Keep the Spirit of this Band!

Sigi Finkel & African Heart auf Tournee in Zimbabwe und Südafrika.
Ein Reisetagebuch

veröffentlicht in Jazzpodium 7/2001
Cheikh, Pathe und Madieng, die Trommler meiner "African Heart" Band, spielen eine spontane Trommelsession. Wir sind in der Heaven's Mountain Lodge in Chimanimani/Zimbabwe, am Tag nach unserem Festival-Konzert. Es wunderschöner Platz hier, sehr grün, umgeben von hohen Bergen, fast wie in den Bergen in Österreich oder der Schweiz. Benny Hoffart, ein deutscher Entwicklungshelfer und gleichzeitig Festivalchef, hat uns erklärt, dass die Berge schon zu Mozambique gehören. Wir sind nur ca. 8 Meilen von der Grenze entfernt.
 
Kurzer Rückblick: Nach einem fast 18-stündigem Flug von Wien über Frankfurt und Johannesburg nach Harare werden wir von Mathias Bangure, unserem örtlichen Manager, abgeholt. Ein Teil unseres Instrumentariums ist in Johannesburg hängengeblieben und soll nachgeliefert werden. Wir haben noch eine 7stündige Busfahrt vor uns, die uns in die Grenzregion zwischen Zimbabwe und Mozambique zum Chimanimani Arts Festival bringt. Ziemlich erledigt kommen wir an, doch am Festivalgelände ist die Hölle los: Ca. 5-6000 Besucher hören sich die Bands des ersten Abends an.
 
 
Benny erzählt uns am nächsten Tag von der grossen Bedeutung des Festivals für die Region; durch die Besuchermengen profitieren sowohl das örtliche Kleingewerbe und Kunsthandwerk als auch die Gastronomie. Die Wertschöpfung bleibt in der Region - da es sonst wenig Jobs gibt eine wichtige Einnahmequelle. Unsere Instrumente treffen noch rechtzeitig vor Konzertbeginn ein. Um 21 Uhr sind wir auf der Bühne und haben die ersten 2-3 Nummern mit der Technik zu kämpfen. Dann läuft es ganz gut. Während unseres Konzertes sind im abgesperrten Raum zwischen Bühne und Publikum vier Feuerjongeure am Werk, die zur Musik mit Stäben und Ketten Feuerbälle durch die Nacht wirbeln. Eine magische Situation. Nach dem Konzert begeisterte Glückwünsche - unser Ruf sollte uns bis zum letzten Konzert der Tour beim HIFA ( Harare International Festival of the Arts) vorauseilen. Verschiedene Leute sagen mir: "Keep the spirit of this band!"

 
In den nächsten Tagen spielen wir noch zwei weitere Konzerte in Mutare und Bulawayo. Immer wieder wird über die politische und gesellschaftliche Situation im Land gesprochen, mit Konzertbesuchern, Österreichern, die im Land leben, im Hotel .... und jedesmal tut sich eine neue Facette auf. Und oft genug hört man in einem Gespräch das genaue Gegenteil von dem, was man vorher gehört hat - was den mitreisenden Journalisten Andreas Felber nach ein paar Tagen zu einem Stossseufzer über die komplizierte Lage veranlasst.... Während man hierzulande vor allem von den Farmbesetzungen im letztem Jahr ein eher beunruhigendes Bild von den Medien vermittelt bekam, stellt sich für den Besucher die Lage vor Ort anders dar: Das Land ist an der Oberfläche ruhig und friedlich ( und um auch das zu erwähnen: wunderschön), doch im Gespräch mit den Leuten ist die Unzufriedenheit mit der sich ständig verschlimmernden Wirtschaftslage unüberhörbar. Beispiel Devisenkrise: Der US $ hat offiziell einen derzeitigen Wert von ca. 55 ZIM Dollar; am grauen Markt wird er mit 110 ZIM Dollar gehandelt. Bei der Unabhängigkeit waren die beiden Dollarwährungen jedoch noch fast gleich stark! Beispiel Benzinkrise: Es gibt nicht genügend Treibstoff, was dazu führt, dass sich lange Schlangen vor den Tankstellen bilden, wenn es das Gerücht gibt, dass ein Tanklaster kommen wird. Einmal mussten auch wir diese Erfahrung machen und stundenlang suchen und warten, bis wir Benzin für die Weiterfahrt hatten ....
 
Szenenwechsel:
Nach einer Woche Zimbabwe fliegen wir nach Johannesburg/Südafrika, um dort weitere Konzerte und vor allem Workshops in diversen Highschools zu geben. Wir werden am Flughafen von Frau Dr. Gudenus von der österreichischen Botschaft und von Geoff Mphakati in Empfang genommen. Geoff, unser örtlicher Organisator vom AACA (Association for the Advancement of Creative Artists) ist ein imposanter 60er mit weissem Bart und vielen Erfahrungen, die er uns im Laufe der nächsten Tage Geschichte für Geschichte erzählt. Dabei wird deutlich, wie tiefe Wunden die Apartheit geschlagen hat.
 
 
 
Geoff kämpft für ein geistig befreites Afrika - eine Entkolonialisierung auch des Denkens, das noch immer von englischen Sprachmustern, westlicher Kleidung, Musik, Fernsehen ect. dominiert wird. Und seltsam genug: In Südafrika sieht man keine traditionelle afrikanische Kleidung mehr auf den Strassen, man hört Afro-Pop (Betonung auf Pop) im Radio. Welch ein Gegensatz zu unseren Erfahrungen im Senegal letztes Jahr: Dort konnte man alle diese Elemente noch finden, die Menschen sind stolz auf ihre afrikanische Kultur.
 
