Mission im südlichen Afrika

Sigi Finkel & African Heart in Zimbabwe

veröffentlicht in Concerto 3/2001
Dass Saxofonist Sigi Finkel mit seiner African-Heart-Entourage die neben dem Vienna Art Orchestra in den letzten Jahren reisefreudigste Formation des Landes darstellt, liegt nicht nur an der Qualität der Musik, die kraftvolle senegalesische Mbalax-Rhythmen, auratischen Griot-Gesang mit funkigen Bass-Formeln und jazzigen Bläser-Linien kombiniert. Es ist der egalitäre Geist, der hinter der Kooperation von Musikern zweier so unterschiedlicher Kulturkreise steht, der die Identität und Persönlichkeit alter Musiker wahrt und der die Band zum Favoriten unter den Musik-Emissären des Landes hat aufsteigen lassen.

Israel. Senegal. Türkei. Nur einige der Länder, die das Sextett - neben halb Europa - seit der Gründung 1995 bereist hat. Die jüngste Tour, ermöglicht durch Unterstützung von Seiten des Außenministeriums und privater Sponsoren (Red Bull, Casinos Austria), war die bislang weiteste und längste: Sie führte ins südliche Afrika, in ein Land, dessen mediales Bild dank Berichten über Farm-Besetzungen durch so genannte "Kriegsveteranen" und repressive Medien-"Politik" zuletzt äußerst negativ gefärbt war: Zimbabwe. Wie wichtig war für seine Bewohner jene Message, die African Heart per se verkörpert?
Ursprünglich hätte der Tour-Start im Nordwesten des Landes erfolgen sollen, in Siachilaba im entlegenen Distrikt Binga, Siedlungsgebiet des Tonga Volkes, das durch den Bau des gigantomanischen Kariba-Staudamms Ende der 50er Jahre, durch den sich der Zambezi auf einer Lange von 280 km zu einem riesigen See verbreitert sah, in zwei Teile zerrissen wurde. Nach Absage des Konzerts aus logistischen Gründen blieb eine kurze Journalistenreise. Und die Begegnung mit dem "Big Blue Van", einem von Weltbank und dem zimbabwischen Unterrichtsministerium finanzierten, mit zehn Computern bestückten LKW, der den Menschen dieser ärmlichen Region die Gelegenheit zur Bekanntschaft mit EDV und Internet geben soll. Eine Aktion, die auch von österreichischer Seite, der Linzer ARGE Zimbabwe, unterstützt wird, die an dieses Projekt mit einer eigens gestalteten Web-Site (mulonga.net) und einem TONGA.ON- LINE-Schauraum im Rahmen der Ausstellung "Spuren des Regenbogens - Leben im südlichen Afrika" im oberösterreichischen Landesmuseum in Linz andockt: Fernziel ist die Finanzierung eines Internet-Centers an der Secondary School im eine Autostunde entfernten Binga am Lake Kariba. Die Diskussion um Für und Wider die Notwendigkeit dieses Unternehmens wird von der Begeisterung, mit der die Kinder bei der Sache sind, und der menschlichen Wärme und Zugänglichkeit der Tonga, die für die Gäste auch eine ihrer berühmten, auf Antilopenhörnern und Trommeln begleiteten Ngoma Buntibe-Zeremonien geben, in den Hintergrund gerückt.

Startschuss in Chimanimani

Vom Nordwesten in den Südosten Zimbabwes. Bewaldete Bergkuppen, grüne Wiesenmatten, moderate Temperaturen - der Mitteleuropäer fühlt sich hier schnell heimisch. Im Rahmen des Chimanimani Arts Festival in den Highlands an der Grenze zu Moçambique, nicht zufällig das "Woodstock Zimbabwes" genannt, fällt nach diesem Prolog am 15. April der Startschuss zur Tour von African Heart. Dem Team um den aus Würzburg stammenden Entwicklungshelfer Benny Hoffart, das das Wochenend-Event seit seiner Gründung 1998 organisiert, liegt sympathischerweise die lokale Community am Herzen. Zwar kommen einige der Reggae- und Mbira-Bands, Tanz- und Schauspiel-Ensembles auch aus dem sechs Autostunden entfernten Harare, der Großteil stammt jedoch aus der naheren und weiteren Umgebung. Die Wertschöpfune bleibt in der Region, umgekehrt können sich auch Wenig- und Nicht-Verdiener den Eintritt leisten: Er ist frei.
Anno 2001 stellen Sigi Finkel & African Heart den einzigen ausländischen Programmpunkt dar. An der Posaune feiert der Linzer Multimedialist Werner Puntigam, am E-Bass der 32-jährige Niederösterreicher Martin Mondl sein Band-Debüt, das Spielgeschehen stützt sich auf die eingespielte Interaktion von Saxofonist Finkel und den drei Trommlern Cheikh M'Boup, Pathe Beye und Madieng Fall. Probleme mit der Ton- und Lichttechnik (die Beleuchtung wird phasenweise gänzlich abgeschaltet um den Feuer-Jongleuren vor der Bühne Kontrast zu geben) bringen die Musiker nicht aus dem Konzept, sie spielen professionell ihr Programm. Die - laut Veranstalter - 6 bis 7.000 Besucher auf der großen Festival-Wiese reagieren insbesondere auf die Trommel-Partien und -Soli stark, die Bläser-Sätze werden hingegen - so vernimmt man - als etwas zu intellektuell eingestuft. Und trotzdem man gerade in Chimanimani nicht wenige gemischte Bands zu hören bekommt (mehrmals sogar mit weißen Lead-Vokalisten, die in der Landessprache Shona singen), so ist doch spürbar, dass die explizite Akzentuierung der Devise "One music - two continents" aufmerksam zur Kenntnis genommen wird.

