![]() |
|
|||||||
| Registrieren | Karte | Impressum | Hilfe | Benutzerliste | Kalender | Suchen | Heutige Beiträge | Alle Foren als gelesen markieren |
| Allgemeiner Jazz-Talk Hier geht's querbeet um alles was mit Jazz auch nur im entferntesten zu tun hat... |
![]() |
|
|
Themen-Optionen | Ansicht |
|
#191
|
|||
|
|||
![]() WAYNE SHORTER oder DER VERSCHLEIERTE GESTUS "im für shorter bekannten, harmonisch wie rhythmisch verschleierten gestus" charakterisierte peter niklas wilson einmal die shorter-kompositionen auf miles davis' LP WATER BABIES. der "verschleierte gestus" ist eine schöne kapitulation vor der kunst dieses saxophonisten - diese formulierung kann damit leben, dass etwas ein geheimnis bleibt. so ist das - nach diesem versuch über sehr viele konservierte beispiele der shorter-musik - auch für mich: am ende bleibt mir dieser mann ein schönes rätsel. dabei ist shorter (im spiegel seiner musik) alles andere als sperrig, unförmig, unerträglich, inkonsequent, sprunghaft, bösartig oder ironisch. im gegenteil - kaum jemand wird sich durch irgendetwas an ihm abstoßen lassen. er ist halt nur so schwer herzuleiten, seine spannbreite ist zu groß, er passt nicht die jazzklischees zwischen bluesbrother oder elfenbeinturmbewohner, er ist aber auch niemals langweilig, spießig oder konventionell. daher nur ein paar kurze pendelbewegungen: IMPROVISATOR - KOMPONIST ...muss man in seinem fall sehr zusammendenken. eigentlich schreibt er so, wie er improvisiert. alles wirkt einfach, zugänglich - und ist doch kompliziert, verwinkelt, undogmatisch originell. auch seine potentiellen erben (ich nenne hier mal ravi coltrane als den deutlichsten) denken das in gleicher art zusammen. das spricht für eine große sicherheit, für ein selbstbewusstsein als musiker - man weiß, was man am besten kann und schafft sich selbst die strukturen dafür. richtig gelernt hat shorter, soweit ich weiß, beides nicht. und das merkt man seinen themen und soli auch an - sie definieren selbst ihren ansatz, sie orientieren sich am bestehenden, aber haben einen blick von außen auf das, was man "tradition" nennt. NATIVE DANCER - MR. WEIRD ein netter mensch sei das, sagen viele. buddhist seit jahrzehnten. ein "thinker". kein "addict", keiner dieser sich verbrennenden kollegen in unmittelbarer nähe (lee morgan, bobby timmons, später jaco pastorious). auf der anderen seite shorters "weirdness", die auch viele betonen. sein frühzeitiges bekenntnis zum verrückten bebop, als er mit seinem bruder noch in newark tanzmusik spielen sollte (dafür wurden sie zumindest bezahlt). er hatte "mr. weird" auf seinem intrumentenkoffer stehen (sein bruder alan "dr. strange"), wenn er nicht sein instrument provokant in plastiktüten transportierte. statt notenblätter legten sie mit blasierter miene zeitungen auf ihre notenständer. seine kompositionen heißen "chaos", "dance cadavrous", "super nova". zum jazz kam er durch die liebe zu drittklassigen hollywood-film-musiken (science-fiction, horror und action). nie ist sein spiel fröhlich oder ausgelassen, immer schwingt etwas dunkles mit, im leisen wie im lauten. irgendwie ist shorter bei aller sanftheit und lässigkeit etwas merkwürdig, sein spiel "verdreht", seine haltung eigenbrötlerisch. beides (jekyll & hyde, "schizophrenia") geht gut zusammen im hippen, urbanen gestus seiner musik, in der immer verschiedenes gleichzeitg passiert, in der gut ausgehalten wird, das verschiedene egos am werk sind, in der keine ländlichen baumwollpflückermythen erzählt werden, sondern schnelle & heiße geschichten von der zweispurigen, nächtlichen, neonbeleuchteten straße. die lässigkeit ist die des aushaltens, der postmodernen toleranz. die weirdness ist die des einzelgängers, dessen, der seine eigene welt mit sich herumträgt und öffnet, wenn er es will. TENOR - SOPRAN tenor heißt bei ihm physis, körperlichkeit, sexyness, ungeschütztheit. ein eckiges, wenn auch schnelles spiel, ein lautes, wenn auch oft vibratolos quäkiges spiel, ein ton, der unendlich moduliert werden kann, aber trotzdem für sich nicht "steht". sopran dagegen fast körperlos leicht, unendlich elegant, grenzenlos beweglich, fast fluid. die kehrseite liegt aber hier im verzicht auf dominanz, auftrumpfen - man schwebt hindurch und ist manchmal kaum zu hören. typischerweise