
Immer öfter taucht in den Musikmagazinen der Name Sigi Finkel auf.
Das hat einen bestimmten Grund: Seine musikalische Vielschichtigkeit und
sein großes musikalisches Können, aber auch die Wandlungsfähigkeit in
der Vielzahl seiner Projekte zeigen das solide Handwerk des geborenen
Günzburgers. der seit 1982 In Wien lebt.
Seit der Produktion der ersten Platte der "Sigi Finkel Powerstation: Nil",
mit Paul Urbanek am Klavier, dem Kalifornier Glen Fisher am Bass, Gerald
Endstrasser an den Drums und drei Features des phantastischen Wolfgang
Puschnig am Altsaxophon und an der Baßklarinette, ist viel Zeit vergangen
- und Sigi Finkel hat in der Zwischenzeit noch weiter in Richtung internationaler
Karriere gearbeitet. 1989 nahm er am berühmten Jazzfestival in Montreux
und den Jazztagen in Leverkusen teil. Schon im Jahr darauf nahm Finkel
seine zweite Platte "Voyeur, Voyeur" mit seiner "Powerstation" und dem
italienischen Trompeter Enrico Rava auf. Rava, der in der Fachwelt als
"stilistisch eigenständig, mit einer Verbindung von Melos und Feuer" beschrieben
wird, verwendet verschiedenste Stilelemente, die von Avantgarde bis hin
zu seinen heimatlich anmutenden Melodien reichen. Die offene Haltung gegenüber
neuen Bereichen der Musik und den vielen verschiedenen Stilfacetten ist
ein wesentlicher Bestandteil von Sigi Finkels Interpretation.
Von Projekt zu Projekt
1991 stand Sigi Finkel mit seiner neuen Band "Caoma" im Plattenstudio.
Mit ihm spielten der wunderbare polnische Trompeter Tomasz Stanko, der
als die europäische Antwort auf die amerikanische Free Jazz-Szene und
Fortführer des Erbes von Coltrane und Ornette Coleman gilt, der Bassist
Ed Schuller, der Sohn des großartigen amerikanischen Komponisten und Musiktheoretikers
Gunther Schuller, und der amerikanische Schlagzeuger Bill Elgart. Diese
Formation tourte erfolgreich durch vier Länder, nahm an großen Festivals
in Deutschland und Österreich teil und war zu Gast bei mehreren Rundfunksendungen
und einem Femseh-Special. Das "Jazzpodium" lobte in einer Rezension die
CD in den höchsten Tönen: "...mehr als exzellent besetzt ...eine faszinierende
CD Produktion. Sämtliche Titel des Leaders Finkel werden mit großer musikalischer
Bravour dargestellt." Das musikalische Repertoire spiegelt die Vielschichtigkeit
der Musikerpersönlichkeit Sigi Finkel wider: Hardbop-Elemente, Free Jazz
ä la Coleman, swingende Passagen und balladeske Momente - alles hat Sigi
Finkel in dieser Formation verpackt.
Parallel zu "Caoma" arbeitet Finkel seit 1986 an seinem Projekt "Powerstation"
weiter. Das musikalische Gesamtkonzept beschreibt er so: "Meine Absicht
ist es, den Zuhörer teils durch akustischen, teils durch elektrischen
Sound, vor allem aber durch meine Kompositionen einmal in verträumte Klangwelten
zu wiegen, dann aber wieder durch Drive und Groove in Bann zu schlagen".
Die " Powerstation "- Band wurde immer wieder aufgrund der geographischen
Gegebenheiten umgebaut: der Wiener Pianist Paul Urbanek, der Bassist Karl
Sayer und der französische Schlagzeuger Patrice Heral tourten gemeinsam
mit Sigi Finkel durch Österreich, Deutschland, Belgien, die Slowakei,
Tschechien, Italien und die Schweiz.