Die Mühen der Ebene: Mutare und Bulawayo

Dem Paukenschlag des Beginns in Chimanimani folgen aufregende, aber weniger erfolgreiche Tage. Mutare, die viertgrößte Stadt des Landes, etwa 270 km östlich von Harare gelegen, ist das nächste Ziel. Als der Band-Bus zur Mittagszeit eintrifft, steht hinter dem abendlichen Konzert ein großes Fragezeichen: Die Sound-Anlage weilt noch immer in der Hauptstadt. Aufgrund der herrschenden Treibstoffknappheit ist kein Diesel aufzutreiben. Warten. Um 20.30 trifft der Transport doch noch ein. Wohl auch deshalb findet das spätabendliche Konzert in der Diskothek "Chocolate City" nur vor einer Handvoll Besucher statt.
Am nächsten Tag beginnen die Abenteuer mit unserem Toyota-Mini-Bus. Auf der Fahrt nach Gweru im Zentrum Zimbabwes müssen wir ca. 50 km vor Harare eine unfreiwillige Pause einlegen. Das linke Hinterrad qualmt heftig, das Weiterfahren scheint zu gefährlich. Drei Stunden stehen wir in der Landschaft herum. Als es schon dunkelt und eine Regenfront aufzieht, trifft endlich das per Mobiltelefon herbeigerufene Mechaniker-Team ein. Das dafür ganze Arbeit leistet: Binnen einer Stunde wird die komplette Hinterachse ausgetauscht. Für die Fahrt nach Gweru ist es dennoch zu spät. Mathias Bangure, ein Manager aus Harare, der fünf Jahre in Berlin gelebt und die Zimbabwe-Tour organisiert hat, muss das Konzert absagen.
Tags darauf stehen wir auf der Fahrt nach Bulawayo, der Metropole im Südwesten, erneut mitten in der Pampas am Straßenrand. Das Problem: Die Lichtmaschine hat ihren Geist aufgegeben. Das noch größere Problem: Es ist bereits dunkel. Was auf einer Landstraße ohne Beleuchtung und Reflektoren-Markierung heißt: stockdunkel. Per Telefon ist keine Hilfe zu bekommen, auch die wenigen Trucks, die die Straße frequentieren, ziehen es vor mit beängstigender Geschwindigkeit vorbeizudonnern. Als wir uns nach etlichen Stunden schon innerlich auf eine Nacht im Auto einrichten, hält doch noch ein LKW. Der Fahrer erklärt sich bereit uns den Weg durch die Dunkelheit zu bahnen. Man benötigt schon eine gehörige Portion Fatalismus, um über 100 km auf einer mit Schlaglöchern reich gesegneten Straße hinter einem schwach beleuchteten Lastwagen hinterher zu hecheln. Als wir nach insgesamt neun Stunden Fahrt weit nach Mitternacht Bulawayo erreichen, haben wir unsere Afrika-Lektion gelernt: Man bewegt sich doch.
Auch das Konzert in Zimbabwes zweitgrößter Stadt ist kein Highlight:
Die Alabama-Bar im Rainbow-Hotel füllt sich immerhin zur Hälfte und die Gekommenen zeigen durchaus Begeisterung. Mathias Bangure erklärt sich den mäßigen Besuch trotz moderatem Eintrittpreis von 150 Zimbabwe-Dollar (ca. 50 ATS) mit der Wirtschaftskrise. Die meisten Menschen hätten eben kaum Geld, das sie für Nicht-Existenzielles ausgeben könnten.