spielt shorter seit 1969 beides, hat nie das eine für das andere aufgegeben. wie er auch (in seinen eigenen projekten) mühelos ein vielstimmiges gebrodel herausfordern und dominieren kann und quasi gleichzeitig (bei miles am schluss, bei weather report) fast verschwinden kann in seiner schöngeistigen zerbrechlichkeit. ENTDECKER und EROBERER shorters experimentierhaltung ist von anfang an da (wie alle facetten überhaupt schon auf SECOND GENESIS zu hören sind) - von den gerüchteweisen rebellenjahren in newark bis zum heutigen quartett. er hat es sich niemals leicht gemacht oder ist stehen geblieben oder hat sich zurückgelehnt. er hat art blakeys showbandgehabe ausgehalten, die coltrane-rhythm-section, miles davis' freiheit, die doch nie aus strukturen ausbrechen durfte, elektrifiziertes gebrodel, vielschichtige klangflächen, rockbühnen, brasilianische sentimentalität, die rolling stones. immer ist und war er eine heraushörbare stimme. auch der heutigen homogenität setzt er ein experiment entgegen. vom hardbop bis zum rockjazz hat er maßstäbe gesetzt und potentialitäten eröffnet. 1959 - 1970. all-star-bands, eigene projekte, auftritte. die bands alleine waren schon aufregend genug. die eigenen projekte dagegen immer von einem besonderen neu-denken der verarbeiteten impulse beseelt. die auftritte setzten highlights - nicht nur bei den vielen meilensteinen im exploratorischen postbop (auf FREE FORM, SOME OTHER STUFF, SPRING, SEARCH FOR THE NEW LAND, EXPANSIONS), auch im konventionellen rahmen, bei lee morgan und mccoy tyner. er hat sich immer von den wahnwitzigsten rhytm sections herausfordern lassen - nicht nur hancock, auch tyner, nicht nur carter, auch cranshaw, mcbee, workman, pastorius, nicht nur williams, auch jones und chambers und de johnette. überall glänzt die schönheit seines tons, der reichtum seiner ideen, die merk-würdigkeit seiner haltung. ich konnte keine langsame entwicklung seines stils feststellen - eher ein auffächern, neuordnen, tiefergehen in dem, was man auf SECOND GENESIS schon hören kann. doch kommt man wayne shorter durch all das näher? oder hat man nur einen guten, repräsentativen ausschnitt dessen mitbekommen, was jazz zwischen 1959 und 1970 war und im besten fall sein konnte? rein energetisch liegt mir jackie mclean immer noch näher, sonny rollins ist für mich erotischer, steve coleman klarer, joe henderson brillanter, kenny dorham & graham haynes, grachan moncur und sein bruder alan verletzlicher und dadurch menschlicher und ergreifender. aber wayne shorter scheint mir vielschichtiger und geheimnisvoller als alle anderen zu sein - vielleicht gerade in seinem so überdeutlichen können und seiner wenig herausfordernden präsenz. damit höre ich jetzt erst mal auf & danke euch für die guten kommentare und das mit-machen. es geht ja hier, hoffentlich, noch ein bisschen weiter. shorter cuts aus dem eigenheim Geändert von eigenheim (07.04.2010 um 16:55 Uhr). |
|
#192
|
|||
|
|||
|
Zitat:
das mit den "lieb gewordenen vorurteilen" trifft auch meine haltung sehr, obwohl ich einzelne stücke von WR wie "mysterious traveller" ganz großartig finde. schreckliche erinnerungen aber habe ich an die großen "hits" und die lp BLACK MARKET. und was mich fast am meisten störte, war das sopran-saxophon, das nur noch smooth umspielte, was selbst kaum substanz hatte. selbst bei "mysterious traveller" brauche ich das nicht mehr, der groove und zawinuls space-akkorde reichen da doch vollkommen aus. schlimmste erinnerungen habe ich an ein zawinul-konzert ca. 1993, als ich mit frischem IN-A-SILENT-WAY-höreindruck zu einem open-air-date nach dortmund gefahren bin. synthesizer-türme rund um den verschrobenen käppchenträger, blöder dudelpopjazz, und das peinlichste: technische pannen im keyboardarrangement. da war vielleicht was los! ich aber hatte vollstes verständnis für die zawinul-roadies - wer will diesen ganzen salat auch tagtäglich auf- und abbauen. ein stecker war falsch eingesteckt - vorbei war's mit dem harmonieterror. kurz vor seinem tod habe ich doch noch von zawinul profitiert - in einem fragebogen empfahl er als "platte für die einsame insel" billie holiday's SONGS FOR DISTINGUÉ LOVERS. das habe ich beherzigt und alles andere als bereut... |
|
#193
|
||||
|
||||
|
Hallo Jan, hallo Jürgen.