 
Unser Programm für diese Woche besteht aus vier Workshops, die wir in den Townships von Pretoria und Johannesburg abhalten sowie 3 Konzerten in diesen Städten (zwei davon im renommierten State Theatre in Pretoria, dem ehemaligen Staatstheater der Apartheitsregierung). Vor allem die Workshops sind für die ganze Gruppe (neben Madieng Fall, Pathe Beye und Cheikh M'Boup aus dem Senegal auch noch die Österreicher Werner Puntigam/Posaune und Martin Mondl/Bass) bewegende und eindrucksvolle Erlebnisse.
Da sitzen diese 11-16jährigen Jungen und Mädchen in ihren Schuluniformen, wir erklären unsere Instrumente und fangen einige Stücke an zu spielen - und plötzlich ist ein Leben in der Bude, es wird gesungen, gejohlt und getanzt! Und auch hier wieder: Zwei Lehrer kommen und sagen zu mir: "Keep the spirit of the band!"
 
Nach einem der Workshops fragt ein 12jähriges Mädchen unseren Leadsänger Cheikh voller Verwunderung:"Sag mal, wie bist Du eigentlich mit diesen Weissen zusammengekommen?" Eine Frage, die mehr als deutlich ein Schlaglicht auf die de facto immer noch bestehende Trennung der Gesellschaft in Südafrika wirft. Hier die Weissen in ihren Wohngegenden, Shopping-Centern, Schulen ect. ...man hat das Gefühl, in einer euro-amerikanischen Grossstadt zu sein - und alles ist mit Stacheldraht umzäunt. Und auf der anderen Seite die schwarze Bevölkerung in den Townships, schlechte Infrastruktur, niedriges Bildungsniveau ... und plötzlich ist man wieder in der 3. Welt.
Am letzten Tag vor unserer Abreise werden wir von unseren südafrikanischen Organisatoren noch auf einen Trip nach Soweto mitgenommen. Nahezu 6 Mio. Einwohner leben hier auf engem Raum zusammen, allgegenwärtig sind die kleinen, ebenerdigen Ziegelhäuser, die die Apartheitsregierung bauen ließ, um die schwarze Bevölkerung aus den Städten abzusiedeln und buchstäblich an den Rand (der Stadt, der Gesellschaft...) zu drängen.
 
Szenenwechsel:
Wir fliegen wieder zurück nach Harare/Zimbabwe, um am HIFA teilzunehmen. Festivalchef Manuel Bagorro hat hier einen Event kreiert, der allein schon ob seiner Größe beeindruckt. Tanzperformances, Klassische Konzerte, Workshops, Ethnobands und natürlich auch Jazz finden sich im Programm des Festivals, das hervorragend organisiert ist.
Ich höre mir den Eröffnungsabend an, eine grosse Produktion als Hommage an Duke Ellington mit Big Band, Chor, Gesangssolisten, Sprecher, Step- und Showtänzer. Und wieder beschleicht mich ein seltsames Gefühl: Wir sind mitten in Afrika, und sowohl auf der Bühne als auch im Publikum (das in Massen mit Campingsesseln und Kühlboxen anrückt) sieht man fast nur weisse Gesichter. Dabei wird hier die Musik eines der grössten afroamerikanischen Komponisten gefeiert!
 
 
Am nächsten Tag stehen wir auf der gleichen Bühne, um unser Konzert im Rahmen des Festivals zu geben. Erfreulicherweise ist das Publikum gemischter als am ersten Abend. Die Band spielt sehr motiviert, und als dann in den ersten Reihen die Leute (z.T. mit richtigen Choreographien!) zu tanzen anfangen, steigert sich die Band zur Höchstform.
Und wieder höre ich nach dem Konzert diese Stimmen: "Keep the spirit of this band!"
Tags darauf gibt der österreichische Botschafter in Zimbabwe, Herr Leitenbauer, anläßlich unseres Konzertes einen Empfang in seiner Residenz. Wieder ist viel von der derzeitigen Wirtschaftskrise die Rede und ich höre, dass die Investitionen dieses Jahr um katastrophale 90 % (!) gegenüber dem Vorjahresvolumen gesunken sind. Langsam neigt sich unser Aufenthalt dem Ende zu.
Am letzten Tag vor unserem Abflug werden wir von Freunden auf einen Ausflug in die Hügel um Harare mitgenommen - es erwartet uns eine wunderschöne Landschaft und als krönender Abschluss ein spektakulärer Sonnenuntergang - Bilder, die wohl noch lange haften bleiben. Am Abend höre ich mir noch die englische Sängerin Juliet Roberts mit dem Saxophonisten Denys Baptiste an; eine gut disponierte Band mit einer Sängerin, die auch Entertainment-Qualitäten beweist. Der Tag unserer Abreise ist gekommen. Wehmütig verabschieden wir uns von allen Bekannten.
 
Good bye, Zimbabwe; ich hoffe, ich kann all die Versprechen wiederzukommen bald einlösen!
 
 
Mein abschliessender Dank gilt dem österreichischen Aussenministerium, Red Bull sowie den Casinos Austria , ohne die diese Tournee nicht hätte realisiert werden können.