
Rund eine Stunde nach dem Start vom Flughafen Paris-Charles de Gaulle
nach Dakar schreckt eine Durchsage aus der schläfrigen Abendstimmung:
ein Mann habe versucht, ins Cockpit einzudringen, die Lage sei unter Kontrolle,
lautet der knappe Text. Und weiter: man müsse in Bordeaux zwischenlanden.
Am Boden warten blinklichternde Einsatzfahrzeuge, stundenlang jedoch bleiben
die Passagiere ohne weitere Informationen. Bis zur plötzlichen Meldung,
der Mann, ein Senegalese, sei tot, er habe, unter Drogeneinfluß stehend,
die Beruhigungsspritze nicht verkraftet. Aufruhr unter den afrikanischen
Mitreisenden ist die Folge.
Der Tod Marcus Omofumas und anderer europäischer Schubhäftlinge, die in
ganz Afrika durch die Medien gingen, scheinen ihre sensibilisierende Wirkung
getan zu haben. Mit fünfstündiger Verspätung landen wir in Dakar. Die
näheren Umstände des dramatischen Zwischenfalls bleiben auch Tage später
unklar: Zeitungsberichten zufolge kann die Drogeneinnahme des Passagiers
auch durch die Obduktion nicht belegt werden. Gleich zu Beginn der Reise
wird spürbar, daß diese trotz ihres scheinbar harmlosen musikalischen
Hintergrunds auch eine politische Dimension besitzt.
'Kakilambe' ist die Zeremonie der Geisteraustreibung. Wenn z.B. die Ernte
schlecht war, wenn der Regen ausgeblieben ist, wenn die Fischer schlechte
Bedingungen vorfinden. Man denkt, es gibt einen bösen Geist, der das verursacht
und ein Opfer will. Was geopfert wird? Ein Tier, ein Blutopfer auf jeden
Fall. Blut ist die Hauptsache! Noch vor nicht allzulanger Zeit wäre Sigi
Finkel vor derartigen Schilderungen animistischer Riten wie jener Cheikh
M'Boups wohl wie ein Ochs vorm Berg gestanden. In der Tat brachte man
den Namen des gebürtigen Bayern, der seit 1982 in Wien lebt, bislang nicht
mit musikalischem Interkulturalismus in Verbindung. Seinen Bekanntheilsgrad
verdankt er primär seiner 1986 gegründeten .lazzrock Formation "Powerstation".
mit der der heute 39jährige Saxophonist zuleletzt das süperbe Spezialprojekt
"Sweet Sue" (mit Sideman John Abercrombie) einspielte. Mittlerweile verfolgt
Finkel diese musikalische Schiene in der prominent besetzten Band "The
Doop-Troop" mit "Defunkt''-Mastermind Joseph Bowie weiter. Als er
1995 "African Heart" initiierte und schon bald auch "Kakilambe", das im
gesamten Westen des Schwarzen Kontinents gesungene Zeremonienlied, auf
seinem Saxophon blies, war dies demnach auch für ihn selbst ein Hakenschlag.
Auch der 40jährige Cheikh M'Boup, der 1987 in Wien seßhaft wurde und einer
jahrhundertealten senegalesischen Griot-Familie entstammt, hatte anfangs
gezögert, als Sigi Finkel ihm anbot, ihn und seine Brüder Ousmane, Oumar
und Madieng für sein neues Afro-Jazz-Bandprojekt zu engagieren. Obwohl
er zusammen mit dem gleichaltrigen Youssou N'Dour in Dakar aufgewachsen
war und 1982/83 auch in dessen Band gespielt hatte, war es doch zumeist
die traditionelle Griot-Musik gewesen, der sein Augenmerk gegolten hatte.
Dennoch wagte man das Experiment - und der musikalische "Clash of civilizations"
zwischen afrikanischem Traditionsbewußtsein und westlicher jazziger Modernität,
zwischen kraftvollen Mbalax-Trommel-Rhythmen und alten Griot-Cesängen
einerseits und jazzigen Themen und kernigen Bläser-Improvisationen andererseits
funktionierte auf Anhieb. Nicht Fusion, sondern vorsichtige Koppelung
der musikalischen Ebenen wurde angestrebt. Der wechselseitige Respekt
stand im Vordergrund. Was dem Septett auch anderweitig zum Vorteil gereichte,
wie Sigi Finkel bestätigt: "Unsere Band besitzt ein unverwechselbares
Profil, weil wir mit einem fixen, in sich autonomen Trommler-Ensemble
arbeiten. Alle anderen (Afro-Jazz-)Bands haben einen - westlichen - Schlagzeuger,
nach dem sich die Trommler richten müssen. Die Afrikaner spielen dann
nur mit, können aber kaum ihre eigenen Rhythmen einbringen. Daher ist,
denke ich, unsere Musik ein bißchen 'authentischer' afrikanisch - was
den Trommelpart betrifft."
