Wiens schwarze Seele

Sigi Finkel & African Heart

music manual begleitete den Wiener Saxophonisten Sigi Finkel auf seiner ersten Senegal-Tournee. Und stellte fest, daß eine afrikanisch-österreichische Band-Besetzung zuweilen schon an sich ein politisches Statement darstellt.
Rund eine Stunde nach dem Start vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle nach Dakar schreckt eine Durchsage aus der schläfrigen Abendstimmung: ein Mann habe versucht, ins Cockpit einzudringen, die Lage sei unter Kontrolle, lautet der knappe Text. Und weiter: man müsse in Bordeaux zwischenlanden. Am Boden warten blinklichternde Einsatzfahrzeuge, stundenlang jedoch bleiben die Passagiere ohne weitere Informationen. Bis zur plötzlichen Meldung, der Mann, ein Senegalese, sei tot, er habe, unter Drogeneinfluß stehend, die Beruhigungsspritze nicht verkraftet. Aufruhr unter den afrikanischen Mitreisenden ist die Folge.

Der Tod Marcus Omofumas und anderer europäischer Schubhäftlinge, die in ganz Afrika durch die Medien gingen, scheinen ihre sensibilisierende Wirkung getan zu haben. Mit fünfstündiger Verspätung landen wir in Dakar. Die näheren Umstände des dramatischen Zwischenfalls bleiben auch Tage später unklar: Zeitungsberichten zufolge kann die Drogeneinnahme des Passagiers auch durch die Obduktion nicht belegt werden. Gleich zu Beginn der Reise wird spürbar, daß diese trotz ihres scheinbar harmlosen musikalischen Hintergrunds auch eine politische Dimension besitzt.

'Kakilambe' ist die Zeremonie der Geisteraustreibung. Wenn z.B. die Ernte schlecht war, wenn der Regen ausgeblieben ist, wenn die Fischer schlechte Bedingungen vorfinden. Man denkt, es gibt einen bösen Geist, der das verursacht und ein Opfer will. Was geopfert wird? Ein Tier, ein Blutopfer auf jeden Fall. Blut ist die Hauptsache! Noch vor nicht allzulanger Zeit wäre Sigi Finkel vor derartigen Schilderungen animistischer Riten wie jener Cheikh M'Boups wohl wie ein Ochs vorm Berg gestanden. In der Tat brachte man den Namen des gebürtigen Bayern, der seit 1982 in Wien lebt, bislang nicht mit musikalischem Interkulturalismus in Verbindung. Seinen Bekanntheilsgrad verdankt er primär seiner 1986 gegründeten .lazzrock Formation "Powerstation". mit der der heute 39jährige Saxophonist zuleletzt das süperbe Spezialprojekt "Sweet Sue" (mit Sideman John Abercrombie) einspielte. Mittlerweile verfolgt Finkel diese musikalische Schiene in der prominent besetzten Band "The Doop-Troop" mit "Defunkt''-Mastermind Joseph Bowie weiter. Als er 1995 "African Heart" initiierte und schon bald auch "Kakilambe", das im gesamten Westen des Schwarzen Kontinents gesungene Zeremonienlied, auf seinem Saxophon blies, war dies demnach auch für ihn selbst ein Hakenschlag.

Auch der 40jährige Cheikh M'Boup, der 1987 in Wien seßhaft wurde und einer jahrhundertealten senegalesischen Griot-Familie entstammt, hatte anfangs gezögert, als Sigi Finkel ihm anbot, ihn und seine Brüder Ousmane, Oumar und Madieng für sein neues Afro-Jazz-Bandprojekt zu engagieren. Obwohl er zusammen mit dem gleichaltrigen Youssou N'Dour in Dakar aufgewachsen war und 1982/83 auch in dessen Band gespielt hatte, war es doch zumeist die traditionelle Griot-Musik gewesen, der sein Augenmerk gegolten hatte. Dennoch wagte man das Experiment - und der musikalische "Clash of civilizations" zwischen afrikanischem Traditionsbewußtsein und westlicher jazziger Modernität, zwischen kraftvollen Mbalax-Trommel-Rhythmen und alten Griot-Cesängen einerseits und jazzigen Themen und kernigen Bläser-Improvisationen andererseits funktionierte auf Anhieb. Nicht Fusion, sondern vorsichtige Koppelung der musikalischen Ebenen wurde angestrebt. Der wechselseitige Respekt stand im Vordergrund. Was dem Septett auch anderweitig zum Vorteil gereichte, wie Sigi Finkel bestätigt: "Unsere Band besitzt ein unverwechselbares Profil, weil wir mit einem fixen, in sich autonomen Trommler-Ensemble arbeiten. Alle anderen (Afro-Jazz-)Bands haben einen - westlichen - Schlagzeuger, nach dem sich die Trommler richten müssen. Die Afrikaner spielen dann nur mit, können aber kaum ihre eigenen Rhythmen einbringen. Daher ist, denke ich, unsere Musik ein bißchen 'authentischer' afrikanisch - was den Trommelpart betrifft."

