Interview zum Snow Jazz Gastein

 
veröffentlicht in Jazzeit - März 2003
All that Ski!

Zum Glück ist es keine Bedingung gewesen ein schifahrkönnender Musiker zu sein, weil wenn dem so wäre, herrscht eine große Gefährdung für die anderen Pistenbenutzer. Meine schifahrerische Vergangenheit konzentrierte sich über den Zeitraum von zwei bis drei Jahren und dies auch nur weil es einen Schikurs gab. In Süddeutschland ist Schifahren eher eine exotische Angelegenheit. Bei meinen Mitmusikern ist es nicht anders: Einer von meinen afrikanischen Musikerfreunden versuchte sich einmal im Schifahren, da hat's ihm aber so aufg'schlagen, dass er meinte, für einen Afrikaner sei das Schifahren nicht geschaffen. Schwarzafrikaner haben in der Regel weder die finanziellen Mittel noch im Land die Möglichkeit zur Ausübung. Abgesehen davon stehen sie nicht so auf Kälte. Ich denk mir aber, es ist eine gute Idee der Veranstalter, das eine mit dem anderen zu verknüpfen. Ein ähnliches Konzept gibt es in Kroatien, dort den Touristen Event-mäßig etwas zu bieten...

WaterJazz

...SummerJazz ist der gebräuchliche Terminus dafür. Ich war zweimal auf der schönen Insel Krk dabei und das dort Mitte August stattfindende Jazzfestival bietet, so denke ich, den gleichen Anreiz für Touristen wie SnowJazz Gastein. Das Publikum dort setzt sich aus ca. 50 Prozent Einheimische, die ja sonst nicht sehr verwöhnt werden mit Jazzkonzerten, und 50 Prozent Touristen zusammen. Das Ambiente dort ist auch sehr schön. Es ist eine alte Burgruine inmitten der Altstadt mit Blick aufs Meer. Die Konzerte finden Open-Air statt und die Akustik ist sagenhaft gut.

Open-Air im Schnee

Das ist nicht einfach, weil die Feinmotorik fehlt und die Instrumente sich ständig verstimmen. Das bewegt sich zwar nicht in großen Bandbreiten, aber genau Zuhören dürfte man nicht dabei und alleine von daher ist es nicht gerade ein Idealzustand.

Ambiente

Es ist immer etwas Besonderes auf einem Festival mit einem speziellen Ambiente zu spielen. Bei einem Festivalauftritt fehlt z.B. die Einspielphase, weil in der Regel die Auftrittslänge eine kürzere ist. Wobei es ja Festivals mit verschiedenen Strukturen gibt. In Gastein ist es von der Länge her ein normaler Konzertauftritt. Was mir bei Festivals - z.B. beim Festival in Bratislava - immer wieder sehr stark auffällt, wo mehrere Bands an einem Abend spielen, ist, dass egal wie gut die Stimmung ist und das Publikum dich mit Applaus bedenkt, du nach einer vereinbarten Spielzeit aufhören musst. Da blutet einem zwar das Herz aber aus Rücksicht vor anderen Bands musst du dich am Spielplan strikt einhalten. Bei Festivals kommen zwar schon Leute wegen des Events hin, aber wirklich neues Publikum erreicht man auch bei einem Festival nicht wirklich. Was mir aber grundsätzlich auffällt ist, dass in den letzten fünf Jahren ein kontinuierlicher Anstieg an Publikum da ist, die zu meinen Konzerten kommen. Natürlich, wenn eine Elephantenrunde im TV gezeigt wird, weil grad wieder Wahlen anstehen, kommen nur sehr wenige zum Konzert.

Intellektuellensport

Wenn Österreich ein wichtiges Ländermatch hat, bricht schon auch ein wenig Publikum ab, aber das hält sich - zumindest bei meinen Konzerten - schon sehr in Grenzen.

Capo Verde

Im April 2003 werde ich mit meiner Band eine Woche lang nach Capo Verde gehen, dort werde ich auch wieder mit Simentera spielen können. Diese Musik gefällt mir außergewöhnlich gut, weil es eine richtige Inselmusik ist. Weich und fließend. Meereswellen. Mit meiner Band strebe ich allerdings nicht unbedingt diese kapverdische Leichtigkeit an. Meine Jungs fühlen sich am wohlsten wenn sie aus ihren Traditionen schöpfen können. Die Band hat eine Eigendynamik, wobei ich zwar in gewissem Sinne der Lenker bin, der die Richtung vorgibt, ich möchte den Musikern aber einen Rahmen schaffen und geben, in dem sie sich wiederfinden können.

Live-Auftritte im Ausland

Dass ich so häufig im Ausland auftrete kommt daher, dass ich schon sehr hart arbeite und andererseits, weil sich im Laufe der Zeit ganz einfach gute Kontakte ergaben. Mit den Fördermitteln ist es halt schon zäh, da blicke ich mit neidischen Blicken nach Frankreich, die finanziell dort schon sehr gut unterfüttert sind. Aber gut, Österreich ist ein kleines Land, sich allerdings nur auf Förderungen zu verlassen, wäre von Grund auf falsch. Wenn bei Genehmigung von Reisekosten allerdings von sechs Musikern nur vier Musiker die Flugtickets ausgestellt bekommen, frage ich mich schon, wie so etwas zustande kommen kann. Um überhaupt einreichen zu können, muss man bereits eine Tour fertiggestellt haben, was bedeutet, dass sich die Katze in den eigenen Schwanz beißt.

Unterschiede ausländischer zu österreichischen Veranstaltern

Man muss sehr differenzieren, was mit Ausland gemeint ist. Es ist ein wesentlicher Unterschied ob man in osteuropäischen Ländern spielt oder in Afrika. In Afrika ist es schon eine sehr spezielle Situation. Das Publikum zeigt dort ein sehr großes Interesse, weil unsere Musik aus der Tradition von Burkina Faso schöpft, und andererseits ist unsere Musik schon sehr neu für dieses Publikum, weil kaum westliche Bands dort live spielen. Faszinierend sind die Feste, wenn zwei Tage rund um die Uhr durchgespielt wird. Es ist unglaublich: Sie haben dort ein Balafon stehen und spielen und spielen, dann kommt ein anderer daher und wechselt den ersten Balafon-Spieler ab, und so weiter. Die Leute packen's überhaupt nicht, wenn man dazu spontan einsteigen kann. Das ist so, wie wenn ein Südafrikaner z.B. hierher kommt und beim Kufsteinlied spontan einsteigt, wobei die hiesige Volksmusik durch die Moik-Musikantenstadl-Kultur sehr zerrieben wird. In Afrika gibt's diese eklatanten Brüche nicht.

WOLFGANG RAUSCHER