Mit Robert Weiß arbeitet Finkel im Duo. Sigi Finkel meinte dazu: "Das
Zu- sammenspiel mit Robert ist sehr inspirierend für mich, da er die Fähigkeit
hat, die Magie der Musik hörbar zu machen. Dies führt unsere Musik zu
einer außerordentlichen Dichte, weit über die Grenzen konventioneller
Interpretation hinaus. Daher bekommen unsere Stücke, egal ob Eigenkompositionen
oder Standards, einen unverwechselbaren Charakter". Der unverwechselbare
Charakter der einzelnen Kompositionen entsteht erst durch die Veränderung
der Melodik als auch der Rhythmik. Dies bedeutet für Sigi Finkel "das
Verlassen der ursprünglichen Ebene", den"Stakkatolinien vorn Saxophon",
den "Aufschrei des Saxophones in schrägen Intervallen" und das "Wiederfinden
in einem schnellen Unisono mit Aufbau des Funk-Rhythmus in groovigen Lines".
RobertWeiß schreibt über die Arbeit mit seinem Partner Sigi Finkel: "Unsere
Arbeit basiert auf der Freude am Spielen: wir spielen nicht nur die Stücke,
wir wollen genauso mit den Stücken spielen. So können wir etwas Neues
kreieren ohne den Anspruch, anders sein zu müssen. Wenn die Kunst der
Improvisation als das "Komponieren im Moment" angesehen wird, so ist unser
Duo-Spiel ein "Arrangieren im Moment" Das beschreibt aber nicht nur die
Tätigkeit im Bereich des Duoprojektes, sondern vielmehr den Charakter
und die Philosophie von Sigi Finkeis musikalischer Intention.
Im Dezember 1995 präsentierte Finkel seine jüngste CD, "Sweet Sue". Für
dieses Werk konnte er wieder einen großartigen internationalen Solisten
gewinnen: den Gitarristen John Abercrombie. Am Baß spielt wieder Ed Schuller,
an der Trompete Enrico Rava, und an den Drums spielt Vienna Art Orchestra
Mitglied - Wolfgang Reisinger. "Sweet Sue" ist ein weiteres Beispiel für
die phantastische Musikalität Finkels: die Stilelemente reichen von Reggae-Rhythmen
über langsame Balladen, hin zum feurig heißen "Tobasco"-egal in welcher
Spielart sich die Band bewegt, allen Mitmusikern wird genug Platz gelassen,
sich frei zu entfalten. Die Unisono-Parts von Gitarre, Saxophon und Trompete
auf "Sweet Sue" sind großartig.
Vielschichtige Persönlichkeit
Seit Dezember 1995 arbeitet Sigi Finkel mit einem weiteren Ensemble zusammen,
das sich "African Heart" nennt. Musiker aus drei Kontinenten spielen in
dieser Band mit: die drei M'Boup Brothers aus Senegal an den diversen
Trommeln und Perkussionsinstrumenten, der australische Posaunist und Didgeridoo-Spieler
Adrian Mears, der Österreicher Robert Riegler am Baß und Sigi Finkel am
Saxophon. Finkels "musikalische Philosophie" ist das Gemisch von traditionellen
Trommelklängen mit fetzigen, jazzinspirierten Bläsersätzen, afrikanischen
Gesängen und dem tiefen, röhrigen Sound des australischen Busches - dem
Didgeridoo. Das Publikum nahm die Musik begeistert auf, und die Pressestimmen
waren sich einig über die großartige und gelungene Mischung.
Neben der Tätigkeit als praktizierender Musiker arbeitet Sigi Finkel aber
auch an Kompositionswerken. So schrieb er unter anderem für das "Wiener
Saxophon Quartett" 1993 die Auftragskomposition "SAX" und ein "Konzert
für Solo-Saxophon, Streichorchester und Percussion" für das "Kleine Orchester".
Diese Komposition soll im April 1996 in Wien uraufgeführt werden. Anfang
April spielt die "Powerstation" wieder Konzerte in Deutschland und der
Schweiz und wird in der Besetzung John Abercrombie, Enrico Rava, Ed Schuller
und Wolfgang Reisinger beim Jazzfestival Raab auftreten. Ab Herbst tourt
Sigi Finkel dann wieder mit "Caoma" durch Polen und Frankreich. Für alle,
die in Ostösterreich zu Hause sind, gibt es einen Tag, an dem sie Sigi
Finkel mit seiner "Powerstation" in Wien genießen können: am 11. 3. 1996
im Porgy & Bess in Wien.
von Wolfgang Weitlaner