Die Wayne Shorter-Präsentation hier wird mich wohl noch Monate beschäftigen. In meiner Sammlung kam Wayne Shorter nur auf den Miles Davis-Alben vor. Ich muss gestehen, dass ich ihm dabei nicht die große Aufmerksamkeit geschenkt habe. Nun habe ich mir die hier besprochenen Alben besorgt und stelle fest, dass mir Wayner Shorter mehr gibt als Miles Davis, wenn ich die Musik so höre, wie sie eigenheim beschreibt. Der primäre Gewinn dabei ist aber, ich lerne die Musik besser kennen, ich lerne, sie besser zu beschreiben. Das hilft mir vor allem, wenn ich auf Achse bin. Mein musikalisches Gedächtnis ist leider nicht sehr gut, so dass mir Vergleiche schwerfallen. Eins kann ich aber nicht überhören, der Jazz der 60er- und 70er-Jahre ist *liedhafter*, die lang ausgespielten Themen und die Chorusse sind selbst wenn es schnell, laut und sehr emotional zugeht, relativ brav. Ich vergleiche bewusst nicht mit Brötzmann und Co., nehme lieber Delius und Borgmann. Da spielen sich Dramen ab, das sind oft mehrteilige Konzerte in einem Stück, also nicht nur Thema-Improvisation-Thema-Aus. Mein Resumée ist also auch zwiespältig, wenn auch aus einem anderen Grund. Einerseits bin ich begeistert von der Chance, mehr zu verstehen, andererseits kommt hier und da Langeweile auf. Eins meiner Lieblingsvideos ist übrigens das letzte Pariser Konzert von Miles Davis mit vielen seiner Weggefährten. Ich denke jetzt daran, weil eigenheim Zawinul in den Senkel stellt. Mal abgesehen von Kenny Garret, der für mich der Held dieses Konzerts ist, kommt mir schon beim Darandenken Gänsehaut: Zawinul spielt ein sehr langes Intro zu In A Silent Way ... und irgendwann kommt Wayne Shorter mit ss aus dem Nichts. Das mag alles Kitsch sein, wird aber genial von Zawinul eingeleitet. Ich danke euch, dass ihr mir so schön aufs Fahrrad geholfen habt.
__________________
http://ja77.de Geändert von lennox (08.04.2010 um 08:55 Uhr). Grund: Fahrrad anstatt Fahhrad |
|
#194
|
|||
|
|||
|
hallo lennox, hallo zores mores, flow, schindelbeck, che, silent moon, aaron, bluemonk, ich hoffe mal, dass die alle noch irgendwie mitlesen, denn zwischendurch war das ja hier schon ein größerer austausch.
Zitat:
ich kann gerade mit der "frei" improvisierten musik wenig anfangen, aber das wird schon bald wieder anders sein, das weiß ich. kürzlich im AUSLAND ein abend mit ungewöhnlichen zusammenstellungen - ken vandermark, eine flötistin vom klangforum wien, ein hipper dj aus diversen merkwürdigen weltumspannenden projekten. und das hörte sich dann so an: vandermark spielt einen triller, die flötistin spielt einen triller, der dj macht irgendetwas, was sich auch wie ein triller anhört. alle sehen sich erwartungsvoll beim spielen an - wer endlich hat die rettende neue idee? ich konnte es nicht aushalten und bin zur pause gegangen. ist aber auch nicht schlimm - ich habe genug konzerte mit vandermark gesehen, um zu wissen, wie sehr so etwas auch funktionieren kann. was ich shorter gerade verdanke ist ein closer look in den jazz der endsechziger/anfangsiebziger, wo alles so zwischen waghalsig und kommerziell schillert. mag (frühling!) gerade den CTI-sound sehr, mit den ganzen importierten brasilianern (edu lobo, nascimento), der ewigen rhythm section hancock/carter/tate, der warmen gitarre von wes montgomery oder den vibes von dave friedman. und - dank bluemonk, der mich frühzeitig darauf hingewiesen hat - die milestone-aufnahmen von joe henderson, vor allem POWER TO THE PEOPLE (1969, auch mit hancock und carter, außerdem jack de johnette und dem grandiosen, völlig unterschätzten trompeter mike lawrence). oder die "is"-session von corea, oder paul desmonds kommerzielle sachen mit dem paul-sebesky-orchester. und wahrscheinlich werde ich bald wieder die 3 mwandishi-platten von hancock hören und vielleicht endlich mal