 Zum zehnten
Mal fand vom 6.-7.2.98 das Internationale Festival für Zeitgenössische Musik in Mainz
statt. Beeindruckend, die Liste der Musiker die sich hier über die Jahre ihr Stelldichein
gegeben haben und über die Jahre ein erfreulich hochklassiges Programm garantierten.
Mit einer Reminiszenz an das erste Festival 1987 begann der
Freitagabend. Peter Hollinger entpackte nach 10 Jahren wieder seinen Koffer. "Peter
Hollinger's Koffersuite Revisited": Auf der Bühne ausgebreitet seine
Klangutensilien, ein Sammelsurium von alten Autonummerschildern, Stahl und Eisenwaren,
allerlei Küchenutensilien, elektrischem Kinderspielzeug - eine Plastiklokomotive, ein
Roboter. Ein kurzer Moment der Konzentration und das Material wird traktiert. Virtuos und
dynamisch - schlagfertig im wahrsten Sinne des Wortes spielt Hollinger mit jeglichem
Material. Das wirkt oft ausgesprochen witzig, wenn er zum Beispiel einen Joghurtbecher
perkussiv-akustisch auslotet und da alle möglichen Varianten herauskitzelt bis hin zum
abschließenden Zusammenknüllen. Einem Musiker wie Hollinger werden die Instrumente
jedenfalls nie ausgehen...
Das Publikum war begeistert, ein erfrischender Auftakt für eine
lange Nacht.

Es folgte der "jazzige" Teil des Abends. Mit Tim
Berne's Bloodcount wurde eine eingespielte Formation verpflichtet. Eher blutarm
präsentierte sich diesmal allerdings die Musik der Gruppe. Klar, Tim Berne ist ein
ausgezeichneter Saxophonist, das hat er in seiner eigenen und auch in anderen Besetzungen
oft genug bewiesen. An diesem Abend wirken allerdings alle Mitwirkenden etwas
uninspiriert. Hört man den saft- und kraftlosen Chris Speed am Tenorsax so fragt man sich
was ein Matthias Schubert wohl im Zusammenspiel mit Berne aus dieser Gruppe herausgeholt
hätte. Kompositionen und Improvisationen fehlt das Griffige, zu einem guten Teil spielen
Berne und Speed vom Blatt und das wirkt an einigen Stellen als ob sie sich mit etwas Mühe
durch eine zähe Partitur quälen. Folgerichtig beschränken sich die besseren Momente auf
die freieren Passagen wenn die Musiker aus dem "Bauch heraus" miteinander
agieren - in diesen Passagen springt der Funke auch auf das Publikum über.
Für Langeweile bietet die Musik von Alfred Harth's Imperial
Hoot keinen Raum. Der manische Multiinstrumentalist spielt sich von der Posaune über
verschiedene Reeds bis zur Piccolo-Trompete. Beat der Rhythmusgruppe. Die besteht Daemgen,
der aus seinem elektronischen Wunderkasten eigene Melodielinien zaubert. Sie bilden den
soliden Gegenpart zu den freien Harths und Christoph Korns an der Gitarre. Imperial Hoot
bedienen sich hemmungslos aus den und bauen aus den Sprunghaft auch die Musik: Kurze freie
Melodiekürzel über dem satten neben Günter Bozem an den drums aus Marcel Basspatterns,
Samples und Ausflügen verschiedensten Bereichen der modernen Musik, schütteln alles
einmal kräftig durch Teilchen ihre frischgemixten eigenen Klangcollagen.
Den offiziellen Abschluß des Abends bestritten "Ferdinand et des Diplomates"
aus Frankreich. Ferdinand Richard, Bassist und Sänger hatte mit Gilles Campaux an den
drums und Hassen "DJ Rebel" an den Turntables zwei fähige Mitmusiker um sich.
Der Leader am sechssaitigen Baß sorgte selbst für den knackig-dynamischen Drive der
rockorientierten Gruppe. Den launigen Ansagen nach handelte es sich bei den Songs um
skurrile Geschichten die dem des Französischen nicht mächtigen Teil des Publikums jedoch
Geheimnis blieben. Hassen "DJ Rebel" erwies sich als fingerfertiger und
präziser "Scratcher", der witzige und einfallsreiche Einlagen beisteuerte.
Einen kleinen Leckerbissen gab es im Anschluß an das offizielle
Programm. Als "Geburtstagsgeschenk" zum 10. Akutfestival taten sich Alfred
Harth, Peter Hollinger und Ferdinand Richard wieder einmal zur Formation "Gestalt et
Jive" zusammen. Das trotz vorgerückter Stunde noch zahlreich verbliebene Publikum
nahm es mit Freude auf und bekam einige Minuten frei improvisierter Musik gratis serviert.