Nun gastiert "African Heart" also erstmals in Afrika, genauer: im Senegal, der Heimat der vier Perkussionisten. Der interkulturelle Modellcharakter der Band lä"t sie auch aus dem Programm des Jazzfestivals in St. Louis hervortreten. Nach sechs Stunden Autofahrt entlang staubtrockener, von urtümlichen Affenbrotbäumen dominierter Savannenlandschaft erreichen wir von Dakar kommend das geschichtsträchtige 150.000-Einwohner-Städtchen am Senegal-Flu" nahe der mauretanischen Grenze. Seit 1993 veranstaltet das örtliche Centre Culturel Francais in der ehemaligen Hauptstadt des französischen Westafrika-Kolonialreiches jeden Mai ein Jazzfestival, angeblich das größte des Kontinents. Die Politik läßt einen auch hier nicht los: Mitten in Schwarzafrika spielen vornehmlich französische und US-amerikanische Jazzmusiker (Elvin Jones als prominentester) vor einem primär weißen Publikum, Touristen, Diplomaten und Geschäftsleuten. Bei einem monatlichen Durchschnittsverdienst von etwa 1000,- ATS können sich nur wenige Senegalesen selbst die günstigsten Tickets (ca. 60,- ATS) leisten. Ein beklemmendes Gefühl stellt sich ob dieses neokolonialen Kultur-Ghettos ein. "African Heart" stößt dank seiner druckvollen Musik und der gemischten Besetzung auf doppelt starke Resonanz. Als Cheikh M'Boup auf Wolof von den Ereignissen im Flugzeug erzählt und seinem toten Landsmann das Lied "Del Way N'Didiaye" widmet, scheint die Spannung auf den hinteren, billigen Sitzreihen mit Händen greifbar.

Wenige Tage später, zurück in der Hauptstadt. Die Musik von "African Heart" in anderem, wiederum keineswegs ideologiefreien Rahmen. Nach der Absage des Club-Konzerts in der Medina findet der einzige Dakar-Auftritt in der Residenz des österreichischen Botschafters vor geladenen Gästen statt. Mit Heurigenbuffet und Schrammel-Musik wird unter senegalesischen Palmen ein Hauch von österreichischer Kultur vermittelt. Das bizarre Erlebnis währt nicht lange, dann wird das an diplomatischen Nobilitäten reiche Publikum von der Musik der austrosenegalesischen Band in den Bann und von den Stühlen gezogen. Auch der gastgebende österreichische Botschafter mischt sich unter das tanzende Volk.

Dazwischen liegt ein weiterer, dritter Brückenschlag, ein Abstecher auf die Kapverdischen Inseln, eines der Schwerpunktländer der Osterreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Während die übrige Entourage in Dakar verweilt, kommt es in Praia, der Hauptstadt der 450 km westlich von Senegal liegenden Inselgruppe, auf Initiative des Wiener Instituts "Kulturen in Bewegung" zum Zusammentreffen dreier "African Heart"-Musiker mit der Gruppe "Simentera", die sich unter der Leitung von Mario Lucio Sousa seit 1993 dem portugiesisch-westafrikanischen Musikerbe des Archipels widmet. Ein gemeinsames Konzert in einem strandnahen Musikclub mit Stücken aus den Repertoires beider Bands und anschlie"ender Session wird begeistert aufgenommen. Sigi Finkel schwärmt davon noch Wochen später als einem "magischen" Moment.

Der möglicherweise gelungenste Moment der vom österreichischen Außenministerium unterstützten Reise, in dem von einer transkontinentalen Band-Achse aus sozusagen ein dritter Brückenpfeiler verankert wurde, wird Folgen haben: Am 28. August sollte sich beim "Simentera"-Gastspiel im Rahmen des "Sunsplash" im burgenländischen Wiesen der "magische" Moment von Praia wiederholen. Mit ihrer interkulturellen Message sollte "African Heart" gerade jetzt nicht überhört werden.

von Andreas Felber