Nun gastiert "African Heart" also erstmals in Afrika, genauer:
im Senegal, der Heimat der vier Perkussionisten. Der interkulturelle
Modellcharakter der Band lä"t sie auch aus dem Programm des
Jazzfestivals in St. Louis hervortreten. Nach sechs Stunden Autofahrt
entlang staubtrockener, von urtümlichen Affenbrotbäumen
dominierter Savannenlandschaft erreichen wir von Dakar kommend
das geschichtsträchtige 150.000-Einwohner-Städtchen
am Senegal-Flu" nahe der mauretanischen Grenze. Seit 1993 veranstaltet
das örtliche Centre Culturel Francais in der ehemaligen Hauptstadt
des französischen Westafrika-Kolonialreiches jeden Mai ein
Jazzfestival, angeblich das größte des Kontinents.
Die Politik läßt einen auch hier nicht los: Mitten
in Schwarzafrika spielen vornehmlich französische und US-amerikanische
Jazzmusiker (Elvin Jones als prominentester) vor einem primär
weißen Publikum, Touristen, Diplomaten und Geschäftsleuten.
Bei einem monatlichen Durchschnittsverdienst von etwa 1000,- ATS
können sich nur wenige Senegalesen selbst die günstigsten
Tickets (ca. 60,- ATS) leisten. Ein beklemmendes Gefühl stellt
sich ob dieses neokolonialen Kultur-Ghettos ein. "African Heart"
stößt dank seiner druckvollen Musik und der gemischten
Besetzung auf doppelt starke Resonanz. Als Cheikh M'Boup auf Wolof
von den Ereignissen im Flugzeug erzählt und seinem toten
Landsmann das Lied "Del Way N'Didiaye" widmet, scheint die Spannung
auf den hinteren, billigen Sitzreihen mit Händen greifbar.
Wenige Tage später, zurück in der Hauptstadt. Die Musik von "African Heart"
in anderem, wiederum keineswegs ideologiefreien Rahmen. Nach der Absage
des Club-Konzerts in der Medina findet der einzige Dakar-Auftritt in der
Residenz des österreichischen Botschafters vor geladenen Gästen statt.
Mit Heurigenbuffet und Schrammel-Musik wird unter senegalesischen Palmen
ein Hauch von österreichischer Kultur vermittelt. Das bizarre Erlebnis
währt nicht lange, dann wird das an diplomatischen Nobilitäten reiche
Publikum von der Musik der austrosenegalesischen Band in den Bann und
von den Stühlen gezogen. Auch der gastgebende österreichische Botschafter
mischt sich unter das tanzende Volk.
Dazwischen liegt ein weiterer, dritter Brückenschlag, ein Abstecher auf
die Kapverdischen Inseln, eines der Schwerpunktländer der Osterreichischen
Entwicklungszusammenarbeit. Während die übrige Entourage in Dakar verweilt,
kommt es in Praia, der Hauptstadt der 450 km westlich von Senegal liegenden
Inselgruppe, auf Initiative des Wiener Instituts "Kulturen in Bewegung"
zum Zusammentreffen dreier "African Heart"-Musiker mit der Gruppe "Simentera",
die sich unter der Leitung von Mario Lucio Sousa seit 1993 dem portugiesisch-westafrikanischen
Musikerbe des Archipels widmet. Ein gemeinsames Konzert in einem strandnahen
Musikclub mit Stücken aus den Repertoires beider Bands und anschlie"ender
Session wird begeistert aufgenommen. Sigi Finkel schwärmt davon noch Wochen
später als einem "magischen" Moment.
Der möglicherweise gelungenste Moment der vom österreichischen
Außenministerium unterstützten Reise, in dem von einer
transkontinentalen Band-Achse aus sozusagen ein dritter Brückenpfeiler
verankert wurde, wird Folgen haben: Am 28. August sollte sich
beim "Simentera"-Gastspiel im Rahmen des "Sunsplash" im burgenländischen
Wiesen der "magische" Moment von Praia wiederholen. Mit ihrer
interkulturellen Message sollte "African Heart" gerade jetzt nicht
überhört werden.
von Andreas Felber