor allem aber durch meine Kompositionen einmal in verträumte Klangwelten zu wiegen, dann aber wieder durch Drive und Groove in Bann zu schlagen". Die " Powerstation "- Band wurde immer wieder aufgrund der geographischen Gegebenheiten umgebaut: der Wiener Pianist Paul Urbanek, der Bassist Karl Sayer und der französische Schlagzeuger Patrice Heral tourten gemeinsam mit Sigi Finkel durch Österreich, Deutschland, Belgien, die Slowakei, Tschechien, Italien und die Schweiz.

Mit Robert Weiß arbeitet Finkel im Duo. Sigi Finkel meinte dazu: "Das Zu- sammenspiel mit Robert ist sehr inspirierend für mich, da er die Fähigkeit hat, die Magie der Musik hörbar zu machen. Dies führt unsere Musik zu einer außerordentlichen Dichte, weit über die Grenzen konventioneller Interpretation hinaus. Daher bekommen unsere Stücke, egal ob Eigenkompositionen oder Standards, einen unverwechselbaren Charakter". Der unverwechselbare Charakter der einzelnen Kompositionen entsteht erst durch die Veränderung der Melodik als auch der Rhythmik. Dies bedeutet für Sigi Finkel "das Verlassen der ursprünglichen Ebene", den"Stakkatolinien vorn Saxophon", den "Aufschrei des Saxophones in schrägen Intervallen" und das "Wiederfinden in einem schnellen Unisono mit Aufbau des Funk-Rhythmus in groovigen Lines". RobertWeiß schreibt über die Arbeit mit seinem Partner Sigi Finkel: "Unsere Arbeit basiert auf der Freude am Spielen: wir spielen nicht nur die Stücke, wir wollen genauso mit den Stücken spielen. So können wir etwas Neues kreieren ohne den Anspruch, anders sein zu müssen. Wenn die Kunst der Improvisation als das "Komponieren im Moment" angesehen wird, so ist unser Duo-Spiel ein "Arrangieren im Moment" Das beschreibt aber nicht nur die Tätigkeit im Bereich des Duoprojektes, sondern vielmehr den Charakter und die Philosophie von Sigi Finkeis musikalischer Intention.

Im Dezember 1995 präsentierte Finkel seine jüngste CD, "Sweet Sue". Für dieses Werk konnte er wieder einen großartigen internationalen Solisten gewinnen: den Gitarristen John Abercrombie. Am Baß spielt wieder Ed Schuller, an der Trompete Enrico Rava, und an den Drums spielt Vienna Art Orchestra Mitglied - Wolfgang Reisinger. "Sweet Sue" ist ein weiteres Beispiel für die phantastische Musikalität Finkels: die Stilelemente reichen von Reggae-Rhythmen über langsame Balladen, hin zum feurig heißen "Tobasco"-egal in welcher Spielart sich die Band bewegt, allen Mitmusikern wird genug Platz gelassen, sich frei zu entfalten. Die Unisono-Parts von Gitarre, Saxophon und Trompete auf "Sweet Sue" sind großartig.

Vielschichtige Persönlichkeit

Seit Dezember 1995 arbeitet Sigi Finkel mit einem weiteren Ensemble zusammen, das sich "African Heart" nennt. Musiker aus drei Kontinenten spielen in dieser Band mit: die drei M'Boup Brothers aus Senegal an den diversen Trommeln und Perkussionsinstrumenten, der australische Posaunist und Didgeridoo-Spieler Adrian Mears, der Österreicher Robert Riegler am Baß und Sigi Finkel am Saxophon. Finkels "musikalische Philosophie" ist das Gemisch von traditionellen Trommelklängen mit fetzigen, jazzinspirierten Bläsersätzen, afrikanischen Gesängen und dem tiefen, röhrigen Sound des australischen Busches - dem Didgeridoo. Das Publikum nahm die Musik begeistert auf, und die Pressestimmen waren sich einig über die großartige und gelungene Mischung.

Neben der Tätigkeit als praktizierender Musiker arbeitet Sigi Finkel aber auch an Kompositionswerken. So schrieb er unter anderem für das "Wiener Saxophon Quartett" 1993 die Auftragskomposition "SAX" und ein "Konzert für Solo-Saxophon, Streichorchester und Percussion" für das "Kleine Orchester". Diese Komposition soll im April 1996 in Wien uraufgeführt werden. Anfang April spielt die "Powerstation" wieder Konzerte in Deutschland und der Schweiz und wird in der Besetzung John Abercrombie, Enrico Rava, Ed Schuller und Wolfgang Reisinger beim Jazzfestival Raab auftreten. Ab Herbst tourt Sigi Finkel dann wieder mit "Caoma" durch Polen und Frankreich. Für alle, die in Ostösterreich zu Hause sind, gibt es einen Tag, an dem sie Sigi Finkel mit seiner "Powerstation" in Wien genießen können: am 11. 3. 1996 im Porgy & Bess in Wien.

von Wolfgang Weitlaner