Harare und HIFA als Abschluss

Eine Woche in Südafrika mit Konzerten in Johannesburg und Pretoria und Workshops in den Schulen der umliegenden Townships unterbricht die Zimbabwe-Tournee. Trotz unseres kurzen Aufenthalts vermeinen wir in Südafrika überdeutlich zu spüren, dass die Abschaffung der Apartheid erst sieben Jahre zurückliegt. Schwarz und Weiß begegnen sich noch eher mit der respektvollen Zurückhaltung des Ungewohnten, während man sich als Europäer in Zimbabwe, als unabhängige Nation auch erst 21 Jahre jung, zumeist erfrischend selbstverständlich behandelt fühlt. Am 29. April ist die Band zurück in Harare, Zimbabwes moderner Kapitale, die bis zur Unabhängigkeit 1980 Salisbury hieß. "Europa mit schwarzen Menschen", schießt dem Besucher angesichts der wuchtigen Büro-Türme aus Spiegelglas und der modisch gekleideten Bewohner durch den Kopf. Und er fragt sich, ob die Globalisierung schon so weit fortgeschritten ist oder Cecil Rhodes und seine Nachfolger so erschreckend gründliche Assimilationsarbeit geleistet haben. Von l. bis 6. Mai findet hier das größte Kultur-Event des Landes statt, das Harare International Festival of the Arts (HIFA). Manuel Bagorro, ein weißer Zimbabweaner, in England zum klassischen Konzertpianisten ausgebildet, erfüllte sich nach 14 Jahren in Europa mit der Gründung 1999 einen Wunschtraum. Auf stolze 20 Mio. Zim$ (ca.6,5 Mio. ATS) beläuft sich das Budget, das zu 100% von privaten Sponsoren und ausländischen Institutionen kommt. Die Organisation ist äußerst professionell, das Publikum, das trotz hoher Eintrittpreise von bis zu 300 Zim$ ( 100 ATS) zahlreich die Veranstaltungen frequentiert, ist im Gegensatz zu dem in Chimanimani mehrheitlich weiß. Musik aus Duke Ellingtons drei "Sacred Concerts", interpretiert von einem eigens zusammengestellten Chor und einer ebensolchen Bigband (beide hörbar überfordert) mit Gesangs- und Stepp-Solisten aus den USA, wird zur spektakulären, durch ein krachendes Feuerwerk gekrönten Eröffnung auf der Hauptbühne im Harare Gardens dargeboten. Die klassische Sopranistin Kim Brown singt italienische Lieder im Dutch Reformed Theatre, aus Frankreich kommt das altbewährte Trio Aldo Romano/Louis ScIavis/Henri Texier, aus Italien das Barbara-Casini- Quartett. Local Heroes wie die Tukumba Dance Company und Oliver Mtukudzi - beide bereits in unseren Breiten zu Gast - fehlen nicht, im Reigen der Konzerte, Tanz- und Theaterpertormances fällt jedoch der starke Anteil an Ensembles aus Europa und den USA auf. Für African Heart bedeutet dieser Rahmen einen formidablen Tour-Abschluss: Das Konzert ist als Haupt-Act angesetzt. Angefeuert durch das zahlreich erschienene, enthusiastisch reagierende Publikum scheint die Band phasenweise richtiggehend "abzuheben".

Fast könnte man meinen, in diesem friedlichen Ambiente wäre die Message, die Sigi Finkel verkündet, als er "peace and unity to you all" wünscht, und die die Band verkörpert, nicht wirklich wesentlich. Zweifelsohne ist das Bild, das europäische Medien von Zimbabwe zeichnen, ein verzerrtes. Unser Eindruck ist der eines schönen, freundlichen, relativ wohlhabenden Landes, das gefahrlos zu bereisen ist. Einerseits. Die andere Seite ist die unter der Oberfläche. Sobald man tiefer schürft, das Gespräch mit den Menschen sucht, regierungskritische Zeitungen aufschlagt (immerhin gibt es die!), die immense Unzufriedenheit mit der desaströsen wirtschaftlichen Situation spürt (die Auslandsinvestitionen sind seit Anfang 2000 um 90% zurückgegangen), von Einschüchterungen gegenüber den Politikern der Oppositionspartei MDC erfährt, von den "Kriegsveteranen" liest, die - gesteuert von der Regierungspartei ZANU PF - nun immer stärker in Firmen und Geschäften intervenieren, diese übernehmen, mitunter sogar in Schulen und Krankenhäusern (!) Angestellte beim bloßen Verdacht, Oppositionsanhänger zu sein, einfach auf die Straße setzen - da merkt man doch, dass in diesem Land der Wurm drin ist. Die voraussichtlich im Frühling 2002 stattfindenden Präsidentschaftswahlen sind der Termin, auf den Zimbabwe schon jetzt wartet und von dem es einen Machtwechsel oder zumindest eine Beruhigung der Situation erhofft. Insofern war African Heart einmal mehr der ideale Botschafter. Dass die Message auch angekommen ist, dessen ist sich Sigi Finkel selbst sicher:

"Ich habe nach Konzerten, Workshops, immer dann, wenn wir als Gruppe in Erscheinung getreten sind, von verschiedener Seite den Satz gehört: 'Keep the spirit of the band'. Ich habe das auf zwei Ebenen verstanden: Einerseits musikalisch, andererseits aber auch kulturell und gesellschaftspolitisch. Es geht in unserer Gruppe ja um ein gleichberechtigtes Musizieren miteinander, ohne dass eine Seite ein Übergewicht erlangt. Das als Message gerade in Zimbabwe und Südafrika nach außen zu transportieren, war für mich entscheidend."

Andreas Felber