in die headhunter-phase eintauchen. ich finde das alles spannend, gerade weil es so ambivalent ist, so voller kompromisse, aber auch mit großer leichtigkeit gemacht. vielleicht entdecke ich ja da doch noch zawinul... aber irgendwann kommt mir das dann wieder aus den ohren raus und ich brauche was sperriges, kompromissloses. und dann könnte man hier mal über alan shorter oder grachan moncur diskutieren. aber ohne dass das hier jemandem verübelt werden soll: gibt es noch was zu sagen zu WEATHER REPORT? hier eine kleine diskographie: Weather Report (1971) I Sing The Body Electric (1972) Live in Tokyo (1972) Sweetnighter (1973) Mysterious Traveller (1974) Tale Spinnin' (1975) Black Market (1976) Heavy Weather (1977) Mr. Gone (1978) 8:30 (1979) Night Passage (1980) Weather Report (1982) Procession (1983) Domino Theory (1984) Sportin' Life (1985) This is This (1986) |
|
#195
|
||||
|
||||
|
Zitat:
Zitat:
Zitat:
(oder so ähnlich, das Österreichische ist mir nicht so geläufig.)Auch Wayne Shorter hat das ja alles durchgemacht: Von Art Blakeys "Show Band" (die ja sooo schlecht nicht war, hier aber völlig ausgespart wurde. Warum eigentlich? Vielleicht erklärt das seinen späteren Job in der "Show Band" Weather Report?) über Free und Miles bis zu ich-weiß-nicht-was. Zitat:
Apropos „zwischen waghalsig und kommerziell“: Wir wollen nicht vergessen, dass Wayne Shorter auch auf einer Platte von Steely Dan, AJA, das Saxophon bedient. Und deren Nähe zum Sound von CTI ist auch nicht zu überhören. Aber dazu später mehr an anderer Stelle. Jürgen
__________________
Es wird immer weitergehen Musik als Träger von Ideen (Kraftwerk) Geändert von jodeffes (08.04.2010 um 22:31 Uhr). |
|
#196
|
|||
|
|||
|
...keine Bange 1-2x pro Woche lese ich hier schon mit...
Hallo Jan zunächst mal ein großes Dankeschön für die sehr persönliche (Fleiß-)Arbeit, die Du hier zu Wayne Shorter geleistet hast. Wenn ich dadurch immer noch nicht zu ihm finde, dann liegt es auf keinen Fall an Dir. Ich habe min. drei "Probleme" mit Shorter, ich habe ihn in der späten Phase zweimal live gehört und fand das uninspiriert und langweilig, zweitens kann ich Josef Zawinul (natürlich incl. Weather Report) absolut nicht ab und drittens sind die Shorter-Kompositionen zum selberspielen etwas widerspenstig - das gehört auf jeden Fall nicht zu meinen Lieblings-Kompositionen auf Sessions. Einige CDs hatte ich schon, 2-3 habe ich schon gekauft, nach ein paar weiteren fühle ich mal nach - ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, da intensiver reinzuhören. Aber mir geht es wie Dir McLean, Henderson, Rollins, Shepp liegen mir einfach näher. Zumal ich momentan eher auf einem kleinen Retro-Trip bin in Sachen Vocals, ich hör in den letzten Wochen wieder recht viel Ella, Carmen McRae, Billie Holiday,... wenn was jüngeres, dann mag ich im Augenblick Karrin Allyson sehr gerne, sie hat so eine freche, sexy Stimme. Dann hat mich Herbolzheimers Tod ziemlich reingerissen, ich kannte ihn auch schon fast 30 Jahre, habe unzählige Konzerte von ihm gehört, die Big Band gelegentlich betreut und min. 15 Work-Shop-Orchester mit ihm gespielt... Insgesamt finde ich schade, daß hier nur sehr wenige schreiben - habe momentan aber einfach nicht den Antrieb mich intensiver zu beteiligen. Das Beachten der Posts ist Euch aber sicher!
__________________
Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. |
![]() |
| Lesezeichen |
| Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1) | |
| Themen-Optionen | |
| Ansicht | |
|
|
Ähnliche Themen
|
||||
| Thema | Autor | Forum | Antworten | Letzter Beitrag |
| Wayne Shorter Celebrates 75th Birthday | schindelbeck | Jazz-Pressemeldungen | 0 | 02.12.2008 00:13 |
| Wayne Shorter und Imani Winds - Jazz Baltica 2008 | olikoenig | Allgemeiner Jazz-Talk | 2 | 09.07.2008 15:24 |