Der 2. Tag
Brötzmann als klassischer Vertreter des Free Jazz hat an der
Grundstruktur seiner Musik in den letzten Jahren kaum etwas geändert. Einfach ist diese
Kost nicht. Wo am Vorabend Alfred Harth den Zuhörern über konventionelle Rhythmen und
Bass noch einen gewissen Halt gegeben hatte ist mit dem Brötzmann-Konzert komplette
Freiheit angesagt. Echter Free Jazz nach wie vor, bewundernswert die Konsequenz mit der
Brötzmann dieses Konzept über die Jahre durchhält. Mit seinem Sohn Caspar, bekannt
geworden mit seiner Formation "Massaker", versteht sich Brötzmann
ausgezeichnet. Caspar Brötzmann bietet auf der Gitarre klangstarke, düstere Soundcluster
über denen sich Vater Brötzmann an Klarinette und Saxophonen austoben kann. Natürlich
lassen sich die beiden nicht die Gelegenheit entgehen wilde Duo-Duelle auszufechten. Nur
selten werden die expressiven Klanggewitter von kurzen Solosequenzen Peter Brötzmanns
unterbrochen, nicht mehr als ein kurzes Atemholen vor den nächsten Klangattacken.
Konsequent und mit Radikalität werden keinerlei Konzessionen an Zeitgeschmack oder
eingefahrene Hörgewohnheiten des Publikums gemacht. Trotzdem oder gerade deswegen war der
Zuspruch des Mainzer Publikums ausgesprochen freundlich und der Zeitplan des zweiten
Abends ließ sogar eine Zugabe zu. Vielleicht ist Brötzmann inzwischen schlicht zum
Markenbegriff der Jazzgeschichte geworden, sodaß weniger die Musik als der Name
Brötzmann so begeistert beklatscht wird. Es wäre jedenfalls sehr interessant zu wissen
wieviele Menschen aus dem Publikum jemals freiwillig auf dem heimischen Plattenteller eine
Brötzmann Schallplatte drehen lassen...(nicht, daß sie es nicht tun sollten ;-)
Mit dem Carlos Actis Dato Quartet wurde wohl bewußt ein starker
Kontrast zur vorhergehenden Formation an die zweite Stelle des Programms gesetzt. Gewitzt
und virtuos machen sich die vier Musiker über die verschiedensten Genres her und basteln
sich aus den Versatzstücken ihre eigene sprudelnde Mischung. Die besteht dann aus Jazz,
italienischer Folklore, filmmusikartigen Elementen und einer Reihe lateinamerikanischer
Rhythmen. Viel gelernt haben sie offensichtlich vom Breuker Kollektief: die Mitspieler
werfen sich munter Gegenstände zu während der Bassist sein Solo zupft, Actis Dado nimmt
Stück für Stück sein Saxophon auseinander bis er schließlich nur noch auf dem
Mundstück vor sich hin quäkt, eine ganze Menge Klamauk, die Bühnenshow machte dem
Publikum Laune. Besonders mit der Zugabe - in der Sie eine simple Melodie in einer Tour de
Force durch die verschiedensten Stilarten mangelten, von Rhumba bis Walzer, von Dixie bis
Free Jazz, fanden sie heftigen Beifall.
Die Spaceheads aus GB repräsentierten zum Abschluß des Festivals
mit Drum 'n' Bass eine der angesagten aktuellen Strömungen der "zeitgenössischen
Musik". "Tanzbare Drum 'n' Bass Experimente" waren versprochen und das
konnten Andy Diagram (tp, loops) und Richard Harrison (dr, perc) auch einlösen.
Unverzichtbar ist auch hier das elektronische Handwerkszeug. Diagram kreiert erst mit
Samples, Loops, Hall- und anderen Effekten aus kurzen Trompetenpatterns neue
Klangstrukturen. Die enorme rhythmische Intensität wird damit nicht nur durch die drums
sondern gerade auch durch die dichte repetitive Struktur der Samples geprägt. Technische
Fertigkeiten an der Trompete sind weniger erforderlich als vielmehr im Umgang mit dem
elektronischen Handwerkszeug. Das gelingt über weite Strecken des Auftritts recht gut,
wirkt aber an manchen Stellen durchaus etwas banal. Jedenfalls ein weiteres Beispiel
dafür wie der Einsatz von Musik-EDV immer mehr an Terrain gewinnt.
Die 2 Abende Akut-Festival 1998 reihen sich nahtlos in das
hochklassige Programm der Vorjahre ein. Was will man sich mehr wünschen als spannende und
kontroverse Musik? Das zahlreich erschienene Publikum war`s jedenfalls zufrieden. Trotzdem
ist es für die Veranstalter von Jahr zu Jahr ein Spiel am finanziellen Abgrund. Wenn der
Ansager bemerkt, daß die Zuschüsse der Stadt von vierzehn auf zehntausend DM gekürzt
wurden staunt man nur, daß eine schon so geringe Summe noch einmal reduziert werden soll.
Der Bitte diese Entscheidung zurückzunehmen kann man sich angesichts der hervorragenden
Arbeit der Veranstalter nur anschließen. |